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Central-Verein-Zeitung · 1930-04-11 · 15 (11.4.1930) · p. Seite 189

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
15 (11.4.1930)
Date
1930-04-11
Page
Seite 189 (sequence 5)
Language
German
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Freiheit, die ich meine... Eine Pessach~Betrachtung. / Von Fabius Schach. Pessach ist unser altes Freiheitssest, wir feiern in ihm die Freiheit der Natur, die Freiheit der Menschenseele — den wahren Frühli n g. Nun hatten alle alten Völker ihr Frühlmgsfest. Jeder natürliche Mensch jauchzt ja dem Aufblühen neuen Lebens entgegen,. und alles, was in uns singt und klingt, läßt sich in dem Worte Frühling Zusammenfasien. Aber in der Art, wie wir die Freiheit ausfassen, offenbart sich ein Grundton des jüdischen Charakters, des Charakters des Judentums. Die Freiheit ist negativ, ein Freisein von etwas. Sie wird erst Zum Positiven durch den Gebrauch, den man von ihr macht. Die Freiheit ist nur dann ein kostbares Gut, wenn sie Zur Beglückung des Menschen, zur Veredelung seiner Seele führt. Das muß heute, wo man sich vielfach eine heidnisch-barbarische Freiheit künstlich konstruiert, eine Befreiung von allen Schranken und Gesetzen, eine Rückkehr Zum Tiermenschen als hohes Ideal proklamiert, besonders betont werden. Es gibt keine hemmungslose Freiheit, weder in der Natur noch im Leben, weil alles von sichtbaren oder unsichtbaren Gesetzen determiniert ist, weil alles von den Interessen anderer beschränkt ist. Eine grenzenlose Freiheit würde die Freiheit anderer vernichten. Die Freiheit ist die Grundlage alles Großen und Schönen, sie mutz aber Zur SelbsterZiehung, Zur ethischen Disziplin führen. Frei u n d stark i st nach jüdischer Weltanschauung, lver sich selbst beherrscht, wer seine Triebe einem hohen Zwecke dienstbar macht. Daher ist es ein verhängnisvoller Irrtum, wenn man — wie es in Sowjetrußland geschieht — Religion und Freiheit als konträre Gegensätze hinstellt. Nur eine falsche Auffassung von Religion und Freiheit konnte zu diesem Fehlschluß führen. Versteht man unter Freiheit: innere Befreiung von allem Niedrigen und Knechtischen, von Finsternis und Aberglauben, von Seelendruck und Abhängigkeit, von allen Ketten, die man selber und andere geschaffen, und versteht man unter Religion: den Drang nach Harmonie über das enge Ich hinaus, die Sehnsucht nach Erfassung der Ganzheit des Innen- und Auhenlebens, das brennende Verlangen des Individuums, sich mit dein Weltall zu verbinden, seine Seele in der Weltseele aufgehen Zu lassen, unterzutauchen im göttlichen Strome, um neu geboren Zu werden — dann ist es klar, daß Freiheit und Religion miteinander verwandt sind, ineinander strömen. Nur Mißbrauch der Freiheit, ZügelloseWillkür, paßt uicht Zur Religion, und die Karikatur der Religion, der blinde verheerende Fanatismus, paßt nicht Zur Freiheit. Die jüdische Weltanschauung verstand es ausgezeichnet, beide zu verbinden und Natur und Freiheit der Religion dienstbar Zu machen, wie umgekehrt: die Religion ins Leben hineinzutragen, es Zu erheben. Zu verinnerlichen. Zu verklären. Und die Keime Zu dieser grandiosen Neligionsphrlosophie waren schon im Ursprung, in der Entstehung Israels als Kulturvolk und im ersten Ringen des Judentums nach Hoheit vorhanden. Was war das gewaltige Drama, das Ln