Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 16 (18.4.1930)
- Date
- 1930-04-18
- Page
- Seite 209 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Die I-ee -es Sabbats unö seine häusliche Zeier. Don De. Max Golde. Das Kleinod in der Krone der jüdischen Lehre ist der Sabbat. Er ist durch unser modernes Wirtschaftsleben stark bedroht. Es fragt sich, ob er uns heute noch etwas zu bedeuten habe, ob besonders die Frauen durch die häusliche Feier des Sabbateingangs, der seinen Namen und Sinn von dem bekannten Lechodaudilied, das von Herder, Heine und I. Schwanthaler deutsch nachgedichtet wurde, unserm modernen Leben noch eine Sinnbereicherung geben könnte. Ursprünglich war der Sabbat in Israel besonders der Ruhetag der Sklaven, Mietlinge und arbeitenden Klassen (V. 5, 14, 15). Während die westasiatischen Völker die Jungfräulichkeit ihrer Töchter der Astarte und das Leben ihrer Söhne dem Moloch opferten, war bei den Chaldäern dieser Tag ihrer Sitte nach dem Saturn geweiht, da die erste Stunde an ihm diesem zuftel, dem gerechten, die Sünde hassenden Erhalter und Beherrscher der Welt, dem El oder Bel. Von dem Einfluß seines Gestirns, der die Bahn aller andern umkreiste, machten sie ihre Geschäfte, besonders die Schifffahrt abhängig. Die Römer feierten etwa zur Wintersonnenwende dem Saturn oder Chronos zu Ehren in den ältesten Zeiten sieben Tage lang die Saturnalien in ausgelassener Fröhlichkeit, an der auch die Sklaven teilnahmen, wobei man aber — nach dem Satiriker Lucian — gelegentlich ihre Niedrigkeit mit blutigem Hohn verspottete, und all das, um die hohen Götter in ihrer seligen Ruhe zu besänftigen oder von ihrem Neid und Jähzorn abzulenken. Die Bibel setzte an Stelle dieser sinnbildlich vorgetäuschten Freilassung der Sklaven, deren festliches Begehen allein den herrschenden Klassen zugute kam, den Sabbattag ein. Schon der Schöpsungsbericht mit seiner anschaulichen Dichtersprache begründete ihn damit, daß Gott an ihm oie Seele seiner Schöpferkraft, den Odem, U6ptie86d, die er vordem in seine Schöpfung hineingewirkr hatte, wieoergewann (II. 31, 17). Sie gab ihm am siebenten Tage die Ruhe, durch die er sein Schöpfungswerk erst vollendete, daß es fortwirke (I. 2, 3). Dieser Bericht von der Einsetzung der Sabbatfeier gibt aller Menschheitsgeschichte den Sinn, daß der zur äußern Schau getragene Schein von Glückseligkeit im Leben nichts anderes ist als ein flüchtiger Wahn, und daß sie ihren echten, dauernden Wert erst durch eine große Idee erhält. Diese Ideen haben vor allem eine soziale Bedeutung. Die Vorschrift, auch den Knecht und die Magd, selbst das Vieh an der beseligenden Ruhe der gesamten Schöpfung teilnehmen zu lassen, wird ebenso wie die vielen Rechtsvorschriften zur Aufhilfe der Bedrängten immer wieder damit begründet, daß auch Israel einst Knecht gewesen im Lande Aegypten und darum die Seele des Fremdlings verstehe (II. 23,9). Damit unternimmt die altisraelitische Gottesverehrung durch ihre Sabbatfeier bereits einen wirksamen Vorstoß zur völligen, selbst innerlichen Befreiung der Sklaven, der später auch zu jeder Zeit mit Strenge durchgeführt wurde. Diese von Israel bezeugte Milde ist eine in der Menschheitsgeschichte einzig dastehende Erscheinung; sie ist wahrlich nicht durch die Hoffnung auf Gewinn und Vorteil begründet, sondern verrät eine hohe Menschlichkeit und e ch t e M e n s ch e n l i e b e. Sie diente zunächst der Erhaltung des körperlichen Wohlseins und des Lebens; darüber hinaus aber will sie die