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Central-Verein-Zeitung · 1930-03-07 · 10 (7.3.1930) · p. Seite 120

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
10 (7.3.1930)
Date
1930-03-07
Page
Seite 120 (sequence 4)
Language
German
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120 Viele Tausende deutscher Juden allen tschechischen und nationaljüdischen Lockungen zum Trotz an ihrer Zugehörigkeit zum Deutschtum fest. Führende Männer des Sudetendeutschtums, A. B. deutsche Minister der tschechischen Negierung, der bedeutendste deutsche Minderheitenrechtler Finanzrat Dr. EPstei n (Prag) und Zahlreiche Professoren der deutschen Hochschule in Prag sind Juden. In seinem Buche über „Das Deutschtum in der Zips", einer wichtigen deutschen Enklave in der Slowakei, schreibt Dr. E. F a u s e l: „Die Apser Juden bekannten sich zu einem großen Teil als Deutsche, was man besonders an den Orten mit ganz geringen deutschen Minderheiten ohne weiteres seststellen kann. Dadurch wurden sie eine Stütze des deutschen Elements, eine Tatsache, die unbedingt anerkannt werden mußH." Angesichts solcher Tatsachen, und gegenüber der entschiedenen Ablehnung der Idee eines gesamtjüdischen Volkes durch die Juden West-, Nord- und Mitteleuropas erscheint es fast unbegreiflich, wie von nationaljüdischer Seite immer wieder die Fiktion einer alle Juden der Welt umfassenden jüdischen Nation versucht werden kann. Dabei bleibt es gleichgültig, ob man wie Margulies in einem der Minderheitenfrage gewidmeten Sonderheft der „Süddeutschen Monatshefte" das jüdische Volk als ein um seine Gleichberechtigung kämpfendes Volk unter den Völkern, eine -„nationale Minderheit unter den Minderheiten" bezeichnet) oder mit Arnold Zweig von einer „natio in statu nascendi" spricht; die gefährliche Wirkung dieser Irrlehre bleibt dieselbe. Nicht nur die Antisemiten aller Richtungen stützen ihre Argumentation mit Vorliebe auf diese „Zionistischen Selbstbekenntniffe", auch in weite, nicht judenseindliche Kreise unseres Volkes hat dieses ewige Gerede von der „jüdischen Natron" Verwirrung und Unklarheit hineingetragen. Ist es doch so wert gekommen, daß ein angesehener, über den Verdacht der Judenfeindschaft erhabener Autor wie Professor Laun (Hamburg), der in seinen früheren Publikationen Zum Minderheitenproblem stets das eigene Volkstum der Juden und ihren Charakter als nationale Minderheit in Deutschland entschieden in Abrede stellte, in seiner neuesten Arbeit') sich mit der lakonischen Feststellung begnügt, es sei bestritten, ob die Juden in Deutschland eine nationale Minderheit darstellen, sich also offenbar nicht mehr für berechtigt hält, diese Frage rundweg Zu verneinen. Auch der Kommentator des Minderheitenartikels 113 der Reichsverfassung, Professor Hans Gerber (Tübingen), meint, daß Dei den ein eigenes Volkstum bejahenden Juden in Deutschland alle Voraussetzungen für die Anerkennung als nationale Minderheit gegeben seiend. Der Marburger Staatsrechtler Friedrich G e n z m e r hat kürzlich in seiner Rektoratsrede „Staat und Nation" die Juden als selbständige Nation neben Iren und Kroaten gestellt. Diese Einstellung objektiver Wissenschaftler muß außerordentlich bedenklich stimmen. Sie zeigt, mit welch trauriger Berechtigung die „I ü d i s ch e R u rr d s ch a u" schreiben konnte^): „Die gebildeten Antisemiten sind im gewissen Sinne auf unser Konto zu setzen. Sie haben von uns die Art des Sehens, die Fragestellung, die Erkenntnis des Problems übernommen." Demgegenüber können wir nicht oft und nicht entschieden genug betonen: es gibt kerne jüdische Nation. Nicht nur, weil die gemeinsame Sprache, eine selbständige *) Dr. E. Fausel, „Das Zipfer Deutschtum", Jena 1927, S. 80 ff. 2) „Süddeutsche Monatshefte", Juli 1929. (£§ bedarf keiner näheren Darlegung, daß diese irrigen Ausführungen bei dem vorwiegend rechtsstehenden Leserkreis dieser Zeitschrift besonders bedauerlich erscheinen. 