Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 10 (7.3.1930)
- Date
- 1930-03-07
- Page
- Seite 119 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Volksbürger oder nationale Minderheit. von vr. Werner Rosenberg. Die Begriffe „Volkstum" und „Nation" werden heute in weiten Kreisen unseres Volkes mit einer fast religiösen Weihe umkleidet. In Zeiten gemeinsamer Not richten viele Menschen Ln der Schwere ihres Alltags sich auf an dem Gedanken eines neuen politischen Ideals, von dessen Erreichung sie eine Besserung des Politischen Schicksals ihres Volkes und eine günstige Veränderung der eigenen Lage erwarten. Nicht nur der einzelne greift in solchen Zeiten auf die letzten Elemente seines Daseins zurück; auch ein Volk versucht nach schwerer staatspolitischer Erschütterung die Grundlagen seiner geistigen Existenz von neuem zu erkämpfen. Die eigentümliche Mannigfaltigkeit des deutschen Volkscharakters läßt solche an sich wertvollen und berechtigten Bestrebungen vielfach zu einer Gefahr für die nationale Solidarität werden; indem von der Verfolgung einzelner Richtungen alles Heil erwartet wird, führen die Bahnen weit auseinander, entzweien sich die Geister bis zu bar testen? Streit, verlieren die einzelnen Volksteile das Verständnis für einander und schließen sich in Sonderwelten ab. In seiner schönen Einleitung zu Fichte s „Reden an die deutsche Nation" klagt Rudolf E u ck e n : „Alle Verwicklung der Zeit erstreckt sich aber bei uns Deutschen mehr als bei anderen, politisch gescftigtcren Völkern auch in das nationale Leben hinein, die innere Gemeinschaft ist nicht lebendig genug, wir kommen nicht genügend dazu, einen gemeinsamen Charakter auszubilden." Die besten Geister unseres Volkes haben der deutschen Zwietracht, diesem scheinbar unsterblichen Nebel, mitten ins Herz zu treffen versucht, indem sie das deutsche Volk über alles Trennende hinweg zur Gemeinschaft der deutschen Nation zu führen suchten, ihm vor Augen führten, daß es eine eigentümliche geistige Art besitze, die der Erhaltung, Vertiefung und Zusammenfassung würdig ist. „Nicht der Geist der ruhigen bürgerlichen Liebe der Verfassung und der Gesetze, sondern die verzehrende Flamme der höheren Vaterlandsliebe, welche die Nation als Hülle des Ewigen umfaßt", wollte Fichte mit seinen „Reden an die deutsche Nation" entzünden, wobei ihm und seinen Freunden aber vor allem die politische Einigung des deutschen Volkes vorschwebte. Die staatliche Einheit der D e u t s ch e n i m Reich ist heute nicht ernstlich bedroht, wohl aber stehen in ganz Mittel-, Süd - und Osteuropa Millionen deutscher Volksgruppen im schwersten Kampf um die Erhaltung ihres Volkstums. Das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, der Verantwortung für diese versprengten und gefährdeten Glieder des deutschen Volkes, die Schicksalsgemeinschast der großdeutschen Nation, die von den Bergen Siebenbürgens bis zur Eider, von der Etsch bis an die Memel alles, was deutsch denkt, spricht und fühlt, umfaßt, ist eine der neuen, aus bem Chaos der Nachkriegszeit geborenen Ideen des deutschen Volkes, die vor allem seine Akademische und bündische Jugend in ihren Bann zieht. In seinem Vortrag über das Weltbild der europäischen Jugend hat Hans Zehrer kürzlich mit vollem Recht auf die entscheidende Rolle hingewiesen, welche der Gedanke von der großdeutschen Nation und ihren besonderen