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Central-Verein-Zeitung · 1930-02-28 · 9 (28.2.1930) · p. Seite 110

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
9 (28.2.1930)
Date
1930-02-28
Page
Seite 110 (sequence 6)
Language
German
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I' 110 r niemandem etwas ließen. Wohl aber glauben wir mit Oskar Wasserman n, daß eine große Zahl der Nichtzionisten, die heute noch abseits der Arbeit für Palästina stehen, allmählich dafür gewonnen werden können, ganz k besonders dann, wenn sie erkennen, daß aus beiden Seiten völlige Klarheit über die Wesens- ' unterschiede der Vertragspartner besteht. Hierzu gehört aber auch, daß man aus zionistischer Seite erkennt, daß ein Nichtzionist nicht etwa ein in der Entwicklung zurückgebliebener - Zionist ist und daß der ehrliche feste Wille, am Palästina-Aufbau nntzuhelfen, und das tiefe - Verbundenheitsgefühl mit allem, was in Pa- ' lästina geschieht, nichts gu tun hat mit der ebenso ernsthaften und tiefen Ueberzeugung, daß die Erhaltung des Judentums in der Welt nicht allein, ja nicht einmal vorwiegend, von ' dem „Krastzentrum" in Palästina abhängig ist. B l u m e n s e l d meint, daß die Ausführungen von Oskar Wassermann einen zwar gut gemeinten, in der Wirkung aber verfehlten Versuch darstellen, neue Kreise für Keren Hajessod und Jewish Agency zu gewinnen. Vergißt er — oder will er nicht erkennen —, daß es sich hier darum gehandelt hat, die Einheit der nichtzionistischen Juden in Deutschland in anderer Richtung zu betonen? Aus der im Grunde unterschiedlichen Auffassung znm „Galuth", ans der verschiedenartigen Beurteilung der Möglichkeiten, die jüdische Gemeinschaft in der Welt zu erhalten, ergeben sich nach unserer Auffassung klare Unterschiede zwischen Zionisten und Nichtzionisten. So wird auch der Kampf um die wirtschaftliche, politische und kulturelle Erhaltung des deutschen Judentums verschiedenartig bewertet werden. Tie Forderung aber, hierfür zu arbeiten, „als ob Palästina nicht existiere", wird von allen Nichtzionisten in Deutschland bejaht. Tie tatsächliche Grenzlinie, über die hinaus gemeinsame Arbeit geleistet werden soll, innerhalb deren aber jede Gruppe ihre besondere Aufgabe zu erfüllen hat, tritt durch Oskar W a s s e r m a n n s Ausführungen für die jüdische Oesfentlichkeit in die Erscheinung. Niemand, der Klarheit über das Trennende für die Voraussetzung zu gemeinsamer Arbeit hält, sollte das bedauern. Wir hoffen aber auch, das; aus dieser Grundlage alle künftigen Erörterungen stattsinden werden, und daß man sich darauf beschränkt, die Uebereinstimmung in Methode oder Ziel der Arbeit nur soweit sestzustellen, als sie von beiden Teilen bejaht wird. Tarn; wird das erreicht werden, was Oskar W a s s e r m a n n in den Schlußsätzen seiner Ausführungen sagt: Central - Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Landesverband Pfalz Am 20. Februar 1930 waren es zwanzig Jahre, dass unser Landesverband gegründet wurde. Aus diesem Anlass findet am Sonntag:, den 9. März 1930, im Saalbau in Neustadt a. d. II. eine ItandesverbAiidsversainralung mit Gründungsfeier statt, zu welcher wir alle unsere Mitglieder mit ihrer Familie herzlichst cinladen. Ludwigshafen Kaiserslautern’ Februar 1930. Professor Direktor Koburger, Dr. Erich Kehr. Programm. I. Vorm. 10 Uhr pünktlich im Kaisersaal: Erinne rungsfeier.. 1. Begrüssung: Professor Direktor Koburger (Ludwigshafen a. Rh.); 2. Festansprachen: „Unser Centralverein“, Direktor Dr. Ludwig Holländer (Berlin), „Unser Landesverband“, Dr. Erich Kehr (Kaiserslautern). Daran anschliessend: Landesverbandsversammlung. ir. Nachm. 