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Central-Verein-Zeitung · 1930-03-07 · 10 (7.3.1930) · p. Seite 117

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
10 (7.3.1930)
Date
1930-03-07
Page
Seite 117 (sequence 1)
Language
German
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[tntrol mSrcin Blätter für deutlich tum un- Judentum BierteliahrSabonnement SS« RM. (zuziigl. Bestellgeld). Serlin, 7. März I93S IX. Jahrgang * Ar. 10 Einzelnummer LS Pfennig ' Organ Oes tentral Vereius öeutfeher^ Gtaatsdüryerjüötfehe« Blaudens e.V. -XNtzsnnsins ^siiuntz clss Dudentums Verlag und SchriftleiLung: Berlin SW 68, Lindenstr. 13. .:. Amt Dönhoff 3594, 3595. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube G, Berlin SW 68, Lindenstraße 7, und von Goldschmidt - Rothschild & Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Masse, Berlin SW 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmeffer Rr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 &JI, die 62 mm breite Reklamezeile 3,50 MJU Schlafstubenpolitiker. Au Ostt jüngsten Ereignissen in Preußen. A. W. Der um die Staatssicherheit verdiente preußische Innenminister Grzesinski hat seinen Abschied genommen. Mit ihm ist eine Persönlichkeit aus dem Amte.geschieden, die, begabt mit politischem Weitblick, klar die Gefahren des Radikalismus für die ruhige Entwicklung des preußischen Staates erkannte und allen Ausschreitungen kraftvoll entgegentrat. Gegen diesen Politiker hatte — lange vor dem letzten entscheidenden Schlage aus dem eigenen Lager — ein Kesseltreiben besonders von nationalsozialistischer Seite eingesetzt, dessen körperliche und seelische Wirkung selbst die beste Gesundheit untergraben mußte. Zunächst wurde in Hitler-Blättern und Versammlungen dev Partei versucht, die Person des Ministers durch Beschimpfungen seiner toten. Mutter zu treffen; dann zerrte man seine angebliche sittliche Verschuldung — zu einem Teil erdichtet — in Form einer nationalsozialistischen Anfrage bis in die Verhandlungen des Landtages hinein. Wenn wir hier überhaupt auf diese Angelegenheit eingehen, so deshalb, weil sie für die Nationalsozialistische Partei und ihre Taktik außerordentlich charakteristisch ist. Nicht zufällig etwa beschäftigen sich die Nationalsozialisten mit dem Privatleben irgendwelcher Persönlichkeiten. Seit ihrem Bestehen pflegt die Partei absichtlich diese Art von Schlasstnbenpolitik. Zeitungen wie der „Stürmer" in Nürnberg, der „Eisenhammer" in der Pfalz, der „Westdeutsche Beobachter" in Köln und ihre zahlreichen Ableger schnüffeln in den Wohnungen und in den Geschäften herum, machen vor dem Intimsten nicht halt, um auf diese Weise die Menge der Urteilslosen und Sensationslüsternen gegen Stadtoberhäupter, Abgeordnete, Minister, natürlich vor allem auch gegen jüdische Bürger, aufzubringen. Bilder solcher angeblicher „Feststellungen" werden in diesen Zeitungen veröffentlicht, die ebensogut in gewissen pornographischen illustrierten Heften stehen könnten. Diese Methoden, gewissermaßen als tägliche Rubrik eingeführt zu haben, ist das Zweifelhafte Verdienst der Nationalsozialisten, die derartige „Feststellungen" bewußt als Mittel politischer „Aufklärung" gebrauchen. Uns ist es unmöglich, solche schlüpfrigen Pfade zu wandeln. Bei dem Privatleben eines jeden, auch unseres schärfsten, politischen Gegners, hieß es für uns: Hände weg, auch bevor Adolf Hitler selbst erklärt hatte, daß das Privatleben eines Politikers die Oeffentlichkeit nichts an gehe. Aber vielleicht darf ein m al bei dieser Gelege n h e i t a u sgfe s pr o che n w erden, daß die N a t i o - na l s o z t a 11 st e n am all e rw e n i g st e n das Recht haben, sich als Sittlichkeitsapostel und Hüter arischer T u g e n d e n a u f z u s P i e l e n. Welche faulen Dünste sind in den letzten Jahren gerade aus diesem Lager aufgestiegen, wie oft sind der erstaunten Oeffentlichkeit Pamphlete ehemaliger Parteigenossen mit Enthüllungen über das Privatleben mancher führender Nationalsozialisten unterbreitet worden, die noch die schmutzigsten Phantastebilder übersteigen! Welche unerfreulichen und beschämenden Auffassungen über Ehe und Sittlichkeit, traten aus manchen Gerichtsverhandlungen zutage, die