Armut überwinden, welche die rein geistige Betätigung des Menschen, die die Gottesliebe ihm schon zuvor gesichert hatte (I. 1, 27), zu unterbinden droht. Diese Bedeutung der Sabbatfeier für das soziale Leben wird schon vom Propheten Jeremia hervorgehoben (Jer. 17, 27); er sieht den Hauptwert der Sabbatfeier nicht so sehr in der treuen Beobachtung ihrer äußern gesetzlichen Formen als'in der Wahrung der Sittlichkeit (Jes. 56,2). Darum erfordert sie über die biblische Anweisung hinaus eine ununterbrochene, ewig sich erneuende Ausgestaltung, denn die Arnuit ist ja so wenig zu vertilgen wie des Menschen Schuld und seine Schwäche. Wir schon im biblischen Altertum die Knechte, so wurden später die Armen, die Dürftigen rmd durchziehenden Fremden zur Teilnahme an der Feier unsrer Sabbate und Feste aufgesordert. Denn ihr mühselig stiller Kampf ums Dasein spricht ihnen den hohen Wert der Frommen zu. „Habet acht auf die Kinder der Armen, denn von ihnen geht die Lehre aus!" Um unisere Tatkraft in der Durchführung dieses uferlosen Kampfes gegen Elend und Niedrigkeit immer wieder neu anzufpornen, ist uns der Sabbat gegeben. Er soll uns ins Bewußtsein zurückrufen, daß mit den: Ringen gegen die Not der Armen auch der Entwicklungsgang unsrer eigenen Seele verknüpft ist. Er soll uns zum Gradmesser werden, der uns mit der Hoffnung auf die Förderung des Gedeihens der Gesellschaft auch das Heil unsrer Seele anzeigt. So gewöhnt der Sabbat seine Bekenner darin, daß sie sich in ihrer Arbeit und Ruhe, in ihrer Tätigkeit und Rast als die verantwortlichen Mitarbeiter an dem Werden des gesamten Wirtschaftslebens und Weltgeschehens ansehen. Damit weiht er das Bündnis, das die Lehren der Volkswirtschaft und der Sittlichkeit in schöpferischer Stunde miteinandergeschlossen haben. Die Idee, daß die langsam, aber unaufhaltstuu vordringende gesellschaftliche Sittlichkeit mehr und mehr Raum in der Wirklichkeit gewinne, eint mehr als äußeres Formenwerk alle Glieder der Gemeinde Israels und gibt ihnen die Lebenskraft, daß sie alle Leiden als Rückschläge der Liebe Gottes hinnehmen. Die Idee des Sabbats und ihre Verwirklichung durch seine Feier führen uns von der Betätigung der Menschlichkeit zum Begriff der M e n s ch h e i t weiter. Sie geht ja nicht von der religiösen Geschichte des jüdischen Stammes aus, sondern allgemein von derjenigen des Menschengeschlechtes. Nach dem Schöpsungsbericht setzt der jüdische Gottesglaube den Menschen in die unmittelbare V e r b i n d ungmitGott, wie es Michelangelo in seiner Sixtina künstlerisch dargestellt hat. Nach jüdischer Auffassung vermag-der Mensch also aus seiner vernunftbegabten Seele heraus Gott heute noch ganz ebenso deutlich zu erleben, wie ihn einst Mose >im unendlichen Schweigen der Wüste und der Einsamkeit der Bergeshöhen von Angesicht zu Angesicht, also ohne jeden Mittler erschaute. Schon in der naturgesetzlichen Entwicklung der Schöpfung war der Weltengeist allgemein wirksam gewesen. Im Menschen trat er später zum Bewußtsein seiner selbst hervor. Am Sabbat aber wird er in der Menschenseele immer wieder neu entfesselt, daß sie sich an ihm zur Freiheit emporhebe. Doch nicht der Geist, noch die durch ihn gewonnene Vernunft, durch die der Mensch die Wissenschaft hervorbringt, bezeugt die Göttlichkeit seiner inneren Art, sondern allein sein sittliches Handeln löU ihn von allen Bedingtheiten der Natürlichkeit und Geschichte so ganz ab, daß er sich in den Stunden der religiösen Feier seinem Gott einzeln zu nähern vermag. Die