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Central-Verein-Zeitung · 1930-03-14 · 11 (14.3.1930) · p. Seite 133

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
11 (14.3.1930)
Date
1930-03-14
Page
Seite 133 (sequence 5)
Language
German
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Die Abwehr einer „Abwehr“, Von M. ü. Loeb und ßr. Eva lungmann. . Gemeindeziomsmus gegen C.Y. M, Ä, Loeb schreibt: In Den letzten Sitzungen der Berli n e r Rep r ä s e n t a n te n ve rf a m mlung wurde mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit ein Thema berührt, das früher fcrum jemals Zur Sprache gebracht worden war: das der Aufklärung unserer nichtjüdischen Umwelt über Juden und Judentum bzw. der Abwehr antisemitischer Angriffe. Ausgangspunkt war ein Antrag des Dr. Fleischer, Mitglied des Hauptvorstandes im C. V., der in der Sitzung vom 9. Januar dieses Jahres gestellt wurde. Er lautete: „Die RepräsentanLenversammlung wolle beschließen: Die Jüdische Gemeinde Zu Berlin beteiligt sich mit ihren Einrichtungen an der Aufklärung der christlichen Umwelt. In Form von Vorträgen in den Gemeindesvnagogen mit oder ohne jüdisch-musitalische Darbietungen, eventuell von Einladungen zum Gottesdienst sowie von Führungen durch die sozialen Einrichtungen und alle Kulturstätten der Berliner Gemeinde sollen den christlichen Mitbürgern, insbesondere der älteren Schulrmd akademischen Jugend Gelegenheit geboten werden, die Vorurteile über das Judentum abzulegen und besten Werte kennen- Zulernen. Die Einrichtung muß planmäßig und in Fühlung mit Kirchen-, Staats- und Schulbehörden organisiert werden." Ter Antrag beschränkt sich klar und eindeutig darauf, von Der Gemeinde eine Aufklärungsarbeit in religiöser Beziehung zu verlangen. Selbstverständlich kann es der Centralverein nur dankbar begrüßen, wenn seine so umfassende Aufklärungstütigkeit durch diese Art Gemeindearbeit wertvoll unterstützt und ergänzt wird. In der Debatte aber ging man auf zionistischer Seite roeit über den .gestellten Antrag hinaus. Einer der Redner, Wald mann, sprach es direkt aus: der Vorschlag, die religiösen Institutionen zur Aufklärung zu verwenden, sei zu enge und er kam zu dem Schlüsse, die Palästinaarbeit sei es, die dem Juden die Achtung der Menschheit Zurückgeben werde. Immerhin blieb es in dieser Sitzung bei einem Präludium, da die anderen NÄmer aus den zionistischen Reihen, trotz einer lebhaften Beteiligung an der Debatte selbst, sich einer gewissen Zurückhaltung befleißigten. Deutlicher wurden die Anspielungen in der folgenden Sitzung vom 30. Januar dieses Jahres. Hier war es der derzeitige Vorsitzende der Gemeinde, Kareski, der in seiner Einleitungsrede zum Etat aussührte: „Trotz vieler entgegengesetzter Wünsche hoffe ich, daß die Gemeinde sich nicht allzutief in den A b w e h r k a m p f einzumischen braucht. (Im Original gesperrt! Die Schristl.) Wer aber will heute sagen, ob das nicht eines Tages eine zwingende Notwendigkeit sein wird! Hossentlich bleibt es uns erspart." Was hier nur andeutungsweise und verschleiert zum Ausdruck kommt, das sprach der Führer der zionistischen Fraktion, Dr. Klee, in der gleichen Sitzung klar und offen aus. Die Gemeinden müßten die Abwehrarbeit übernehmen, denn der E. V. sei nicht objektiv. Er mache den Zionisten die Mitarbeit unmöglich, ergo sei er zur Führung im Alnvehrlampf untauglich. Zum Beweise führte er u. a. die C.V.