Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 14 (4.4.1930)
- Date
- 1930-04-04
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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172 richte von der „vorbildlichen Sachlichkeit" und den „überzeugenden Gründen" des Referenten, der „am Schlüsse seiner rhetorisch wirtlamen Rede anerkennenden Beifall der Gäste" fand. Ueber die Auseinandersetzung des Referenten mit den Diskussionsrednern bemerkt das Blatt, das; sie in einer geistig überlegenen Form" erfolgreich vorgenommen worden sei.. Die geglückte Veranstaltung klang in die Forderung von Staatsrat Dr. Cohn nach ritterlichem Kampf in der Zukunft und in die Feststellung aus, daß der Wille des deutschen Judentums zu unlösbarer Verbindung mit dem deutschen Volke das entscheidende Argument bilde. Die geplante Vortragsreihe beschloß eine Rede, die Dr. Alfred W i e n e r am 31. März dieses Jahres vor geladenem nichtjüdischen Publikum in der Landeshauptstadt Dessau hielt. Die Versammlung in Dessau war von maßgebenden Persönlichkeiten der Regierung, der Justiz des Landtags, der Bankwelt, der Schale, der Parteien, der Industrie, der Behörden gut besucht. Der Vortragende behandelte das Thema: „Der innere Frieden im deutschen Vaterlande. Eine Aussprache zwischen Deutschen und Juden." Nach dem Vortrage setzte eine Aussprache ein, an der sich ein volksparteilicher Landtagsabgeordneter, ein Redakteur und der Dessauer Vorsitzende der Deu tschen Volkspartei beteiligten. Besonders wurden in dieser Aussprache Fragen über die politische Schichtung des deutschen Judentums und über die Möglichkeit der Lösung der Judensrage durch Mischehen behandelt. Der Vortragende ging in seinem Schlußwort aus alle diese Probleme ein. Von verschiedenen Seiten wurde die Notwendigkeit und die Nützlichkeit solcher Aussprachen betont, weil weite Schichten der Bevölkerung sich ein verzerrtes Bild des deutschen Judentums machten und weil von radikal politischer Richtung her gegen das Judentum als Minorität gefährlicher Haß erregt 'werde. Innerhalb von knapp zehn Tagen ist damit ein ganzes Land mit nachhaltiger Aufklärungsarbeit bedacht worden, die, da die Presse aller Richtungen ausführlich berichtete, jeden Anhalter Bürger erreicht hat. Llc. theol. Moering über öas Wesen öes Nationalsozialismus. Arr^ 19. März veranstaltete der Landesverband Niederschlesien des C. D. eine große A u s - klärungsversammlung in Frau st ad t. Als Redner war der Direktor der Breslauer Volksbüchereien Lie. theol. Moering gewonnen worden, der über das Thema: „Das Wesen des Nationalsozialismus und seine Agitation gegen die Juden" sprach. Die Eingeladenen, säst durchweg Nichtjuden aller Stände, waren der Einladung des C. V. so Zahlreich gefolgt, daß lange vor Beginn der Versammlung der Saal, der größte in Fraustadt, polizeilich geschlossen werden mutzte. Anter den Anwesenden waren auch viele Gegner, zum Teil mit Stahlhelm- und anderen Abzeichen. Der C. V. hatte diesmal Fraustadt sein Augenmerk Zugewendet, weil dort im wirtschaftlich schwer darniederliegenden Grenzgebiet der Nationalsozialismus gerade in letzter Zeit Erfolge durch Boykottierung jüdischer Geschäfte für sich zu buchen vermochte. Die Stimmung der Bevölkerung in Fraustadt und in der Umgegend bildet einen guten Boden für die Hetzarbeit der Nationalsozialisten. Moering sprach in der ihm eigenen, inhaltlich Wie rethorisch hervorragenden Art. Er beschäftigte sich eingehend mit den Schlagworten des Nationalsozialismus und wies überzeugend nach, daß diese Bewegung weder das Wort national noch sozial für sich in Anspruch nehmen