Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 12 (21.3.1930)
- Date
- 1930-03-21
- Page
- Seite 146 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2277379-2277676-2277688--05884-2286663- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
m Lohnen-e Serufe! / A rptid,‘ Die brennende Frage der Berufsumschichtung beschäftigt dauernd die Gemüter. Soviel auch darüber schon geschrieben wurde, soviel Beachtenswertes dabei auch schon gesagt wurde, auf den eigentlichen Kern der Frage sind bisher die wenigsten eingegangen. Berufsumschichtung heißt sich umzustellen, beispielsweise vom kaufmännischen Beruf zum Handwerk oder einem beliebigen anderen Beruf. Wie wenige haben da den Mut Zu diesem Zweifellos nicht leichten Schritt. Wenn beispielsweise Deutsche nach der Uebersee auswandern, dann ergreifen sie unbedenklich und ohne Hemmungen jede Gelegenheit, um ihr Leben Zu fristen. Da kommt es gar nicht darauf an, ob der Betreffende in der Heimat einen „sogenannten" geachteten Berus bekleidet hat oder nicht. Wenn man ihm aber in der Heimat angeboten hätte, irgendeine „sogenannte" mechanische Arbeitsleistung auszuüben, so hätte Zweifellos nicht nur er, sondern seine ganze Familie dies als eine ungeheure ^Herabsetzung" angesehen. Selbst der Krieg mit seinen häßlichen Nacherscheinungen hat es nicht vermocht, diese falsche Einschätzung der Arbeit in Werkstatt und Maschinen raum zu beseitigen. Unmittelbar nach dem Kriege, als eine ganze Anzahl aktiver Offiziere plötzlich vor dem Nichts standen, kam es wohl einmal vor, daß der eine oder andere ein Handwerk erlernte, um damit sein späteres Fortkommen zu ermöglichen. Mir selbst sind solche Fälle bekannt und ich glaube im Sinne dieser Menschen zu reden, wenn ich sage, daß sie sich durchaus wohl fühlen und jetzt ihr gesichertes Fortkommen haben. Es gibt viele Tausende junger gesunder Menschen mit guter Schulbildung, die infolge Zusammenlegung einer großen Anzahl von kaufmännischen und sonstigen Betrieben, ich erinnere nur an das B a n k f a ch, arbeitslos geworden find und aus Jahre hinaus keine Aussicht haben, in derselben Branche Beschäftigung zu finden. Was soll aus diesen Menschen werden? Wer von ihnen hat den Mut, Kragen und Halbschuhe abzulegen und in die Werkstatt oder den Maschrnenraum zu gehen, um noch einmal von vorn anzufangen? Und doch ist dies der einzige Weg, der ihnen übrigbleibt, wenn sie nicht schon in jungen Jahren dauernd Wohlfahrtseinrichtungen zur Last fallen wollen. Es kommt die Zeit und das dauert gar nicht mehr lange, die einen Arbeitermangel in Deutschland bringen muß. Darauf weisen alle Statistiken der letzten Zeit warnend hin, denn der Geburtenausfall durch den Krieg wird in den allernächsten Jahren ganz deutlich in Erscheinung treten. Trotzdem es selbst in Zeiten der Hochkonjunktur im Reiche immer noch etwa 600 000 Arbeitslose gibt, herrscht doch ein empfindlicher Mangel an qualifizierten und hochwertigen Handwerkern, und das ist der wundeste Punkt in der Berufsfrage, soweit es sich um das Handwerk handelt. Wenn man heute noch von dem früheren goldenen Boden des Handwerks spricht, so vergißt man dabei, daß die Auswahl des Nachwuchses viel sorgfältiger vorgenommen wurde, als das leider heute der Fall ist; man vergißt ferner, daß die Lehrzeit nicht drei oder längstens vier Jahre dauerte, sondern viel länger, und man vergißt weiterhin, daß der junge Handwerksgeselle sich in der Fremde ein großes Maß von Kenntnissen erwerben mußte, ehe er die Berechtigung bekam, sein Handwerk selbständig auszuüben. Freilich, auch im Handwerk haben Technik und neuzeitliche Arbeitsmethoden sehr vieles grundlegend geändert, und trotzdem kann selbst der intelligenteste junge Mensch in drei oder vier Jahren nur die Anfangsgründe eines Handwerks erlernen; es gehört schon der mehrjährige Besuch von Fach- und Kunstgewerbeschulen dazu, um den jungen Menschen weiterzubilden, und wenn die Eltern bereit wären, für ihren Handwerkssohn dieselben Opfer zu bringen wie für ihre akademisch vorgebildeten