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Central-Verein-Zeitung · 1930-03-21 · 12 (21.3.1930) · p. Seite 145

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
12 (21.3.1930)
Date
1930-03-21
Page
Seite 145 (sequence 5)
Language
German
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A«m Tag »Jugenunü Such am 23. März 1-30 Aeitbetrachtung / Unsicherheit in allen Lebensbeziehungen ist das Kennzeichen unserer Zeit und ihrer Menschen. Der Boden, auf dem unsere wirtschaftliche und weltanschauliche Existenz ausgebaut ist, wankt, und ein Weg zu neuen, Ufern will sich nur den Starken und Hoffnungsfreudigen eröffnen. Nun hat wohl jedes Geschlecht krisenhafte Zeiten irgendwelcher Art durchlebt; was aber der gegenwärtigen Krise ihr besonderes Gesicht gibt, das ist das Zusammentreffen der ideellen mit einer furchtbaren materiellen Erschütterung I. Die Ursachen der letzteren liegen klar vor aller Augen, und ihre Auswirkungen erfährt jeder einzelne tagtäglich am eigenen Leibe. Die gesicherte Existenz, in normalen Zeiten das selbstverständliche Ziel jedes schaffenden Menschen, ist eine Illusion geworden, und selbst das bloße Existieren ist für Ungezählte nur ein mühseliges Sichüberwasserhalten von einem Tag zum Andern. Eine nicht geringere Sorge bedeutet dem geistigen Menschen die Kultur krise der Gegenwart, die der bekannte Philosoph Graf Keyserling die katastrophalste seit dem Ende der Antike nennt. Das Wesen dieser Krise ist weniger mit dem Zerfall alter, vornehmlich religiöser und sittlicher Werte erklärt, als vielmehr mit unserer scheinbaren Unfähigkeit, neue zu erzeugen. Schicksal und Schuld sind dabei ineinander verwoben. Schicksal ist es, daß ererbte, bis dahin als absolut geltende Anschauungen, Werte und Institutionen für eine Zeit mit gänzlich veränderten Lebensgrundlagen und für Menschen mit tausendfach komplizierteren seelischen Beziehungen gegenstandslos oder doch zum wenigsten problematisch geworden sind. Schicksal ist es, woraus besonders der Freiburger Philosoph Jonas Cohn hintzewiesen hat, daß wir unsere geistige Befreiung durch eine imponierend entwickelte Wissenschaft mit unserer seelischen Ausdörrung bezahlen mußten. Unsere Schuld aber ist es — soweit man in solchen gewaltigen Entwicklungszusammenhängen überhaupt von Schuld sprechen kann —, daß wir, die wir doch die Geschichte unseres Kulturkreises durch fast drei Jahrtausende hindurch verfolgen können, auch nur einen Augenblick glauben konnten, die technisch-wirtschaftliche Zivilisation, also die Sicherung, ja selbst Erhöhung unseres äußeren Daseins, könne Religiosität — hier im weitesten Sinne des Wortes zu denken —, Wissenschaft die Weltanschauung ersetzen, die berühmte „neue Sachlichkeit" die Forderungen des Gemüts zum Schweigen bringen, kurz: als könne der Mensch als nur zweckhaftes, nur sachgerechtes Wesen existieren. Es wäre grotesk, wollte man dem modernen Menschen die Abkehr von den Realitäten des Lebens als Rettung aus den Verstrickungen eben dieses Lebens predigen. Das tut die moderne Ethik auch nicht: sie nähert sich immer mehr der so lange als „diesseitig" gebrandmarkten jüdischen Auffassung an, die ebenso treffend wie kurz in dem talmudischen Satz niedergelegt ist: „Wo kein Mehl, da keine Thora"; datz heißt, ins allgemeine übertragen: Wo keine materielle Existenz, da keine geistige Kultur. Damit ist die Bedeutung des Materiellen für sich wie für das Geistige klar und eindeutig bestimmt: es ist eine notwendige Voraussetzung, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Wo es mehr wird — zum Selbstzweck, zum Ding an sich —>, so daß es das Geistige einengt oder gar verdrängt, da schlügt der Nutzen in den Schaden, das Erstrebenswerte in das Verhängnis um. Das ist aber durch menschliche Schuld in unserer Zeit geschehen. Darum fehlt für gewaltige Schichten der Zeitgenossen in Lebensanschauung und Lebensgestaltung der ideelle Ueberbau für die materielle Grundlegung des Daseins. Krieg und Nachkriegszeit haben uns nun doch gezeigt, daß keine Position so schwach und unsicher ist wie die materielle. Als vor wenigen Jahren die Selbstmordepidemie auch die jüdischen Kreise in beängstigendem Maße ergriffen hatte, da war festzustellen, daß die Lebensmüden, abgesehen von den Lebens untüchtigen, fast nur in den