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Central-Verein-Zeitung · 1930-03-28 · 13 (28.3.1930) · p. Seite 160

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
13 (28.3.1930)
Date
1930-03-28
Page
Seite 160 (sequence 4)
Language
German
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Von xlett Jßichten fcßBM mmm%mmmsmm ^Rmsmmmm mm m%m* «w xie»r Hßichten dec Juden und tWl M(U(ßC JDCUvlvlQ£ des Staates Wir sind in der Lage, die einleitenden Worte zu Constantin Brunners im Verlag Gustav Kiepenheuer erscheinender neuer Schrift ,,Von den Pflichten der Juden und von den Pflichten des Staates** im Vorabdruck wiederzugeben. Die Unabhängigkeit Brunners von jeder parteimässigen Gebundenheit kommt in seinen eigenen Darlegungen stark zum Ausdruck. Dass Constantin B r u n n e r für alle seine Darlegungen und Auffassungen allein die Verantwortung trägt, ist selbstverständlich und bedarf keiner besonderen Betonung. Obgleich nach meiner Denkart, Hauptberufung und ganzen Lebenseinstellung Exjudaeus, habe ich viel Fleiß und Liebe gewandt aus die Judensache, die merkwürdigste und, wie die Zukunft noch mehr erweisen dürfte, allerhöchst bedeutende und vielleicht folgenreichste Kulturangelegenheit unserer Welt. Unter den Nichtjuden die Besten, denen dafür die Freiheit geblieben war, haben meinen Aeußerungen Zugestimmt; ebenfalls unter den Juden die Besten, die gleichsam zu den Juden nicht mehr gehörten, — entweder waren sie weggegangen aus der Gemeinschaft der Juden, oder diese hatte vor ihnen ihre Türen zugehalten. Wie sie auch mir getan. Von irgend nennenswertem Einfluß derjenigen Werke, welche ich im Interesse der Judenheit herausgeschickt, von Einfluß auf die Haltung der Judenheit weiß ich nichts zu berichten. Weder für den Abwehrkampf ack extra, gegen den Judenhaß, noch für den Abwehrkampf ack intra, gegen den Zionismus, noch, auch für die Verinnerlichung des geistig jüdischen Lebens durch den Prophetismus, vor allem — ich spräche doch so gern mit den Juden einiges, worüber man mit keinem Rabbiner spricht und worüber ihnen kein Rabbiner spricht: über das von Juden geschriebene Neue Testament und über Christus. Nicht über die christliche Religion, sondern über den Juden Christus — die christliche Religion lag ja gänzlich außerhalb seines Gesichtskreises. Und das Neue Testament macht doch nicht etwa das Alte-ungültig: durch Christus erst wurde mit dem Neuen das Alte Testament veröffentlicht und das Judentum welthistorisch; Rabbi Akiba, Rab Hunna und Rab Aschihaben das nicht fertig gebracht. Aber ihr Judentum verbietet den Juden, einen Menschen wie Christus einen Juden und sein prophetisches Judentum Judentum zu nennen? Dies kann man nicht hören, ohne daß man dagegen fragt: Ist Christus für die Juden zu groß gemacht, oder ist ihr Judentum zu klein geworden für Christus? Ich habe den Juden alles Nötige über Christus, diesen eigentlichen Genius des Judentums, gesagt — umsonst. Da muß wohl einer von noch ganz anderer Kraft kommen als ich armer Federhalter; nicht ein Federhalter, sondern ein Stein, der ihnen die trüben Fenster einschlägt, daß Llcht und Luft in ihre Stube dringt. Genug, genug; für keines der drei wichtigen Gebiete scheint vorhanden zu sein, was doch vorhanden und auch keineswegs unbeachtet geblieben ist. Das umfangreiche Werk „Ter Judenhaß und die Juden" ist in dritter Auflage vergriffen, auch an Hinweisen durch andre hat es nicht gefehlt; hervocgehoben seien nur von nichtjüdischer Seite inbetreff des oben zuerst genannten Punktes Walther König und Ernst Altkirch, von jüdischer Seite für den zweiten Punkt Ernst Ludwig Pinner, Blankenfeld, Kimchi, und