Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 11 (14.3.1930)
- Date
- 1930-03-14
- Page
- Seite 132 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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132 Demnächst erscheint im -Verlag Walter BotliscliiM, Berlin Grunewald, der „Prozess des Hauptmanns Dreyfus“ von Nr. Bruno Weil, dargestcllt nach den deutschen und französischen Akten. Der Philo-Verlag-, Berlin SW 68, Lindenstrasse 13, nimmt bis zum 15. März- Voraiisbestellung’en zum Subskriptionspreis, drosch. 3,60 M. (statt 4,— M.), gebunden 4,80 M. (statt 5,50 M.) entgegen. denen das Programm aber nicht verrät, wie sie ausgebracht lverden sollen. Das Eigentum an Boden ist nur „deutschen Volksgenossen" (also keinen Juden), gestattet, soweit sie den Boden zum W o H l e des G e s a m t v o l k e s bewirtschaften. — Ob Herr Gottfried Feder diese Forderung besonders betonen wird, wenn er wieder einmal vor den Vertretern des Großgrundbesitzes vorträgt? Ein vierter Abschnitt fordert in wieder recht allgemeinen Sätzen eine Förderung der Landwirtschaft durch die st a a t l i ch e Wirtschaftspolitik, in Sonderheit Herabsetzung des Zinsfußes auf das Maß der Vorkriegszeit und ausgedehnte Zollpolitik. Daß damit allein der Landwirtschaft nicht geholfen ist, das wissen zwar heute alle landwirtschaftlichen Sachverständigen und Führer, die Verfasser ^des nationalsozialistischen Agrarprogramms aber anscheinend noch nicht. Wer sich mit den Ursachen der heutigen Landwirtschaftsnot auch nur einigermaßen befaßt hat, weiß, daß die große Absatzkrise, die das A und O des ganzen Bauernelends ist, keineswegs durch Zölle allein behoben werden kann, sondern nur durch die von allen wirklichen Kennern geforderte Standardisierung und Rationalisierung der landwirtschaftlichen Produktion, durch deren Anpassung an die veränderten Ernührungsbedürsnisse des Großstädters u-nd durch eine Verbesserung der Absatzorganisation für alle Bodenprodukte. Von allen diesen Dingen steht im Hitlerschen Agrarprogramm kein Wort. Denn das sind Fragen, die sich nicht in Volksversammlungen nachts zwischen 11 und 12 Uhr mit volltönenden Reden, sondern nur durch zähe und sehr sachkundige Arbeit lösen lassen. Dafür empfehlen die Nationalsozialisten natürlich zum Schluß der gesamten Landwirtschaft ihre Bewegung als die „politische Freiheitsbewegung des deutschen Volkes" und zeigen damit deutlich, daß die Pointe ihres ganzen Agrarprogramms nicht der Wille ist, der schwer leidenden deutschen Landwirtschaft zu helfen, sondern nichts anderes als Bauernfang für ihre parteipolitischen Zwecke. Womit vom Standpunkt ernster, sachlicher Politik aus dieses Kapitel geschlossen werden kann. W. G. Sidonie Werner (Hamburg) 70 Zähre alt. Sidonie Werner, eine der führenden jüdischen Frauen Deutschlands, vollendet am 16. März ihr 70. Lebensjahr. Ihrer Tatkraft ist es gelungen, Ä j Phot.: Arnold Mocsigay (Hamburg). Der Ueberfall auf die internationale Eisen bahntariskommisfion vor Gericht. he. Karlsruhe, im März,1930. Am 19. Dezember 1929 spielte sich im Darmstüdter Hof" in Karlsruhe ein Schauspiel ab, dessen sich jeder anständige Deutsche schämen muß. Die Mitglieder einer internationalen Eisenbayntarif-Kommlssion hatten sich nach Beendigung ihrer Verhandlungen im „Darmstädter Hof" zu einem geselligen Zusammensein eingesunden. Die Kommission, die jedes Jahr zur Regelung von Eisenbahntarissragen Zusammentritt, hatte 1929 Karlsruhe als Tagungsort gewühlt, um die Gütertarife zwischen den westlichen