dürfe. Mit besonderer Schärfe wandte er sich gegen die Fanatiker der Nassentheorie und wies auf das Unsinnige ihrer Argumentation hin. Er ging auch auf die in den letzten Wochen gerade in Schlesien durch völkische Organe erhobenen Anschuldigungen gegen den Talmud ein und kennzeichnete kurz das wahre Wesen des Talmuds und seine Bedeutung für die Gegenwart. Seine Ausführungen fanden lebhaften Beifall. Trotz Aufforderung meldeten sich in der Diskussion Gegner nicht zum Wort. Der Versammlungsleiter, Rechtsanwalt Dr. I a c o b s o h n (Glogau), betonte ebenso wie der in der Diskussion sprechende Vertreter des Landesverbandes Niederschlesien, Rechtsanwalt F o e r d e r (Breslau), daß man den Nationalsozialisten zwar stets Gelegenheit gebe, ihre Ansichten zu vertreten, daß sie es aber vorzögen, dann nicht zu sprechen, wenn sie zu erwarten hätten, daß ihnen in sachlicher Weise entgegengetreten werde. Insbesondere beschäftigte sich Rechtsanwalt F o e r d e r mit dem Wirtschaftsboykott der Nationalsozialisten und wies darauf hin, daß durch diesen Boykott jn nicht nur die jüdischen Geschäftsleute, sondern ebenso, vielleicht in noch größerem Maße, die christlichen Fabrikanten und ihre Arbeitnehmer geschädigt würden. Der Wirtschaftsboykott untergrabe den Frieden in der Bevölkerung und bringe der Stadt Schaden. Ten Schutz der Versammlung hatte die Elogauer Ortsgruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, die in einer Stärke von 40 Kameraden erschienen war, übernommen. Die Versammlung verlief in würdiger Form und ohne jede Störung. Lebhafte Aussprache in Stralsund. Vor 200 Personen, meist christlichen Mitbürgern aus den Kreisen der Lehrerschaft, Beamtenschaft, politischen Kreisen und den Jugendbünden Stralsunds, sprach am Donnerstag, dem 27. Mürz, der Syndikus des Centralvereins, Dr. Alfred Wiener, über das Thema: „W e r nutzt und w e r s ch a d e t d e m deutschen Wiederaufbau". Der Vortrag fand bei den Zuhörern lebhafte Aufmerksamkeit und Teilnahme. Als erster Diskussionsredner trat der Führer der völkischen Freiheitsbewegung in Stralsund, Admiral Langemak, auf. An Hand zahlreicher Zitate gvifs er das Judentum heftig an. Seine Polemik stand zu der Ruhe und Sach.ichkeit des Vortragenden in scharfem Gegensatz. Es war daher besonders erfreulich, daß Geheimrat von B r a u n b e h r e n s, der frühere Vorsitzende der Deutschnationalen Volkspartei in Stralsund, den allgemein-politischen Standpunkt seiner Partei zwar durchaus wahrte, aber erklärte, er bedaure die unsachlichen Angriffe des völkischen Führers gegen den Redner. Dr. Wiener habe es ersichtlich vermieden, das rein politische Gebiet zu betreten und dort als A greifender vorzugehen. Wer heute, wie Dr. Wiener ausgesührt hat, bereit sei, sich am Wiederaufbau zu beteiligen, den zurückzustoßen sei eine Sünde. Die rechtsstehende „Stralsundische Zeitung" sowie der sozialdemokratische „V o rp o m m e r" brachten Berichte über den Vortrag. Ueber das Schlußwort des Referenten sagt der „Vorpommer": „Was Vizeadmiral Langemak gegen die Juden sagte, wurde vom Hauptredner im Schlußwort ebenso ruhig und sachlich wie glänzend widerlegt." Die Versammlung wurde von dem Mitglied unseres Hauptvorstandes und Schatzmeister PieTaylorix-Buchhaftung erspart mehr als sie kostet. In 2 bis 3 Monaten hat sie sich meist schon bezahlt gemacht. Sie ] bringt Arbeitsersparnis, bessere Uebersicht, wirksamere Kontrollen. Wer sie hat, ist begeistert Die Umstellung ist jederzeit möglich. Kostenfrei: Broschüre S 1/100 und individuelle Beratung. | layfäiixOigcmisaiianSiuU&ahi Wirkt vorbeugend! Fachinger