Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1930-03-07 · 10 (7.3.1930) · p. Seite 118

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
10 (7.3.1930)
Date
1930-03-07
Page
Seite 118 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277676-2277686--05854-2286631
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

11$ Ursprung 1835 Mitarbeiter gesucht. in frischer Erinnerung. Demnächst wird in Altona das pseudorevolutionäre Treiben der Bombenleger seine Sühne finden. Vergeblich hat man mit Terrorakten Beamte und Behörden der Provinz und der Nachbargebiete einzuschüchtern versucht. Der Staat zieht die Täter zur Rechenschaft und zeigt den Ausrührern seine Macht. Gewiß wirkt das. Aber noch immer reisen die Agitatoren von Ort zu Ort, und die Presse der ganz kleinen Städte berichtet fleißig, wie H a m k e n s seinen Hörern „das furchtbare Verhängnis des internationalen Judenkapitals" enthüllt und wie die Nationalsozialisten „jüdische Weltherrschaftspläne" vor'überfüllten Sälenaufgedeckt hätten. Das wird ohne ein Wort der Kritik übernommen, und Ludendorsss „Volkswarte", „Fridericus" und „Schleswig- Holsteinische Tageszeitung" tun das ihre, um die judenfeindliche Stimmung dieser fast judenreinen Gegend zu steigern. Vor solchem politischen Hintergrund hat sich der nachstehende Vorgang abgespielt: Kaufleute — Nichtjuden — veranstalteten Ende 1928 in der Kleinstadt Burg auf der Insel Fehmarn eine Modenschau. Vorsührdamen unter Leitung eines jüdischen Ansagers zeigen Kleider, Hüte, Schuhe ufw. ortsansässiger Firmen. Eine Nachmittagsvorstellung wird mit großem Beifall ausgenommen. Am Abend soll sie wiederholt werden. Ein paar hundert Schaulustige haben sich eingefunden. Das erste Bild einer kleinen Modenrevue geht über die Bühne. Da dringt Plötzlich eine Anzahl junger Menschen, die dem Stahlhelm und dem Junglandbund angehören, in den Saal. Einer hält eine Rede: „Wir haben vor kurzem hier eine deutsche Modenschau gesehen. Das ist eine jüdische Modenschau. Wir brauchen keine jüdische Modenschau. Die Juden haben unser Volk unterjocht" uss. Ter Ansager eilt bestürzt auf die Bühne. Da tönt der Nus „Juden raus!" und schon stürmen einige junge Männer aus ihn zu, reißen ihn von der Bühne, schlagen ihn, hetzen ihn durch den Saal, Zerren ihn, als er in sein Zimmer flüchten will, dje Treppe hinunter, schlagen ihm mit der Faust ins Gesicht, zerreißen seinen Anzug: die Modenschau ist zu Ende. Die Hilferufe des Verletzten verhallen ungehört. Im Saal aber hält ein unbekannter Mann eine judenfeindliche Rede und versucht, das Deutschlandlied spielen zu lassen. Statt dessen erklingt Tanzmusik, und bei Trunk und Tanz bleibt man die Nacht zusammen, während der jüdische Ansager und die Vorführdamen sich vor Tagesgrauen aus der Stadt schleichen. Die beiden Jnselzeitungen berichten über den Vorfall sehr schüchtern. Mit großer Zurückhaltung bringen sie eine Anzahl Stimmen aus dem Publikum, die den Roheitsakt verurteilen und vorsichtig andeuten, daß diese Gewalttat möglicherweise ganz andere Ursachen hätte, und ein deutschnationaler Einsender findet das treffende Wort: „Das ist nicht Frontgeist, -.eine Herren, das ist Feigheit!" Ein Strasverfahren wird eingeleitet. Am 28! Februar und am 1. März 1930 findet die H a u p t v e r h a n d l it n g vor dem erweiterten Schöffengericht Kiel in Burg statt. Ein Gärtner und zwei junge Bauern sind wegen gefährlicher