- Listen bei den Wahlen zum Landesverband (1926!), die Resolution M e ck l e n b u rgs u. et. an. Selbstverständlich mangele es dein C. B. nicht nur an Objektivität, sondern auch seine Leistungen selbst seien unzureichend und unbefriedigend. Soweit noch eine Steigerung möglich war, wurde sie in der jüngsten Sitzung der Repräsentantenversammlnng, am 27. Februar dieses Jahres, erzielt. Hier war es wieder W a l d - mann, der das Wort führte; er suchte, eine Saite, die er schon des öfteren anklingen ließ, die Weltverbundenheit des Judentums aus seiner gemeinsamen wirtschaftlichen Not zu erweisen. Es tritt hier eine Schicksalsgemeinschaft zutage, die, immer nach W a l d m a n n, dazu führen muß, daß eine jüdische „W e l t s e l b st - hilf e" notwendig werde. Was hierunter zu verstehen ist, wurde erst klar, als der Redner, durch Zwischenrufe gedrängt, aussührt, es werde voraussichtlich eine Zeit kommen, da auch das deutsche Judentum genötigt sein wende, sich an das Ausland, z. B. an das „Foreign comittee“ um Hilfe zu wenden; Nimmt man hinzu, daß die zionistische Presse in den letzten Wochen gleichlautende Artikel in den verschiedensten Variationen gebracht hat, so wird klar, daß sich hier eine Aktion vorbereitet, die vorläufig nur in Umrissen sichtbar wird. auf die aber frühzeitig aufmerksam 31t machen wohl am Platze fein dürfte. Herzl hinterließ seinen Anhängern als politisches Testament die Weisung: „Erobert die Gemeinden!" Seine Jünger haben sich redlich bemüht, jene Mahnung zu beherzigen, aber trotz aller Anstrengungen ist es ihnen bisher nicht gelungert, auch nur in einer einzigen deutschen Gemeinde von Bedeutung die Herrschaft zu erlangen. Aber bei der unglückseligen Zerklüftung, die die deutsche Judenheit in konservative und liberale Lager spaltet, war es dem Zionismus und seinen Vertretern beschieden, in mehr als einer Gemeindestube das Zünglein an der Wage zu bilden. Das wurde ihn: durch seine eigenartige religiöse Einstellung erleichtert. Nichts ist hier bezeichnender als ein Wort des Herrn W a l dmann aus der schon erwähnten Sitzung: „Ich bin liberal - k 0 n s e r v a t i v!" meinte er Nein, nicht nur Waldmaun, sondern der ganze Zionismus trägt einen Januskopf; er ist liberal-konservativ. Dank dieser Einstellung vermag der Zionismus einmal mit den Religiös- Liberalen zu fraternisieren — z. B. zur Tagung der liberalen Weltkonferenz von seinem offiziellen Organ eine eigene Festmmtmer erscheinen zu lassen. Ein andermal, wenn es an der Zeit ist, bei den Konservativen zu werben, wird der misrachistische Flügel stärker hervorgekehrt und die zionistischen Führer sprechen von der Verbundenheit der Generationen und der Schönheit der Tradition. So vermag man je nach Zeit und Gelegenheit, bald mit den Liberalen, bald mit den Konservativen zusammenzngehen. Taktik, bloße Taktik bietet auf die Dauer keine Gewähr für Eroberungen, das wissen auch die Zionistischen Führer. Massen sind nur durch eine I d e e dauernd zu fesseln. Das konservative Judentum hat eine solche leitende Idee: die unverbrüchliche Wahrung der jüdischen Tradition. Auch der L i b e r a l i s m tt s Ijat sie; er vertritt, im Gegensatz zur Tradition, das Prinzip der Entwicklung. Welche Idee hat der Zionismus? Er hatte — wenn auch keine Idee — so doch eine Ideologie: das Schicksal der Gesamtjudenheit hänge von dem Wiederaufbau Palästinas als national-jüdischem Gebilde ab und nur die Gegen öie Religions- Verfolgungen in Rußland. Gemeinsame Kundgebung der Deutschevangelischen Volksvereinrgnng, des Katholikenkomitees und des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Maubens, Ortsgruppe