Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 11 (14.3.1930)
- Date
- 1930-03-14
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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130 sich zu einem ausgesprochenen Naturalismus. Ter Mensch ist ihm ein Tier wie die anderen. Eine sittliche Weltordnung und das Streben nach Weltverbesserung verwirft er ausdrücklich. Der Kampf ums Dasein hat einen gewissen Idealismus gezüchtet, der zur Arterhaltung unentbehrlich ist. Unbedingt notig ist aber auch der Kampf ums T-asein selbst, und zwar ein scharfer kriegerischer Kampf, denn sonst werden die minderwertigen Elemente nicht ausgemerzt und die Menschheit degeneriert. Folgerichtig bekennt sich Passarge als entschiedener Gegner des Pazifismus, der nach ihm „die gesamte Menschheit ruiniert, da er 31t schlimmen, unheilbaren Tegenerationserscheinungen führt". (Seite 105). Immerhin gibt er zu, daß die Pazifisten „im Allgemeinen wohl sittlich hoch stehen" (Seite 120). Der Pazifismus liefert ihm den Beweis, daß Kulturnützlichkeit und Sittlichkeit nicht Zusammenfällen müssen, denn die Pazifisten sind trotz ihrer guten Absichten Schädlinge, während „blutdürstige Regenten wie Ludwig XI., Iwan, der Schreckliche und andere Bluthunde für große Reiche mit blühender Kultur den Grmnd gelegt haben. ... Im Gegensatz dazu führten Milde, Güte, Frömmigkeit zum Absturz". Unter den Pazifisten sind die Neurastheniker, die „Nervenkrüppel" stark vertreten. — Nicht ganz konsequent ist es freilich, wenn Passarge dem von ihm bevorzugten heldischen Charakterideal Edelmut, Hochherzigkeit, Großmut, Mitgefühl für den unterlegenen Gegner, Verzicht auf restlose vernichtende Ausnutzung seines Sieges usw. nachrühmt. Der Kamps ums Dasein allein kann diese Tugenden kaum gezüchtet haben, da ihr Wert für die Arterhaltung schwer einzusehen ist. Auch sonst finden sich manche Widersprüche zwischen dem prinzipiellen Naturalismus des Verfassers nnd einem ganz entgegengesetzten Standpunkt. Eine Kritik dieses Sozialdarwinismus ist hier wohl überflüssig. Er ist heute gänzlich erledigt und wird von keinem ernst zu nehmenden Soziologen mehr vertreten, außer etwa in feuilletonistischen Seitensprüngen. Der Weltkrieg hat ja gezeigt, daß die modernen Kampfmittel keineswegs vorwiegend Feiglinge und Schwächlinge ausrotten. Giftgas und Trommelfeuer machen keine Unterschiede. Wenn übrigens Vassarges Behauptung, daß der Pazifismus'zur Degeneration führt, richtig wäre, so müßten die Schweden schon völlig degeneriert sein, denn sie haben schon 116 Jahre keinen Krieg geführt. Noch degenerierter müßten aber die Schweizer sein, denn sie haben schon über 400 Jahre keinen richtigen Krieg mit einem anderen Staat gehabt. Ihre inneren Raufereien und die Reisläuferei können wohl nicht gerechnet werden, besonders, da die Neislüuser doch gerade die kriegerischsten Elemente waren, ihre Verluste also nur die Degeneration im Sinne Passarges gefördert haben können. Seiner Behandlung des Judentums sendet Passarge ausführliche charakterologisehe Begriffsbestimmungen voraus und führt eine eigenartige Terminologie ein. Als Typen unterscheidet er z. B. Fellachen, Sorten, Antisarten, Sarkoide usw. Wir können auf diese, teilweise recht interessanten Schilderungen nicht eingehen. Wichtig ist, daß der Verfasser auf Grund seiner im Orient durchgeführten anthropologischen Untersuchungen die Auffassung, daß die Juden e i n e e i n h e i t l i ch e N a s s e b i l d e n oder daß ihre Charaktereigenschaften vorwiegend durch die Rasse bestimmt seien, e n't s ch i e d e n a b l e f) n t. Die Juden sind vielmehr aus vielen Nassen zusammengesetzt, und zwar aus ungefähr denselben Nassenelementen, wie die Europäer. „Vor allem spricht aber gegen Rasfenwirkung die Tatsache, daß der dem Ghetto seit einigen Geschlechtern entflohene Emanzipationsjude sich auch nach Charakter, Benehmen, Begabung dem Nichtjuden allmählich anpaßt, daß Mischehen die jüdischen Charaktereigenschaften gewöhnlich sofort abschwächen und bei den weiteren Nachkommen ganz zum Erlöschen bringen." (Seite 101.) Der dennoch sehr scharfe Gegensatz zwischen Inden und Nichtjuden kommt daher, daß