Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 9 (28.2.1930)
- Date
- 1930-02-28
- Page
- Seite 107 (sequence 3)
- Language
- German
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107 Der „Kampf“ gegen unsere Gotteshäuser. Meldungen aus Plauen und Hannover. Die Spandauer Synagoge, (Zn dem Bericht auf der Titelseite.) rg. Plauen, den 25. Februar 1930. Der Synagogennoubnu in Plauen wurde zweimal auf häßliche Weise geschändet. In der Nacht zum 12. Februar wurde der Synagoge, die vollständig unter Dach und Fach ist, erbrochen und ein verendetes Ferkel im Innern niedergelegt. In der Nacht zum 17. Februar wurden 14 Fensterscheiben des Neubaues zertrümmert. -—er. Hannover, den 25. Februar 1930. Am Spütabend des 29. Januar wurde eine Fensterscheibe des Sitzungssaales im ersten Stockwerk des Gemeindehauses in Hannover durch einen Steinwnrf zerschlagen. In der Nacht vom 18. zmn 19. Februar wurden kurz nach Schluß einer nationalsozialistischen Versammlung, die nur wenige Minuten vom Gemeindehaus entfernt stattfand, durch drei Sternwurse zwei Doppelfenster und ein einfaches Fenster zertrümmert; die Annahme eines ursächlichen Zusammenhangesliegt nahe. Außerdem wurde am Sonnabend, dem 15. Februar, der Abendgottesdienst in der Synagoge dadurch gestört, daß im V o r r a u m der Synagoge von d rer B u r s ch e n m i t S ch ü l e r m ü tz e n eine sogenannte Kinder - Fliegerbombe geworfen w u r d e, durch deren Knallen die verhältnismäßig wenigen Teilnehmer am Gottesdienste erschreckt wurden. Das Polizeipräsidium hat eine Belohnung von 500 Mark für die Feststellung der Täter ausgesetzt. Unsere Ortsgruppe Hannover hat alle in ihrer Hand liegenden Möglichkeiten zur Aufdeckung der Tat in dankenswerter Weise ausgeführt. einmal aufgenonunen ist, wegen seiner Religionszugehörigkeit keine Benachteiligung erfährt, natürlich muß, wie überall, in der gegenwärtigen Zeit auch hier eine allzugroße Empfindlichkeit zurückgesteckt werden. Das Handwerk bietet endlich auch dem gesetzestreuen Juden säst noch die einzige Möglichkeit, während seiner. Ausbildung und bei späterer Selbständigkeit die Religionsvorschriften, namentlich den Sabbat, streng innezuhalten. Was aber vom Handwerk gilt, gilt vielleicht in ähnlichem Maße auch in der Industrie vom Berufe des gelernten Arbeiters, insbesondere in der Metall-, Holz- und Textili n d u st r i e. Wenn auch hier der Weg zur Selbständigkeit naturgemäß sehr schwer ist, so ist doch hier der Aufstieg für den intelligenten jungen Mann leicht, und bei der allgemeinen politischen und sozialen Einstellung der Arbeiterschaft sind judenfeindliche Reibungen und Behinderungen viel weniger zu befürchten als im Beruf des kaufmännischen Angestellten. Es fällt aus, wie wenig Juden man in diesen Betrieben in dem doch verhältnismäßig gut bezahlten und aussichtsvollen Berus des Werkin e i st e r s findet. Deshalb möge gerade hier bei der Berufswahl der Blick etwas mehr auf den Berus des g e l e r u L e u Arbeite r s und des Handwerkers gelenkt werden. Wie schon oben bemerkt, geben im neuen demokratischen Staate gerade auch diese Berufe die Möglichkeit des sozialen und gesellschaftlichen Aufstieges. Gerade unter diesem Gesichtspunkt mag auch wieder der Wunsch ausgesprochen Werdern daß das H a n d w e r k unter de u Juden der modernen Zeit wieder den Platz und die E h r e n st e l lu n g erlangen m v ge, die es im alten I n d e n t u m hatte. Zum Schluß sei nur darauf hingewiesen, daß Berufsberatung und Lehrstellenvermittlung jeüt in weitem Umfange Ausgaben staatlicher Fürsorge geworden sind: die öffentlichen Arbeitsämter und Landesarbeitsämter erteilen nach dieser Richtung hin jedermann Rat und Auskunft. Unter dem speziell jüdischen Gesichtspunkt aber beschäftigt sich mit diesen Fragen die Hauptstelle für jüdische W a n d e r f ü r s o r g e und A r b e i t s - n a ch weise, Berlin-Charlottenburg, Kantstraße 158.. Im örtlichen Einzelfall wird sicherlich auch jede Ortsgruppe des Centralvereins in der Lage sein, den nächst erreichbaren Vertrauensmann der oben erwähnten Stelle zu bezeichnen oder eine Persönlichkeit aus ihrem Kreise nachzuweisen, die dem Bewerber, bevor oder nachdem er den Rat der vom Landesarbeitsamt errichteten Berufsberatung in Anspruch genommen hat, noch die Gesichtspunkte näher darlegen kann, die sich in seiner Lage bei der Stellung des Juden in der deutschen Wirtschaft ergeben. WMvr Georg BeMard über die jüdische GweMMkeU. Eine Aussprache in Berlin. — Anerkennung der C. V. - Arbeit. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Berlin hatte zum 24. Februar einen engeren Kreis führender Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens zu einer Aussprache über „Maßnahmen zur Bekämpfung der Erwerbslosigkeit unter den Juden" in das Brüdervereinshaus eingeladen. Reichstagsäbgeordneter Professor Georg Bernhard skizzierte in einem einleitenden Referat die Notlage namentlich des jüdischen Mittelstandes und deren Entstehungsursachen. Die Boykottbewegung gegen jüdische Geschäftsinhaber habe von einzelim\ Landstädten nunmehr auch auf die großen Städte übergegriffen. Das deutsche Judentum habe unter der Proletarisierung der letzten Jahre, dem Auflösungsprozeß des selbständigen Mittelstandes, in bedeutend stärkerem Maße gelitten als die übrige Bevölkerung. Eine unverhältnismäßig große Zahl bisher selbständiger jüdischer Existenzen stehe Plötzlich vor der Notwendigkeit, als Angestellte ihr Brot verdienen zu müssen. Die tiefgehende ernste judenfeindliche Stimmung im deutschen Volk mache dein jüdischen Arbeitsuchenden die Erlangung einer Stellung besonders schwer. Vielfach gehe der Boykott nicht nur von den Personalchefs aus, sondern finde auch seinen Grund in der politischen Gesinnung eines großen Teils der Angestelltenschaft. So sei auch der Rückgang der Zahl der jüdischen mittleren Bankbeamten nicht zuletzt auf oie Wirkung der n a t i o n a l s o z i a l i st i s ch e n Z e l l e n in den Betrieben zurückzuführen. Bernhard suchte aber auch den Motiven nachzugehen, die jüdische Arbeitgeber zuweilen von der Einstellung j ü d i s ch e r Arbeitnehmer abhakten. Der Kampf um die antisemitische Hetze könne unmöglich zn einer Sache der Gemeinde gemacht lverden, die doch in erster Linie eine sozialpolitisch-charitative Einrichtung sei. Der Kampf nach nutzen müsse anderen jüdischen Organisationen überlassen bleiben. Dr. K l e e m a n n , der im Aufträge der Gemeinde einige Ausführungen vom gemeindepolitischen Standpunkt ans gab, sprach im wesentlichen von den sehr beachtlichen Leistungen der jüdischen Wohlfahrtsinstitute in Berlin. In der dann folgenden umfangreichen Anssprache schöpfte zunächst Artur S chw e r i n e x, der stellvertretende Syndikus des C e n t r n l v e r e i n s, aus seinen langjährigen Erfahrungen auf dem Gebiete der" Wirtschafts- und Sozialpolitik. Die Gemeinde sei unmöglich in der Lage, die Boykottbewegung zu unterbinden. Der Centralverein habe in dieser Richtung sehr e r s o l g r e i ch g e a r b e i t e t, manches günstige Gerichtsurteil in Boykottsachen erwirkt und in vielen hundert Fällen durch Rücksprachen, besonders mit den Personalchefs wirtschaftlicher Unternehmungen, oft unbeabsichtigte Ungerechtigkeiten bei Anstellung jüdischer Arbeitnehmer beseitigt. Es gelte, einerseits unsere christliche Umwelt über Juden und Judentum in weitestem Maße anfzuklären, anderseits aber auch die jüdischen Arbeitgeber anznhalten, um die Anstellung jüdischer Arbeitnehmer mehr und mehr bemüht zu sein. Dazu bedürfe es allerdings einer Unsumme Kleinarbeit. In ähnlichem Sinne äußerte sich Gerson Bach, der Direktor des Verbandes der Waren- und Kaufhäuser, der die erfolgreiche Arbeit des Centralvereins auch auf diesem Teilgebiet mit dankbarer Anerkennung hervorhob. Georg Tietz und Direktor Man es beschäftigten sich mit Fragen der U m s ch u l u n g de r A r b e i t s k r n s t e in den Großbetrieben und der Erziehung namentlich der jüdischen Angestellten zu anpassungsfähigen Menschen und Mitarbeitern. Alfred Berger verlangte, daß man jetzt schon die Jugend über die Veränderung der sozialen Schichtung der deutschen Juden nachdrücklichst aufkläre, mit bei den jungen Juden bereits frühzeitig eine innere Umstellung zu ermöglichen. Dem jüdischen Arbeitsnachweis solle einaus jüdischen Arbeitgebern bestehender Beirat angegliedert werden, ein Vorschlag, der den Beifall der Versammelten fand. Nach einer lebhaften Aussprache schloß der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, K areski, den anregungsreichen Ausspracheabend mit dom Himoeis darauf, daß, wie aus neuesten Statistiken hervorgehe, sich eine gewisse Berufsnmschichtung schon von selbst entwickelt habe, ohne daß von außen her besonders darauf hingewirkt worden sei. —th Seltener silberner Chanukahleuchter (Za der Beschreibung Seite 1/1.)