Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 12 (21.3.1930)
- Date
- 1930-03-21
- Page
- Seite 144 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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144 Dr. Frilk als RaflenzliKter! Der nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete Dr. Frick, der zurzeit das Innen- und Kultusministerium in Weimar verwaltet, hat namens seiner Fraktion einen Ergänzungsantrag zum Republikschutzgeseh eingebracht, der folgenden Wortlaut hat: „Wer es unternimmt, die natürliche Fruchtbarkeit des deutschen Volkes zu schädigen und diese künstlich zu hemmen, oder in Wort, Schrift, Druck und Bild oder in anderer Weise solches fördert, oder wer durch Vermischung mit Angehörigen der jüdischen Blutsgemeinschaft oder einer farbigen Nasse zur rassischen Verschlechterung und Zersetzung des deutschen Volkes beiträgt oder beizutragen droht, wird wegen Rasseverrats mit Zuchthaus bestraft." Frick als Nachfolger Goethes im Amte eines thüringischen Ministers hat bei der Formulierung dieses Antrages sicherlich nicht daran gedacht, daß die Rassenschnüssler Goethe selbst als Mischling mit jüdischem Bluteinschlag feststellen zu können glauben, daß also einer der Vorfahren Goethes nach Frick ins Zuchthaus gehört hätte. Aber auch der Vater des von Herrn Frick und seinen Freunden so verherrlichten Eisner-Mörders Graf Arco, der eine Jüdin heiratete, der Vater des Ozeanfliegers von Hüneseld, über den der „Völkische Beobachter" vor einigen Jahren spaltenlang berichtete, die Nachkommen des Begründers der konservativen Weltanschauung, Stahl, alias Schlesinger, müßten ins Zuchthaus, um nur einige wenige von denen zu nennen, die Frick und seinen Freunden in Gegenwart oder Vergangenheit nahegestanden haben. Vielleicht bedrückte Herrn Frick auch das Gutachten, das der 1926 verstorbene Münchener Mediziner und Rassehygieniker, Präsident der bayerischen Akademie der Wissenschaften, Geheimrat Professor Dr. von Gr über, über den Rassetyp des Führers der NSDAP., Hitler, entworfen hat, in dem es heißt: „Zum ersten Male sah ich Hitler in der Nähe. Gesicht und Kopf schlechte Raste, Mischling. . Niedere, fliehende Stirn, unschöne Nase, breite Backenknochen, kleine Augen, dunkles Haar. Eine kurze Bürste von Schnurrbart, nur so breit wie die Nase, gibt dem Gesicht etwas besonders Herausforderndes. Gesichtsausdruck nicht eines in voller Selbstbeherrschung Gebietenden, sondern der eines wahnwitzig Erregten. Wiederholtes Zucken des Gesichtsmuskels. Am Schluß Ausdruck beglückten Selbstgefühls." Sicherlich wollte Herr Frick durch seinen Antrag vermeiden, daß künftige Führer der „nordischen" Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei so sehr von der vorschriftsmäßigen Mastenware abstechen, wie es hier der Fall war. Rassenverrat? Verrat am Geist! A. H. hohe Schrift ist in primitiven Buchstaben ausgeführt. Nach polizeilichen Mitteilungen wurden auch protestantische Kirchen in der- Ken SLadtgegend besudelt und mit Iniften wie „Hier segnet die Kirche den Krieg mit Rußland" bemalt. Auch in Berlin sind verschiedene Kirchen von offenbar linksradikalen Elementen durch religionsfeindliche Inschriften geschändet worden. So wurde die katholische Kirche am Gartenplatz durch die Inschrift „Religion ist Morphium für das Volk", „Nieder mit dem Pfaffentum", „Wir schützen die Sowjetunion" und „Rotfront trotz alledem" beschmiert. An der evangelischen Kirche in der