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Central-Verein-Zeitung · 1930-02-28 · 9 (28.2.1930) · p. Seite 106

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
9 (28.2.1930)
Date
1930-02-28
Page
Seite 106 (sequence 2)
Language
German
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106 zum größten Teil wieder abgebaut und bevölkern den Stellenmarkt. Bei der Flut der Arbeits- und Steuergesetzgebung in der Inflationszeit hatte fast jedes mittlere Unternehmen für seinen eigenen Syndikus Verwendung, und es hatte sich hier eine Unterkunftsmöglichkeit gebildet, die insbesondere von früheren Berufsoffizieren und Kriegsteilnehmern ergriffen worden war, die schnell zu einer neuen Existenz kommen muhten. Von diesen Syndici ist der größte Teil längst wieder abgebaut und stellenlose und was von den mittleren Unternehmungen gilt, gilt in dieser Beziehung auch von den Vereinen und Verbänden, die schon durch die Wirtschaftskrifis zur äußersten Sparsamkeit an Personal gezwungen sind. Es ist richtig, daß im Staatsdienst der jüdische Jurist jetzt mit seinem christlichen Mitbewerber die volle Gleichberechtigung genießt, die verfassungsmäßige Gleichberechtigung steht nicht mehr wie in der Vorkriegszeit, auf dem Papier, sondern wird mit wenigen Ausnahmen voll durchgesührt. Was hilft es aber, wenn sie jetzt darin besteht, daß der Jude ebensowenig auf Anstellung und Fortkommen rechnen kann, wie der Nichtjude? Etwas günstiger liegen vielleicht augenblicklich die Verhältnisse bei dem Lehramt an den höheren Schulen. Hier besteht teilweise noch Mangel an Anwärtern. Unter dem Gesichtspunkt einer Berufswahl ist dies aber im gegenwärtigen Zeitpunkt auch nicht maßgebend, weil nach der Zahl der vorhandenen Studenten auch dieser Mangel in den nächsten Jahren längst abgedeckt fein dürfte und außerdem gerade auf dem Gebiet des höheren Schulwesens in nächster Zeit mit großem Abbau und Sparmaßnahmen zu rechnen ist. Der einzige aussichtsvolle akademische Beruf ist gegenwärtig der des Theologen und auch unter unserem speziellen Gesichtspunkt der des Rabbiners. Noch immer sind in Deutschland eine Anzahl Rabbinerstellen offen, und dieser Zustand dürfte sich nach der Zähl der vorhandenen Anwärter in den nächsten Jahren kaum ändern. Natürlich handelt es sich hier um einen Beruf, für den von vornherein nur eine ganz kleine Zahl von Anwärtern in Frage kommt und den man natürlich auch nicht unter dem allgemeinen Gesichtspunkt der Berufsaussichten ergreifen kann, sondern nur, wenn man sich nach seiner ganzen seelischen Einstellung und Neigung dazu berufen fühlt. Die eindringliche Warnung vor dem akademischen Studium muß natürlich gerade in jüdischen Kreisen besonders bittere Gefühle auslösen. Von jeher war es der Wunsch aller jüdischen Eltern, mindestens ein Kind studieren zu lassen, und gerade auch die Eröffnung der akademischen Berufe für Frauen hat dazu geführt, daß sich eine große Zahl jüdischer junger Mädchen dem akademischen Studium zugewandt hat. Ein großer Teil jüdischer Wohlfahrtsmittel und Stiftungen dient bis jetzt ebenfalls der Beförderung akademischen Studiums. Gerade auf diesem Gebiet aber wird unter dem Drange der wirtschaftlichen Verhältnisse in nächster Zeit ganz besonders scharf und rücksichtslos durchgegriffen werden müssen. Die jüdische Wohlfahrtspflege muß in nächster Zeit jeden verfügbaren Groschen für Mittel st andshils e, für Familienväter, die teilweise noch in voller Arbeitskraft existenzlos geworden sind, frei machen, sie kann unter diesen Umständen nicht mehr die Verantwortung für die Förderung eines akademischen Proletariats übernehmen, selbst auf die Gefahr hin, daß dann der Jurisprudenz ein S t a u b oder der Medizin ein E h r l i ch verloren gehen solltet j Der Drang zum akademischen Studium mag gewiß auch darauf zurückzuführen sein, daß schon im alten Judentum der Gelehrte besondere Ehrung genoß. Aber diese Ehrung galt dein Wissen und der Gelehrsamkeit als solchem und nicht dem „BerechtigungsfimmelJ der doch, ehrlich gesprochen, gegenwärtig im wesentlichen die Ursache der Ueberfüllung der akademischen Berufe ist. Die jüdischen Gelehrten des Altertnms und Mittelalters waren im Hauptberuf Kauflente und Handwerker. Gerade unsere Gegenwart gibt aber auch dem aus anderem Gebiete praktisch Berufstätigen genügend Mittel an die Hand, um sich aus den verschiedensten Gebieten Wissen anzueignen und wissenschaftlich, zu betätigen. Unser demokratischer Staat gibt auch ohne akademische Vorbildung gerade demjenigen, der sich im praktischen Beruf bewährt und das Vertrauen seiner Berufsgenossen erworben hat, im Organisationsleben und in der Staatsverwaltung genügende Möglichkeiten des Aufstiegs und der Befriedigung des Ehrgeizes! Der zweite Ratschlag, der speziell für die Berufswahl des Juden gegeben werden muß, geht natürlich dahin, die Wirkungen des wirtschaftlichen A n Life m i L i s m u s, der für die nächsten Jahre ebenfalls als ein gegebener Faktor hin genommen werden muß, möglichst auszus chalten. Unter diesem Gesichtspunkt wird der in Aussicht genommene Berus daraus geprüft