Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 13 (28.3.1930)
- Date
- 1930-03-28
- Page
- Seite 161 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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1M Aus die letzte Frage habe ich schon vorhin geantwortet; wenn ich von Menschen-Nichtmenschen sprach, von Zwifchenwesen zwischen Menschen und Nichtmenschen, ihr müßt, was damit gemeint ist, euch lebendig rnachen an euch und euren Vorfahren! Eure Vorfahren standen — Menschen, für Nichtmenschen geltend — jenseits der Zugeschlagenen Tür des Lebens; und eure Menschen sind immer noch Nichtmenschen für gar zu viele, die nur aus die Zeit und Gelegenheit warten, euch zu tun, wie man euren Vorfahren getan, euch Zu lebenden und Zu toten Nichtmenschen zu machen. (Auch euch unter den Juden, euch mit, „die sich für die Judensache gar nicht interessieren".) Es geht um das Menschsein, sagte ich, für die Juden um ein Menschsein in der Freiheit, wie es bis aus den heutigen Tag noch kein judenmenschliches Auge erblickt hat. Darüber sind wir denn wohl eitrig, daß ihr die Menschen seid, welche vor allen übrigen Menschen schwer tragen, und Zwar unter der Last der geschichtlrchen Vergangenheit so schwer tragen. Aber nun laßt uns weiter rücksichtslos Zusehen: ob wirklich ohne jegliche Schuld der , Vorfahren und wirklich ganz ohne eure fortdauernde Schuld? Schuld? Ich könnte für das Wort Schuld ebensowohl sagen: Krankheit — Krankheitdes Denkens. Wenn ich von einer Schuld spreche, W folge ich dem alten jüdischen Sprachgebrauch; die Propheten sprechen immer von einer Schuld des jüdischen Volkes, und übrigens liegt ihnen auch nicht fern, diese Schuld als eine Krankheit des Denkens aufzufasfen, da es bei ihnen statt Schuld ebenso oft auch Narrheit heißt. Wenn ich meinerseits von einer Schuld der Vorfahren spreche — wobei ich nicht sowohldenke an das alte jüdische Volk, welchem die Welt die ewig lebende Bibel verdankt, als vielmehr an das voremanzipatorische Nichtmehrvolk derer von jüdischer Abstammung, die nichts Produziert haben als ihr und euer Unglück —, so liegt mir fern (trotz dem eben ausgesprochenen Urteil), über diese Vorfahren mittwegs Zwischen dem alten jüdischen Volk und uns abschätzig zu urteilen. Denn meine Betrachtungsweise steht fest aus dem Boden der historischen — allerdings auch der Psychologischen Kritik. Ich gebe unsren Vorfahren alle Gerechtigkeit und alle Anerkennung, die sie von der historischen Kritik beanspruchen können. Hochmut auf die Vergangenheit der Historie besteht nur, wie aller Hochmut, bei Jgnorauz; und erst die historische Kritik vermittelt wirkliche Kenntnis der Historie, macht uns die Herzen frei, daß wir die Menschen der Vergangenheit als Menschen sehen, die auch Zu unseren Herzen sprechen, und wir empfangen die große Versicherung: Menschen sind also imstande, wenn sie den Willen dazu haben, andre Menschen mit grundverschiedenen Motiven und Tendenzen zu verstehen; wovon sie denn auch — bei dem wirklichen Willen, Ignoranz und Hochmut abzulegen — sofort die Anwendung auf die Gegenwart machen könnten. — Historische Kritik zu üben, geschichtliche Erscheinungen nicht nach .dem Interesse des eignen Standortes, vielmehr nach der Notwendigkeit ihrer Zeit und ihrer besonderen Umstände zu messen, dafür den Sinn hat uns unser größter deutscher Philosoph, Hegel, aus feine herrliche Art geweckt. Aber wir reichen nicht aus mit der historischen Kritik allein. Die durch mein Werk in die Höhe gehobene Lehre von den Geistigen und vom Volk, ohne die es auch kein letztes wahres Verständnis des Prophetismus gibt, des rein geistigen Judentums in seinem Verhältnis und Mißverhältnis zum immer heidnisch abergläubisch