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Central-Verein-Zeitung · 1930-03-21 · 12 (21.3.1930) · p. Seite 150

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
12 (21.3.1930)
Date
1930-03-21
Page
Seite 150 (sequence 10)
Language
German
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150 Wenn man die Lage der Juden von heute charakterisieren wollte. Emil Ludwig saat selbst an einer anderen Stelle, daß nur ein kleiner Teil der Juden und nur ein sehr ' kleiner Teil der Westjuden selbst bei unbegrenzten Siedlungsmöglichkeiten in Palästina dorthin auswandern würde. Wenn trotzdem ein so großer Teil der Juden sich mit dem. Palästina-Aufbau verbunden fühlt, so kann es nicht das Gefühl der „Heimatlosigkeit" sein, das sie dazu treibt. Emil Ludwig wird sicher in Amerika so manchen aus dem einflußreichen Kreise amerikanischer Juden kennengelernt haben, die sich mit einer seltenen Opferbereitschaft für Palästina einsetzen, es aber weit von sich weisen würden, sich als heimatlose Nomaden in ihrem eigenen Lande zu fühlen oder als solche angesehen Zu werden. Und sollte Emil Ludwig die Scharen der Palästina-Freunde unter den deutschen Juden so schlecht kennen, daß er sie von dieser Betrachtungsweise getrieben glaubt? Das Gefühl einer Gesamtverantwortung für eine große gemeinsame Aufgabe, die der Welt eine sichtbare Leistung des Judentums Zeigen soll, und die Verbundenheit mit dem Vaterlande, der Geburt und der Lebensarbeit sind keine Gegensätze. Erst vor wenigen Tagen hat ein Nichtjude, der Hamburger Demokratensührer, Bürgermeister Petersen, erklärt: „Das möchte ich in diesem Zusammenhang deutlich aussprechen: Daß wir keinesfalls eine Bewegung zu unterstützen in der Lage sein würden, die in irgendeiner Form den deutschen Juden ihr deutsches Staatsbürgerrecht und ihr Heimatrecht zu bestreiten geeignet wäre . . .* Beide, Zollschan und Vrodnitz, aus verschiedenen Lagern kommend, nach verschiedenen Zielen strebend, beide verfechten schließlich die gleiche Ueberzeugung. DieUeberzeugung, daß die Zugehörigkeit der Juden zu den Ländern, in denen sie geboren sind und in denen sie leben, im Laufe der geschichtlichen Entwicklung und unabhängig von der Wertung, die der einzelne dieser Tatsache zuteil werden läßt, so fest und unwiderruflich geworden ist, daß weder von einer nationalen Bindung innerhalb der Judenheiten der Welt, noch von einer Heimatlosigkeit der Juden innerhalb der jetzigen Volks- und Kulturkreise esprochen werden kann. Von beten Seiten also empfan'gen wir wertvolle Bestätigungen der wichtigsten Voraussetzungen unserer C. D. - Ide e. Dr. Eva Jimgmann. Zur Vorgeschichte -er „Jä-isch-nationalen Heimstätte EineAeußerung des Generals Kreß von Kressen st ein. General Kretz von Kressenstein, der die deutschen und türkischen Streitkräfte in Palästina bis zum Eintreffen des Generals von Falkenstein kommandierte und der seiner klugen, gerechten und ausgteichenden Art wegen bei den Soldaten wie bei der Bevölkerung Palästinas in größtem Ansehen stand, besuchte jetzt das Heilige Land und hat einem Vertreter der Jüdischen Telegraphenagentur (ITA) eine kurze Aussprache gewährt, in der er u. a. sagte: „Ich glaube, daß die Juden deswegen auf die Seite der Alliierten getreten waren, weil sie sich vergegenwärtigten, daß. Deutschland nicht Mi der Lage sei, ihnen ein nationales Heim zu gebend Dieser Ausspruch hat in der jüdischen Presse und in deutschjüdischen Kreisen Erregung hervorgerufen. . Deutschjüdische