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Central-Verein-Zeitung · 1930-03-21 · 12 (21.3.1930) · p. Seite 149

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
12 (21.3.1930)
Date
1930-03-21
Page
Seite 149 (sequence 9)
Language
German
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14- EinwMerungsbWrlMklilMli In Südasrika. Die englische Regierung hat ein Gesetz angenommen, das die Einwanderung in Südafrika vom 1. Mai 1930 ab auf 500 Personen pro Jahr beschränkt. Einwanderer, die nach dem 30. April in Südasrika eintrefsen, ohne über ein Visum auf Grund des neuen Quotengesetzes zu verfügen, werden nicht mehr eingelassen. Wir haben Rabbiner Dr. Meier Hildesheimer, der kürzlich von einem dreivierteljährigen Aufenthalt in Südafrika zurückgekehrt ist, über die Gründe befragt, die zu dem neuen Gesetz führten, und in einer Unterredung folgende Darstellung von ihm erhalten: In Südafrika, einem Land, das dreimal so groß ist wie Deutschland, leben — unter 1% Millionen Weißen — 72000 Juden. Sie siedeln sich bei ihrer Einwanderung in den Städten an und treiben Handel, da ihnen das Geld fehlt, um Ländereien zu erwerben und den regenarmen Boden — es gibt Landstriche, in denen es seit fünf Jahren nicht mehr geregnet hat — fruchtbar zu machen. Das Land wird fast ausschließlich von den christlichen Buren, deren holländische Vorfahren vor mehr als 300 Jahren einwanderten und Ländereien erwarben, bewirtschaftet. Der kaufmännische Beruf gibt den Juden zwar die Möglichkeit zu leben, ist aber verhältnismäßig aussichtslos, da Südafrika bisher keinerlei Luxus kennt und in seinen Bedürfnissen unbeschreiblich anspruchslos ist. So gibt es z. B. selbst in der Hauptstadt Johannisburg weder Theater noch ein Kunstgeschäft. Die einwandernden Juden nehmen also, um überhaupt leben zu können, zunächst jede, auch die niedrigste Arbeit an; dadurch machen sie den eingeborenen Schwarzen, die von den Buren bisher noch immer als Sklaven angesehen und behandelt wurden, Konkurrenz, erhöhen durch diese äußere Gleichstellung auch deren soziale Ansprüche und heben so ihr Ansehen. Diese Entwicklung ist den Buren, die nicht gerade arbeitsfreudig sind, durchaus unerwünscht, um so mehr, als sie sehr kinderreich sind und deshalb fürchten, daß ihre Nachkommen keine Existenzmöglichkeit in Südafrika haben werden. Südafrika hat augenblicklich mit großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Wolle und Leder, seine Hauptausfuhrartikel, sind aus dem Weltmarkt so stark gefallen, daß sie kaum noch die Herstellungskosten lohnen. Das hatte eine Verschärfung der schon immer mißlichen Geldverhältnisse zur Folge, in deren Verlaus die Banken Händlern und Farmern fast allen Kredit kündigten. Bei dieser Stagnation der Wirtschaft versuchen die Buren natürlich alles, um ein weiteres Anwachsen der konkurrierenden Juden zu verhindern. Sie verschanzen sich dabei hinter die Nationalistische Partei, deren Rückgrat sie bilden. Es gibt in Südafrika drei Parteien: die Nationalistische, die Südafrikanische und die Arbeiterpartei. Alle drei erkennen die Herrschaft Englands an. Während jedoch die Nationalisten nur den gemeinsamen König mit England wünschen, wollen sich die „Südafrikaner" vollständig nach der englischen Politik orientieren. Nun haben die Nationalisten bei den letzten Wahlen am 10. Juni 1929 gesiegt und das Uebergewicht erhalten. Sie forderten sofortige gründliche Einwanderungsbeschränkung. Die Südafrikanische Partei wollte die im Interesse der Wirtschaft notwendige Einschränkung allmählich durchführen, während die