und nördlichen Ländern und Deutschland als Transitland festzulegen; sie bestand aus S ch weden, Norwegern, Dänen, Franzosen, Belgiern, S ch w e i z e r n und Deutschen und stellte ein in jeder Hinsicht unpolitisches Gremium dar. Gegen 11 Uhr erschienen in dem Lokal etwa vierzig Nationalsozialisten und Stahlh e l m e r, die aus einer Kundgebung gegen den Doung-Plan kamen. Als die Nationalsozialisten am Tisch der Kommission französisch sprechen hörten, stimmten sie taktvollerweise provozierende Lieder, wie „Siegreich woll'n wir Frankreich schlagen" usw., an. Dem deutschen Vertreter der Kommission war diese takt- und sinnlose Provokation friedlicher unpolitischer Auslandsgäste äußerst peinlich und er bat die Wirtin, das Singen mit Rücksicht aus die Gäste abzustellen. Kaum hatte die Wirtin den Wunsch den Nationalsozialisten übermittelt, als diese in höchste Erregung gerieten und unter Führung des nationalsozialistischen Landtagsabgeordneten Wagner und des „Führer"-Nedakteurs M o r a l l e r den Kommisstonsmitgliedern entgegentraten, ihnen klobige Schimpfworte wie „Hunde", „Schweine", „Schweinehunde" an den Kopf warfen und schließlich mit Fäusten auf sie einschlugen. Der Redakteur Mo r all er warf mit einem Bierglas und verletzte eine Kellnerin so schwer am Auge, daß sie ins Krankenhaus transportiert werden mußte. Ebenso wurde das deutsche Mitglied der Kommission, Reichsbahnoberinspektor Lassen, erheblich verletzt. Schließlich griff das herbeigerufene Ueberfallkommando der Polizei ein und nahm die nationalsozialistischen Rowdys fest. Typisch für die psychopathische Geistesverfassung dieser Leute ist, daß z. B. der uniformierte Redakteur Moraller die Delegierten anbrüllte: „Setzen Sie sich, ich gebe Ihnen den dienstlichen Befehl!", und daß der Abgedie jüdischen Frauen Hamburgs zum Wirken für die Gemeinschaft auszurufen und zu sammeln. Im Jahre 1893 hat sie mit dem Philanthropen Gustav Tuch zusammen den Israelitisch- Humanitären Frauenverein ins Leben gerufen. Sie hat es verstanden, diesen Verein, dessen Vorsitz sie im Jahre 1908 übernahm, aus kleinen Anfängen zu einem wichtigen Faktor in der jüdisch-sozialen Arbeit Hamburgs zu machen. Sie hat den Jüdischen Frauenbund im Jahre 1904 mit Bertha P a p p e n h e i m zusammen gegründet und jahrelang an verantwortlicher Stelle mit geleitet. Sidonie Werner ist deutsche Jüdin im wahrsten Sinne des Wortes — Jüdin aus tiefster innerer Religiosität, die ihr als wertvollster Besitz von ihrem Vater vererbt wurde, der innige Frömmigkeit mit reichem jüdischen Wissen verband; Deutsche, durch die enge Verbundenheit mit der Heimatsscholle, auf der sie geboren und erzogen wurde, die treue Liebe zum deutschen Vaterlande zum untrennbaren Teil ihrer Persönlichkeit machte. Sie hat für die Ideale des Centralvereins gewirkt, gestrebt und gekämpft, und ihr aufrechtes Judentum hat chr auch in der interkonfessionellen Arbeit, in der sie sich zur Mithilfe an der Linderung der Not des Krieges und der Nachkriegszeit betätigt hat, die Hochachtung aller Mitarbeiter erworben. Möge diese unermüdliche Kämpferin für die Rechte und Pflichten unserer Gemeinschaft uns noch lauge in voller Kraft erhalten bleiben. A. B. ordnete Wagner, als er sestgenommen wurde, sofort seinen Ausweis aus der Tasche zog und die Polizisten anschnauzte: „Ich bin nationalsozialistischer Landtagsabgeordneter, ihr habt mir gar nichts zu sagen!" Der peinliche Vorfall hatte zur Folge, daß die Staatsanwaltschaft gegen Wagner — dessen Immunität durch