Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 12 (21.3.1930)
- Date
- 1930-03-21
- Page
- Seite 147 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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s Aus der Arbeit des Centralvereins. Aufklärung unter Juden und Nichtjuden, Bin interessanter Bericht unseres Landesverbandes Hessen - Nassau und Hessen. M.M. Frankfurt, 18. März 1930. Die Monatsausgabe. Seit einer Reihe von Jahren versuchen wir, durch Versendung der Einmonatsausgabe unserer „C.-V.-Zeitung" viele Tausende unserer christlichen Mitglieder über bestehende Vorurteile aufzuklären und ihnen Kenntnis vom wahren Wesen des Judentums zu vermitteln. Wir hatten keine Gewähr dafür, in welchem Umfange diese Aufklärung notwendig oder erwünscht sei. Lediglich aus der Tatsache. daß nur ganz vereinzelt die von uns kostenlos gelieferte Zeitung als unbestellbar oder „verweigert" Zurückkam, konnten wir schließen, daß die von uns gewählte Form der Unterrichtung nichtjüdischer Kreise willige Aufnahme finde. Unsere Vermutung wurde durch das Ergebnis einer Rundfrage in erfreulicher Weise bestätigt. Viele Hunderte von Lesern sprachen nicht nur ihren Dank für die bisherige Zusendung des Blattes aus und hoben besonders den ruhigen, sachlichen Ton der Aufsätze hervor, der so wohltuend gegen das Niveau der nationalsozialistischen Presse absteche, sondern legten in ausführlichen Briefen ihre Stellungnahme zur Judenfrage dar und sprachen den Wunsch ans, mit umfangreicherem Aufklärungsmaterial über ganz bestimmte wissenschaftliche und politische, mit der Judenfrage zusammenhängende Probleme versorgt zu werden. Daß wir diesen Wünschen entsprochen haben, ist selbstverständlich. Da wir aber bei der Sichtung des Materials erkannten, wie stark in unserer nichtjüdifcken Umwelt das Bedürfnis ist. sich in leidensckzaftsloser und sachlicher Art mit den Problemen auseinanderzusetzen, die unter dem Druck der wirtschaftlichen Verhältnisse jeden einzelnen Staatsbürger angehen und von judenfeindlicher Seite in täglich Hunderten von Versammlungen einseitig beleuchtet werden, ohne daß man den angegriffenen Juden die Möglichkeit zur persönlichen Stellungnahme und Nichtigstellung gibt, haben wir eigene Versammlungen, teils vor breitester Öffentlichkeit. teils vor geladenen Gästen, veranstaltet. Oeffentliche Versammlungen. Der Verlauf der Abende hat uns ein dreifaches gezeigt: erstens: Weite Kreise, die sich aus allen Schichten und Berufsgruppen der nichtjüdischen Bevölkerung zusammensetzen, wollen mit der nationalsozialistischen Bewegung, insbesondere ihren rohen Ausdrucksformen, nichts zu tun haben, sie waren vielfach nur unter dem seelischen Druck des wirtschaftlichen Existenzkampfes Schlagwördern unserer politischen Gegner zugänglich geworden; zweitens: Es besteht überall da, wo der Nationalsozialismus in der Zellenbildung begriffen ist oder bereits Anhänger gesunden hat, das Bedürfnis, sich auch von unserer Seite unterrichten zu lassen — die Versammlung in Corbach am 8. März war schon eine Viertelstunde vor Beginn so überfüllt, daß sie polizeilich geschlossen werden mußte und mehrere Hunderte keinen Einlaß fanden; die Veranstaltung in Heppenheim a. B. am 16. März hatte tausend Zuhörer angelockt, wobei ebenfalls etwa zweihunderb keinen Einlaß mehr fanden; drittens aber zeigten uns sämtliche Veranstaltungen aufs neue, wie schlecht es um die gegnerische Beweisführung