gebliebenen jüdischen Volk und zu allen: abergläubischen Volk aller Welt, — der durch alle Zeiten sich hindurchziehende innerliche Unterschied und Gegensatz zwischen den geistigen Naturen und den Volksnaturen ist doch überall hinzuzunehmen, die. psychologische Kritik ist hinzuzunehmen. Die Psychologie der Lehre von den Geistigen und vom Volk bildet Grund und Voraussetzung für die historische Betrachtung und reinigt diese von der gefährlichen Entwicklungslehre, womit Hegel selber seine Geschichtsphilosophie fast wieder aus dem Standpunkt 'der Wahrheit gerückt hat. Und: befreit uns die historische Kritik von der Vermessenheit, unsre egoistische Subjektivität Richter sein zu lassen über alles in Vergangenheit und Gegenwart unsrer Ueberzengung und Lebensstimmung, unsren Neigungen, Abneigungen, unsrem Geschmack und Ungeschmack Widerstreitende, so empfangen wir durch die Psychologische Kritik den von Ort und Zeit und Person gänzlich unabhängigen M a ß st a b für die Wertung des Denkens-— also nicht etwa nach einem von uns aufgestellten Ideal, sondern den Maßstab für die alle Zeit sich gleichbleibende geistige Wahrheit und Gesundheit einerseits (hier ist alles Neue alt und alles Alte neu) und für sämtliche verschiedene Verkehrtheiten und Krankheiten des Denkens und für alle Schuld des Aberglaubens auf der anderen Seite. Wir wollen die Vergangenheit, so viel wie möglich aber auch die Gegenwart historisch und psychologisch betrachten; wobei ich denn freilich auch nicht darum hinkommeu werde, von der Juden Winkelmaß zu reden. Die Juden kennen eine auffällige Zahl von großen jüdischen Männern, die bei genauerem Augenschein auffällig unbedeutend und sterbenslangweilig erscheinen; wofür die Juden, zuyl Ausgleich für ihre vielen Kleinen aus der Thronhöhe, die wirklich größten und wichtigsten Männer der Menschheit entmannen, klein machen und keiner Beachtung, außer etwa durch Verächtlichmachung, wert halten. — Wir wollen unter den psychologischen wie auch unter den historischen Gesichtspunkt bringen auch die Gegenwart der Juden, diese für die Juden so eng mit der Vergangenheit zusammenhängende Gegenwart. Den Juden ist not zu sehen, wie sie sind und inwiefern sie ihr Schicksal selber sich bereiten. Um zu seheil, wie sie sind, müssen sie sehen, wie sie gewesen sind. Dem: schwer hält das, zu sehen, wie mau ist, auch bei Vergleich mit andern; leichter hält es, wo der Vergleich mit uns selbst möglich wird: der Vergleich mit uns selbst, wie wir gewesen sind, bevor wir a n d e r s u ttö d o ch a u ch n o ch nicht ganz anders g e w o r d -e n s i n d. Noch in vieler Beziehung gleichen die heutigen Juden den gestrigen; obgleich ihr Lebenswille sich verändert hat und die Vergangenheit nicht mehr lebt, erleben sie doch vieles von der Gegenwart in den Kategorien der unglücklichen Vergangenheit — irr den Kategorien, welche sich uns als die wohlbeglaubigten Ursachen für ihre immer noch unglückliche Situation in der Gegenwart darstellen. Und hier hat einznsetzen die unentbehrliche Mitarbeit der Juden an der Emanzipation. Tenn es ist nicht genug, daß sie ewig so fort ihrer Feinde mit Worten sich zu erwehren suchen, „uns geschieht Unrecht": sie nlüfsen auch t u n, um zu ihrem Recht zu gelangen. Sie können tun. Sie haben ohne Zweifel viel nachgedacht über das, was zu tun wäre, auch mancherlei Hebel angesetzt, die aber allesamt zerbrachen; nur die einzige wirklich Rettwlg verheißende Möglichkeit ist offenbar noch niemals von ihnen ernsthaft in Erwägung genommen worden. Sie müssen an sich tun, wenn denn wahr lst, daß nicht ohne der Väter Mitschuld das Unrecht sie traf, und wenn ferner wahr ist, daß sie selber — immer noch unter den: Einfluß