Aegypten begann und in der Freiheit des Wüstenlebens sich fortsehte, anders als ein Triumph wahrer Freiheit, als ein Sieg der religiösen Idee? Ein Volk, in Freiheit geboren, ein Volk, dessen Urahne durch seine staatsmännische Kunst dem Lande den größten Dienst erwies, wird durch die entartete Herrenpolitik geknechtet uub Zum Frondienst gepreßt. Es ward in ihm alle menschliche freie Regung getötet, es wird ihm alle Kultur entzogen, um in ewiger Finsternis Zu bleiben. Und das teuflische Werk perverser Macht ge lüste gelingt beinahe. Die Masse wird stumpf und dumpf, fühlt nicht mehr Göttlich- Menschliches in sich, kennt nur noch den Herdeninstinkt: Arbeiten, uni Zu essen, essen, itnt zu arbeiten. Da taucht der Titane Mose auf. Gewaltig an Klugheit und Staatsmannskunst, noch gewaltiger an Wissen und Willenskraft, und am gewaltigsten in der Hingabe an seine Lebensidee, in der Liebe Zu seinem Volke. Er rüttelt das Volk, weckt es aus seiner knechtischen Dumpfheit, sucht das Menschliche in ihm wach zu rufen, — eine gewaltige Aufgabe. Und sie gelingt nur durch den göttlichen Ruf, durch langsame. Zielbewußte Erziehung des Volkes für seinen wahren Berus. Man hat versucht, Mose als Staatsmann, als Volksführer und als Gesetzgeber zu erfassen. Seine wahre Grüße aber liegt in der Religion, in seiner religionsphilvsophischen Auffassung vorn Sinn und Ziel des Lebens. Charakteristisch ist sein erstes Auftreten vor Pharao: „Gib mein Volk frei, daß es Gott dient", ruft er dem mächtigen Herrscher zu. Nur der Freie kann Gott dienen mit ganzem Herzen, kann sich Zum Weltengeiste erheben, und nur die religiöse Erhebung kann den Menschen wirtlich frei machen. Zweck alles Kämpfens und Ringens ist die innere Befreiung, das Seelenglück. Und Zweck alles Religiösen ist die wahre Befreiung des Menschen. Darm offenbart sich der Ausgang und das Endziel alles religiösen Denkens und Empfindens. Daß Mose sich Zu dieser Hsthe emporschwang, ruft immer wieder unsere Bewunderung hervor. Wenn die Größe eines Führers darauf beruht, daß er den Quell der Lebenskraft eines Volkes erkennt und es Zu seiner wahren Natur führt, dann war Mose der größte Volkssührer in der Geschichte. Durch die dicke Kruste der Sklavendumpfheit sah er, was unbewußt in der jüdischen Seele schlummert. Und er bildete daraus die Lebenskraft des Volkes. Denn die religiöse Vorstellung Israels wurde seine höchste Stärke. Der Gedanke von der Einheit Gottes mit dein Volke, von der Verschmelzung irdischere und himmlischen Lebens begleitete die Jndenheit durch ihre ganze Geschichte, wurde Ziel und Richtung allen Strebens. Kein Volk hat so viel durch Haß und Verkennung gelitten wie Israel. Und wenn es nicht zugrunde ging und sich nicht nur körperlich, sondern auch seelisch gesund erhielt, so dankt es dies nur seinem Glauben an sich und seinen göttlichen Beruf, den ihm ein geläuterter, entsinnlichter Monotheismus gab. Es gibt keine andere Erklärung für das gewaltige Rätsel der Erhaltung der Jndenheit als die Ewigkeit der Wahrheiten des I u d e n t u w s. Die Größe des Judentums ist, daß es zuerst die religiöse Kultur zum Gemeingut akler machte. Während bei den Aeghptern alles Geistige und Religiöse einer Kaste gehörte, die das Mysterium wahrte und daher die größte Macht über die Menschen erlangte, ist im Judentum alles Besitz des Volkes. Alle Menschen