bestellt sein muß, da sich trotz der Zusicherung unbeschränkter Redezeit in keinem Falle ein Gegner zum Worte meldete. In Corbach wurde der Vortrag, den der stellvertretende Syndikus des Eentralvereins, Dr. Alfred H i r s ch b e r g (Berlin), über „Verstehen, Zusammenarbeit. Wiederaufstieg, der Weg gemeinsamer deutscher Zukunft", am 8. März vor überfülltem Saale, der polizeilich gesperrt werden mutzte, hielt, wie die „Waldeckfche Landes-Zeitung" nach einer ausführlichen Inhaltsangabe bemerkt, „mit geradezu andächtiger Ruhe" ausgenommen und „die sachlichen und ruhigen Ausführungen des mit der Materie so außerordentlich vertrauten Redners ernteten reichen Beifall". Zu einer Aussprache kam es leider nicht, obwohl sich wohl ein Drittel des Publikums aus Nationalsozialisten zusalnmensetzte. Auch ein Zwischenrufer, dem der Referent sofort eingehend antwortete, meldete sich trotz wiederholter Aufforderung weder zum Worte, noch nahm er ihm angebotenes Material entgegen, ein Verhalten, das bei den übrigen Zuhörern lebhafte Bewegung auslöste. Das gleiche Bild bot sich in Worms am 13. März, wo der Direktor des Centralvereins, Dr. Ludwig Holländer, im Nahmen des Themas: „Innerer Friede — Deutschlands Rettung" eingehend alle von gegnerischer Seite wider besseres Wissen und leichtfertig aufgestellten Behauptungen von der „jüdischen Presse", „jüdischen Internationale", „jüdischem Marxismus". Fremdheit der Juden, Nassefragen usw. auf ihre Berechtigung untersuchte. D^r große Beifall des überfüllten Saales, der ihm zuteil wurde, steigerte sich ganz besonders, als er auch auf die Fragen einging, die in einem von nationalsozialistischer Seite ihm zugegangene^ anonymen Brief aufgeworfen waren. Trotz eindringlichen Appells fand auch hier keiner der im Saale selbst anwesenden Nationalsozialisten den Mut zum persönlichen Meinungsaustausch. Auch in Offerrbach a. M. legte Dr. Holländer am 15. März vor zahlreichen geladenen nichtjüdischen Gästen den Fragenkomplex klar, der infolge der völkischen Verhetzung jeden wohlmeinenden Nichtjuden zur Stellungnahme zwingt. Person lickte Einladungen zu der Versammlung am 17. März in Heppenheim a. d. B., in der die Vertreter der drei Konfessionen, die Herren Dr. theol. und phi-l. C. M. K a u f m a n n (Frankfurt a. M.), Pfarrer Dr. Adolf Wendel (Oberbreidenbach, Oberhessen) und Rabbiner Dr. S. Levi (Mainz) die Frage: „Ist der Judenhaß berechtigt?" untersuchten, hatten einen solchen Massenbesuch zur Folge, wie ihn das liebliche Städtchen an der Bergstraße wohl noch niemals gesehen hatte. Während Rabbiner Dr. Levi namens unserer Glaubensgemeinschaft in würdiger Form gegen die Verhetzung protestierte und unter Widerlegung einzelner Behauptungen über das jüdische Schrifttunr und die Rolle der Juden im Wirtschaftsleben aus die Schädigung des deutschen Namens überhaupt hinwies, Zeigten Dr. K a u f m a n n , für die katholische., und Pfarrer Dr. Wendel, für die protestantische Glaubensgemeinschaft, wie aus der Geschichte, aus der Glaubenslehre der beiden Nachbarreligionen und aus den allgemeinen Grundsätzen des Gemeinschaftsgefühls und der Nächstenliebe der Judenhaß niemals die Zustimmung wahrer Christen finden, auch gar nicht scharf genug verurteilt werden könne. Im Anschluß an alle diese Veranstaltungen erbaten zahlreiche Dersammlungsbesucher aufklärendes Material über die Judenfrage; der Landesverband hatte jeweils ein Exemplar