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Central-Verein-Zeitung · 1930-03-21 · 12 (21.3.1930) · p. Seite 148

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
12 (21.3.1930)
Date
1930-03-21
Page
Seite 148 (sequence 8)
Language
German
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148 Gewaltige Aufklärungsversammlung des C.V. in Düsseldorf, In Düsseldorf entfalten die Nationalsozialisten seit vielen Monaten eine rege Werbetätigkeit. Kaum eine Woche vergeht, ohne daß im Kaisersaal der städtischen (!) Tonhalle, dem Zentral gelegenen größten Saale der niederrheinischen Metropole, eine Hitler-Versammlung stattfindet. (Uebrigens wurde die Stadtverwaltung in der letzten Sitzung des Stadtparlaments wegen Ueberlassung des Saales an die Nationalsozialisten von den Linksparteien interpelliert.) Während von den politischen Parteien bisher so gut wie nichts geschehen ist, um diesem Treiben einen Damm zu setzen, hat nun die Dü-sseldorfer Ortsgruppe des Centralvereins zu einem Gegenschlage ausgeholt. Drei Tage lang hingen an allen Anschlagsäulen der Stadt rote Niesenplakate mit der Schlagzeile: „Was sagt Religion zum Judenhaß?" Diese Plakate luden die Bevölkerung zu einer Bolksversammlung in den Kaisersaal, wo Geistliche der drei Konfessionen zu obigem Thema das Wort ergreifen sollten. Wer am vergangenen Montag abend eine halbe Stunde vor Beginn in die Tonhalle kam, hatte Mühe, auch nur einen Stehplatz zu finden; an 2000 Menschen drängten sich in dem völlig überfüllten Saale, dessen Galerien nicht freigegeben waren. Als der Vorsitzende der Düsseldorfer Ortsgruppe des C. V., Erich F e l s e n t h a l, die Versammlung eröffnete, setzte bereits gegnerisches Geschrei ein, das sich bald zum Tumult steigerte. Es schien, als würde trotz der an den Ecken postierten Schutzpolizei die Versammlung gesprengt werden. Der erste Referent, Pfarrer I). Fritze (Köln), konnte sich nur unter größter Anstrengung verständlich machen; denn aus dem Saale wie von der dichtbesetzten Empore tobte ein schreiender Janhagel. Pfarrer Fritze verwies als Frucht der antisemitischen Verhetzung auf die Schändung der siebzig jüdischen Friedhöfe und schilderte die Stellung Luthers zum altjüdischen Schrifttum. Leider wurde die Wirkung dieses auf hohem Niveau stehenden Referats durch den Spektakel unreifer Burschen stark beeinträchtigt. Auch der Zweite Redner, Volksmisstonar Pater A r a n d (^iegburg), hatte zunächst Mühe, sich durchzujetzen. Der Appell des Vorsitzenden, wenn schon nicht das Priestergewand, so doch wenigstens das weiße Haar des Geistlichen zu respektieren, verhallte fruchtlos. Pater Arand betonte, die katholische Kirche sei aus Grund ihres Sittengesetzes verpflichtet, gegen die Juden gerecht zu sein. In fast einstündigen, höchst wirksamen Ausführungen setzte sich der katholische Priester mit den Auswüchsen des Judenhasses auseinander. Inzwischen war auch ein größeres Polizeiaufgebot eingetrofsen, das die frechsten Schreier hinausbeförderte, so daß allmählich etwas Ruhe eintrat. Als zum Schluß Rabbiner Dr. Eschelbacher (Düsseldorf) das Wort ergriff, war der Erfolg der Vetfatntn» lung entschieden. In temperamentvoller, überaus schlagfertiger Rede ging Dr. Eschelbacher mit den nationalsozialistischen Hetzern ins Gericht. Unter lautloser Stille verlas er die infamsten Mordgesänge der Hitler-Jugend, und als er als Folge des bekannten Mordspruchs gegen Rathenau dessen Ermordung erwähnte, rief prompt ein „Reiniger Deutschlands": „Gott sei Dank!" — Nach zweistündiger Tauer fand die Versammlung ihr Ende, die noch zu Tumulten auf den Hauptstraßen führte, wo die Polizei verschiedentlich mit dem Gummiknüppel gegen den johlenden Mob Vorgehen mußte. — Unsere Düsseldorfer Ortsgruppe mit ihrem unerschrockenen Führer Erich Felfenthal hat sich mit dieser Veranstaltung den Dank aller guten Deutschen erworben. Nlder. Ssdbad LSI,. Preisen das Beste an Unterkunft und Verpflegung. — Eröffnung 11. April. Am