Körperverletzung, Nötigung und Beleidigung angeklagt. Der Ansager, dem der C. V. Rechtsschutz gewährt hat, hat sich dem Verfahren als Nebenkläger angeschlossen. Die Angeklagten stehen nur sehr bedingt zu ihrer Tat; von. Schlägen wissen sie nichts, und sie bestreiten auch, daß sie die Veranstaltung sprengen wollten. Eine Verabredung hätte nicht stattgesunden. Man sei hingegangen, weil der jüdische Ansager in der Nachmittagsvorstellung Zoten gerissen hätte, und man hätte die Frauenehre gegen weitere Schamverletzungen schützen müssen. Man habe den Ansager von der Bühne „geschoben", weil er es gewagt hat, die Protestrede eines der Mitangeklagten zu stören. Ein großes Zeugenaufgebot wird vernommen. Einige Zeugen wissen überhaupt nichts von Zoten; andere geben harmlose Witze wieder, denen sie einen obszönen Sinn beilegen. „Er hat gesagt: Der Geiger soll sein Temperament etwas zügeln." „Er hat gesagt: An diesem Mantel ist die Rückenlinie besonders interessant." Der Vorsitzende schüttelt den Kopf: „Daran kann aber doch kein Mensch etwas finden." Die Angeklagten haben die angeblich gefallenen Zoten selbst nicht gehört; sie haben den Veranstalter der Modenschau auch nicht etwa gewarnt; sie haben in der Abendvorstellung, in die sie eindrangen, nicht gewartet, bis eine zweideutige Bemerkung fiel. Willkür und Ueberfall auf einen wehrlosen Mann scheint ihnen erlaubtes Kampfmittel zu sein. „Die Bauern hier glauben sich alles herausnehmen zu dürfen", hört man aus dem Mund von nichtbäuerlichen Fehmarnern. Trotzdem umgibt der Verteidiger der Angeklagten, der Lübecker Rechtsanwalt Wittern, seine Mandanten mit einer völkischen Gloriole. „Das war ein Akt der Volksnotwehr. Das deutsche Volk liegt in Stricken gefesselt am Boden. Es wehrt sich verzweifelt Die Ergebnisse der 5tadtrat§- wahlen in Minden. Bei den letzten Stadtratswahlen in Minden am 2. März d. I. verlor die Bürgerliche Vereinigung mit 5913 Stimmen und vierzehn Sitzen gegenüber 6690 Stimmen und sechzehn Sitzen bei den Wahlen vom 17. November 1929 zwei Sitze an die Nationalsozialisten. Diese konnten ihre Stimmenzahl von 1637 auf 2500 erhöhen und haben jetzt statt vier, sechs Sitze im Stadtparlament. Sozialdemokraten und Kommunisten konnten die Zahl ihrer Sitze behaupten. weitz und Zchwarz-vostunttsch. Zwei „Wahrheitsfanaliker". Der Gauleiter der Deutschvölkischen Freiheitsbewegung Bremen, Weiß, dev vorübergehend in L ö tz e n stationiert war, hatte bei einer dortigen Versammlung des C. V. behauptet, die Juden inszenierten die Schändung jüdischer Friedhöfe selbst! Man habe es ihnen in Westfalen in zwei Fällen gerichtlicherweise nachgewiesen! Unser Landesverband Ostpreußen hat daraufhin gegen Weiß den Vorwurf der wissentlichen U n Wahrheit erhoben. Trotzdem jene Vorkommnisse nun mehrere Monate zurückliegen und obschon die Lötzener Ortsgruppe der Deutschvölkischen Freiheitsbewegung seinerzeit in der „Lötzener Zeitung" erklärt hatte, Weiß würde selbstverständlich eine Rechtfertigung finden, hat Weiß bisher nichts von sich verlauten lassen. gegen das jüdische Volk, das deutsche Sitten, vergiftet und Deutschland beherrscht." Schärft' Angriffe gegen den 'jüdischen Nebenkläger! und seinen Vertreter, den Unterzeichneten, folgen! „Typisch jüdisch, daß der jüdische Nebenkläger und sein jüdischer Anwalt nach geschäftlichen Motiven dieser Notwehrhandlung suchen. Der Jude in seiner Raffgier kennt nichts anderes als Geschäft. Ihm