für den dritten Punkt Walther Rathenau. Mir bleibt die Tür zugesperrt, als wäre ich ein Feind. So werde ich's auch heute finden, da ich, unwankbar entschlossen, der Freund zu bleiben, noch einmal komme. Wiederum werden die Juden sagen, ich sei unjüdisch. Tatsächlich bin ich in ihrem Sinne, in jeglichem ihrer so vielfältig verschiedenen „Sinne" nicht jüdischer geworden und — fast lang genug nun schon durchwärmt und durchsrostet vom Menschenwesen — schwerlich geneigter als vordem, auf diese oder jene jüdische Partei Rücksicht zu nehmen oder gar einzugehen in eine und von ihrem Ideal anszugehen und sie zu unterstützen; womit ich denn freilich auch meine Partei und Anerkennung Hütte. Aber die suche ich nichh und wäre mir aus innerlichen Gründen und Abgründen unmöglich, sie zu suchen. Sondern ich will Wahrheit ohne alle Nebenabsicht, ohne Furcht und — ohne Hoffnung? Nein; aber mit Hoffnung zunächst nur aus die wenigen. Wie Maimonides in seinem „Führer der Verirrten" spricht: „Ich bin der Mann, der, wenn ihn ein Gegenstand drängt und er auf beengter Bahn keinen Ausweg findet, Wahrheit nntzuteilen anders als dergestalt, daß sie Einem Vortrefflichen nützlich erscheint, während sie von zehntausend Toren gemißbilligt wird, — ich bin der Mann, der es vorziehh sie diesem einzigen Vortresslichen mitzuteilen, ohne aus den Tadel jenes zahlreichen Pöbels zu achten." Die Wahrheit hat niemals eine Partei und kränkt immer alle Parteien; keiner nimmt an ihr ein „objektives" Interesse, da jeder einer Partei angehört. Und so bleibt also nichts als kränken, um zu sagen, was wahr ist; und betteln soll ich bei denen, die ich gekränkt Habe, daß man doch und doch nur nehme von dein einzig und allein wirklich Nehmbaren, weil einzig und allein wirklich Existierenden. Nichts andres als das allerseits gründlich Verschmähte und in den Abgrund Geworfene stellt dar das von allen Gesuchte; dem sie aber nachjagen, oder was als das Gesuchte sie gesunden glauben, ist das Nichtwirkliche (wie soll es gedeihen?), ist das von der Wirklichkeit Ablenkende ihrer Einbildungen, ist das sie untereinander in Streit und Verwirrung und sie allesamt ins Verderben Führende. „Sie gehen alle in der Irre; ein jeglicher sieht auf seinen Weg." Jegliches ihrer Ideale aus der Die Schriftleitung. jüdischen Parteiung muß ich ant-asten, es kann keines geschont sein; wie eine Partei gegen die andre ist, so bin ich gegen alle Parteien insgesamt. Um auf das Eine zu dringen, was innerlich menschlich und nach außen hin ihnen die Kraft vermehren und sie alle einigen sollte zu festester Verbundenheit. Seht aus dieses Wesentliche und sagt nicht länger, es sei unjüdisch. Seht recht es an; ist es menschlich, so ist es auch jüdisch für die Menschen von jüdischer Herkunst. Um diese Menschen geht es; ganz wirklich und wahrhaftig um Menschen geht es. Darum geht es: daß die Juden, das heißt das jüdische Volk-Nichtvolk mit seinen Mensch-Nichtmenschen zu wirklichenfr eie nMenschenunterden wirklichen freien Völkern gemacht werden, mit andrem Wort: um die Judenemanzipation und um die Mitarbeit der Juden daran. Arbeiten die Juden mit? Drauf und dran erblicken wir sie, ihre eigene Emanzipation zu vereiteln. Nicht alle tun das; aber was nützt es Vereinzelten, nach der Treue zu trachten? Sie finden sich zur Ohnmacht verdammt durch der andern sinnlos ausschlagendes und entscheidend gefährliches Treiben. Ans Messer liefern sich die Juden selbst mit dem Zionismus, dem aus ihrer Angst und Not geborenen. Gleich dem Böcklein in der Wüste, das ein Mann gegriffen hatte und wollte es schlachten, nur ein Messer fehlte; das Böcklein sträubte sich, scharrte