Kreise, die General von Kreß kennen, waren sich von vornherein darüber einig, daß hier eine mißverständliche Formulierung vorlag. Wir sind in der Lage, authentisch zu erklären, daß es General von Kreß vollkommen fern lag, das deutsche Judentum mit diesem Ausspruch zu treffen: die treue deutsche Gesinnung jüdischer Deutscher steht für ihn einwandfrei sest. General von Kceß wollte lediglich mit dem Ausspruche sagen, daß die Zionistische Leitung, die damals aus Angehörigen der alliierten Staaten bestand, in diesen für die Errichtung der nationalen Heimstätte wirkte. Fünf Mw 3tx Morgen". Von Dr. S. Weinberg. Mit den beiden Zuletzt erschienenen Heften 5 und 6 (Dezember 1929 und Februar 1930) beschließt die Zeitschrift „Der Morgen" ihren fünften Jahrgang. Wenn man die fünf stattlichen Bände, die nunmehr vorliegen, durchblättert, wird man gewahr, daß diese Zeitschrift nicht nur ein halbes Jahrzehnt besteht, sondern, daß sie wirklich lebt: denn sie hat vom ersten Heft an ein ausgeprägtes „Gesicht", sie vereint gediegene, wissenschaftliche Sachlichkeit mit Aufgeschlossenheit für die aktuellen Probleme. Das Interessengebiet des „Morgen" ist nicht künstlich eingeschränkt, etwa aus religiöse oder politische Fragen: alle echten Probleme, die den gegenwärtigen Juden angehen, werden hier behandelt. Ebenso hat man es verstanden, den Kreis der Mitarbeiter weit zu ziehen und so jedem Heft Fülle und Vielgestaltigkeit zu geben. Wenn an dieser Zeilschrist etwas zu beklagen ist, dann ist es der immer noch viel zu kleine Leserkreis. Selbst die beste und wertvollste Zeitschrift kann nur dann lebendigen Einfluß ausüben, wenn sie gelesen wird, — eine banale Wahrheit, die man aber immer wieder aussprechen muß. Das Interesse an diesen wichtigen Fragen ist bei der Mehrheit der deutschen Juden noch lange nicht stark genug, während nichkjüdische geistige Kreise mit besonderer Wärme den „Morgen" begrüßten. „Der Morgen" könnte ein Zentrum für viele geistige Bestrebungen, ja für eine jüdische Erneuerung und Vertiefung werden, ohne dabei seinen Charakter zu verlieren, der Verständnis und Erkenntnis des geistigen Antlitzes unserer Zeit aufzwmgen will. Die beiden letzten Hefte zeigen wiederum die Gediegenheit und den reichen Inhalt der Zeitschrift. Eine Aussatzreihe ist religiösen Zeitfragen gewidmet. Von verschiedenen Seiten wird das religiöse Leben der Gegenwart in den verschiedenen sozialen Schichtungen beleuchtet, — es ist besonders interessant, daß die Probleme von christlicher und jüdischer Seite behandelt werden. Ludwig Heitmann spricht über „Die Krisis der Religion in der Großstadt". Er deckt die drei Grundzüge aus, die im großstädtischen Lebensprozeß immer deutlicher sichtbar werden: die Unmöglichkeit, zu einer Tiefenbildung im Leben zu gelangen, die Erstarrung aller Lebensfunktionen in einem Netz von technischen Sicherungen, und endlich die wachsende innere Zerrissenheit, die Atomisierung der Gemeinschaften. Aus diesen Tendenzen ergibt sich eine Krise der Religion überhaupt. Heitmann spricht die Zuversicht aus, daß gerade aus diesem Verfall und durch diesen Verfall ein neues religiöses Lebensgesühl entstehe. Die Großstadt erzeugt eine Das Gesundheitswasser! FacUinger Versandstelle, Berlin SW 11, ßchöneberger Strasse 16a. Telefon: Lützow 8260fßl charakteristische Lebensangst, die Zum Ansatzpunkt einer neuen Kulturgestaltung werden kann. Vom jüdischen Standpunkt behandelt Rabbiner Dr. Leo Vaeck das