Arbeiterpartei Südafrikas im Grunde für freie Einwanderung ist. Sie mußte sich zwar diesmal den wirtschaftlichen Gründen fügen, hat sich aber im Kampf um das Einwanderungsbeschränkungsgesetz vollständig zurückgehalten. Das neue Gesetz auf sofortige Einwanderungsbeschränkung wurde von dem englischen Ministerpräsidenten eingebracht und von den südafrikanischen Nationalisten unterstützt. Von Juden ist in diesem Gesetz zwar nicht die Rede; aber man muß fürchten, daß möglicherweise Willkür die Einwanderung noch erschweren wird, da der Ministerpräsident frei entscheiden darf, wer von den Einlaßbegehrenden herein darf und wer nicht. Für die litauischen Juden, aus denen sich etwa 90 Prozent aller einwandernden Juden überhaupt rekrutierten, ist die Durchführung dieses Gesetzes katastrophal. In Litauen haben die Juden keine Existenzmöglichkeit mehr. Sie Seit der Gründung der Je wich Agency und der zeitlich in unmittelbarem Zusammenhang damit stehenden schweren Erschütterung des Palästina-Aufbaus durch die Araberunruhen ist die innerzionistische Auseinandersetzung nicht zum Stillstand gekommen. Es ist auch nur zu begreiflich, daß die geistigen Führer der Bewegung sich immer von neuem veranlaßt fühlen, diese beiden entscheidenden Ereignisse in der zionistischen Entwicklung gedanklich zu bewältigen und die sich aus ihnen ergebenden Folgerungen darzustellen. Neuerdings hat es der durch seine „Revision des jüdischen Nationalismus" bekannte Zionist Dr. Ignaz Z o l l s ch a n unternommen, in der Wiener „Neuen Freien Presse" (Nr. 23 521) seine schon früher vertretenen Forderungen im Hinblick auf die neuesten Tatsachen mit verstärkter Dringlichkeit wieder zu erheben. Er nennt seinen Aussatz „Die Palästina-Krise. Die Wiedererstarkung eines Landes durch begrifsstheoretische Verwirrung gefährdet". Die These, die er unter diesem Leitsatz vertritt, erfordert ausmerksamste Beachtung auch nichtzionistischer Kreise. Zollschan leugnetet ne der wichtigstenG rundlagen der nationaljüdischen Gedankenführung: dasBe stehen einer jüdischen Nationalität in der Gegenwart. Er schreibt: „Es hat eine jüdische Nationalität bis Zur Vertreibung gegeben. Man kann auch noch bis zur Emanzipation in dein Sinne von einer Nationalität sprechen, als die Juden infolge der Verkehrssonderung, infolge der das ganze Leben umfassenden Geltung des Ritualkodex, durch die eigene Sprache und Kultur, durch die politische Ausnahmestellung, ja sogar durch Tracht und Kleidung eine in sich geschlossene Einheit darstellten. Dann aber beginnt mit der Ueberfchreirung der Ghettogrenze, mit der Ungleichung von Sitte und Lebensform und mit der zunehmenderen Entfernung von dem früheren Sonderdasein der gleitende Zustand einer Umnationalisierung: eine Annäherung an die Kulturen . der umgebenden Landesvölker bis zur völligen Ausgleichung, ja bis zum Ausgehen. Man kann die Tatsache dieses Prozesses verschieden werten, aber es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß er sich vollzieht.. Ebenso sicher wie Zollschan vom Aufbau Palästinas auch einen Wiederaufbau der Nation „aus Volkstrümmern" als letztes Ziel wieder erhofft, ebenso sicher hält er die Voraussetz u n g der Zionisten, diese nationale Einheit bestände, auch heute, für einen Denkfehler, ja, für.einen gefährlichen Irrweg: „Die Forderung, .daß alle Juden sich jetzt und hier dem Prinzip'-der nationalen Sonderstellung anschlicßen sollen, mußte für viele als MERAN Contin entai-Hoiel * **-**** Modernstes Familienhaus I.Banges m.letztem Komfort. An der Promenade. Müsste Preise. müssen