mit den Füßen und — scharrte ein Messer aus dem Sand. Mit ihren Sprüngen zum Bereuen haben sie das lebenraubende Phantom des „jüdischen Volkes" heraufgescharrt, das Messer für ihren Schlächter. Verblendeter als jemals hören sie wieder, statt auf Vernunft und den Geist des Judentums, aus den Aberglauben des Judentums; und die Verwirrung der Gedanken zwischen Geist und Fleisch lähmt ihnen den Arm im Kampf um ihr Leben. Wir werden aber zu hören bekommen nicht allein von der Sünde des Zionismus, sondern auch von der Mitschuld der nichtzlonistischen Parteien am Zionismus, ja von einer Art Zionismus bei allen Juden... Ich sagte vorhin, ich sei nicht jüdischer geworden: vielleicht werdet ihr sagen, ich sei unjüdischer und ganz unjü'disch geworden. Denn ich will nur gleich hier schon emgestehen, daß ich in einiger Hinsicht umgelernt habe. Hauptsächlich der Zionismus ist mein Lehrer gewesen: die Gefahr des Zionismus, die ich weit höher einschätze, als gewöhnlich geschieht, ist mein Lehrer gewesen, die Gefahr des Zionismus in den Zionistischen und nichtzionistischen Juden. Ich hätte nicht für möglich gehalten, was ich nun doch erleben mußte: daß die Juden tatsächlich noch einmal wieder auf den Gedanken geraten könnten, ein Volk zu sein — Gabriel Rießer wollte diesen Gedanken für ein Anzeichen von Verrücktheit genommen wissen. Trotz allem fortdauernden und zu Zeiten sich wieder verstärkenden Judenhaß hätte ich diese Reaktion der Juden auf den Judenhaß für ganz unmöglich gehalten. Die Entwicklung, welche es nun aber mit dem Zionismus genommen hat, und mehr noch das Verhalten der nichtzionistischen Juden zum Zi onismus, haben mich verwirrt, auf unerwartete Weise bewegt und in manchen meiner Gedanken und Forderungen eine Aenderung und Verschärfung bewirkt. Einiges will mir kaum noch erscheinen wie von mir Gesagtes, sondern als rührte es her von einem jüngeren Bruder. Vor allem mußte ich die Frage fest anpacken, was denn das eigentlich ist „Jüdischsein", und ob es nicht etwas ist, was in allen Juden immer weniger wird? Die Abstammung ist damit nicht gemeint, nach der Abstammung sind alle Juden gleich; aber die Abstammung versteht ihr auch nicht unter dem Jüdischsein, sondern das lebendige Judentum in den Juden, welches auch ihr n i ch t z i o n i st i s ch e Juden lebendig erhalten wollt. Aber nun geht das Fragen erst an, ob sich, derlei erhalten läßt, und was das ist, das Judentum, welches ihr erhalten wollt? Gewöhnlich gebt ihr darauf die Antwort: Judentum sei die jüdische Religion. Aber wenn das richtig ist, so werden derer immer weniger, für welche das Judentum zu erhalten wäre; längst schon nicht mehr sind alle Juden auch Bekenner der jüdischen Religion. Und die jüdische Religion selbst ist etwas, was immer weniger wird; und das von ihr bis heute noch erhalten Gebliebene erscheint (wie wir sehen werden) ganz anders als das, was früher die Mische Religion gewesen. 'Es stecken viele Fragen in der Frage nach dem Judentum, und zuletzt fand ich mich getrieben, noch einmal in der Kürze unzweideutig und faßlich meine Auffassung vom Jüdischen, vom Geist des Judentums, darzulegen — nach meiner Ueberzeugung ist der Geist des Judentums nichts Religiöses und nichts der Veränderung Fähiges. Was darüber ich sage, das solltet ihr mit mir bedenken, ihr lieben Juden samt und sonders, ehe ihr sagt (und glaubt damit etwas gesagt zu haben), ich sei unjüdisch; und alsdann betrachtet mit mir euer Jüdisches, was es sei, und wie sich das, was ihr als Jüdisches bewahren wollt, zur Forderung der Emanzipation verhält, und was für Menschen ihrseid?

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