gleiche Problem: „Gemeinde in der Großstadt." Er zeigt die soziologischen Wandlungen der Juden im Lause der Geschichte: erst Ackerbauer, dann während des Mittelalters bis tief in die Neuzeit Bewohner der Dörfer und kleinen Städte in geschlossenen Siedlungen und endlich die Menschen in den Großstädten. Damit wird die Stellung des einzelnen in der Gemeinde und zur Gemeinde eine andere, ja, die religiöse Einstellung mutz in der Großstadt aufs stärkste beeinflußt werden. Hieraus ergibt sich das schwere Problem der modernen Großgemeinden. Hugo Kappes bringt einen hervorragenden Aufsatz über: „Proletarische Religiosität." Der Proletarier ist keineswegs religionslos, wie vielfach behauptet wird. Gerade das Proletariat zeigt die stärksten Ansatzpunkte für eine echte und in die Zukunft weisende Religiosität: die Hoffnung auf eine Besserung der Lage, die im proletarischen Menschen lebt, ist eine stark religiös zu wertende Inbrunst; der proletarische Kollektivismus, der zu Opfern bereit ist, und endlich der starke Wirklichkeitssinn sind für religiöse Gestaltung bedeutsame Züge. Trotz dieser Religiösität vollzieht sich eine immer stärker werdende Abkehr des Proletariats von den Kirchen. Daran find nach Kappes die Kirchen selbst zum größten Teil schuld, weil sie sich aus die „bürgerliche" Seite des Klassenkampses stellen. Kappes verlangt, daß die Kirchen den heutigen Kapitalismus grundsätzlich ablehnen sollen. Er schildert die Bewegung der christlichen und der religiösen Sozialisten. Diese Bewegungen, vor allem der Kreis um T i l l i ch, sind beachtenswerte Erscheinungen, und mit Recht hebt Kappes die Bedeutung dieser Gedankensührungen hervor. Der Aussatz von Gustav Mahr über „Bäuerliche Frömmigkeit" ist besonders interessant, weil er zeigt, daß die Religiosität des Bauern starke alttestamentliche Züge aufweist. Den Werdegang des französischen Judentums schildert Hans Reißner in einer klaren Skizze. Er zeigt, daß die französischen Juden ursprünglich zivei getrennte Gruppen bildeten, die Sefardim in Bordeaux und Bayonne und die Aschkenasim hauptsächlich in Elsaß-Lothringen. Erst in der großen Revolution und im Zeitalter Napoleons entsteht die einheitliche französische Judenheit. Sehr interessant ist der Vergleich zwischen der geistigen Einstellung der französischen Juden vor und nach dem Weltkrieg. Reißner weist auch auf die geistigen Bewegungen hin, die von Edmond F l e g und AimH Palliare ausgehen. In Heft 6 beschließt Ludwig Feuchtwanger seine anregenden Auseinandersetzungen mit der alttestamentarischen Forschung. Er würdigt und kritisiert u. a. die Forschungen von Johannes H e m p e l und zeigt, welche Gefahren sich ergeben, wenn man kritiklos psychoanalytische und soziologische Fragestellungen auf die Bibelwissenschast überträgt. Hier handelt es sich um höchst wichtige Fragen: um das Wesen des Judentums und um die Religion als solche. Feuchtwanger zeigt in prinzipiellen Ausführungen, daß man mit der „Entlarvungs- Psychologie", die etwa in den Worten der Propheten nur eine Folge von „Verdrängungen* sieht, zu einer Trivalisierung, nichb aber zu einer wirklichen Erkenntnis gelangt. „Die neueren Strömungen in der Psychologie in ihrer Bedeutung für die heutige Seelsorge* > Die v , Marken oer Tangermüoder Schokoladenfabrik. Neu auf genommen! HDS Neu autgenommen! Alleinvertrieb durch die Firma J. Anton Alexander« Berlin N018, Landsberger Strasse 91.

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