Aufgaben im mitteleuropäischen Raum heute im Weltbild der deutschen Jugend einzunehmen beginnt, eine Stellung, die er mit der vergleicht, die dem Gedanken des „Empire" im Weltbild der britischen, dem faschistischen Staatsideal in dem der italienischen und dem bolschewistischen Prinzip im Weltbild der russischen Jugend gleichkommt. Franz S ch auweck e r, vielleicht die geistig bedeutendste Erscheinung des Kreises um Ernst I ü n g e r, hat dies so formuliert: „Wir mußten den Krieg verlieren, um die Nation zu gewinnen." Tagtäglich erleben wir das Wachsen und Erstarken dieser gesamtdeutschen Solidarität. Der Polenvertrag bürdet den Reichsdeutschen schwerste finanzielle Lasten auf, um einigen tausend Deutschen in Polen Haus und Hof zu erhalten; wenn irgendwo im tiefsten Balkan einem Deutschen Unrecht geschieht, wird das Rechtsgefühl des ganzen Volkes verletzt. Auch die deutschen Juden haben, wenn das Schicksal sie auf einen solchen Außenposten des Deutschtums stellte, stets ihre Pflicht getan. Sie zeigten, daß sie nicht nur Staatsbürger des Reiches, sondern auch Volksbürger sein wollten, und lehnten es daher ab, das Deutschtum dort zu verlassen, wo ein Bekenntnis zum Staatsvolk reale Vorteile bringen konnte, wie etwa in den an Polen gefallenen Landesteilen. In diesen Blättern sind häufig bemerkenswerte Beispiele für diese Haltung der deutschen Juden gegeben werden; der bekannte Geschäftsführer des Deutschtumbundes in Polen, H e i d e l k, hat ihre Treue in der Zeitschrift „Deutsche Hochschule", 15. Folge, ausdrücklich anerkannt. In einer offiziellen Veröffentlichung des polnischen Kultusministeriums*) findet sich die interessante Tatsache, daß sämtliche jüdischen Kinder des polnischen Ob e r s ch le si e n s bis auf Zwei deutsche Schulen besuchen, was voraussetzt, daß ihre Eltern trotz der bekannten behördlicher? Schikanen das Bekenntnis zun? Deutschtum nicht gescheut haben. Sogar in der T s ch e ch o s l o w a k e i, in Gebieten, die niemals zum Deutschen Reich gehört haben, halten *) „Das Volksschulweseu in der Republik Polen", Warschau 1929, S. 121. Rußlands Zeldzug *7" Religionen. In Nr. 4 der „C. V.-Zeitung" vom 24. Januar d. I. hatten wir im Anschluß an den Ausruf der 16 Superintendenten der Evangelischen Kirche Altpreußischer Union über die Kirchenseindlichkeit des Bolschewismus berichtet, die sich in gleicher Weise gegen alle Religionen äußert. Den Meldungen über Schließungen von Synagogen folgen täglich neue Meldungen über Zwangsmaßnahmen gegen Rabbiner und gegen religiöse Institutionen aller Art. Bis 1932, so heißt es, sollen die Synagogen geschlossen und profanen Zwecken dienstbar gemacht werden. Die Jüdische Telegraphen-Agentur (ITA) veröffentlicht eine größere Anzahl von Berichten, für deren Nichtigkeit luir die Vertantwortung selbstverständlich der Korrespondenz überlassen müssen; aber selbst dann, wenn die üblichen Abstriche späterhin erfolgen müßten, bleibt noch ein außerordentlich schwerwiegender und bedauerlicher Nest übrig. So dürfen jüdische Gemeinden, Synagogen, Rabbiner und religiöse Funktionäre des Kreises Kiew gemäß Beschluß des Verbände sder Po st beamten in Kiew keinerlei Verbindungen mit der Außenwelt unterhalten. Briefe, Telegramine und Geldanweisungen, die an die Gemeinden, Rabbiner usw. gelangen oder von diesen abgeschickt werden, sollen von jetzt ab unerledigt bleiben. Alle