Kinder, dann würde es um vieles besser werden, dann würden diese jungen Leute, dieser Nachwuchs, das Handwerk wieder zu einer hochqualifizierten Angelegenheit machen. Dann würde, wenn auch nicht der goldene Boden, jedenfalls aber die gesicherte Existenzmöglichkelt für die Zukunft geschaffen sein und auch das Stehkragenproletariat unter den Akademikern würde langsäm verschwinden, denn ich bin fest davon überzeugt, daß aus der letzteren Kategorie eine große Anzahl tüchtiger Handwerker hervorgegangen wäre, wenn die Eltern damals den Mut gehabt hätten, diese Menschen dem Handwerk zuzuführen. In Rußland hat der Staat infolge vollkommener Umkehrung der wirtschaftlichen Verhältnisse hunderttausende Intellektueller einfach dadurch zur Umschichtung gezwungen, daß er ihnen die Existenzmöglichkeit vorenthielt. Es ist allgemein bekannt, daß nur der Arbeiter von den vom Staat eingerichteten Stellen Lebensmittel im Austausch gegen seine Arbeitsleistungen erhält. helft dem Mittelstand! Wir veröffentlichen nachstehend eine Zuschrift, di-e tij mit der Behebung der Kreditnot befaßt und orschläge zu ihrer Beseitigung macht, da wir glauben, daß diese Frage von außerordentlicher Wichtigkeit ist. Wir find gern bereit, auch andere Zuschriften zu dieser Frage zu veröffentlichen, erklären aber auch im vorliegenden Fall, daß wir uns mit der Ansicht des Verfassers nicht vollständig identifizieren können. Die Schriftleitung. An die Betrachtung wirtschaftlicher Fragen kann _ man zwar nicht von Sentiments beeinflußt Herangehen, denn wirtschaftliche Zusammenhänge lassen sich nur vernunftmäßig begreifen, und Vorschläge zu Reformen werden nur zweckvoll erscheinen, wenn die Möglichkeit ihrer Verwirklichung von den Trägern der Wirtschaft selbst und nicht von den unabänderlichen Schwankungen von Nachfrage und Angebot, der Zollpolitik usw. abhängt. Aber ohne parteipolitische Fragen entscheiden Zu wollen, muß man dennoch den Versuch machen, soziale Gesichtspunkte auch für den großen Volksteil der dem Mittelstand angehörenden Fabrikanten gellend zu machen. Dieser Teil der deutschen Wirtschaststräger geht einer nie geahnten Verelendung entgegen, da die hohen Steuerlasten und die Unmöglichkeit, einigermaßen an den selbsthergestellten Waren zu verdienen, bekannte Ursachen für den Zusammenbruch sind. Ein weiterer Umstand gibt den Anlaß zu diesen Ausführungen, und zwar der, daß besonders in der schwer leidenden Textilsabrikation größere Kapitalien an wenigen Stellen angehäuft sind, so daß von einer demokratischen Wirtschaftsform im Sinne der Weimarer Verfassung aus diesem industriellen Spezialgebiet überhaupt keine Rede mehr sein kann. Man könnte einwenden, es sei immer so gewesen, daß der tüchtige, reell disponierende und vorsichtig kalkulierende Kaufmann den Vorteil des großen Geschäfts für sich gehabt habe. Das galt sicherlich früher, heute ist es so, daß der allergrößte Teil der Fabrikanten mit mittleren und kleinen Umsätzen, die persönlich dem Mittelstand angehörten und deren Erfolge in erster Linie von eigener kaufmännisch disponierender Arbeit abhingen, das Gefühl haben, nicht persönliche Tüchtigkeit, nicht sparsame Lebensführung, nicht lauterste Geschäftsgebarung den Abnehmern gegenüber gäben den Ausschlag, sondern lediglich die Kapitalkraft allein. Hieraus entsteht die durchaus verständliche pessimistische Auffassung, daß es unnötig sei, das Risiko eines eigenen Geschäfts überhaupt weiter zu tragen. So wird ein Teil der deutschen Kaufmannschaft mit Sicherheit den Kreisen zugetrieben, die als konsequente Gegner jeder Privatwirtschaft überhaupt Zu gelten haben. Die Folgen, die sich daher aus dem Verschwinden jener Schicht ergeben würden, sind gerade für die Inhaber großer Kapitalien am gefährlichsten; weiß doch jeder politisch Denkende in Deutschland heute, daß der, Mittelstand bisher noch den Aufemanderprall der schärfsten Gegensätze Dem , kleinen verbleibenden Rest, dem eine Umschichtung nicht genehm war, ist es nur unter ungeheuren Schwierigkeiten überhaupt noch