gleiche reine Besinnung auf sich selber wird auch von Gott berichtet. Er sprach zu Mose: Meinen Namen (das ist mein Wesen) willst du wissen? Ich heiße nach meinen Werken (Schemot rabba 3). Diese innere Schrankenlosigkeit der Willenseinstellung kann den Menschen wie die Juden in Deutschland, so die Protestanten in Frankreich. Lehren ans dem neuen Weilschen Buche. A. W. Die Schrift Bruno Weiks „Die Affäre Dreysus", die soeben erscheint*), liefert wichtige Waffen für unseren Kampf, die beim Anblick des Buches gewiß niemand darin vermutet. Weil hat, um die Taktik von Dreyfus' Feinden zu kennzeichnen, eine Anzahl französischer Presse- und Buchstimmen beigebracht, und diese sind über den Tag hinaus für uns sehr lehrreich. Wir wissen nicht erst seit gestern, daß die den Juden der Gegewart angehängten Vorwürfe in der Geschichte immer bereitstehen, wenn eine Minorität unterschiedlich irr eine Majorität eingebettet ist. Warum dies so sein muß, lehrt uns, von anderen Grundlagen herkommend, Dr. Müller-Claudius' vortreffliches Buch „Deutsche Rassenangst" (Verlag Schwetschke u. Sohn, Berlin), mit den ver¬ * Verlag Walther Rothschild, Berlin. Bestellungen im P h i l o - V e r l a g, Berlin 81V 68, Lindenstraße 13, III., zum Preise von 5,50 Mark für das gebundene, 4 Mark für das broschierte Exemplar. tiefenden Ergänzungen Erik Nöltings („Die Macht der Symbole". C.-V.-Zeitung Nr. 29 vom 22. Juli 1927). Und wir haben >in der Weltgeschichte Leidensgefährten. Die Kirchenväter, allen voran der große Vertullian, in seinem Apologetikum, malen anschaulich, wie die junge Christenheit von der heidnischen Welt mit all den Verdächtigungen und Verleumdungen bedacht wurde, die in unseren Tagen gegen Juden gang und gebe sind. Der unvergeßliche Julius G o l d st e i n hat an der Hand des Geschichtsschreibers des Kulturkampfes, Kießling, in seinem wertvollen Aussatze: ^Antwort an einen katholischen Geistlichen" („Der Morgen", 3. Jahrgang, Heft V) aufgezeigt, wie sozusagen photographisch getreu in den bösen Jahren von einst die gleichen Beleidigungen wie heute gegen die Juden, so damals gegen die Katholiken geschleudert wurden. Er hat dann in seiner für unsere Aufklärungsarbeit unersetzlichen Schrift „Rasse und Politik" (4. Auflage. Verlag Oldenburg, 1925) den gleichen schlagenden Beweis für das Verhältnis „Deutsche und Juden" ans dem Weltkriege und der Propagandaliteratur „Feinde gegen Deutsche" geliefert. Nicht anders verhält es sich mit der p rote st antischen Minorität in Frankr e i ch. In 40 Millionen Franzosen, die mit Ausnahme der 100 000 Juden und der statistisch nicht faßbaren Konfessionslosen überwiegend katholisch sind, sind eine Million Protestanten eingesprengt. Und Bruno Weils Lesefrüchte tragen reichen Lohn. Die Rolle der Juden im Deutschland unserer Tage spielen die Protestanten im Frankreich der Dreyfus-Zeit. Hier sind die Belege. „La France“ vom 29. Oktober 1897: „Ist es nur ein Zufall, das der Protestantismus das Judentum in dieser schlechten Sache unterstützt und soll man Herrn Drumont recht geben, der behauptet, der Protestant sei ein.halber Jude?" (Weil: „Die Affäre Dreysus", S. 81). Am 8. Februar 1898, als eben der Prozeß anhebt, erklärt die „Croix“: „Juden und Protestanten sind endlich als eine Gefahr vom Volke erkannt. Das Volk hört nicht mehr auf die Politiker, auch nicht auf Zola, den berühmten Schmutzfink. Wenn die Armee sich gegen die heftigsten Schläge verteidigt, so beginnt heute abend der Prozeß gegen die anerkannten Feinde von