auswandern. Ihre Zufluchtsstätte war bisher Südafrika, wohin sie sich fast ausschließlich wandten. Die westeuropäischen Länder sind ihnen durch die scharseu Einreisebestimmungen, die nur wenigen von ihnen einen auch nur meist begrenzten Aufenthalt gestatten, verschlossen. Nordamerika, Südamerika und Kanada unterbinden systematisch jede Einwanderung. Südbrasilien hat die Einwanderungserlaubnis schon vor langer Zeit sehr eng begrenzt. Nun hat sich ihnen auch Südasrika verschlossen. Das Schicksal Tausender wird dadurch ungewiß. Die Juden Südafrikas erkennen den furchtbaren Schlag, den dieses neue Gesetz für ihre litauischen Brüder bedeutet, und haben den 1. Mai, den Tag, an dem das neue Gesetz in Kraft tritt, als allgemeinen Trauer«, tag bestimmt. Zumutung erscheinen, sich als Nationsfremde den Staaten und Völkern gegenüber zu proklamieren, von denen sie durch Geschichte und Politik, durch territoriale, Sprach- und Kulturgemeinschaft, durch ihre Interessen- und Pflichtidentität ein Teil geworden sind und denen sie sich dem Gefühl nach zugehörig empfinden. Aus diesem Konflikt ergibt sich, -daß schon in den ersten Phasen des Zionismus die Mehrheit eine mit solchen Prämissen verknüpfte Forderung ablehnen mußte und daß durch die Schaffung dieses Konfliktes seine Anhängerschaft nicht über den Umfang einer Sekte hinauswachsen konnte . . Auch die „B ü n d n i s p o l i t i k" der Fewish Agency beseitigt nach Zollschans Ansicht nicht den gedanklichen Grundfehler, der allein der Sammlung der gesamten Judenheit auf ein einheitliches Palästina-Programm im Wege steht. A b h i l f e v e r s p r i ch t einzig und allein die Aufgabe des zionistischen Grundsatzes von der nationalen Einheit des Judentums seit der Emanzipation, also Revision des nationaljüdischen Grundbaus: „Was das Objekt einer solchen Revidierung hätte sein müssen, ist dies gänzlich unechte Ding des Diaspora-Nationalismus . . . Die Erreichung des Zieles wird eben nicht — wie aus Propagandamotiven erklärt würde — durch innerpolitischen Kampf gefördert, sondern behindert. Und hiermit parallellaufend tritt die Unsinnigkeit dieser pseudo-nationalen Attitüde hinsichtlich der wirklichen Intern essen in den einzelnen Ländern klar zutage. Einer „nationalen" Politik hierzulande würde es ja auch an nahezu allen programmatischen Inhalten fehlen. Die aber dann allein übrigbleibende bloße nationale Attitüde würde unter solchen Umständen nur noch juridische und politische Differenzierungen, das heißt eine Absonderungspolitik im Sinne des Antisemitismus, sanktionieren." Im Zusammenhang mit dieser zionistischen Stimme seien die Ausführungen unseres Hauptvorstandsmitgliedes Dr. Friedrich B r o d n i tz erwähnt, mit denen er zu den an dieser Stelle bereits erwähnten Palästina-Aufsätzen Emil Ludwigs Stellung nimmt. In einem Brief an die „Vossische Zeitung" (vom 16. März d. I.) weist Brodnitz die Ludwigsche Behauptung, daß „unter allen Völkern der Erde die Juden allein heimatlos sind, sich aber als eine Art von Nomaden in allen Ländern hervorgetan haben" und daß schon aus diesem Grunde die Wiedererrichtung der „Heimat" Palästina auf da3 -innigste zu wünschen sei, energisch zurück: ,,. . . Heimatlose Nomaden? Nomaden, die unstet, keinem Lande verhaftet, umherziehen, nur durch den Zufall dem Boden, auf dem sie leben, verbunden, jederzeit bereit, ihn zu verlassen? Man könnte kaum ein unglücklicheres Bild wählen. Cm “ 7 ' m SeWerkemllnis! Rach Aeußermigeii von Sr. Sana; Zollschan und Sr. Friedrich Brodnitz. 3895

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