2) Artikel „Volk und Nation", im Handbuch des Deutschen Staatsrechts, Bd. I, S. 240. 4) Artikel 118 in „Die Grundrechts und Grundpflichten der Neichsverfaffung", Berlin 1929, S. 285.; L) Nr. 13, 33. Jahrgang. Kultur aus dem Boden eines gemeinsamen Vaterlandes, diese wesentlichen Kriterien einer jeden nationalen Gemeinschaft fehlen; sondern weil auch das für den Aufbau einer Nation unersetzbare Nationalgefühl nicht vorhanden ist, das in dem Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, in dem Willen, die Gegenwart miteinander zu leben und die Zukunft gemeinsam zu gestalten, seinen Ausdruck findet. Und es sei nicht unerwähnt, daß auch die deutschen Zionisten in der Praxis für sich die Zugehörigkeit etwa zu einer Minderheit in Deutschland ablehnen. Dabei wird niemand leugnen, daß für die jüdischen Massen des Ostens andere Grundsätze gelten. Sehr folgerichtig lehnt einer der hervorragendsten Führer des östlichen Judentums, der bekannte Völkerrechtler I. Robinson (Kowno), den Gedanken einer gesamtjüdischen Nation ab, meint jedoch, die Juden des Ostens seien eine besondere Nationa- T. G. Masarpk. Eine Erinnerung anläßlich seines 80* Geburtstages. Am 7. März feiert der Präsident der tschechoslowakischen Republik, Professor T.G. Masaryk, seinen 80. Geburtstag. Wir gedenken an dieser Stelle nicht des Führers eines Staates, der aus' dem Zusammenbruch auch unseres Vaterlandes erstand. Auch den Wissenschaftler an sich in diesen Blättern zu feiern, ist kein Anlaß. Wir grüßen an diesem Tage den aufrechten, von Gerechtigkeitsdrang erfüllten Menschen, der auch einer dunklen Welt von Aberglaube und Vorurteil gegenüber unerschrocken die Fackel der Wahrheit emporhielt. Polna — Agnes Hruza — Hilsner: mit diesen drei Namen, an die sich für die Menschheit soviel Beschämendes knüpft, verbindet sich der Masaryks zu seinem Ruhme. Zwei Schriften gab der damals noch wenig bekannte Gelehrte heraus, 1899: „Die Notwendigkeit der Revision des Polnaer Prozesses", und 1900, am 1. Februar, also vor fast genau 30 Jahren, eine Ergänzung: „Tie Bedeutung des Polnaer Verbrechens für den Ritualaberglauben." Masaryk sandte seiner Abhandlung ein Vorwort voraus, in dem es heißt: . . Das Polnaer Verbrechen ist kein Ritualverbrechen, im Gegenteil ist es ein schlagender Beweis dafür, daß der Ritualaberglaube in der Tat im vollsten Sinne des Wortes ein Aberglaube ist. Dieser Aberglaube ist eine Schmach der Zeiten, eine brennende Anklage des offiziellen Christentums, die offene Tür alles übrigen Aberglaubens, die hohe Schule nationaler und sozialer Verblendung und Gewalttätigkeit." Und am Schluffe seiner Darstellung wiederholt Masaryk: . . Der Ritualaberglaube — das sieht jeder — hat die Beobachtenden, Prüfenden und Suchenden mit Blindheit geschlagen. Das ganze lustige Gebäude des Polnaprozeffes ist aus dem Sand-, vielmehr Sumpfboden einer vorgefaßten Meinung ausgebaut — in diesem Sumpfboden müßte es darum Zusammenstürzen. Der Prozeß von Polnar ist in psychologischer Hinsicht ein geradezu typischer Fall für die Wirkung der Suggestion, respektive des Glaubens (Aberglaubens). Die Menschen, die den Fall untersucht und beurteilt haben, sind blind und taub geworden; alles Denken und Fühlen, ja die Sinne selbst wurden nach einer vorgezeichneten Richtung gedrängt, alles, was dieser Richtung zuwiderläuft oder doch abseits liegt, wurde gar nicht beachtet und nicht einmal bemerkt. Ein solcher Glaube ist eben blind. Der Dreyfus-Prozeß hat im Polnaer Prozeß seine psychologische Fortsetzung gesunden." Den Menschen Al a s a r y k g r ü tz e n w i r an seinem Ehrentage. A. H. MPBQN Continental-Hotel. ft iMlinSl Modernstes Familienhaus