Frankfurt a. M. Mehr denn Zweitausend religiös gesinnte Hörer, die dem Ausruf der Deutsch-evangelischen Volksvereinigung, des Katholikenkomitees und des Centralvereins gefolgt waren, lauschten am Mittwoch, 5. März, im Großen Saal des Saalbaus in Frankfurt a. M. den Vertretern der drei Konfessionen, um gegen die Religionsversolgungen in Rußland zu protestieren. Alle Redner betonten, daß es sich nicht um eine Stellungnahme zu Fragen der Politik oder der Wirtschaft handle, sondern nur um die Religion. Der evangelische Kirchenrat Kübel stellte dar, wie die Leiden der Religionsgesellschaften, ihrer Funktionäre und Bekenner aus der bolschewistischen Gesetzgebung herrühren: Enteignung des Gutes der Neligionsgemeinschasten, Verbot der Erteilung des Religionsunterrichtes an Minderjährige bei Strafe der Verbanntlng, Unterbindung der konfessionellen charitativeu und kulturellen Arbeit, Hinrichtung von Geistlichen, Schließung von Kirchen, Synagogen und Moscheen, Verbot der Bibel und des Koran, pslichtmätziger Schulunterricht in Atheismus sind die Folgen und führen zu einer Umkehrung der sittlichen Begriffe. Stadtpsarrer Prälat Dr. Herr zeigte die Quellen dieser Einstellung im westeuropäischen Materialismus der Büchner, David Friedrich Strauß, Renan und in der heutigen Jntoleranz. Nicht eine dogmatische Toleranz ist 311 fordern, die dem unmöglich ist, der von seinem Glauben überzeugt ist, sondern die persönliche Toleranz, die gerade die Religion lehrt, die Liebe zwischen Mensch und Mensch, wer es auch sei, als Ebenbild Gottes, und die im Staatsleben ihren Niederschlag in Gleichheit aller Religionen gesunden hat. Daß bei uns religiöse Lehre und Leben nicht mehr übereinstimmen, ist unsere Schuld an diesen Erscheinungen. Rabbiner Dr. Lazarus führte aus: Unser Recht zu dieser Kundgebung fließt aus dem Wort jenes in Rußland verbotenen, uns allen gemeinsamen Buches: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Unsere Liebe, die nach der Lehre unserer Religion nicht haltmachen darf an den Grenzen unseres Landes und unserer Glaubensgemeinschaft, erheischt von uns, unser Mitgefühl kundzutun. Wahrhafte Liebe fühlt, was dem Bruder wehtut, und so haben wir über alte unsicheren Nachrichten, die zu uns dringen, hinweg ein Gefühl, daß unseren Brüdern ein Schmerz geschieht. Wir dürfen nicht fragen: „Bin ich der Hüter meines Bruders?", sondern haben bei aller Objektivität gegenüber denn russischen Geschehen die Pflicht, uns der Warnung nicht zu verschließen, wenn es um das heiligste Gut der Menschheit geht, um die R cligi 0 lt. Wir Juden haben immer in unserer Geschichte für die gebetet, die tun Seines Namens willen leiden. Sollte uns das Beispiel solcher Menschen nicht eine Mahnung sein, die Religion nicht dahinschwinden zu lassen? Zu lange haben die Hüter der Religion nebeneinander gestanden in ihren Bemühungen um ihre Erhaltung. Wenn dieser Abend uns vor Augen führt, wie viel wir trotz aller Unterschiede, die wir nicht leugnen oder verwischen wollen, dennoch gemeinsam haben, dann hat die Kraft, die das Böse will, wieder einmal etwas Gutes geschasst. „Lernt, daß ihr gewarnt seid, das Rechte zu tun . und Gott nicht zu verachten!" Mit dem von Kirchenrat Kübel gesprochenen Gebet „Hilf denen, die tim Deines Namens willen verfolgt werden" schloß die eindrucksvolle Versammlung, über die die Frankfurter Presse aller politischen Richtungen ausführliche Berichte brachte.

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