Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 8 (21.2.1930)
- Date
- 1930-02-21
- Page
- Seite 98 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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HS ( Süd- \ Hotel Esplanade. 1 F ll ßan^es- Von Deutschen bevorzugtes Haus. \öillWCI&/ Sonnigste Lage des Kurortes. Eigener gr. Park, LOCARNO Niveau solcher Herabwürdigungen. Damit aber die Ausführungen des Buches nicht — gegen die Absicht der Verfasserin — von Judengegnern mißbraucht werden, ist es nötig, die wirkliche Stellung der Frau im Judentum kurz Zu beleuchten. Es handelt sich also nicht um eine Ueberempfindlichkeit, die bei jeder Berührung jüdischer Dinge geweckt wird, sondern um eine notwendige Klärung im Dienste der Sache. * Das Judentum kennt keine Vorherrschaft der Frau, viele Vestinunungen der jüdischen Religion sind auf den Mann zugeschnitten; darin hat Ilse von Stach durchaus recht; aber von einer Unterdrückung der Frau, von einer M i ß a ch L u n g k a n n nirgends die Rede sein. Wenn die Dichterin Caesar zu der ägyptischen Königin Cleopatra sagen läßt: „Die Juden, soweit ich sie kenne, verachten, die Frau" (Seite 54h so ist das eine durchaus unrichtige Behauptung. Das gesamte jüdische Schrifttum ist eine Widerlegung dieses Satzes. „Jeder sei beflissen, seine Frau zu ehren, denn nur um der Frau nullen kommt Segen ins Haus" heißt es im Talmud (Baba ntesia 59a), und weiter: „Wer sein Weib liebt wie sich selbst und sie ehrt mehr als sich selbst . . . von dem heißt es: .Du darfst gewiß sein, daß Friede in deinem Zelte weilt'" (Jebamoth 62b). — Die Verfasserin zitiert mehrfach die Genesis; dort sagt aber Gott auch zu Abraham: „. . . in allem, was Sara dir sagt, höre auf ihre Stimme , . (Kapitel 21,12), ein Ausspruch, der bei den Juden zum vielgebrauchten Sprichwort wurde. Die Achtung vor der Frau braucht gar nicht durch Einzelzitate belegt zu werden, sie ist eine G r u n d f o r d e r u n g des I u denk ii nt s. Ilse von Stach hebt die herrschende Stellung der Frau bei den alten Germanen hervor. Aber es wird doch auch berichtet, daß die alten Germanen beim Würfelspiel bisweilen Frau und Töchter verloren, — was gewiß nicht für ihre Achtung vor der Frau spricht. Wenn es bei den Germanen Prophetinnen gab, so fehlen diese auch nicht in der Bibel und im alten Judentum. Es sei an Gestalten wie Mirjam, D e b o r a h und Hulda erinnert. Ilse von Stach führt als Beispiel einer regierenden Königin Artemisia von Halikarnassos an, sie hatte aber auch bei den Juden die Makkabüerin Salome Alexandra (79—70 v. Ehr.) finden können. Frauen, die durch wissenschaftliche und künstlerische Leistungen hervorragten, gab es bei Kavy Readirrü, eine bedeutende englische Jüdin, gestorben. Aus England kommt die Kunde vom Tode Lady Readings. Alice Edith Cohen stammte aus einer Londoner jüdischen Kaufmannsfamilie und vermählte sich im Jahre 1871 mit Rufus Isaak, der kurz vorher Zum Richter errtannt worden war. Sie erlebte den glänzenden Aufstieg ihres Gatten zum höchsten Richter Englands. Als er während des Weltkrieges außerordentlicher Gesandter in Amerika war und nachher zum Rang und Amt des Vizekönigs von Indien aufstieg, war sie ihm auf all' diesen verantwortungsvollen Posten eine kluge und helfende Lebensgefährtin. Die englischen Zeitungen rühmen von ihr, daß sie sich gerade in den besonders schwierigen indischen Verhältnissen als ein Mensch von seltenem Verständnis und Takt gezeigt habe. Sie war eine ebenso glänzende Repräsentantin der englischen Gesellschaft. wie sie als unermüdliche Helferin für die Hebung des Gesundheitszustandes der indischen Frauen und Kinder