Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 8 (21.2.1930)
- Date
- 1930-02-21
- Page
- Seite 97 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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47 Was sollen unsere Töchter lernen! Hauswirtschaft als Beruf. Die große Bedeutung, die dem hauswirtschaftlichen Berufe für die Familie und für die Volkswirtschaft zukommt, ist erst in der Kriegs- und Nachkriegszeit richtig gewertet worden. Gleichzeitig aber sank das Ansehen dieses Berufes gerade in den Kreisen, aus denen ihm Zustrom kam, immer mehr, weil die Gebundenheit, die der Dienst in der Familie verlangt, im Gegensatz zu dem Drange nach Freiheit und „Sich-ausleben" stand, der unsere Jugend ergriff. Vor allem aber fehlten dem Berufe bisher die A u f st i e g m ö g - lichkeiten. Die Hausfrauen- und Hausangestellten-Organisationen haben sich mit Erfolg bemüht, diesem letzteren Mangel abzuhelsen. Sie haben aus dem u n g e l e r n - L e n Beruf einen gelernten geschaffen, der erstrebenswerte Aufstiegmoglichkerten bietet. Da die Nachfrage nach gut ausgebildeten Kräften immer groß sein wird, so kann dieser Beruf auch unseren jüdischen Frauen und Mädchen wärmstens empfohlen werden. Die von vielen Mädchen als Uebelstand bemängelte Gebundenheit will mir vom Standpunkt der Eltern und Erzieher aus als ein Vorteil erscheinen. Sie ist keine Gefangenschaft, sondern eine Schranke gegen hemmungslose Vergnügungssucht und gegen Freiheitsmitzbrauch. Denn für einen verständigen Gebrauch der Freiheit ist auch im Haushalt jede Möglichkeit gegeben. Wem aber trotzdem die Gebundenheit als Nachteil erscheint, der sollte sich auch den großen Vorteilen nicht verschließen, die der hauswirtschaftliche Beruf vor anderen bietet. Die notwendigsten Lebensbedürfnisse sind durch die Sachbezüge jederzeit befriedigt. Wie auch die Verhältnisse liegen, der Tisch der Hausgehilfin muß gedeckt, für Wohnung, Heizung, Beleuchtung, Wäsche muß gesorgt sein, für Bekleidung steht das Bargehalt zur Verfügung. Welcher Stand kann sich solcher Sicherheit erfreuen? Die Ausbildung ergibt heute folgende Möglichkeiten: Geprüfte HausgehilfLn: Volksschulbildung. 2 Jahre Lehre mit Lehrvertrag im Haushalt, dabei Fachunterricht in der Fortbildungsschule, oder 1 Jahr Lehrbetrieb (Haushaltsfchule mit praktischer Tätigkeit) und 1 Jahr Familienhaushalt. Als Abschluß: eine staatlich anerkannte Prüfung. Haushaltspflegcritt: 1. Verlangte Allgemeinbildung: abgeschlossene Lyzeumsbildung oder Mittelschule. Bei Volksschulbildung werden vorbereitende Kurse zur schulwissenschaftlichen Prüfung abgehalten; damit ist den geprüfter: Hausgehilfinnen der Aufstieg zu gehobeuelr Stellungen ermöglicht. 2. Fachausbildung: Entweder: 1 Jahr Haushnltungsschule*), 3 Jahre Praxis und 1 Jahr Lehrgang an einer staatlich anerkannten Haushaltspflegerinnen-Anstalt, von denen es bisher 11 in Preußen gibt: oder 5 Jahre selbständige Praxis und 1 Jahr Lehrgang. Der Haushalt, in dem die Praxis ausgeübt wird, muß der Lehranstalt bekannt fein. Haushaltspflegerinnen kommen für die wirtschaftliche Leitung größerer Betriebe, Sanatorien nsw. in Frage. Meisterin: Alter nicht unter 25 Jahren. Für die Meisterin iverden dieselben Ziele und Berechtigungen erstrebt wie für die Haushaltspflegerin, aber der Ausbildungsweg ist verschieden: 3 Jahre Praxis und gleichzeitiger Besuch der 2 Jahre währenden Kurse. Für Ehefrauen: fünfjährige leitende Tätigkeit im eigenen Haushalt. : Dreierlei soll mit der Ausbildung erreicht werden: das Heranbilden brauchbarer Arbeitskräfte, die Erziehung der vorbildlichen zukünftigen