Briefträger der Stadt und des Kreises Kiew sind angewiesen, an religiöse Anstalten oder Beamte adressierte Briefe und andere Sendungen mit dem Sternpel „Boykott" zu versehen und an den Absender Zurückgehen zu lassen. Die Führer der jüdischen Gemeinde in Kiew haben sich erbötig gemacht, das Dreifache der normalen Posttarife .zu leisten, wenn der Boykott aufgehoben würde; ihr Ersuchen wurde Zurückgewiesen. Die jüdischen Kommunisten der „I e w s e - krya" sollen an das Handelskommissariat der Sowjetunion die energische Aufforderung gerichtet haben, in diesemJahrejede Einfuhr von Mazzoth. für. die Juden in Rußland zu sperren,?nit der Begründung, daß das Handelskommisfariat durch die Förderung der vorjährigen ausländischen Maz- Zvth-Aktion der Konterrevolution gedient habe. Ferner berichtet die ITA, daß in der Stadt P o st o w alle dort vorhandenen Maschinen für Mazzoth-Herstellung zugunsten des Jndustrialisierungsfonds beschlagnahmt worden seien. An die Moskaus v jüdische Gemeinde wurde von den Moskauer Stadtsowjets die ofsizielle Aufforderung gerichtet, binnen zwei Wochen die Große Chorsynagoge den? Arbeiterklub der Fabrik „Sichel uud Hammer" zu übergeben. Der Vorstand der Moskauer Gemeinde wandte sich mit der Bitte, die Beschlagnahme auszuheben, an das Zentralexekutivkomitee der Sowjetunion. Gemäß den Meldimgen der jiddischen Zeitung „Stern" sollen in der Ukraine durch Schulkinder unter der jüdischen Bevölkerung Gebetutensilien, wie Gebetmäntel, Gebetriemen, religiöse Bücher usw., abgesammelt werden, damit sie als „Ramsch" nach dem Ausland verkauft werden können. Der Erlös soll dem Jndustrialisierungsfonds zugeführk werden. Im Kreis Sch e p e t o w k e soll das Geld für die verramschten religiösen Gegenstände zur Anschaffung, von Musikinstrumenten für das Orchester der Jung-Kommunisten verwendet werden. Aber auch gegen karitative, wissenschaftliche und kulturelle Vereine richtet sich die bolschewistische Politik. So ist, wie die „Wahrheit" aus Wien meldet, laut Regierungsbeschluß vorn 1. Januar d. I. die Gesellschaft zur Förderung dev B i l d u ng unter den Juden, die vor 70 Jahren gegründet wurde und in der die besten Kreise des russischen Judentums im Kanlpf für staatsbürgerliche Gleichberechtigung zusammenstanden, verboten worden. Ebenso wurde die jüdische Abteilung des e t h n o l o g i s ch e n Museums in Petrograd geschlossen. Als ein Schlag gegen jede Religion ist auch die große Kalenderreform zu bewerten, die die Ruhe am siebenten Tage aufheben uud statt dessen schichtweise Ruhetage jeweils am fünften Tage einführen will. Damit wird die Heiligung des Sabbat wie jedes einheitlichen religiösen Feiertages unmöglich gemacht. Gleich den Protestanten und Katholiken protestieren auch die Inden in der ganzen Welt gegen die Schmach, die der Religion und der Religionsausübung in Rußland zugefügt wird. Die Leitung des American Jewish Congress veröffentlicht, laut einer Meldung der ITA, eine Protesterklärung gegen die Unterdrückung der Religion in Sowjetrnßland, und das American Committee on Religions Rights and Minorities hat an den Präsidenten H o o v e r , das Staatsdepartement und das Staatskomitee für auswärtige Angelegenheiten sowie an dessen Vorsitzenden Senator Bo ruh das Ersuchen gerichtet, der S o w j e t r e g i e r u n g die Anerkennung 3 u verweigern, s 0lange die Religionsv er folg ungen a n d a u e r n.