arbeitete. Das höchste Lob stellt ihr ihr eigener Gatte aus. wenn er von ihr sagt, daß sie es besser als er selbst verstanden habe, die Gegensätze und Feindschaften zwischen den Eng. ländern und Indern autzzugleichen. Die ehrenden Nachrufe der großen englischen Presse zeigen Lady Reading als eine vorbildliche Frau unserer Zeit, die Herzenstakt mit Selbständigkeit des Denkens, kluges Handeln mit fraulicher Güte zu vereinigen wußte, und die es als höchste Ausgabe betrachtete, im Linne der Völkerversöhnung zu wirken. Oertrucl Lichtenberg. den Juden zu allen Zeiten — nicht erst seit der Emanzipation. Erwähnt seien etwa I m m a S ch a l o m (1. Jahrhundert), Beruria (2. Jahrhundert) oder die mittelalterlichen Dichterinnen Wer als Siebzigjähriger znrückschaut und auf ein so reiches vielbewegtes Leben zurückblicken kann, dem ist man dankbar, lvenn er von seinem Erleben etwas kundgibt. Otto B a u m g n r t e n, der Kieler Theologe, hat uns seine Lebenserinnerungen geschenkt). Baumgarten stammt aus nationalliberalem Hause, der Einfluß seines Paters, des Historikers Hermann Baumgarten, und die Umgebung, in der er die wichtigsten Jugendjahre verlobte (Straßburg in der Zeit nach 1871), haben sein politisches Werden bestimmt. In der Nationalliberalen Partei hat er sich bis zum Kriegsende politisch heimisch gefühlt; zu dieser Stellung stimmt, daß er ein eifriges Mitglied des Evangelischen Bundes zur Wahrung der deutschen protestantischen Interessen war, daß er aus seiner Militnrfreundschaft keinen Hehl gemacht hat und daß es ihm vor allem gelang, als Universitätsprofessor in Kiel enge Fühlung mit den Kreisen der Marine zu halten. Baumgarten, der Politiker, ist nicht zu trennen von Baumgarten, dem Theologen. Ihm, der ganz auf die praktische Ausübung des Pfarramtes eingestellt war itnd seinen Berus als badischer Pfarrer begann, öffnete sich die akademische Laufbahn, in der er als außerordentlicher Professor in Jena und als Ordinarius in Kiel unzähligen Studenten den Weg in die Praxis des geistlichen Amtes gezeigt und mit den starken Kräften seiner Persönlichkeit erleichtert hat. Daß seine Laufbahn nicht über Kiel hinausführte, lag in erster Linie an der stark ausgeprägten Stellung, die er in den kirchlichen Kümpfen einnahm. Er hat seine Erlebnisse itnd noch mehr seine Gedanken über die Erlebnisse monatlich in der Chronik, die er selbst regelmäßig für seine Zeitschrift „Evangelische Freiheit" schrieb, niedergelegt. Diese Chronik, die bis zum Jahre 1920 durchgeführt wurde, spiegelt einen wesentlichen Teil nicht nur der theologischen und kirchlichen, sondern auch der politischen und sozialen Entwicklung Deutschlands wider. Noch hinderlicher für sein berufliches Fortkommen war für ihn im Nachkriegs-Deutschland seine warme soziale Gesinnung, die ihn immer wieder zur Tat drängte und schließlich zur Erhebung eines Disziplinarverfahrens gegen ihn führte. Dieses verlief zwar schließlich im Sande, offenbarte aber deutlich, warum ein Mann von der Bedeutung Baumgartens nicht, weiter vorwärts kommen konnte. Wenn ihm aber die amtliche Förderung fehlte, so stand er um so gefestigter und anerkannter in den Kreisen seiner Gesinnungsfreunde. Der evangelisch-soziale Kongreß, von Männern wie Friedrich Naumann und Adolf Harnack gegründet, wählte Baumgarten 1911 als Harnacks Nachfolger zu seinem Vorsitzenden und als besondere Freude durfte er den Ehrendoktor der juristischen und staatswirtschaftlichen Fakultät der Universität Hamburg entgegennehmen. Der Weltkrieg und seine Folgen brachten es zuwege, daß Baumgarten seine bisherige politische Linie verlassen mußte. Aus intimster Kenntnis englischen Wesens heraus, als etn *) Otto Baumgarten: „Meine Lebensgeschichte". Verlag I. C. L. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1929. Debora Ascarelli und Sara Cop in Sullam. Auch die Zahl der Frauen, die durch heldenhaftes Eintreten für eine große Sache hervorragten, ist im Judentum sehr groß. Die Frauengestalten, die Ilse von Stach mit so viel Liebe und dichterischer Einfühlung schildert, sind also auch im Judentum anzutreffen. Niemals war bei den Juden die Frau eine „Sklavin des Mannes". Dr. 8. Weinberg. Mann, der die Fäden zum stammverwandten englischen Volk stets versucht hatte, aktiv mit zu knüpfen, waren ihm gewisse Klänge der Kriegszeit eine innerliche Unmöglichkeit. Nach dem Zusammenbruch schloß er sich der neugegründeten Deutschen demokratischen Partei an. Er durchlitt aufs schwerste die Entscheidungstage vor dem Versailler Friedensschluß; er war als Sachverständiger über Religions-, Kirchen- und Missionsfragen zur Teilnahme an der Friedenskommission mit herangezogen worden und hat sich dabei besonders für die evangelischen Gemeinden der abgetretenen Gebiete eingesetzt. Otto Baumgarten hat sich überall dnrchgekämpft; er hat nirgends nachgegeben, wo er der festen Ueberzeugung war, für Wahrheit und Gerechtigkeit zu kämpfen. So hat ihn dieses Streben nach Gerechtigkeit auf allen Gebieten auch aktiv in die Reihen der Kämpfer gegen den Antisemitismus gebracht. Schon in der Zeit seiner Vorbereitung aus die akademische Laufbahn fand er in Berlin im Hause des hervorragenden Professors des Handelsrechts L. Goldschmidt „die wirksamsten Beziehungen zu einem mit allen besten deutschen Traditionen gesättigten Judentum." Der Antisemitismus des Hofpredigers Stöcker, der ja ebenfalls zu den Gründern des Evangelisch-sozialen Kongresses gehörte, war ihm stets zuwider und er fand schon damals, daß, wer sich die Konsequenz des Antisemitismus klarmachte, zur unbedingten Ablehnung geführt werden müsse. 1914 trat er mit ein für die Einstellung von Beiträgen in den preußischen Staatshaushalt für nicht ganz leistungsfähige Synagogengemeinden — als gerechten Ausgleich entsprechend den Leistungen des Staates für die evangelische und die katholische Kirche. Seine aktive Mitwirkung im Abwehrkampf fällt in die Zeit nach dem Weltkrieg: er setzte sich mit der ganzen Kraft seiner Persönlichkeit gegen die brutale politische Ausschlachtung der Judensrage und die Boykottierung der jüdischen Volksgenossen in der „Gesellschaft" ein. Sein Streben nach Gerechtigkeit will zwar auch der anderen Seite nicht unrecht tun: So sucht er die idealen Motive der völkischen Bewegung zu verstehen, aber sein Schlußurteil muß vernichtend ausfallen: „Der Fanatiker ist immer unwahr, und wer mit solchem Fanatismus erfüllt ist wie Dinter, Hitler und Genoffen, der kann die Wahrheit nicht sehen, er sieht ein Trugbild." Der große Selbstbetrug der Judengegner wird zum Verrat au der geschichtlichen Wahrheit, noch mehr, zum Verrat an dem christlichen Herzen des deutschen Volkes, schließlich aber auch an der besten Kultur deutscher Art. Gerade aus der tiefen Erfülltheit seines ganzen Wesens vom christlichen Denken heraus hat Baumgarten zu dem logischen, politischen und menschlichen Unsinn des Antisemitismus mir seiner für das deutsche Volk so beschämenden Auswirkung nicht schweigen können. Vielseitig — und doch ein Mann ans eurem Guß; ein Kämpfer, und doch eine unendliche warme Persönlichkeit voll stärkster Fähigkeit zum Mitfühlen und Mitleiden; so steht Otto Baumgarten in erster Reihe als Erzieher des deutschen Volkes. Die Lebensgefchichte Otto Saumgartens Ingezrigt von Gottfried Nabe (Dres-en).