in Osteuropa moch heute der Typus des Ghettojuden besteht, dessen Psychologie dem europäischen Geiste völlig entgegengesetzt ist. Da nun aus den Ghettos Osteuropas eine ständige Abwanderung nach dem Westen stattsindet, so wird hier der Gegensatz ständig wachgehalten. Das ostjüdische Ghetto ist also nach Passarge die Brutstätte des Antisemitismus in der ganzen Welt. Seine Eigenart erhält sich mit großer Zähigkeit, weil einerseits die herrschenden Rabbiner und ein bis ins kleinste geregeltes System die Absperrung künstlich aufrechthalten und anderseits, weil die Pogrome und Verfolgungen die Absonderungstendenz der Juden stärken. Der Verfasser meint (Seite 308), daß der Konfliktstofs im Laufe der Zeit verschwinden würde, „wenn nicht ans den bestehenbleibenden Ghettos immer aufs neue Talmudgehirne und Ghettocharaktere mit allen ihren zersetzenden Eigenschaften, sowie feindliche Vorstellungen und unheilvoll wirkende Organisationen hcrauskümen und die in Umwandlung Begriffenen aufs neue infizieren würden." Unbedingte Voraussetzung aber sind die blutigen Verfolgungen, ohne die das Judentum sich längst ausgelöst hätte. Den größten Teil des Buches nimmt mm der Versuch des Verfasiers ein, die Entstehung und Entwicklung des Ghettojndentums aus orientalischen Lebensbedingungen nachzuweisen. Das Hauptgewicht legt Passarge ans anthropogeögraphische Momente, und feine Kenntnis des Orients befähigte ihn zu sehr anregenden Ideen hierüber. Weiter bemüht er sich nachzmveisen, daß in der jüdischen Religion Primitive, animistische Vorstellungen weiterleben. Hierfür zieht er umfassendes ethnologisches Vergleichsmaterial heran. Die Geistesart des Ghettojuden schildert Passarge überwiegend in höchst düsterem Lichte, obwohl er ihm auch einige günstige Züge, wie große Familienliebe, Treue und Hilfsbereitschaft gegen Volks- und Glaubensgenossen und dergleichen zuspricht. Dem Nichtjuden gegenüber soll sich aber der Ghettojude in der denkbar feindlichsten und schädlichsten Weise verhalten.' Er sucht ihn nicht nur zu bewuchern, zu betrügen und in jeder Weise anszubeuten, sondern er geht auch bewußt darauf aus, ihn zu demoralisieren, moralische Fäulnis zu erzeugen (Seite 140). Nach außen hin bilden diese Juden eine Art Geheimbund, sie suchen den glühenden Haß, der sie gegen alle Nichtjuden beseelt, sorgfältig zu verstecken. Besonders betont Passarge den harten Ritualismus, die zahllosen kleinlichen Gebote und Verbote, die zum neurotischen Charakter der Juden ungemein viel beigegetragen haben und das Leben im Ghetto zur Hölle machen, ferner die Idee der Auserwähltheit, die das Streben nach Herrschaft über die Nichtjuden begründet. Selbst den Ritualmord hält er wenigstens als Ausartung geheimer Sekten und animistifches Ueberbleibsel für nicht ausgeschlossen, betont aber, daß das offizielle Judentum hiermit nichts zu tun habe und daß ein Grund zu politischen Anfeindungen gegen das Judentum hieraus nicht geschöpft werden könne (Seite 395). Seine Schilderung des Ghettolebens' entnimmt Passarge großenteils recht zweifelhaften Quellen. Aber auch seine Theorien über die Entstehung der jüdischen Religion leiden an einem schweren Mangel, nämlich an wirklich historischem Geist und ausreichenden geschichtlichen Kenntnissen. Die religionsgeschichtliche Literatur über die Bibel, zu der gerade die deutsche Wissenschaft so Gewaltiges beigetragen hat, scheint dem Verfasser fast ganz unbekannt zu sein. Nirgends, findet sich ein Hinweis auf Wellhausen, Robertson Smith, Max Weber oder grundlegende religionsgeschichtliche Werke. Aber auch die Bibel ist dem Verfasser keineswegs sehr vertraut. Er gibt selbst zu (Seite 284), daß er seine theoretischen Betrachtungen bereits niedergeschrieben hatte, bevor er nähere Bibelstudien unternahm. Erst nachträglich habe er die Bibel nach kulturgeographischen Gesichtspunkten durchsucht und eine Reihe von Belegstellen zu seinen längst formulierten Theorien gefunden. Auch sagt Passarge offen, daß er nicht in der Lage sei, die Ergebnisse der Bibelsorschung zu beurteilen und daß er sich daher hauptsächlich auf ein einziges Buch, nämlich Sellin, „Geschichte des israelitischjüdischen