sich in den letzten Jahren gegen Völkische abrollten. Wieviel dunkle Ehrenmänner, deren Vergangenheit nach allem anderen als nach teutscher Reinheit und Tugend schmeckte, haben es verstanden, in dev völkischen Bewegung eine Rolle zu spielen! Wenn Herrschaften, die, wie der Volksmund sagt, „so viel Dreck am Stecken haben", sich als die Tugendbolde ausgeben, sich mit catonischer Strenge verpflichtet fühlen, über andere zu Gericht Zu sitzen, so kann man ein derartiges Gehabe wohl nicht gut anders als mit Heuchelet bezeichnen. Für den Auslandsgebrauch! Wie steht Hitler zum Judentum? Im Juli 1924 besuchte der deutsch-böhmische Nationalsozialist Kugler Adolf Hitler in der Festung L a n d s b e r g. Er legte Hitler die Frage vor, ob sich in seiner Stellung zum Judentum etwas geändert habe. „Ja, ja, es ist ganz richtig", antwortete Hitler, „daß sich meine Ansicht über die Kampfweise gegen das Judentum geändert hat. Ich habe erkannt, daß ich bisher viel zu milde war. Ich bin bei der Ausarbeitung meines Buches zu der Erkenntnis gekommen, daß in Zukunft die schärfsten Kampfmittel angewandt werden müssen. Ich bin überzeugt, daß nicht nur für unser Volk, sondern für alle Völker dies eine Lebensfrage ist, denn Juda ist die Weltpest." Am 5. Januar d. I. veröffentlicht der „New York American" eine Unterredung seines Berichterstatters v. Wiegandt mit Hitler. Aus die Frage, warum Hitler den Antisemitismus zum Programm erhoben habe, antwortet Hitler: „Weil das Volk es nicht verstehen w ü r d e, wenn ich d a s n i ch t täte." Und er fügt hinzu: „I ch b i n n i ch t d a f ü r, d a ß d i e R e ch t e der Juden in Deutschland beschnitten werden, aber ich dränge darauf, daß w i r a n d e r n, d i e w i r keine Juden sind, nicht weniger Rechte haben alsdieJu den selb st." Ter „Jungdeutsche" hat sich mit der Veröffentlichung dieses Interviews ein Verdienst erworben. Für die Agitation innerhalb Deutschlands braucht Herr Hitler die Judenhetze; denn „das Volk würde es ja nicht verstehen", wenn die Hitler-Partei auf ihren wirksamsten Propagandatrumps verzichtete! Daß die Amerikaner kritischer sind als die Leute, die sich durch antisemitische Ammenmärchen einlullen lassen, weiß Herr Hitler genau. Deshalb versichert er, daß er nichts gegen die Rechte der Juden in Deutschland zu unternehmen beabsichtigt. Er unterschlägt nur leider dem amerikanischen Journalisten jene Forderung seines Parteiprogramms, wonach die Juden nicht Volksgenossen und nicht Staatsbürger sein dürfen, sondern unter Fremdenrecht zu stellen sind. Daß die Juden, wie Hitler es den Amerikanern einreden möchte, mehr Rechte in Deutschland genießen als die Nichtjuden, glaubt wohl Hitler selbst nicht, und dürften auch die Amerikaner ihm nicht glauben. Modenschau aus Fehmarn. „Lieber tot als Sklav'!" Diesem Kraftspruch aus der Geschichtslegende sucht man auf schleswig-holsteinischem Boden, wo er als Parole zum Freiheitskampf entstanden ist, neuen Sinn zu geben. Man entfacht oder steigert mit chm den Agitationssturm gegen Negierung, Staat und, wie es neuerdings heißt, das „System". Wenn die Bauern sich der Steuereintreibung widersetzen, „Landvolk"-Anhänger unter der schwarzen Sensenfahne den Landfrieden brechen, wenn im Kampf der Nationalsozialisten mit ihren radikalen Gegenspielern von der Linken blühende junge Menschen erstochen oder erschossen verbluten, dann begleitet die Agitationsmustk zu solchem Trauerspiel . düs Motiv: „Lieber tot als Sklavll" Man hat in den letzten anderthalb Jahren viel von der Radikalisierung der schleswig-holsteinischen Bevölkerung gesprochen. S kahl h e l m , die „L a n d v o l k" - B e w e g n n g unter Führung von H a m k e n s und die Nation a l - s o z i a l i st e n, die sich mit bäuerlicher Hilfe eine eigene Tageszeitung in Itzehoe schufen, haben die Verstimmung geschürt, die die Wirtschaftslage verursacht hat. Die Prozesse von 9t e u m ü n ste r u nd Wöhrden sind noch (!nill!l[il!lllülll!i!i!!lfllll!l!!lll!llli!!l!l!ll!!l!II!lin!l!iI!)linUllintl!l!l!|[[llliIilll!Üil[!nil Dr. Werner Rosenberg: Volksbürger oder nationale Minderheit. Seite 119. Ernst Lissauer: Zwischen zwei Revolutionen. Seite 123,

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