werden müssen, inwieweit er zu einer dauernden Abhängigkeit von möglicherweise judenfeindlich eingestellten Vorgesetzten, anderseits aber auch zn einer isolierten Stellung des einzelnen außerhalb des Kreises einer größeren geschlossenen jüdischen Gemeinschaft führt und ihn aus diese Weise in größerem Umsange möglichen judenfeindlichen Angriffen preisgibt. Hier spielt nach verschiedenen Richtungen das Problem der A b w ander u n g der Juden nach den großen Städten und der Entvölkerung der kleineren Gemeinden eine Nolle, das im Nähmen dieses allgemeinem Aufsatzes nicht erörtert werden kann. Unter diesem Gesichtspunkt ist aber ferner auch, worauf hier ebenfalls nicht näher eingegangen werden kann, die Frage zu prüfen, ob und inwieweit man gegenwärtig bei nüchterner und praktischer Betrachtung der gegebenen wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse einem jungen Juden, der in Deutschland seßhaft bleiben will, den Rat geben kann, sich dem so viel propagierten Berus des Landwirts zuzuwenden. Auch bei der seinerzeit in der Frage der jüdischen Berufsumschichtung besonders in den Vordergrund gestellten Frage der mittleren und unteren Beamtenlnufbahn kommen diese Erwägungen zum Teil in Betracht. Hier kommt aber vielleicht noch hinzu, daß einmal in der Nachkriegszeit inzwischen doch eine größere Anzahl jüdischer Belverber sich diesen Laufbahnen zugewandt haben, daß anderseits mit Rücksicht auf die Abbaumaßnahmen gerade die jetzt in Betracht kommende Generation ganz allgemein mit der großen Ueberfüllung und teilweise sogar mit einer Anwärtersperre zu rechnen hat. Einzelheiten zu diesen Fragen müssen besonderen Aufsätzen Vorbehalten bleiben. Die Bernssansstchten der kaufmännischen Lanfhahu - können nicht nur unter dem Gesichtspunkt der gegemuärtigen Wirtschastskrisis betrachtet werden. Auch ohne allzugroßer Optimist M sein, darf man doch wohl hoffen, daß sie wenigstens etwas gemildert sein werden, bis der junge Alarm oder das junge Mädchen, die heute ihre Lehrzeit beginnen, sie beendigt haben. Was aber aller Voraussicht nach im kaufmännischen Berus bleiben wird, ist die Tendenz zum Zusammenschluß der Unternehmungen zur Rationalisierung und Mechanisierung. Die große Zahl der Juden im kaufmännischen Berus und die Erfolge besonders der älteren Generation beruhten darauf, daß es hier gelang, früh die Selbständigkeit zu erreichen und sich mit verhältnismäßig geringem Kapital durch eigene Tüchtigkeit aus selbst gefundenem Wege in die Höhe zu arbeiten. Nach dieser Richtung werden die Aussichten immer geringer. Gerade in den Zweigen, die hier hauptsächlich in Betracht kommen, in Bank und Bors e, in G r o ß - und Einzelhandel mit Textilwaren, im Handel und der Verwertung von Abfallprodukten aller Art hindert der Großbetrieb, sei es in Form der geschlossenen Einzelunternehmung, sei es in den verschiedensten Formen des Konzern- und Filialsystems, den Aufstieg des kleinen aufstrebenden Einzelkaufmanns mehr und mehr. Wer sich dem kaufmännischen Berns widmet, muß damit rechnen, seine Lebenstätiakeit als Angestellter zu finden. Die Hoffnung ist nicht mehr die Selb st ä n d i g - feit, sondern die F ü h rerstel l u n g innerhalb des Unternehmens. Diese aber bietet sich nur für einen kleinen Kreis, während die Mehrzahl sich mit einer immer mehr eintönig werdenden Tätigkeit begnügen muß und bei der Ueberfüllung des Berufes die Aussichten besonders für die älteren Angestellten, die in manchen Branchen schon Mitte der dreißiger Jahre zu zählen beginnen, geradezu trostlos sind. Daß auch hier zuungunsten der jüdischen Bewerber der wirtschaftliche Antisemitismus. ein besonders breites Betätigungsfeld findet, daß selbst in von Juden gegründeten und geleiteten Unternehmungen antisemitische Per' sonalchess vielfach jüdische Bewerber fernzuhalten wissen, ist eine nur allzu bekannte Tatsache. Selbstverständlich ist es auch heute noch in neuen Branchen und Betätigungssormen, die sich durch die Veränderung der Wirtschaftslage und Technik eröffnet haben, gerade der jüdischen Intelligenz gelungen, sich den Weg zu bahnen. Die vorstehenden allgemeinen Gesichtspunkte wird aber doch jedenfalls jeder jüdische Bewerber, der sich dem Kaufmannsstand zuwendet, überlegen müssen. Einzelheiten müssen auch hier der Erörterung in besonderen Aufsätzen Vorbehalten bleiben. Die besten Aussichten vom Standpunkt jüdischer Berufswahl bietet gegenwärtig jedenfalls das Handwerk in denjenigen Zweigen, die sich auch gegenüber der modernen Fabrikentwicklung als konkurrenzfähig und lebenssta r k erwiesen haben. Eine Reihe von Handwerken, und zwar gerade diejenigen, die am meisten dazu bestimmt find, die Bedürfnisse des täglichen Lebens jedes einzelnen zu befriegen, sind dem Großbetrieb dauernd unzugänglich. Sie bieten nach wie vor noch die besten Aussichten, in absehbarer Zeit selbständig zu werden. Sie bieten ferner bei der nahen persönlichen Berührung mit dem Lehrherrn auch immerhin eine gewisse Gewähr dafür, daß der. jüdische Lehrling, der in einem solchen Betrieb

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