gleichen Tage, abends, vereinigten sich die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Gieften Zu einer Versammlung, in «der ebenfalls Dr. Hirschberg (Berlin) über das Thema: „Der C. V. an der Arbeit" berichtete. Auch in der Marburger Ortsgruppe hielt Dr. Hirschberg am 11. März ein mit großem Interesse aufgenommenes Referat, an das sich eine Aussprache knüpfte, die zur Gründung einer Arbeitsgruppe der deutsch-jüdischen Jugend führte. In EschLoege fand in einer vom C. V. einberufenen Gemeindeversammlung, an der sich mehr als hundert Personen beteiligten, ein Vortrag unseres Syndikus Dr. Marx (Frankfurt): „Was uns droht", statt, der eine angeregte Diskussion auslöste. Desgleichen fanden unsere Freunde, Rechtsanwalt Dr. Kehr (Kaiserslautern) und Frau Margarete G o l d st e i n (D a r m st a d t), in einer Gemeindeversammlung in Offenbach a. M. am 12. März größte Aufmerksamkeit und Zustimmung. Der L a n d e s j u g e n d a u s s ch u ß des C. V. hatte für Sonntag, den 9. März, seine Mitglieder und die in Frankfurt a. M. wohnenden jüdischen Abiturienten und Primaner zu einer Arbeitstagung eingeladen, in deren erstem Teile Dr. Otto F e l d m a n n (Freiburg) einen Lichtbildervortrag über „Nassesragen" hielt. In der gleichen Weise, wie die nichtjüdische Umwelt immer mehr das Beidürfnis fühlt, sich Aufklärung über unser Arbeitsgebiet geben zu lassen, hatten auch diejenigen Kreise der Ju-denheit, die bisher unsere Arbeit zwar als notwendig anerkannten, aber sich an ihr aus irgendwelchen Vorurteilen praktisch nicht beteiligten, den Wunsch nach einer Klärung der trennenden Gesichtspunkte ausgesprochen. Infolgedessen sprach auf Einladung führender Mitglieder der Synagogengemeinde Israelitische Religionsgesellschaft Frankfurt a. M. Dr. Ludwig Holländer (Berlin) am Dienstag, dem 11. März, im kleinen Festsaal des Hotels „Frankfurter Hof" über die Angriffe gegen die Grundlagen der jüdischen Religion. Der Redner behandelte eingehend die Tätigkeit des Centralvereins bei der Widerlegung von Verleumdungen gegen Thora, Talmud, Schulchan aruch und das gesamte jüdische Schrifttum und wies an der Geschichte des Centralvereins nach, wie Männer von der Bedeutung David H o s s m a n n s, Hirsch Hildesheimers, Esra Munks, Michael Guttmanns und viele andere die Notwendigkeit der Ausklärungsarbeit in nicht-jüdischen Kreisen über die „Geheimnisse" unserer Sittengesetze und religiösen Vorschriften anerkannt und gemeinsam mit dem Centralverein durchgesührt hätten. Im zweiten Teile seines Referates behandelte Dr. Holländer die Schächtsrage nach der tatsächlichen politischen und versassunsrechtlichen Seite hin, um zum Schluß die Schwierigkeiten zu erörtern, die sich infolge der durch die Heilighaltung des Sabbats notwendigen Sonntagsarbeit ergeben. In der Aussprache hob Jakob Rosenh e i m hervor, daß die Orthodoxie von jeher die Entwicklung des Centralvereins mit großer Aufmerksamkeit verfolgt habe und bestätigen müsse, daß der Centralverein seit Jahrzehnten imstande sei, auch den Empfindlichsten die Möglichkeit der Zusammenarbeit zu bieten. Der Centralverein habe immer den Standpunkt vertreten, daß in der Frage 'der Verteidigung der religiösen Tradition diejenigen Wortführer sein müßten, denen d i e s e T r a d i - tion Herzens- und Ueberzeug u n g s s a ch e i st. So sei auch der Centrali verein durch die Zusammenarbeit mit? Dr. Hirsch Hildesheimer, Rabbiner l' M unk und anderen hervorragenden Persön- - lichkeit streng orthodoxer Richtung aus diesen , Gebieten immer in der richtigen Weise vorgegangen. Man müsse daher gerade aus den Kreisen der Orthodoxie den Centralverein - viel mehr als bisher fördern. Vor der I u g e n d g r u p p e der A g u - das Frankfurt a. M. sprach Syndikus - Dr. Marx über die Frage: „Wir können wir wirksam den Antisemitismus bekämpfen." Rasse, Kultur und Volk. Ein Bortrag Professor Wehnerts. Die Hamburger deutsch-jüdischen Jugendvereine veranstalteten kürzlich einen