nichtmehr gültiger, nicht mehr zweckhaster und die Emanzi- Pation gefährdender Kategorien der Vergangenheit — ihr Leben haben mit der innerlichen Unterstufe eines überall an ihr Gegenwarts- Bestelien Sie sofort den Prozess des Hauptmanns Dreyfus von Dr, Bruno Weil, dargestellt nach den deutschen und französischen Akten, VERLAG WALTER ROTH¬ SCHILD, BERLIN-GRÜN EWALD. Broschiert RM, 4,00, in Leinen RM. 5,50 Der Philo Verlag, Berlin SW 68, Lindenstrasse 13, liefert portofrei1. leben blind sich ansetzenden Lebens der Vergangenheit. Beides ist wahr: zu erweisen, daß beides wahr ist und gleichsam den Zwischenraum zu schaffen, der den Unterschied des alten und neuen Lebens erkennbar macht, gehört unter meine Ausgaben. Und von selbst wird alsdann sich ergeben, daß mehr, als bis jetzt von ihnen getan wird, sie tun können, mit ihrer Selbstmacht ihr Schicksal zu wenden; wozu' eben erforderlich, daß sie dies sehen, wie sie gewesen sind und zum Teil noch sind, um klaren Wissens ihr gegenwärtiges Leben von dem verhängnisvollen Teil ihrer Vergangenheit lösen zu können. Ich wiederhole jetzt nur noch, wenn ich sage: nicht um euch anzuklagen, spreche ich von eurem fortdauernden Schuldanteil, sondern um mit euch zu untersuchen, ob ihr denn wirklich verurteilt seid, ihn sortdauern zu lassen und gar keine Hoffnung besteht, wirksamer als bisher, euer großes Recht wahrzunehmen: das Recht 'des Menschen, für sein Leben Sorge zu tragen, daß es auf die möglichst beste Art erhalten bleibe. Lebenssürsorge ist das Recht, ist die Pflicht, ist das Wesen des menschlichen relativen Bewußtseins; welches ich in den heute lebenden Juden als durchaus konfus bezeichnen muß. Sie Verstehens nicht, sie tragen da einen Schaden; von der Wurzel dieses Schadens wird zrr reden sein. N i ch t a u s d i e r -e ch t e A r t l i e b e u die Juden das Leben und sorgen schlecht für ihrer Kinder zukünftiges Leben. Die zionistischen Konsusionsgefühle ohne reale Zwecksetzung, wie wir sie in zionistischen und nichtzionistischen Juden antreffen, können nicht als Gesundheit des lebensfürsorglichen Denkens betrachtet werden und nur Unglück im Gefolge haben. Der eigentliche Zionismus mit seiner fiktiven Zwecksetzung gleicht an Absurdität den Kreuzzügen und dürfte einen Erfolg haben wie diese: statt das Heilige Land zu erringen, 'wird er zu Judenabschlachtungen führen. Die Juden, die alles tun sollten für ihre Emanzipation, dies ist es, was im Gegenteil Großes sie tun und was sie andere Juden tun lassen: schwankend zwischen dem Bestreben, sich zu assimilieren und sich zu separieren, überall das Werk der Emanzipation untergraben und vernichten und schaffen, daß es nun Pogrome auch in Palästina gibt und daß auch die islamitische Welt gegen die Juden erregt werde. — Von eurer Schuld — von eurer Krankheit und von eurer Besinnung rede ich. Es gibt Kranke ohne Wissen von ihrer 'Krankheit, es gibt viele Kranke, leidend an verkehrtem Leben, die, weil ihnen unbewußt, daß sie krank sind, keine Heilung ihrer Krankheit suchen und, sich selber ganz herausvergessend aus der Sache ihres Leidens, immer nur andres verantwortlich machen; und es gibt eigensinnige Kranke, die man ihrem Schicksal überlassen muß . . . Wozu rede ich? als weil ihr Menschen 'seid, kranke Menschen, und ich ein Mensch bin, der schmerzhaft sehnlich int Herzen euch die Heilung und das volle Leben wünscht. Möchtet ihr es erlangen dadurch, daß ihr die gegenwärtige un ge h e ure K onfusio n vo n so s chw e r e r p a t h o g e n e t i] ch e r B edeutung, die Konfusion de s n e u e n 'S e. bens m 11 b c nt alte n A b e r g l a u b e n , ans g e b t und a n s a n g t, die E m a n z i P a t i v n zu v e r st ehe n u n d