find Kinder Gottes, alle stehen ihm unmittelbar nahe. Alles im Judentum ist demokratisch gestaltet. Das Volk ist der Träger der Größe, alle Kraft geht von ihm ans, die Priester sind besitzlos, sie haben nur göttliche Funktionen. Alle Menschen Haben gleiche Rechte und gleiche heilige Pflichten — das erhebt sie und verleiht ihnen den Adel der Seele. Es gibt im Judentum nur einen Adel, den der tiefen Erkenntnis und der Frömmigkeit, und Zn ihm kann jeder sich emporriugeu. So ist das Juden turn d i e R e l i g i o n des Lebens geworden. Während die Aegypter den Kultus des Toten hochhielten und die Priester die Verwalter der Totenwelt waren, haben nur Inden wohl Pietät für den Verstorbenen, mit dem Erinnerung und Hoffnung uns verbinden, aber unser Denken und Trachten, unser Kämpfen und Wirken gehört dem Leben, und alles Große und Schöne ist dazn da, mn dieses Leben edler und tiefer zu gestalten und dadurch 311111 Teil der Ewigkeit zu machen. So wurden Religion und Leben zu einer Einheit, und sie verliehen dem Inden die Kraft, alles Niedrige ZU überwinden und den Glauben an den Sieg der Wahrheit nicht zu verlieren. In gewissem Sinne war jeder Jude Märtyrer, und er bewies durch sein Leben, wie man für eine erkannte Wahrheit leiden kann. U n d h e 11 t e? Was anders erhält uns als die religiöse Schwungkraft, die in jedem bewußten Inden lebt, als die große Hoffnung, daß die Menschheit trotz allem und allem doch fortschreitet und ihre wahre Ausgabe erkennt? Der Jude, wenn er diesen Namen verdient, ist ist immer religiös, muß religiös sein, weil darin sein Bestes verankert ist. Es gibt keinen Ersatz für Religion. Soziale Juden, Kultnrjuden, Trotzjuden — das sind nur andere Bezeichnungen für das, was bewußt oder unbewußt in jedem Juden lebt, von jeher lebte. Wir sind die geborenen Schwärmer, wir stellen die meisten WeltschmerZler und Weltverbesserer in der Geschichte. Wahn? Nein, es ist ein Glück für uns, daß wir glauben und hoffen. Das gibt uns Kraft und Schwung, das macht uns zu Idealisten. Wir haben weniger Erdenschwere in uns und können leichter aufwärts streben. Es ist kein Zufall, daß wir uns für alle neuen Ideen zuerst begeistern. Wir sind den Weg des Leidens gegangen und wissen, daß die Menschheit nur in der Atmosphäre des Friedens und der Brüderlichkeit gesunden, nur durch wahre Freiheit gerettet werden kann. Daher lieben wir die Freiheit, und wir kämpfen für die Befreiung der Menschheit. Wenn eine Gemeinschaft nach Jahrhunderten noch ihr altes Freiheitssest voller Seelenfreude feiert, so bekundet sie dadurch nicht nur Sinn für Geschichte — der keinen Gegensatz zur Gegenwartssreudigkeit bildet —, sondern auch Freiheitsliebe, Dräng nach Ueberbrücknng aller Zeiten durch Glauben und Hoffen. Wir sind Gefchichtsmenschen, wir haben den Sinn der Geschichte begriffen, aber wir erhalten uns auch den Glauben an die Zukunft, weil darin der Menschheitsgedanke r 11 ht. Alles Geschichtliche ist Symbol und Mahnung zugleich. Pessach ist uns nicht nur die Rückkehr zum Anfang, sondern auch die V e r k ö r p e - r u n g n l l e n G l a u b e n s u n d H 0 f f e n s. Daher feiern wir dieses schöne, sinnige Fest mit unseren Alten und unseren Jungen. Wir vertiefen uns in den Sinn der Geschichte und sehen voller Zuversicht der Zukunft entgegen.

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