erscheint auch diese Tat, mit der die deutschen Fehmarner sich ihre Jnselreinheit zu bewahren suchten, nur aus geschäftlichen Konkurrenzmotiven erklärbar!" Der völkische Agitationsredner in der Anwaltsrobe muß sich belehren lassen, daß die Suche nach einem geschäftlichen Hintergrund des Roheitsaktes nicht von dem Nebenkläger ausgegangen ist, sondern daß ruhige Inselbewohner den Verdacht einer Konkuvrenzhandlung sogar in der „Fehmarner Jnselzeitung für alle vaterländisch Gesinnten" ausgesprochen haben. Das Gericht sieht von einer Gefängnisstrafe ab, weil die Angeklagten bisher unbestraft sind. Es verurteilt die Tat aufs schärfste und verhängt Geldstrafen von 200 Mark und 300 Mark. Die Hintergründe der Tat sind nicht aufgedeckt. Ein Zeuge ist vom andern oder von den Kreisen der Angeklagten abhängig; das Netz der Angeklagten ist dicht und fest. Der Nachweis, daß die Tat systematisch vorbereitet wurde, läßt sich nicht führen. Trotzdem wird der Name des großen Unbekannten ermittelt, der sich in den Tagen vor der Modenschau aus der Insel gezeigt und in der Veranstaltung selbst eine scharfe Hetzrede gegen die Juden gehalten hat: Herbert Volk. Alle Vermutungen sprechen dafür, daß dieser Mann die treibende Kraft des Delikts war und daß er selbst personengleich ist mit jenem berüchtigten Haupt der Bombenleger, die den Terror zu ihrem politischen Gewerbe gemacht haben. Aber auch, wenn dieser Nachweis gelingt, wird man weiter von Notwehrakten gegen die Angriffe der „jüdischen Giftschlange" sprechen. „Das ist nicht Frontgeist, meine Herren, das ist Feigheit!" vr. Hans Reiehmann. In einer Versammlung der Lötzener Ortsgruppe der Deutschvölkischen Freiheitsbewegung behauptete Professor Schwarz- Bostunitsch, die Juden hätten rituelle Schändungen an Leichen weißer Soldaten im russischen Bürgerkrieg vorgenommen. Dieser Lüge ist unser Landesverband Ostpreußen in einem „Eingesandt" in der „Lötzener Zeitung" entgegengetreten. Runst-„Rritik". Wie wir in Rr. 52 der „C. V. - Zeitung" vom 27. Dezember v. I. berichteten, wurde eine Ausführung von Ernst L i s s a u e r s Drama „Das Weib des Japhta" im Staatstheater in Schwerin während des zweiten Aktes durch das Werfen von Stinkbomben gestört. Wegen dieser Heldentat mutzte sich jetzt der nationalsozialistische Zeitungs- Verkäufer August Koch vor bem A mtsgericht in Schwerin verantworten. Zu seiner Verteidigung führte er an, daß er bereits vor dem Theakerbesuch nationalsozialistische Kritiken über das „jüdische Stück" gelesen habe und daher als Antisemit mit der Absicht hingegangen sei, gegen die Aufführung Front zu machen. Durch die „Verehrung jüdischen Heldentums" im ersten Akt besonders aufgereizt, habe er dann als Demonstration die Stinkbomben geworfen. Vom Richter befragt, ob ihm denn keine andere Kritikmöglichkeit zur Verfügung stände, antwortete Koch: „Ich sehe ein, daß dies nicht der richtige Weg war. Besser wäre es gewesen, wir wären mit. zwanzig oder dreißig Mann reingegangen!" Koch wurde zu 150 Mark Geldstrafe, cmshilflich zu 15 Tagen Hast verurteilt. Dieser Fall ist typisch für die nationalsozialistische Denkungsart. Der jüdische Stoff allein genügt ihnen, um ein Kunstwerk abzulehnen.' Die Lieferen Absichten des Dichters suchen sie nicht zu erforschen; sie bleiben ihnen fremd. Ihre „Kritik" ist die Politik des Fbustrechts. Werden sie denn ewig blind bleiben?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.