2 Uhr pünktlich im Scheffel-Saal: Gemeinschaftlicher Mittagstisch. „Die Jewish Agency stellt eine Arbeitsgemeinschaft für ein ganz bestimmtes Gebiet dar, dessen Neutralisierung nur klärend im Kampf um Galuthfrage und Gemeindeeinrichtungen wirken würde. Bei Ausschaltung der Palästina-Frage würden sich die Parteien schärfer abzeichnen. Wenn die Gegner auch im Beratungssaale der Jewish Agency freundlich beisammensitzen, so haben sie darum ihre volle Handlungsfreiheit in allen anderen Fragen nicht ausgegeben oder auch nur eingeschränkt; höchstens könnte sich die Diskussion in urbanerer Form abspielen, und das wäre kein Schäden." II. Dr. Ludwig Holländer schreibt: Emil Ludwig — keiner Religion an gehörig, also Dissident — schreibt in der „Vossischen Zeitung" über den „Kampf um Palästina", wohlgemerkt in der „Bossischen Zeitung": „Eben, weil unter allen Völkern der Erde die Juden allein heimatlos sind, sich aber als eine Art Nomaden in allen Ländern hervorgetan haben, weil die Kraft dieser 15 Millionen, ohne Zentrum, ohne Negierung, ohne Waffen überall fühlbar ist und darum Eifersucht und Haß erzeugt hat, . . . hat man in dieser Zeit dev neuen Völkerwanderungen beschlossen, diesem merkwürdigen Volke eine Art von Zentrum zurückzugeben, das es einst verlor." Lud w i g macht sich bekanntlich von dem Weltgeschehen ein plastisches Bild, das er in seinen Werken in glänzender Sprache und klarer Darstellung den gerade ihm besonders zugetanen Lesern wirksam darstellt. Dieses Bild ist aber — und darum geht der Streit um Ludwig— oft von der Oberfläche gesehen, tief wird nicht gegraben und das äußerlich Glänzende in der Schilderung lenkt den Leser von der Frage Woher oder Warum oder Weshalb ab. Man liest so über die Dinge hinweg. Wann haben zum Beispiel in Deutschland die Juden sich als eine Art von Nomaden hervorgetan? Um das zu sehen, muß man die Einbildungskraft der Hakenkreuzler besitzen. Die Kraft dieser 15 Millionen, wo hat sie sich je geballt geäußert? Worin beruht sie? Ein anderer Vorgang. In Hamburg tagt in großer Ausmachung das Pro-Palüstina-Komitee. Bürgermeister P e t e r s e n, allen als ein klardenkender Kops bekannt, erklärt: „Das möchte icki in diesem Zusammenhang aber klar und deutlich aussprechen: daß wir keinesfalls eine Bewegung zu unterstützen in der Lage sein würden, die in irgendeiner Form den deutschen Juden ihr deutsches Staatsbürgerrecht und ihr H e i - m a t r e ch t zu bestreiten geeignet wäre." In derselben Versammlung wird ein Brief Professor Einsteins verlesen, in dem wörtlich geschrieben steht:' „Indem die Juden sich ihrer Nationalität wieder bewußt werden und für sie ein Heim aufbauen, erwerben sie diejenige Selbstachtung, die nötig ist, um kollektive Kulturaufgaben ans sich zu nehmen." Wie reimt sich die Aeußernng des Herrn P e t e r s e n mit der des Herrn Einstein zusammen? Wenn die christliche Welt, ans Menschen der verschiedensten Nationalitäten zusammengesetzt, eine kollektive Kulturausgabe in der Welt übernimmt, zum Beispiel die Mission unter den Schwarzen, müssen sie sich dann auch zu einer Nationalität verschmelzen? Ober glaubt Herr Einstein, daß Tausende von Amerikanern, welche so viel für Palästina tun, daran denken, ihre N a t i on a l i t ä t a u f z u g e b e n , um eine Arbeit für die Kultur im Heiligen Lande zu leisten! Präsident Blnmenseld hat bei dieser Gelegenheit betont, „daß Assimilation und Atomisierung keine Voraussetzungen zur Erneuerung jüdischen Lebens bilden". Diese Aeußernngen, denen man ähnliche aus der letzten Zeit in Fülle anfügen kann, zeigen deutlich den inneren, natürlich nicht etwa verabredeten Zusammenhang der Meinung des Herrn Emil. Lud w i g mit der führender Zionisten. Zwischen dem Wunsch, des . Herrn Petcrsen, die Palästina-Arbeit möge au dem H e i m a t r e ch t der deutschen Inden nicht rütteln, und. der Geschichtsphilosophie des Herr.