Turmpraße wurde kurz vor 1 Uhr nachts ein Lichttransparent, das einen Bibelspruch trägt, von mehreren jungen Burschen durch Steinwürfe zertrümmert. Die Rowdies konnten leider entkommen. # Wir haben wiederholt über Rußlands Feldzug gegen die Religionen und auch über die Proteste der evangelischen Kirche, des Papstes und der Juden dagegen in der ganzen Welt berichtet. Durch die deutsche Tagespresse geht nun in letzter Zeit ein Aufruf mehrerer Mrnsker Rabbiner „An alle gläubigen Juden", in dem gegen die Einmischung des Papstes sowie anderer religiöser Stellen protestiert wird. Diese Erklärung besagt, daß die Lowjetregierung die Religionsverfolgungen nicht unterstütze und die Schließung der Synagogen mit Einwilligung der Juden erfolge. Große Teile der deutschen Presse versuchen, diesen Protest gegen die Juden auszuwerten. Diese Zeitungen übersehen aber, daß nicht nur „mehrere Minsker Rabbiner", sondern auch der Metropolit Sergius, und zwar dieser schon vorher, gegen den päpstlichen Appell Stellung genommen hatte. Jeder unbefangene Leser, der auch nur eine Ahnung von den Zuständen in Rußland hat, mußte Zwischen den Zeilen lesen, daß die beiden Proteste sicherlich nicht ganz freiwillig entstanden sind. Es ist natürlich der russischen Negierung nicht angenehm, daß ihr Vorgehen gegen dre Kirchen einen so starken Widerhall in der ganzen Welt findet. Die Zeitung „Der Mittag" in Düsseldorf dürfte daher auch mit ihrer Feststellung rechi haben: „Es bedarf keines besonderen Scharfsinns, um zu erkennen, daß der Wortlaut dieser Kundgebung (der Rabbiner) genau so wie des Erztulckofs Sergius von der G P. U. ausgesetzt worden ist. Niemand im Ausland wird sich davon täuschen lassen." Auch der Direktor der Exekutive des American llenisd Congress, Bernard G. Richards, veröffentlicht, wie wir der Jüdischen Telegraphen-Agentur (HA) entnehmen, eine Erklärung, in der die Authentizität dieser Rabbinererklärung bestritten wird. Er weist auf Widersprüche in dieser angeblichen Ableugnung hin und lenkt die Aufmerksamkeit auf ein 1928 von 31 russischen Rabbinern in Minsk erlassenes ähnliches Dokument, das, wie später enthüllt wurde, unter einem seitens der Behörden ausgeübten Druck unterzeichnet wurde. * Die vorstehend gemeldete Bemalung der Synagoge und des katholischen Pfarrhauses in Hannover wie der evangelischen und katholischen Kirche in Berlin werfen ein starkes Schlaglicht auf die politische Natur auch der russischen Kirchenverfolgungen. Die deutschen religiösen Kreise aller Richtungen sollten sich rechtzeitig der ganzen Tragweite dieser Bewegung klar werden. Es bedarf keiner besonderen Erwähnung, daß wir über die Besudelungen der evangelischen und katholischen Gotteshäuser genau so empört sind wie über die Schändungen jüdischer Kultstätten. 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Die Nationalsozialisten aber scheinen sich vor sich selbst geschämt zu haben; denn sie verließen schon bei Beginn der Verlesung mit Ausnahme von Herrn Dr. Goebbels den Saal. Herr Dr. Goebbels selbst postierte sich an die Saaltür hinter seinem Platz und ging in dem Augenblick aus dem Saal, als Landsberg ein einmütiges Pfui im ganzen Haufe feftstellen konnte. Herr Goebbels fand selbst weder den Mut, zu «den traurigen Worten seines großen Parteifreundes Streicher zu stehen, noch sich offiziell gegen ihn zu stellen. Landsberg stellte unter lautem Beifall anschließend fest, daß man diese infame Beleidigung wohl