Volkes" stütze (Seite 286' 420). Dies ist aber doch nicht die richtige Methode für die Behandlung solcher Probleme. Trotz des löblichen Willens zur Objektivität hat eben Passarge in der von ihm benutzten Literatur hauptsächlich das Ungünstige über die Juden gesehen, und das aus diese Weise zusammengesuchte Material ist daher vielfach überaus einseitig. Bezeichnend ist z. V., daß die Propheten und die Entstehung des Christentums aus dem Judentum nur ganz kurz er¬ MIlRAN Coniinental-Hoiei 3j0(jeTTlstesFamilienh ansI.Ranges m.letztem Komfort. An der Promenade. Massige Preise. wähnt werden. Etwas ausführlicher befaßt sich Passarge mit dem Chassidismus. Die zahlreichen Stellen im Talmud, die mit seiner Schilderung des Talmudjuden nicht übereinstimmen, werden einfach übergangen, wahrscheinlich ohne böse Absicht, einfach weil Passarge sie gar nicht kennt. Dafür stellt er die jüdische Religion „mit dem schamanistischen Animismus der Primitiven auf eine Stufe" (Seite 338) und fügt noch ausdrücklich hinzu, dies sei durchaus keine Uebertreibung. „Die Religion des unterdrückten G h e t t 0 j u d e n st e h t nicht höher als die der A u st r a l n e g e r." Ein charakteristisches Detail ist, daß Passarge als Beweis des furchtbaren jüdischen Hasses Ernst Lissauers „Haßgesang gegen England" anführt, „der in den Seelen (!) keines wirklichen Deutschen eine gleichgestimmte Seite gefunden hat." Sombarts Schrift „Händler und Helden" dürfte also auch das Produkt eines Ghettojuden sein, ebenso gewisse Aeußerungen Eduard M e y e r s und anderer deutschen Gelehrten gegen England. Merkwürdig übrigens: Sonst wirst man den Juden gewöhnlich vor, sie hätten im Weltkrieg die Feinde nicht genügend gehaßt, sondern seien Humanitätsdusler gewesen. Sehr eigenartig sind auch die zeitgeschichtlichen Kenntnisse und Anschauungen des Verfassers. So sagt er: „Ausfallen muß, daß zu den ausgesprochenen Antisemiten die hervorragendsten und sittlich hochstehendsten (!) Männer gehört haben und noch gehören. Auch wird man kaum, oder doch nur selten, in antisemitischen Schriften Gehässigkeit oder gar ordinäre Gesinnung finden." (Seite 40). „M i t aller Bestimmtheit aus jüdische E i n - f l ü s s e z u r ü ck z u s ü h r e n" sind unter anderem „d er M a r x i s m u sundK 0m mlt - n i s m u s, der jüdische G e h e i m bunt) und die Logen, die Protokolle der Weisen von Zion, der Bolschewismus und die proletarische Weltr e v 0 l u t i 0 n, d e r Weltkrieg undder Versailler Frieden." (Seite 42). Diese Ghettojuden scheinen wirklich tüchtige Leute zu sein. Das heutige deutsche Volk ist „verführt durch Rabbinasten", durch „soziale und humanitäre Schwärmerei für die Welt der Tatsachen blind gemacht" (Seite 127). Auch mit England steht es faul, denn „neuerdings läßt England unter rabbinastischem Einfluß den nötigen Wirklichkeitssinn vermissen." Wenn übrigens humanitäre Schwärmerei „rabbinastisch" ist, wie soll man da Schiller ausfassen? Stammte er vielleicht auch aus dem Ghetto? Gegen Schluß seines Buches (Seite 307) versichert Passarge nochmals, bei wissenschaftlicher Betrachtungsweise sei sittliche Entrüstung, vorgefaßte Abneigung oder Zuneigung durchaus unzulässig. Er wolle lediglich erklären. Ein tragisches Verhängnis sei es gewesen, „daß eine orientalische Lebensform als Folge der geschichtlichen Entwicklung in einen dauernden Konflikt mit einer ihr ganz fremden, europäischen Lebensform geraten ist. Man darf nicht die Frage aufwersen, wer den Streit angefangen hat. Es genügt festzustellen, daß es sich um einen laudschaftskundlich bedingten tragischen Konflikt handelt. Von beiden Seiten schlügt man auseinander los, jeder sucht den anderen zu schädigen. Gleichzeitig aber zeigt es sich, daß beide Seiten einander brauchen." Und kurz darauf sagt er. „Der ewige Jude kann erlöst werden, wenn man ihn sich selbst überläßt, ihn nicht beachtet." Mir scheint es ein tragisches Verhängnis, daß ein so verständiger Standpunkt und eine so gute Absicht eine so betrübende Verständnislosigkeit nicht ansschließen. Zu befürchten ist, daß nicht der humane Grundsatz weiterwirken wird, wohl aber das verzerrte Bild, das der Verfasser entrollt.