höheren sozialen Schichten zu suchen waren. Für sie war eben das Leben in dem Augenblick wertlos geworden, als es ihnen nicht mehr diejenige äußere Lebenshaltung und Lebensstellung bot, in der sich für sie Sinn lind Wert des Lebens erschöpfte. Hier wird uns in nicht zu übertreffender Anschaulichkeit gezeigt, daß die materielle Position nicht einmal das animalische Leben in Zeiten der Not zu tragen vermag, daß vielmehr schon das bloße Existieren die Verankerung des Materiellen lm Ideellen erfordert, und zwar um so dringlicher erfordert, je größer die materielle Not selber ist. Mag nun von den alten Ideen und Idealen noch so vieles abbauwürdig sein, es bleibt des Alten noch genug, und es bietet sich dem aufmerksamen Blick auch schon des Neuen genügend, was ein Dasein aus der niederen Sphäre des Vegetierens auf die höhere eines sinn- und wertersüllten Lebens emporheben kann: sei es der Gott im Himmel, sei es der Gott in unserer Brust; sei es der Glaube an den Aufstieg der Menschheit oder an den Sieg des Guten in der Welt: sei es, was immer es wolle, wenn es uns nur aus der Sorge für den Tag und das Ich hinaushcbt und uns fühlend oder handelnd teilhaben läßt an den Hoffnungen und Ausgaben der Allgemeinheit. II. Eine solche Lebensanschauung und Lebensführung wird auch die Atmosphäre schaffen, in der eine zukunststrächtige Jugend in seelischer Gesundheit aufwachsen kann. Es geht nicht an, die heutige Jugend- und Elternnot einzig und allein auf den traditionellen Gegensatz von Vätern und Söhnen zurückzuführen. Wenn auch der alte P l i n i u s schon vor 1900 Jahren schreiben konnte, als hätte er gestern gelebt: „Heutzutage wissen die Knaben alles allein, niemanden respektieren sie, niemanden nehmen sie sich zum Vorbild, sie selber geben sich das Beispiel", so ist eben zu bedenken, daß dazumal Kulturzustände herrschten, die den heutigen zum Verwechseln ähnlich sahen. Aus diesen Zuständen resultiert letzten Endes auch heute die Spannung zwischen Jungen und Alten. Wo die gesunde Jugend noch „beseelte Kultur" findet, da fühlt sie sich auch ihr und ihren Trägern verbunden; wo sie aber aus den „Zeitgeist" stößt, da wendet sie sich ab — „Ihr habt uns nichts zu bieten!" — oder sie paßt sich ihm an — wie die Alten. Im ersten Falle tun wir beleidigt ob der Undankbarkeit, im zweiten zetern wir ob der Nichtsnutzigkeit. — Statt dessen sollten wir nach den Ursachen der beklagten Erscheinung suchen. Was sich dem scharfen, kritischen Blick des Jugendlichen bietet — im öffentlichen Leben und nicht selten auch in seinen privaten Verhältnissen —, steht oder geschieht unter unserer Verantwortlichkeit. Entweder haben wir es geschaffen, oder wir dulden es. Diese früh gewonnene Einsicht und — nicht zu vergessen — die Beobachtung, daß die Alten selber nicht mehr fest auf dem Boden der überkommenen Kultur und Weltanschauung stehen, gibt den Jugendlichen die oft so verblüffende Selbstsicherheit in ihrer Opposition. Schon der Fünfzehnjährige macht seine Erfahrungen an irgendeiner Kulturblüte, die sich seineni Blick aufdrängt; der Achtzehnjährige wird schon hinter die Kulissen schauen und ohne große Mühe feststellen können, daß hinter der Fassade unserer Kultur nicht mehr viel zu holen ist. Er wird dann die Folgerungen auf die eine oder andere Weise — siehe oben! — ziehen; die berufenen Erzieher aber werden ratlos und resigniert Zusehen und sich trösten: Was ist da zu machen? Sie lassen sich ja nichts sagen! — O ja! Sie lassen sich schon sagen. Unverdorbene Jugend läßt sich schon führen; aber sie erwartet mit Recht, daß derjenige, der sich ihr als Führer anbietet, ihr ein Ziel weist, nach dem zu streben es sich verlohnt. Dieser Führer hat auch das Recht und im allgemeinen sicherlich auch die Macht, einen wilden Freiheitsdrang auf das einzig mögliche Maß zurückzuführen: die Fähigkeit zur Selbstverantwortung. Schicksal ist dem modernen Menschen nicht gleichbedeutend mit der Tyche des Griechen oder dem Fatum des Römers: dem Verhängnis; Fatalismus ist darum dem rührigen, strebenden Menschen der Gegenwart wesensfremd. Klares Bewußtsein der Verantwortlichkeit, Einsicht in den Zusammenhang der Dinge und endlich der Mut zur Tat werden uns helfen, die Not der Zeit zu überwinden.

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