als tierisch bezeichnen könnte. Man müsse sich aber fürchten, dabei die Tiere zu beleidigen. Im Reichstag war allgemeines Erstaunen darüber, daß die Goebbel-Mannen geschlossen hinausgegangen waren. Man fragte sich nur, war es vielleicht Scham — oder nur Zufall? M. R. Eine Schauspielerin wird ausgepfiffen. Bei einem Gastspiel des Gießen er Stadttheaters in der oberhessifchen Kreisstadt A l s - felid ereignete sich ein aufregender Zwischenfall. Es wurde Maughams „Heilige Flamme" gegeben, und Fräulein Trude Heß spielte die Hauptrolle. So oft die Schauspielerin austrat, setzte aus einer Ecke des Saales ein störender Lärm ein, und bei Aktschluß wurde gepfiffen. Die Störenfriede stellten sich einwandfrei in Form von Nationalsozialisten heraus, die ruhig Zugaben, daß allein sie das Auftreten einer jüdischen Schauspielerin zu den lärmenden Kundgebungen veranlaßt habe. Darunter befand sich ein Gießener Student, der >aus dem Saal gewiesen wurde. Das Publikum gab zu Beginn des nächsten Aktes die richtige Antwort: als Fräulein Heß auftrat, setzte auf offener Szene spontaner Beifall ein. Ter Bürgermeister entschuldigte das rüpelhafte Verhalten und ließ den Darstellern zum Schluß unter dem riesigen Beifall des Publikums Blumenspenden überreichen. K. G. Gauleiter Roch wegen Geleiöigung ües Reichministeriums verurteilt. Der Gauleiter der Nationalfozialistifchen deutschen Arbeiterpatei für Ostpreußen, Erich Koch, der bereits wegen Beleidigung unseres ostpreußischen Syndikus S a b a tz k y und unseres Nordenburger Vertrauensmannes Sandelowskh wiederholt vorbestraft ist, hatte sich vor dem Schöffengericht II in Königsberg unter Vorsitz des Amtsgerichtsrats V a e g e wegen verleumderischer Beleidigung gegen Reichskanzler Müller sowie^die Reichsminister Curtius, Hilferding, -Lever i n g, Dietrich, G u ö r a r d, W i r t h, Wissel, Stegerwald, Schätzle und G r v e n e r, den preußischen Ministerpräsidenten Braun und den früheren SLaatsminister G r z e s i n s k i zu verantworten. In einem der von ihm als verantwortlicher Redakteur gezeichneten Wochenschrift „Ostdeutscher Beobachter" erschienenen Artikel „Die Agenten Frankreichs", hatte er den Ausruf der Reichsminister gegen das Volksbegehren als einen „schamlos verbrecherischen Ausruf", „als Dokument offener Lüge" und „ungeheuren Betrug" bezeichnet. Der Artikel schloß mit den Worten: „Brandmarkt sie mit dem Kainszeichen des Verräters! Schreibt es ihnen offen ins Gesicht: Agenten Frankreichs!" Vor Gericht behauptete Koch, den Artikel nicht selbst geschrieben zu haben, jedoch die volle Verantwortung für ihn zu übernehmen. Er habe die Minister nicht in ihrer amtlichen Eigenschaft, sondern lediglich in ihrer Eigenschaft als Partei- Politiker treffen wollen. Sobald das dritte Reich komme, würden die Nationalsozialisten alle Unterzeichner des Young-Plans vor ihren Staatsgerichtshof stellen und zum Tode verurteilen. Der Oberstaatsanwalt K u d i ck e stellte fest, daß es sich hier um die schwersten Beleidigungen, die inan überhaupt Staatsmännern und Politikern machen könne, handle. Tie Agitation des Angeklagten sei dermaßen roh, daß eine ganz exemplarische Strafe am Platze sei. Er beantragte eine Gefängnisstrafe von einem Jahr. Der Gerichtshof verurteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 2000 Mark bzw. zu 100 Tagen ' Gefängnis und sprach den Beleidigten Publikationsbefugnis durch eine Reihe Berliner und Königsberger Zeitungen zu.