gemeinsamen Abend, bei dem Professor Wehnert (Hamburg) über das Thema „Rasse, Kultur und Volk" sprach. Er führte etwa aus: Erklärt man die Rasse durch Uebereinstimmung körperlicher Merkmale und durch den Erbgang, so ordnen die D a r w i n i a n e r alle Erscheinungen mit Hilfe der Abstammungstheorie, die die Unveränderlichkeit der Rassen lehrt. Die Lamarkianer wollen auf Grund der Entwicklungslehre auch der Rasse Ableitung und Beeinflussung Nachweisen. Die Ergebnisse dieser Forschungen, die sich aus vorgefaßte Meinungen stützen, liefern deshalb keine wissenschastlichen Tatsachen, sondern philosophische Systeme zur Ordnung der Erscheinungen. Sie ermöglichen kerne Wertung. Rasse ist in Wirklichkeit etwas, mit dem man forscht, nichts, das man erforscht. Versucht man auf Grund irgendwelcher Merkmale die Menschheit zu unterscheiden, dann liegen letzten Endes die größten Differenzen zwischen Mann und Frau, dann ist schließlich jeder Mensch seine eigene Rasse. Rasse als sittliche Forderung bedeutet die Verpflichtung jedes Menschen gegen fid) selbst, die Pflege seiner Gesundheit! Läßt man selbst den Gedanken einer jüdischen Rasse zu, so findet man. Zumindest zwischen Aschkenasnn und Sephardim, direkte Rassengegensätze. Die Zionisten vertreten bei ihrer Beurteilung der jüdischen Abstammungsgemeinschaft das Veharrungsprinzip, während nach Ansicht des Centralvereins die Entwicklung der Juden milieuhaft bedingt ist. Die Probleme Kultur und Volk sind ebenfalls dieser doppelten B e u r t e i l u u g s - Möglichkeit unterworfen. Tie romantische Idee des Ewigen, Unabänderlichen glaubt hier an eine rätselhafte Bestimmtheit der Welt, ein Gedanke, den am ausgeprägtesten wohl Spengler in seinem „Untergang des Abendlandes" vertritt. Wir können aber auch rationalistisch Kultur und Volk durch Willensentscheidungen des Menschen festlegen. Es bietet eine Bereicherung unseres Weltbildes, Unterschiede in Erscheinung und Seele der Völker herauszuarbeiten, wenn wir uns der gleichwertigen Lösung gemeinsamer Menschheitsaufgaben bewußt sind. Eine rege Diskussion schloß sich an die mit großem Beifall ausgenommenen Ausführungen, in der u. a. auch Dr. A u r i a s (Hamburg) das Wort ergriff. Der Vortrag bewies klar die Relativität aller Ideologien. Man findet das bei der Forschung, was man finden will. Der willensmäßige Entschluß ist auch in Problemen, wie sie hier gezeigt werden, der einzige maßgebende Faktor. J. C. (Lübeck). Landesverbandssitzung in Ostpreussen. Der Landesverband Ostpreußen hielt am Sonntag, 16. März, eine erweiterte Vorstandssitzung ab, an der viele unserer Freunde aus Königsberg und aus der Provinz teilnahmen. Der Landesverbandsvorsitzende, Sanitätsrat Tr. P o 11 n o w , eröfsnete die Tagung mit einem Gedenkwort aus den dahingegangenen stellvertretenden Vorsitzenden des Landesverbandes, Rechtsanwalt Leo W i 11 (Tilsit), und den verstorbenen stellvertretenden Vorsitzenden des Centvalvereins, Oskar Hermann (Berlin), zu deren Ehren sich die Anwesenden von ihren Plätzen erhoben. Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil (Berlin), der stellvertretende Vorsitzende des Centralvereins, machte überaus unterrichtende Mitteilungen aus der Arbeit des C. V. Sodann berichtete Syndikus S a b a tz k y über die Tätigkeit des Landesverbandes Ostpreußen und wies besonders auf die zunehmende völkische Radikalisierung in der Bauernschaft hin. Aus der Aussprache sind besonders die Ausführungen von Prediger Mannheim (Osterode) zu erwähnen, -der darauf hinwies, daß jetzt auch Prinz A u g u ft W i l h e l m in den Reihen der Nationalsozialisten als Führer und Redner aufträte; Kauftnann Zacharias (Lötzen) berichtete, daß sich ein Teil der antisemitischen Bewegung in dem Grenzkreise in durchaus deutschfeindlichem und polensreundlichem Sinne auswirke. Die Tagung stärkte den Willen der Versammelten, auch weiterhin im Sinne des C. D. zu wirken.

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