Hausfrau, und damit die Leistung sozialer Arbeit für das Volksganze. Mit der Berufs ausbild ung wächst aber auch die Berufs f r e u d e und der Berufsidealismus. Wir fühlen uns verantwortlich für die nächste Hausfrauengeneration. Die Hausfrau der Zukunft sollte durchweg eine solche Ausbildung erfahren. Hedwig Malachowski (Breslau). *) In Breslau ersteht im Augenblick im Anschluß an das Allersheim — Brate-Guttmann - Heim — eine Haushaltungsschule mit Lehrbetrieb, die unter Leitung einer staatlich geprüften Eeroerbelchreriu und Mitarbeit einer technischen Lehrerin den modernsten Anforderungen an die hauswirtschaftliche Ausbildung Rechnung tragen wird und sich, hoffentlich, die staatliche Anerkennung erringen wird. Die zweite fiufklärungsverfammlung öer Hönigsberger <£. V.-Zrauengruppe Wie wir iu der „C. B.-Zeitung" Nr. 42 vom 18. Oktober berichteten, hat die Frauengruppe des C. B., Königsberg (Pr.), im Oktober einen ersten Versuch unternommen, an die christliche gebildete Frauenwelt der Stadt mit einer Einladung zu einer Aussprache über die Entgiftung der politischen Atmosphäre heranzutreten. Der Erfolg der ersten Veranstaltung veranlaßte die Königsberger Frauen, diesen wichtigen Weg der Aufklärungsarbeit jetzt von neuem zu beschreiten. So veranstalteten sie am 11. Februar wiederum einen Teenachmittag, der Gelegenheit zu einem Anfklürungsvortrag und einer eingehenden Aussprache bot. Wiederum scheuten die Mitglieder des Arbeitsausschusses der Frauengruppe nicht die Mühe, die Damen durch persönliche Besuche mn ihre Teilnahme an diesem Aussprachenachlnittag zu bitten. Nur diejenigen Frauen, die das erstemal am Erscheinen verhindert waren, erhielten handgeschriebene Aufforderungen. Etwa dreißig Damen, Führerinnen großer sozialer Bewegungen, Gattinnen im öffentlichen Leben führender Männer, Lehrerinnen, Hausfrauen und Berllfstütige folgten der Einladung. Dr. Margarete E d e l h e i m (Berlin) zeigte in ihrem Vortrage „Romantik oder Politik" die Auswüchse der völkischen Theorien und bewies das Recht der deutschen Juden auf ihre deutsche Heimat, der sie durch Tradition, Schicksal, Kulturgemeinschast, Sprache und nicht zuletzt durch ihre Liebe angehören. Ehrlich entrüstet waren die christlichen Hörerinnen über die judenfeindliche Verhetzung von Jugend und Frauenwelt, die die Rednerin an Zeitschriften und Tatsachen nachwies. An die mit starkem Beifall und großem Interesse aufgenommenen Ausführungen schloß sich eine sehr lebhafte Diskussion, die auf ausgezeichnetem Niveau stand. Die christlichen Damen wiesen in taktvoller Weise auf Fehler und Mängel hin, die ihnen bei den Juden ausgefallen zu sein schienen. Sie betonten übereinstimmend ihre Achtung vor aller: aufrechten Juden und lehnten nur die ab, die ihr Jude-Sein verheimlichen wollen. Sie bernäugelten die Geschmacklosigkeit vieler jüdischer Witze, die das eigene Nest beschmutzen. Schließlich wurde auch um Erklärrrng des Unterschiedes zwischen unserer C. B.-Anschauung und dem Nationaljudentum gebeten. Die Nednerin beantwortete die Frage eingehend und sachlich und hob besonders hervor, daß auch der Centralverein sich bemühe, feine Mitglieder zu selbstbewußten, ihres Judentums stolzen Juden zu erziehen. Zusammen fassend glauben wir sagen zu dürfen: der Verlauf der Veranstaltung war unbedingt befriedigend, für unsere Gäste wie für uns. Erfreulich war die rege Beteiligung an der Aussprache und die Tatsache, daß, im Gegensatz zum vorigen Male, auch wohlwollende Stimmen laut wurden, die sich günstig über gemeinsam geleistete Arbeit äußerten und unveränderte strenge Neutralität und