« Blumenfeld' liegt eine Welt/ Daran ist nicht zu drehen und zu deuteln. Wir hören immer das Wort von der „Auswegslosigkeit" der heutigen Lage der Juden. Und wir glauben, daß ebenso, wie der Centralverein genötigt gewesen ist, zu den jetzt von zionistischer Seite mehr denn je geübten Wiegenden Menschen auf die Heimatlosigkeit, Wurzellosigkeit, innere Haltlosigkeit der heutigen „Assimilationsjuden" zu weisen, Herr Wasserm a n n durch die Einsicht in die Verhältnisse gezwungen war, diesen Ergebnissen nationaljüdischer Gedankenführung ein nachdrückliches „Bis hierher und nicht weiter" entgegenzustellen. Wollte Herr Wassermann seine Arbeit für Palästina nicht zerschlagen sehen, so mußte er dafür sorgen, daß das Palästinawerk durch die Zusammenarbeit von Menschen getragen wird, die in ihren politischen und sozialen Auffassungen weit, weit voneinander stehen und hier lediglich einen Zweck verband bilden wollen. Ich gehöre nicht zu diesen; Zweckverbande und bedauere, ihm nicht angehören zu können, obwohl ich auch die Errichtung einer Heimstätte für die entrechteten Juden, namentlich des Ostens, in Palästina herzlich wünsche. Ich muß mir aber sagen, daß seit Bestehen der Agency in deren Kundgebungen, namentlich in dem bekannten Aufruf an die deutsche Oesfentlichkeit, auch Momente der Gesinnung hineingetragen wurden, die sich mit national d e u t s ch e m Fühlen manchmal nicht vereinbaren lassen. Der Standpunkt Peters e n s läßt sich mit dem Einsteins und B l u m e n s e l d s nur dann Vereinen, wenn von dieser Seite innerhalb der Agency nicht so gesprochen wird, wie Emil Lud w i g geschrieben hat und wie die Herren auch in der Pro- Palästina-Kundgebnng — deren verschiedene, wesentliche Widersprüche auszuzeigen ein leichtes wäre — gesprochen haben. Die Bewegung der Agency kann deshalb nur ans Vertrauen innerhalb weiter Kreise der Judenheit rechnen, wenn sie auf die Worte des Herrn W affe r nr a n n auch in ihren zionistischen Teilen hört und es unterläßt, Meinungen der zionistischen Theorie als Auffassung der GesamLjudenheit selbst in Verdünnungen und in Andeutungen knndzutnn. Wir erkennen keine „A nswegsl o s i g k e i t" d e r I u d e n f r a g e a n, wirke n n e n kein „j ü d i s ch es Bol k" im politischen Sinn, wir sind u n s u n s e - r e r „j ü bischen N n L i o n a l i L ä t" n i ch t bewußt, wir brauchen keine „Normal i s i e r u n g" u n d h a l t e n alfebiefe A usfassuuge n für E r z e u g n i s s e böse n F e h l d e n k e n s. Ueber den Wert der Palästina-Siedlung sind bei uns die Meinungen geteilt, solange die Männer des Ansbaus so verschiedenartige, innere Ziele verfolgen. Würde neben der so segensreichen Arbeit des Hilfsvereins, des „Ort", der „Jca" und anderer Organisationen eine mächtige Bewegung zum Ausbau einer kraftvollen Palästina-Siedlung einsetzen, welche, auf den Grundsätzen und Erfahrungen volkswirtschaftlichen Erkennens gegründet, einer größtmöglichen Zahl von Menschen ein gesegnetes Heim schasst, ohne die Judenheit der Welt entwurzeln zu wollen, wo sie glicht entwurzelt ist, ohne Elend zu predigen, wo Schwierigkeiten, aber kein dauerndes verewigtes Unglück vorherrscht, ohne ein politisches Zentrum für die Weltjudenheit anzustreben, wo die große Masse der Juden sich für diese Art der „Erlösung" bedankt, so würde im Vorstand des C. B. sich wohl kaum eine einzelne Persönlichkeit der lebhaftesten Zustimmung zum gemeinsamen Werke entziehen. Was man nicht wollte und nicht will, ist die bisher nicht ganz vermiedene Möglichkeit, daß weite Kreise der jüdischen Deutschen durch Tat und Wort der Agency sich in den ihnen eigenen Gefühlen der Heimatverbnndenheit irremachen lassen. Seine Freunde in diesem Sinne zu beraten, .hat der Vorstand des C. V. unter allseitiger Zustimmung unternommen: die ganze deutsche Judenheit aufmerken, zu lassen, war das verdienstvolle Unternehmen des Herrn Wassermann. Werden.die Mahnungen befolgt, so wird Palästina .am wenigsten leiden.

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