den Landtag aufgehoben wurde —, M o r a l l e r, Major a. D. Fröhlich, Kaufmann K n a u t h und gegen die Studenten S e i tz und S ch u st e r Anklage wegen Körperverletzung und Beleidigung erhob; als Nebenkläger hatten sich die deutschen Mitglieder der Kommission angeschlossen. Die Verhandlung am 6. März 1930 bestätigte die Anschuldigungen der Anklageschrift. Die Angeklagten gaben zu, die Kommissionsmitglieder beschimpft und geschlagen zu haben, leugneten aber, daß sie mit dem Singen die Kommission hätten provozieren wollen, was angesichts der Tatsache, daß sie den Refrain „Siegreich woll'n wir Frankreich schlagen!" nicht weniger als zwanzigmal wiederholt hatten, nicht gerade glaubhaft klingt; sie behaupteten ihrerseits, durch den Zuruf „Boches" von den Kommissionsmit-- gliedern provoziert worden zu sein, was jedoch von den unbeteiligten Zeugen widerlegt wurde. Nach einem Plädoyer des Oberstaatsanwalts Dr. Heinsheimer, der erklärte, daß das öffentliche Interesse des Staates durch den amtlichen Charakter der Kommission geboten gewesen sei, daß aber „die Delikte strafrechtlich nicht bedeutungsvoll" und mit Geldstrafen, bei M o r a l l e r eventuell mit einer kleinen Gefängnisstrafe zu ahnden seien, verurteilte das Gericht M o r a l k e r zu 200 Mark Geldstrafe oder 20 Tagen Gefängnis wegen fahrlässiger und erschwerter Körperverletzung, Wagner zu 100 Mark Geldstrafe oder 10 Tagen Gefängnis wegen erschwerter Körperverletzung, K n a u t h und S e i tz zu 40 Mark bzw. 30 Mark Geldstrafe wegen Beleidigung; die Angeklagten Fröhlich und S ch u st e r wurden mangels Beweises freigesprochen. Die Verurteilten waren mit Ausnahme des Studenten S ch u st e r sämtlich vorbestraft, z. T. wie Wagner und M o r a l l e r , wegen Vergehens gegen das Republikschutzgesetz, Hochverrats und sonstigen politischen Vergehen mit hohen Gefängnisstrafen. Im Laufe der Verhandlung wurde die interessante Tatsache bekannt, daß der an dem Vorfall beteiligte und als Zeuge vernommene nationalsozialistische Abgeordnete Professor Kraft (Heidelberg) sich an die Vorgesetzte Stelle des mißhandelten Inspektors Lassen, an die Reichsbahndirektion Altona, die Lassen übrigens das beste Zeugnis ausstellt, gewendet und bei ihr Antrag a u s Einleitung eines Disziplinarverfahrens gegen Lassen „wegen u n w ü r d i g e n V e^r h a l t e n s" gestellt hatte. Das Urteil darüber, wer sich hier unwürdig verhalten hat: der deutsche Beamte, der seiner Berufspflicht und den Pflichten der nationalen und internationalen Gastlichkeit und Höflichkeit genügend ausländische, friedliche, unpolitische Gäste Deutschlands gegen psychische und physische Insulten in Schutz nahm, oder die nationalsozialistischen „Führer", die diese Gäste provozierten, dann .ohne Grund -grob beleidigten und mit Faustschlägen traktierten und schließlich den deutschen Beschützer der Gäste und den Wahrer deutschen Gastrechtes nicht nur verprügelten - und beschimpften, sondern auch noch hinterrücks dinnunzierten und diffamierten, dürfte nicht schwer fallen. Es ist für jeden Menschen von politischem Verstand klar, daß dieses unglaublich unreife und unqualisizierte Benehmen einer Gruppe deutscher Staatsbürger geeignet ist, das politische und kulturelle Ansehen Deutschlands und des deutschen Volkes in aller Welt zu schädigen. ä August Förster FLÜGEL und PIANOS Fabrik: Löhau i.Sa. / Filiale: Berlin y T Kurfürstendamra 22. Fernruf: Bismarck 7826, Führend a Qualität. S™* cturSaus erst Massig! __ jedoch preiswert! Eugen dAlbert