I. Ranges mit letztem Komfort.. An der Promenade. Massige Preise. lität, „eine Minderheit sui generis"6). Tatsächlich bilden die jüdischen Massen des Ostens vielfach eine Nationalität besonderer Art. Nämlich dort, wo sie im Durchschnitt fast den zehnten Teil der gesamten Bevölkerung darstellen, seit Generationen ein eigenartiges nationales Leben führen, häufig in geschlossenen Siedlungen zusammengeballt eine eigene Familiensprache gebrauchen, geistig tief in der vieltausendjährigen hebräischen Kultur wurzeln, eigentümliche Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten kultivieren, zumal bei ihnen auch, wie Robinson treffend bemerkt, die Religion das Leben des einzelnen und der Gesamtheit vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein bestimmt. Dabei darf jedoch nicht unerwähnt bleiben, daß auch innerhalb des Ostjudentums die nationalpolitische Stellung vielfach umstritten ist. So lehnen z. B. große Teile des rumänischen Judentums ihre Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit entschieden ab und fühlen sich als Rumänen. Dieser Standpunkt wurde insbesondere von den führenden PersönlichkeitenderBereinigung der rumänischen Juden vertreten. Auch bei den ungarischen und türkischen Juden wird der Gedanke einer nationalen Minderheit entschieden verworfen. Das Vorhandensein der ostjüdischen Nationalität wird nur dort angenommen werden können, wo jiddisch oder hebräisch als Muttersprache sprechende Juden in beträchtlicher Anzahl siedeln. In diesem Zusammenhang verdient ein Vorgang, der gegenwärtig in der tschechischen Öffentlichkeit lebhaft diskutiert wird, unser besonderes Interesse, weil hier einmal deutlich in Erscheinung tritt, in welch scharfem Gegensatz deutsche und nationaljüdische Interessen einander gegenüberstehen können, eine Möglichkeit, die zu . Unrecht von nationaljüdischer Seite häufig geleugnet wird. Ein Konflikt, der uns stets auf deutscher Seite finden wird. Ende des Jahres 1930 findet in der tschechoslowakischen Republik eine Volkszählung statt, die von besonderer Bedeutung ist, weil ihre Ergebnisse für die Gewährung der Minderheitenrechte ausschlaggebend sind. NachArtikel 14 der tschechischen Sprachenverordnung stehen einer Minderheit gewisse, sehr wichtige Sprachrechte nur in den Gerichtsbezirken zu, in denen sie mindestens 20 Prozent erreichen, ein Ergebnis, das von dem Ausfall der Volkszählung abhüngt. Bei der letzten Volkszählung im Jahre 1921 wurden namentlich die deutschen und ungarischen Minderheiten dadurch schwer geschädigt, daß plötzlich die Tschechen die Parole ausgaben, Juden könnten sich auch zur jüdischen Nationalität bekennen und dadurch viele deutsch und ungarisch sprechende Juden, häufig sogar unter einem gewissen Druck der tschechischen Behörden, veranlaßt wurden, sich nicht mehr zum Deutschtum oder Ungartum, sondern zur jüdischen Nationalität zu bekennen. Der bekannte deutsche Statistiker Professor Winkler (Wien) hat in seiner Studie „Der Wert der tschechischen Nationalitätenstatistik" darauf hingewiesen, daß in einer großen Reihe von Bezirken die deutsche Minderheit durch den Ausfall der Juden nicht die notwendigen 20 Prozent erreichte, so daß die deutschsp rechende Bevölkerung dieser Bezirke und auch die deutschsprechenden Juden selbst schwer geschädigt wurden, da ihnen auf diese Weise die wichtigen Sprachrechte verloren gingen. Diese damalige Abstimmung entsprach zweifellos nicht den tatsächlichen Verhältnissen, da angenommen werden muß, daß viele deutsche und ungarische Juden bei der nicht geheim erfolgenden Volkszählung aus Furcht vor behördlichen Schikanen ein Bekenntnis zur deutschen o) „Die Juden Osteuropas als nationale Minderheit" in „Nation und Staat", Jahrgg. 1927/28, S. 93.

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