Versandstelle, Berlin. SW 11, Schöneberger Strasse 16a. Telefon: Lützow 8230/61. unseres Landesverbandes Pommern, Max Eisenstein, geleitet. Dem Vorstand unserer Ortsgruppe Stralsund, vor allem dem Vorsitzenden Heinz Cohn, gebührt der herzlichste Dank für die gründliche und erfolgreiche Vorbereitung der Veranstaltung. Luöwlg Holländer über „Unsere politischen Sorgen". Am Donnerstag, 20. März, sprach Dr. Ludwig Holländer, der Direktor des C. V., vor den Gruppen Nord und Süd des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten über „Unsere politischen Sorgen!" Von dem Spinozaschen Wort: „Wir sollen nicht weinen und nicht klagen, sondern einsehen!" ausgehend, richtete Dr. Holländer an alle Zuhörer den Appell, ihr jüdisches und ihr politisches Wissen zu erweitern und zu vertiefen, um dadurch in die Wiederaufbauarbeit des Vaterlandes tätig eingreifen zu können und um gleichzeitig gegen die Angriffe der radikalen judenseindlichen Parteien, die sich meist auf entstellte Tatsachen oder aus dem Zusammenhang gerissene Bibelzitate stützen, gewappnet zu sein. Dr. Holländer ging dann besonders auf Ursachen und Auswirkungen der nationalsozialistischen Bewegung ein und erinnerte in diesem Zusammenbang an den für einen Großstädter fast unvorstellbar schweren Existenzkampf, den die deutschen Juden aus dem flachen Lande und in Kleinstädten vielfach zu führen gezwungen sind. Zn einer lebhaften Aussprache, in der die Ausführungen des Referenten und Einzelheiten 'des Vortrages noch besonders hervorgehoben wurden, ergriffen u. a. der Bundesvorsitzende des R. j. F. Dr. L ö w e n ft e i n, Hauptvorstandsmitglied bes C. V., und Rechtsanwalt K o z o w e r das Wort. Vortrag Sruno Veils In Königsberg. Der stellvertretende Vorsitzende des Centralvereins, Dr. Bruno Weil, sprach am 16. Mürz in Königsberg (Pr.) vor einem erlesenen Publikum) das sich aus einer großen Anzahl geistig interessierter Menschen aller Konfessionen Zusammensetzte — u. a. suh man den Oberpräsidenten der Provinz Ostpreußen, Dr. d. e. S i e h r —, über den Prozeß des Hauptmanns Dreyfus. Der Vortrag, über den wir in Nr. 7 der „C. V. - Zeitung" vom 14. Februar ausführlich berichtet haben, hatte wieder den gleichen starken Erfolg wie in Berlin. Dr. Weil, der seine Studien und Arbeiten inzwischen noch fortgesetzt hat, fügte seinen bekannten interessanten Forschungsergebnissen noch einige neue Tatsachen hinzu. So führte er aus: Die Akten des preußischen Generalstabes über die Beziehungen des Oberstleutnant von Schwartzkoppen zu dem französischen Major Esterhazy sind nicht, wie von anderer Seite vermutet wurde, unterschlagen oder beiseite geschafft. Sie sind noch vorhanden und befinden sich unter der Kontrolle des Reichsarchivs in Potsdam. Ihre Veröffentlichung wäre aus politischen und historischen Gründen wünschenswert. Die Privatkorrespondenz des Oberstleutnants, späteren Generals von Schwartzkoppen, die eine Fülle von Material für die behandelte Frage enthält, ist ebenfalls noch vorhanden. Sie wurde von der Witwe Schwartzkoppens dem bekannten Militärschriststeller Oberst 'S ch w e r d t f e g e r zur Veröffentlichung übergeben. Auch das Schreiben des Herrn von Schwartzkoppen an den Botschafter Graf M ü n ft e r , in dem das Eingeständnis der Beziehungen zu Esterhazy enthalten ist, wird in den nächsten Tagen in vollem Wortlaut veröffentlicht werden. Diese Tatsachen zeigen, daß die Diskussion über den Dreysus-Fall in Deutschland noch lange nicht zu Ende ist: gerade jetzt, angeregt durch den Vortrag Dr. Weils in der Berliner Singakademie, beginnt das deutsche Material erst herauszükommen.