Ablehnung der geschilderten Gefühlsroheiten zusicherten. Wir kamen erneut zu der Erkenntnis, daß solche Aussprachen mit Andersgläubigen durchaus geeignet sind, Gegensätze zu mildern und Annäherungen anznbahnen. E. W. fSR Zur Gesuudäaitung! Facliinger Versandstelle, Berlin SW 11, Schöneberger Strasse lGa. Telefon-. Liitzow 8260/61 Die „Sklavin" Des Mannes. Die Psychologin Mathilde Vaerting, Professor an der Universität Jena, hat in ihren bekannten Forschungen zur Psychologie der Geschlechter festgestellt, daß es Völker gab und — außerhalb Europas —. heute noch gibt, bei denen die Frau das herrschende und führende Geschlecht ist. Der heutige „Männerstaat", der den Mann zum alleinigen Träger der Kultur im künstlerischen, wissenschaftlichen und öffentlichen Leben macht, ist also nicht naturbediugt. Der Hinweis ans das Bestehen von Matriarchat (Mutterrecht) und von „Frauenstaaten" ist heute besonders wichtig. — nicht etwa um nun für eine Vorherrschaft der Frau einzutreten, sondern um das Vorurteil von der alleinigen kulturschöpferischen Kraft des Mannes zu zerstören und um eine wahre Gleichberechtigung herbeizuführen, die nichts von Herrschenden und Beherrschten weiß und von der wir heute — trotz aller Fortschritte — noch weit entfernt sind. Die Erkenntnisse, die in den Arbeiten Professor Vaertings als Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen niedergelegt sind, will die Dichterin Ilse von Stäch in ihrem neuesten Werk „Die Frauen von Korinth" durch künstlerische Gestaltung lebendig machen*). Das schöne und starke Buch enthält sechs Dialoge: aus dem Kampf um die Stellung der Frau, der durch die Jahrhunderte geht, sind sechs Augenblicke hervorgehoben: durch den Mund historischer Persönlichkeiten tritt die Dichterin für die volle Gleichberechtigung ein, für das Recht der Frau auf schöpferische und ungehemmte Teilnahme am Kulturleben. Eine Reihe von Frauen treten auf, die selbst in ihrem Kulturkreis führend waren und die in Rode und Gegenrede die Sache der Frau verteidigen. Wirkungsvoll ist der Vergleich zwischen Unterdrückung der Frau und der Unterdrückung der schwarzen Rasse durch die weiße. Beide sind ein Unrecht, eine Überheblichkeit, beide werden durch dieselben ri-cheingründe zu rechtfertigen gesucht. „Die Früchte aber der Alleinherrschaft des Mannes und die Früchte der absoluten Vorherrschaft der weißen Rasse sind einstweilen nicht so, daß wir an ihnen erkennen könnten: Hier erfüllt sich der lautere, gerechte, barmherzige — der Wille Gottes!", heißt es im Vorwort. Wahrhafte Humanität, Ueberwindung der Vorurteile ist das Ziel des formvollendeten Werkes, dessen Lektüre einen hohen künstlerischen Genuß gewährt. In dem Bestreben, den Gegensatz zwischen Unterdrückung und Vorherrschaft der Frau plastisch hervortreten zu lassen, läßt Ilse v o n Stach die männerrechtliche Auffassung in Athen und Rom, im Paulinischen Christentum und bei den Juden in Auseinandersetzung geraten mit der „Frauenherrschaft" der alten Aegypter, der Spartaner und der Germanen. Zwar bleibt sie im Zusammenhang mit historischen Tatsachen, aber sie verteilt '— mit dichterischer Freiheit Licht und Schatten, so wie es die künstlerische Gestaltung verlangt. Wenn Ilse von Stach über die Unterdrückung der Frau etwa bei den Inden spricht, so wäre es völlig falsch, hierin einen Angriff aus das Judentum im Sinne der Antisemiten zu sehen, selbst wenn die Worte der Dichterin eine uebertreibung enthalten. Das Buch, das ja für Recht und Wahrheit kämpft, steht weit über dem *) Ilse von Stach: „Die Frauen voll Uorinrh". BrrKstcrdt--V!.'rlag, Breslau 1930.