der in Frage kommenden Broschüren zur Ansicht ausgelegt und wird das Gewünschte den Bestellern kostenlos zugehen lassen. Mitgliederversammlungen. Auch bei unseren eigenen Mitgliedern macht sich naturgemäß mit der Zunahme der nationalsozialistischen Agitation und Versammlungstütigkeit das Bedürfnis geltend, durch Aufklärung über unsere eigene Tätigkeit innere Kraft und größeres Selbstbewußtsein zu gewinnen. um den Angriffen von außen begegnen zu können. Dr. raed. Otto Selbmann (Freiburg) unterrichtete datier unsere Freunde in Bad Nauheim am 8. März in einer gut besuchten Versammlung über „Rassefragen", indem er die Grundbegriffe des Nasseprvblems und der Vererbungslehre in anschaulicher Weise behandelte. In Limburg fand am Sonntag, dem 9. März, nachmittags, eine Bezirkstag ung statt, an der sich etwa 120 Freunde unserer Sache, darunter Vertreter von zehn auswärtigen Ortsgruppen, beteiligten. Dr. Alfred H i r s ch b e r g (Berlin) referierte über: „Die Lehren des Nationalsozialismus" unter hauptsächlicher Erörterung der Schächtfrage, des Numerus clausus, der Thüringer Ereignisse und der Warenhausfrage. Zehn Jahre Groß-Berliner <L v.-8rauenarbeit. Von Margarete Fried. Am 1. April 1930 blicken wir auf zehn Jahre Groß-Berliner C. V.-Frauenarbeit zurück. Die Organisation der C. V.-Frauen war ein Gebiet, das erobert werden mußte; die politische Gleichberechtigung der Frauen wurde zum Weckruf. Der Kampf um Ehre und Gleichberechtigung der jüdischen Deutschen schließt besondere Frauenaufgaben ein, an deren Lösung die jüdische Frau Mitarbeiten muß. Die Groß-Berliner C. V.-Frauengrnppen arbeiten auf der Grundlage dieser besonderen Frauenaufgaben: die Erstarkung der Jugend an Deutschtum und Judentum muß durch die Mutter vorbereitet werden; die durch die Wirtschaftslage gebotene Berufsumschichtung zu erkennen, ist Aufgabe der Mutter; die beruflich tätige, wirtschaftlich selbständige Frau darf sich dem Problem des Boykotts jüdischer Arbeitnehmer nicht verschließen; jede deutsche Jüdin muß sich mit den Waffen des Wissens vom Judentum ausrüsten, um die heilige Mission der Frau als Erhalterin des Judentums zu wahren; die jüdische Frau als deutsche Staatsbürgerin aber ist die berufene Vertreterin, um die Erkenntnis der Wertigkeit der deutschen Juden durch aufklärende Arbeit in die Reihen der nichtjüdischen Mitbürger zu tragen. Nach zehn Jahren der Arbeit umfaßt Groß-Berlin 16 C. V.-Frauengruppen. Den Ehrenvorsitz über die Frauenarbeit hat die Gattin unseres Führers Eugen Fuchs, Frau Geheimrat Fuchs, übernommen. Ihr und ben Frauenvorsitzenden der einzelnen Frauengruppen sei von dieser Stelle aus der herzlichste Dank für die unermüdliche, erfolgreiche Mitarbeit ausgesprochen. Frauenarbeit im Centralverein ist keine Arbeit, die durch Massenwerbung in die Erscheinung treten will. Frauenarbeit ist Arbeit in der Stille; durch Frauenarbeit soll sich die sittliche Verpflichtung jedes einzelnen deutschen Juden zur Teilnahme am Kampfe des Centralvereins durchsetzen; Frauenarbeit trägt in sich den Grundsatz: „Die Zukunft wird nur dann eine andere, wenn die Gegenwart zu vorbereitendem Handeln ausgenutzt wird." * Aus Anlaß der zehnjährigen Wiederkehr der Begründung der C. V.-Frauenarbeit ist von Margarete Fried eine kleine Schrift verfaßt worden, die den gedanklichen Aufbau der Frauenarbeit wiedergibt. Diese Schrift steht auf Wunsch unseren Mitarbeiterinnen zur Verfügung.