Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 8 (21.2.1930)
- Date
- 1930-02-21
- Page
- Seite 95 (sequence 7)
- Language
- German
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Lieber allem der Mensch... NevsAMOVett, Gvrrvve S-Nd MOOß» / Von Professor Dr. Ernst von Aster. Der Giessouor Philosoph, Universitätsprofessor Dr. Ernst von Aster, beging am 18. Februar seinen fünfzigsten Geburtstag. Durch seine „Prinzipien der Erkenntnislehre“ (1913) und durch andere hervorragende philosophiegeschichtliche Werke hat sich der Gelehrte grossen Ruf erworben. Seine „Geschichte der neueren Erkenntnistheorie“ (1921) ist für jeden unentbehrlich geworden, der sich mit dem Erkenntnisproblem und seiner Entwicklung befasst. Ein neues Werk von Aster über Psychoanalyse wird in den nächsten Monaten erscheinen. Professor von Aster, der auch den brennenden Fragen der Gegenwart ein grosses Interesse entgegenbringt, hat im „Morgen“ und in der „C. V. - Zeitung“ eine Reihe höchst bedeutsamer Aufsätze veröffentlicht. Wir sprechen dem verehrten Manne, der durch seine Veröffentlichungen wie durch vielfache Reden der Ueberbrückung konfessioneller Gegensätze ausserordentlich gedient hat, unsere wärmsten Glückwünsche aus und freuen uns. gerade heute nachstehenden Aufruf aus seiner Feder veröffentlichen zu können. Die Schriftleitung. In der Gegend meiner jetzigen Heimat gibt es Zwei kleine Städte — nennen wir sie A-burg und C-stadt —, die eine halbe Stunde Schnellzugsfahrt auseinanderliegen. Ich kenne sie beide, habe in beiden vor aufmerksamer Zuhörerschaft gesprochen und bin recht gern einmal durch die hübsche Gegend von einer Zur anderen gefahren. Als ich vor kurzem wieder einmal in A-burg einen Vortrag gehalten hatte unb aus den Zug zur Heimfahrt wartete, leistete mir ein gebildeter und freundlicher A-burger Gesellschaft und dabei schilderte er mir eingehend den A-burger Nationalcharakter, der so grundlegend, so unüberbrückbar verschieden sei von dem C-stadter. Der A-burger, berichtete er, selbst nicht ohne einen Anflug von Heimatstolz, sei Zurückhaltend, stolz, der A-burger Kaufmann laufe seinen Kunden nicht nach, er lasse die Leute an sich herankommen, freilich müsse er dann auch nicht selten zurückstehen hinter dem klugen, beweglichen, immer nur geschäftlich denkenden C-stadter, der allmählich die ganze Landkundschaft, bis vor die Tore der Stadt A-burg, an sich gezogen habe. Es liege eben etwas von altem Adelsblut im A-burger, fügte er hinzu: und ein Blick, in dem ein bißchen romantische Schwärmerei blinkte, flog hinauf zu den Trümmern der efeu- und sagenumwobenen Burgruine auf dem Berge gegenüber. Ich erwartete noch, als Gegenstück, eine Hypothese über den höchstwahrscheinlich östlichen Ursprung der C-stadter, aber anstatt dessen wechselte mein Gesprächspartner Plötzlich den Ton und erzählte mir eifrig, daß A-burg jetzt Kurort — Luftkurort! — geworden sei und daß man ein Kirrhaus gebaut habe und Prospekte verschicke — eine Mitteilung, die seine und meine düstere Stimmung angesichts des durch Heroismus getrübten A-burger Geschäftssinnes wieder etwas erheiterte. Als ich wieder im Zug saß und über C-stadt nach Hanse fuhr, mußte ich an die heute so beliebten zahlreichen Bücher denken, in denen über das Wesen „des" Deutschen, „des" Franzosen, „des" Juden mit Aufwendung von oft recht viel Gelehrsamkeit und Geist geschrieben wird. Gewiß: es ist manches Nichtige in diesen Büchern ans Licht gezogen worden. Aber auch der A-burger hatte ja keineswegs ganz unrecht mit seiner Charakteristik, so krühwinkelhast sie auch anmutete. Es gibt Traditionen, in einem Städtchen wie in einem Reich, es gibt Usancen und Ueberlieferungen, von denen der einzelne sich um so weniger frei macht, als er sich ihrer kaum zur Hälfte bewußt ist. Niederbayeru und das bayerische Schwaben grenzen aneinander und doch weiß jeder, der einmal eine niederbayerische und eine schwäbische „Hausgehilfin" gehabt und sich von ihr hat erzählen lassen, erstaunt von der Verschiedenheit dessen zu berichten, was in menschlich-allzumenschlichen Dingen im einen Landesteil als naives Volksrecht, im anderen als streng verpönt gilt. Liegen hier nun angeborene Charaktereigenschaften, „Nassenmerkmale" vor, Dinge, die im „Blute", als einem ganz besonderen Saft, wurzeln? Ist im A-burger alte Edelrasse lebendig mit der Burgruine als Symbol und im C-stadter fragwürdige Mischung mit „fremdstämmiger" Bevölkerung? Ohne leugnen zu wollen, daß es eine interessante Frage wäre, deren Beantwortung aber in recht weiter Ferne liegt, wie sich angeborene Fähigkeiten und Neigungen durch Geschlechter und Nassen vererben, scheint es mir doch recht zweifelhaft, ob der Stammbaum der Bevölkerung zweier in derselben Gegend, in demselben deutschen Stammesgebiet liegender Städte gar so verschieden sein sollte. Jedermann weiß, daß vor dem Kriege das Geschäftsleben in Hamburg einen anderen Stil hatte als in Berlin, daß man von den Hansestädten aus oft mit Unbehagen auf das Geschäftsgebaren in der Reichs- Hauptstadt blickte. Bekannt aber war auch, daß der süddeutsche, auch der Hanseat, der nach Berlin kam, oft nach kürzer Zeit ein ausgeprägterer Berliner war, als mancher von Kindesbeinen au den Ufern der Spree Beheimatete. Was wir meist im gewöhnlichen Leben „Charakter" neunen, ist ganz sicher keine einfache Funktion des „Blutes" (die Vorliebe für das „Blut" ist nebenbei bemerkt ein Erbteil mystischer Naturphilosophie bei unseren Nasseliebhabern), der anatomisch bedingten Erbmasse, sondern ein kompliziertes System auf-- und eingeprügter Hemmungen, das in seiner Art und Stärke wesentlich durch Umgebung, Tradition, Erziehung bestimmt ist und mit diesen Dingen der Wandlung unterliegt. Der Charakter, können wir dafür auch sagen, ist ein Produkt des Lebens und der Geschichte. Er ist es wie die Mode, der Stil, die Sitte, und er ist — beim einzelnen wie bei den Völkern — wandelbar. Erst hinter den: „Charakter" aber, hinter der starren Gestalt, die das Leben unseren Wünschen. Wollen und Handeln ausprägt, breitet sich beim einzelnen die Mannigfaltigkeit, der individuelle Reichtum seiner Seele ans, und beim Volk, bei der Menge, die nicht minder große Mannigfaltigkeit der persönlichen Individualitäten, in deren Sphäre einzudringen allerdings etwas größere Mühe macht, als der Blick auf jenes äußere Schema. Der „Charakter", uüc wir das Wort gebrauchen, wenn wir vom Volkscharakter, allgemeiner vom Gruppencharakter reden, ist ein Produkt der Entwicklung, die den einzelnen in Gruppen zu leben zwingt und diesen Gruppen ihre Lebensform aufprägt. Kein Leben aber ist ohne Kamps, ohne Konkurrenten, ohne Gegensätze. Diese Gegensätze nötigen dazu, die eigene Lebensform zu idealisieren, die frembe, gegensätzliche oder vermeintlich gegensätzliche abfällig zu. bewerten. Solche Wertungen sind Kampfmittel, deren sich der Selbsterhaltungstrieb der Gruppen unvermeidlich bedient. Nun ist aber der Mensch des modernen Lebens in eine ganze Fülle solcher Gruppen eingeordnet, die teils einander über- und untergeordnet sind, teils aber auch sich überschneidern Er gehört durch die Bande der Abstammung und Verwandtschaft einer Familie an, er ist au die Sprachltnb Schicksalsgemeinschaft, an den Heinmtboden eines Volkes gebunden, Welianschauung unb Religion fügen ihn mir Glaubensgenossen zusammen, Interessengemeinschaft nicht nur rein materieller, sondern auch ideeller Natur macht ihn zum Gliede einer Klasse. Und es gibt keine, ein für allemal feststehende Rangordnung der letzten und höchsten Gemeinschaften, die die Menschen umfassen und scheiden. Ich kann vielleicht fordern, auch mit Leidenschaft den Satz verfechten, daß Volksgemeinschaft enger verbinden und tiefer verpflichten 'müsse als Gemeinsamkeit der Weltanschauung oder Einheit der Klassenziele, aber ich kann ihn nicht beweisen, ich kann den, der anders empfindet und spricht, hassen und schelten, aber nicht überzeugen. Jeder Grnppenzusanunenhang ttnb -gegensatz ist heute stärker als in allen früheren Zeiten mit Spannungen belastet, die von kreuzenden Gruppenbildungen herrühren. Es Nationalsozialistische Ltudentengruppe in Köln verboten Die Kölner nationalsozialistische Studentengruppe hakte für Freitag abend, den 7. d. M., die deutschen Studenten zu einen: Vortrag in einen Hörsaal der Universität cingeladen. Der hier sattsam bekannte nationalsozialistische Führer des Koblenzer Bezirks. Simon ans Koblenz, sollte über das Theum „Student, Staat und Volk" sprechen. Die Tatsache, daß die neutrale Universität einer politischen Partei den Raum zur Verfügung stellte, hatte schon in weiten Kölner Kreisen merkwürdig berührt. Wer aber den Nichtswisser und Phrasendrescher Simon näher kannte, durfte im voraus wissen, wie weit die Wissenschaftlichkeit des Vortrags gehen würde. So war dieser sogenannte Bortrag denn auch nichts weiter, als eine wüste Schimpferei, wie man sie in jeder nationalsozialistischen Skandalversammlung hören kann. Die Hochschulprofessoren wurden besonders schlimm mitgenommen. Nichts welliger als Gesinnungslumperei wurde ihnen vorgeworfen. Ein Student, der sich durch Zwischenruf gegen diese Verunglimpfung verwahrte, wurde aus dem Saal entfernt. In der Aussprache meldete sich der Erstchargierte der Kölner jüdischen 5E C.- Verbiudung. ein Rheno-Guestpliale, zu Wort. Er wurde nicht zugelassen, weil er Jude sei. Da man wohl überall Judengespenster sah. kam auch mancher christliche Student nicht znm Wort, weil man einen Juden in ihm vermutete. Jeder Diskussionsredner mußte erst ausdrücklich versichern, daß er 'nicht Indo sei. Das Benehmen der Nationalsozialisten war in der Diskusstor: bald derart, daß jede akademische Würde fehlte und die Versammlung In einen Tumult ausartete. Wegen dieser gröblichen Verletzung des Hallsrechts urtb der akademischen Freiheit und wegen der Beleidigungen der Professoren sah sich der Senat veranlaßt, Stellung zu den skandalösen Vorkommnissen zu uehlnen. Der Entschließung wurde der § 41 der Vorschriften für die Studierenden der Landesuniversitäten von: 1. Oktober 1914 zugrunde gelegt. Diese Entschließung lautete: Die KSln-er Hochschulgrrrppe des nationalsoZi-alistischen' deutschen StudeMeuLmudes wird bis znm AhschLus; des eirracleiteten Disziplinarverfahrens vorläufig verboten'.