möglich, das nackte Leben zu fristen. Bei uns sind ja solche Zustände zum Glück unmöglich. Gerade jetzt, wo die bange Frage an viele Eltern herantritt, was soll mein Kind für einen Berus ergreifen, ist es doppelt wichtig, nach allen Seiten hin zu prüfen. Es ist durchaus nicht notwendig, daß das Kind mit vierzehn Jahren die Schule verläßt, um unmittelbar einem Beruf zugeführt zu werden. Es ist viel richtiger, wenn die jungen Leute erst mit sechzehn oder siebzehn Jahren oder noch später in eine Handwerkslehre kommen. Es leuchtet wohl jedem Menschen ein, daß ein siebzehn- oder achtzehnjähriger Mensch in der Regel viel leichter ersaßt und begreift als ein vierzehnjähriger. Hinzu kommt noch, daß er körperlich besser entwickelt ist, denn das Handwerk von heute stellt nicht nur sehr erhebliche Ansprüche an die geistigen Fähigkeiten seines Trägers, sondern auch an die körperlichen Leistungen. Aus einem geistig und körperlich gekräftigten Nachwuchs werden sicher gesunde und schässensfreudige Menschen hervorgehen. Dann wird man wieder mit Freude den Satz aus den „Meistersingern" sagen dürfen: „Ehret die deutschen Meister, dann bannt ihr gute Geister." Felix Simenauer, Malermeister. in der Politik verhindert hat. Das wird in Zukunft nicht mehr der Fall sein, wenn dem mittelständischen Kaufmann jede Möglichkeit genommen wird, seine Arbeit mit etwas Verdienst verrichten zu können, und er so das graue Heer der unselbständigen Existenzen vermehren muß. Deshalb möchte ich an die Erzeuger von Waren, besonders in der Textilbranche, die, wohlgemerkt, im Besitz eigener großer Kapitalien sind, den Appell richten: sie mögen nicht ihr Geld zur Warensabritatron verwenden, sondern es den Banken zur Belebung der Gesamtwirtschaft zur Verfügung stellen. Und zwar aus folgenden Erwägungen heraus: Jeder Fabrikant hat die Aufgabe, leistungsfähig zu fein. Niemand kann dem deutschen Kaufmann der Vorkriegszeit nachsagen, daß er, speziell in der Textilbranche, dieser Aufgabe aus dem Weltmarkt und Jnlandsmarkt nicht gerecht geworden ist. Den Weltmarkt haben wir zum größten Teil verloren, so beschranken wir uns im folgenden lediglich einmal aus die Verhältnisse am Jnlandsmarkt. Heute kalkuliere die Fabrikanten mit großen Kapitalien derartig niedrig, daß die Verdienstmöglichkeit nach Abzug aller Unkosten fast genau so hoch oder so gering ist, als ob sie ihr Geld einer Bank gegen Verzinsung überlassen würden. Warum ist es also nötig, daß man ungeheure Warenmengen herstellt, die erstens keineswegs konsumiert werden, die Zweitens in dem Moment, da sie ans Lager kommen, systematisch durch Verschleuderung entwertet sind, weil bereits neue Massen von Erzeugnissen die Fabriksäle verlassen, ohne daß neue Aufträge vorliegen, nur um einen Betrag zu verdienen, der günstigstenfalls für den Inhaber der großen Eigenkapitalien einige Prozent über dem Bankzins liegt. Sollte es denn nicht möglich sein, diesem engen Kreis von Fabrikanten klarzulegen, daß sie dadurch keineswegs die vorhandenen Bedürfnisse befriedigen, wenn sie schuld sind an einer U e b e r Produktion, die eine katastrophale Verstopfung aller Läger zur Folge hat? Was ist also in Wahrheit die einzige Folge der unbeschränkten Warenherstellung mit einem Verdienst, der nur ein Zinsgewinn am investierten Kapital ist? Nicht etwa, daß der Einzelhändler größer disponiert oder die breite Masse infolge der großen Arbeitslosigkeit die billigere Ware überhaupt kaufen kann, nein einzig und allein, daß der mittel ständische Kaufmann, der heutzutage fast gar keine Bankkredite mehr erhält, nicht in der Lage ist, einigermaßen an seiner Produktion zu verdienen, um selbst kaufkräftig und selbständig bleiben , zu können. Jede Schicht des deutschen Volkes beruft sich heute aus soziales Recht. Auch der-mittelständische Kaufmann, der jetzt der Gefahr der Proletarisierung entgegensetzt, hat das Recht, gehört zu werden, oder will man warten, bis Mächte ans Ruder kommen, die eine Kontingentierung der Produktion wie in Rußland befehlen? Kurt Steinhardt: