Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 16 (18.4.1930)
- Date
- 1930-04-18
- Page
- Seite 210 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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210 zum Träger und Bürgen des heiligen- Geistes erheben und stellt jene innere Verbindung vön Gott und Mensch her. Von Gott wird gesagt, daß seine erhaltende Kraft die zerstörende bei weiten: überdauere (II. 20, 5—6) Auch dem Juden wird vor allem durch den Sabbat die Besinnung wiedergegeben, sich, mit Goethe gesprochen, „ins Rechte Zu denken". Daher kündet die feine Psychologische Deutung, daß sie ihn am Sabbat mit „der doppelten Seele" begäbe. So vermag der Jude, aber ebenso der Mensch im allgemeinen, allein Hurch die ihm innewohnende sittliche Kraft sich von dem Bewußtsein seiner Schuld zu lösen, und auch die Verschuldung, durch die er erzeugt wurde, zu überwinden (Ps. 51,7). Die unaufhörlich stetige Neuschöpsung und Selbstheiligung des Menschengeistes schwächt die Macht der Sünde ab und wird Zur Schutzwehr dagegen, daß die Sünde und Furcht den Begriff des freischaffenden Menschengeistes herabsetzen und verlöschen könnten (Jes. 8, 13). Aber nicht nur eine verschwindende Minderheit der menschlichen Gesellschaft soll sich dieses Fortschrittes der Geisteskultur des einzelnen allein freuen, sondern nach der messianischen Idee des Weltensabbats soll sie ihre Verwirklichung durch die Gesamtheit aller Völker finden. Schon Joel weissagt, daß Gott seinen heiligen Geist über alles Fleisch ausgießen werde. Dieselbe frohe Botschaft haben nach den Propheten alle edlen Dichter und gewaltigen Denker verkündet, und Ellen Key erkennt in der Zurückwendung zu dieser Anschauung der jüdischen Ethik die notwendige Voraussetzung für die Erneuerung der gesamten Menschheit. Auf diesem Wege allein kann Israel den Begriff Mensch zur Menschheit und denjenigen Gottes zum Herrn der ganzen Erde weiterführen. Für die bei dieser Aufgabe in Treue Ausharrenden aber gilt das Prophetenwort, das den Rest in Israel heilig nennt. Er leitet die durch die Vernunft begründeten Rechte des Menschen auch unter den wechselnden nationalen Gegebenheiten ununterbrochen weiter und trägt durch seine Kämpfe zur Verwirklichung der sittlichen Idee bei, die am Ende des Ratschlusses aller Dinge der Messias der Menschheit bringen soll. Diese mit der Sabbatfeier verknüpften Ewigkeitsgedanken werden durch feiertägliche Bräuche versinnbildlicht, die sich seit vorchristlicher Zeit bis heute unverändert erhalten haben. Die Hausfrau sieht in ihren: Heim dem Kommen des heiligen Tages entgegen, um zur rechten Zeit die Sabbatkerzen zu entzünden, aus denen ihr und allen Hausgenossen der ewige Geist des Judentums entgegenleuchtet; denn nach Spr. Sal. 6,23. 20,27 ist das Gebot eine Leuchte und die Lehre ein Licht, das alle Kammern des Herzens durchdringt. Zu den Kerzen legt die jüdische Hausfrau die Sabbatbrote auf den Tisch des Hauses, wie schon im Tempel zu Jerusalem die 12 challot, die Schaubrote aus feinstem Weizenmehl, auf dem goldenen Tisch geordnet wurden, daß Gott sie schaue als den täglichen Dank für den Segen, den er den zwölf Stämmen Zuwandte (II. 25, 30 u. a. a. O.). Dazu fügt der Hausherr die Worte, mit denen er den Sabbat oder Festtag weiht. Es ist der kiddusch, der (nach Pesachim 106 ff. und Berachot 61d) mit der Mahlzeit verbunden ist, weil (nach II. 20,8) die Vorschrift, den Sabbat zu heiligen, schon von Mose angeorFnet wurde. Gerade diese durch das Wort vermittelte biblische Lehre aber kann durch unsere Frauen wohl Zeitgemäß weitergeführt werden. Denn der Strom jüdischen Denkens und jüdischer Geistesarbeit fließt in unseren Tagen so reich wie jemals und wird von seinen Sammelpunkten aus in Wort und Schrist bis in die entlegensten Ortschaften fortgeleitet. Der Geist der Sabbatfeier erhält die Atmosphäre, die das Kind atmet, rein, daß es sich durch die Zuführung neuer ethischer Werte in angemessener Form beeinflussen läßt. So kann auch in ihm durch die feiertägliche Besinnung auf sich selber das schöpferische Ringen, das durch die starken äußeren Einwirkungen des modernen Lebens häufig verschüttet wird, im höchsten Sinne wieder neu belebt werden. Rach Lessing und Mendelssohn ist alle Religion ja Erziehungswerk. Die höchste Ausgabe unserer sittlichen Kultur ist die, welche zugleich der nationalen Gesittung und religiösen Wahrhaftigkeit förderlich ist. Seit Jahrhunderten war Israel durch sein von allen anderen abgelöstes Sonderdasein allein der Knecht Gottes; diese nur ihm übertragene, seit Anfang aber die ganze Menschheit gleichartig umfassende Aufgabe soll jedoch durch ihn nicht nur unverkennbar deutlich bestätigt, sondern auch immer mehr und tiefer ausgeweitet werden. Aber die einen Ausgleich der Gesinnungen bezweckenden Auseinandersetzungen werden vielfach durch die verwerflichsten Mittel eines Machtstrebens, das nur aus die Beherrschung der willfährigen Volksmassen abzielt, unmöglich gemacht und begehrlichste Triebe aufgestachelt. Werden von den verhetzten Massen doch sogar die Gräber unserer Ahnen und unsere Gotteshäuser geschändet und verwüstet. Trotzdenr hält die durch die gleiche ideale Gesinnung verbundene Judenheit an der ihr übertragenen Sonderausgabe fest, die ihr — statt jeder Macht- und Vorzugsstellung — eine ernste Verantwortung auferlegt. Dieses Gefühl der Verantwortung aber hat ihr selbst in den Zeiten drückendster Rot nicht bloß einen Anker der Selbstachtung, sondern das richtunggebende Steuer in die Hand gedrückt, das ihr besonders während ihrer stillen häuslichen Sabbatseier immer wieder mit fester Sicherheit den Kurs anzeigte, den sie auf ihrer Sturmsahrt durch das Leben einzuhalten habe. Den Sabbat, der zunächst nur Israel gegeben war, hat inzwischen -die gesamte Kulturwelt übernomnommon; das ist die klarste Bestätigung der allgemeinen sittlichen Bedeutung von Israels Gottesglauben. Uns aber soll die Idee der Sabbatseier die trübe Gegenwart durch die Hoffnung auf den reicheren Inhalt der Zukunft beleben und sichern, die als das Ideal aller Entwicklungsgeschichte die Lichtgestalt der Menschheit heraufsühren wird. Jetzt können wir sie nur in -den kurzen Stunden unserer Sabbatseier sehen. Dieses messianische Zeitalter der spätesten Zukunft wird voll sein der Erkenntnis, die zum höchsten Punkte der Kultur hinanführt: daß jeder durch die Betätigung seiner persönlichen Sittlichkeit mehr und mehr die Einheit der Menschheit herbeiführe. Diese Ideen bedürfen in unfern Tagen besonderer Förderung, da im Osten der Versuch unternommen wird, >die sittlichen Aufgaben des gesellschaftlichen Lebens mit blutiger Gewalt zu verstaatlichen, der Weltberuf des Juden diesem aber umgekehrt aufgibt, die Forderungen des Staates durch die sittliche Einstellung der Gesellschaft ihrer Lösung entgegenzusühren. Daher bilden die ewigen Ideen des Judentums heute mehr denn je die allgemeine natürliche Grundlage für alle so zersplitterten Bestrebungen unserer Tage. Die Vertreter dieser Sittlichkeit sind das Sinnbild der im Dienste Gottes ringenden geeinten Menschheit. Ihr ist unsere Sabbatfeier gewidmet, die im Hause vorzüglich der treuen Liebe- und Frömmigkeit unserer Frauen anvertraut ist. Sie weihen ihr jüdisches Heim zu einer Vorhalle des Gotteshauses. Ihre höchsten sittlichen und Wirtschastspraktischm Eignungen aber setzen sie dafür ein, alle Bemühungen in der abgeschlossenen kleinen Welt ihres Familienkreises für Wohlfahrt und Gedeihen der Ihrigen zu vermehren. Denn wie jede schwache Minderheit ist auch Israel durch den Mangel an äußeren Machtmitteln dazu gezwungen, vor allem mit den Waffen der Vernunft zu kämpfen. Christus und der Kirche. Die Freidenkerei, Anwältin der Juden, der Protestanten und aller Feinde Frankreichs, findet sich auf dem Anklagebänkchen mit Zola." Zu den französischen Protestanten, zu Juden und Freimaurern werden die Deutschen, wie rü diesem Zusammenhang natürlich, als Feinde gerechnet. Die Angriffe gegen Deutschland werden immer zahlreicher. In den: Buche „Die protestantische Gefahr" aus der Drehsus-Zeit heißt es: „Der Protestantismus ist eine deutsche und darum antisranzösische Einfuhr. Daraus erklärt sich, warum trotz aller Vorrechte, die man ihnen Zugebilligt hatte, die Protestanten immer bemüht sind, Frankreich das größte Nebel zuzuführen. Es ist sicher, daß die Juden, die Freimaurer und die Protestanten einen Bund gegen die katholischen Nationen geschlossen haben, itim ihre Suprematie in der ganzen Welt aufzurichten. Der große Schuldige, das ist der Protestantismus. In dieser Affäre Dreyfus, die aus einer gewöhnlichen Verratssache eine Religions- und Rassenangelegenheit geworden ist, greifen sie jetzt offen Frankreich selbst an." (Weil: S. 95). Der „Leiair" wenige Tage vor der Verhandlung zu Rennes: „Als die Affäre Dreyfus, aus der die Juden törichterweise eine Mdische Angelegenheit gemacht haben, begonnen hat, haben die Protestanten den Entschluß gefaßt, den Juden ihre Unterstützung zu leihen. Beide haben die Wiederaufnahme des Dreysus-Prozesses als gemeinsame Plattform zun: Widerstand gegen den fortschreitenden Antisemitismus und zur Wiederherstellung ihres erschütterten und schwankenden Einflusses aus die Regierung und die öffentliche Meinung gewählt. Diesem Pakt verdankt man es, daß Herr Scheurer-Kestner, Protestant, in den Vordergrund getreten ist, ihm zur Seite Herr Gabriel Monod, Protestant, Herr Trarieux, Protestant, Herr Leblois, Protestant, um nur die Zu nennen, die öffentliche Erklärungen abgegeben waben." (Weil: S. 88). Im „Eclair" vom 7. August 1899 heißt es, und in vielen gleichgesinnten Zeitungen wird ähnliches geschrieben: „In diesem angeblichen Prozeß handelt es sich nicht darum, zu wissen, ob das armselige Individuum, das man von der Teufelsinsel Zurückgebracht hat, schuldig oder unschuldig ist, es handelt sich darum, zu wissen, ob die Juden und die Protestanten, die die Vorhut Deutschlands, Englands und ihrer Verbündeten bilden, die die Strohmänner der Schweiz, Skandinaviens und Nordamerikas ftrtS7 ob sie die Herren des Landes sind oder ob sie es nicht sind." (Weil: S. 125). Also für französische Chauvinisten von damals unerschütterlich dargetan: die Protestanten im Bunde mit den Juden und den Feinden Frankreichs, Deutschland voran, um den französischen Staat ins Herz zu treffen und dann in der allgemeinen Zerrüttung ihre schmutzigen Geschäfte zu besorgen. Ludendorss und alle völkischen Agitatoren, Fritsch an der Spitze, nicht minder der nationalsozialistische Heerbann, trompeten ja täglich auf den öffentlichen Märkten: Juda im Bunde mit Rom und den Deutschland feindlichen Geldmächten immer an der Wühlarbeit, jede wahrhaft deutsche Regung zu ersticken, deutsche Kultur zu zersetzen, um dann, die Weltmachtpläne in der Hinterhand, in: Trübsten zu fischen. — Mögen diese gewichtigen Erinnerungen aus dein Frankreich der Jahrhundertwende die vielen Evangelischen, für die heute völkisch Trumps ist, zum mindesten ein wenig nachdenklich stimmen.