Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 1 (14.2.1930)
- Date
- 1930-02-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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2 nicht das über die „sekundäre“ Arbeit für die Abwehr zutrilft. Ich schlage daher vor, dass der Jugendausschuss des C. V. eine Zusammenstellung über die tatsächlich für Jugendliche vorhandenen Möglichkeiten der Abwehr herausgibt. Erst auf Grund dieser Unterlage wird eine konkrete Stellungnahme möglich sein. Ernst Stillmann (Dortmund). Gedankliches und Tatsächliches Werner Rosenstock lehnt zu Beginn seiner Ausführungen eindeutig die im Geist des Polizeistaates gehaltene Auffassung derer ab, die sich einer allgemeinen Arbeit verschliessen und darum die Arbeit nur „wenigen“ überlassen. Leider trifft seine Bemerkung vielfach noch auf unsere Generation zu. Aus ihren Reihen kann man oft Stimmen vernehmen, nach denen sich alle Arbeit der älteren C. V. - Generationen nur in einem Zusammenschluss zwecks Beitragszahlung erschöpft zu haben scheint. Solche Ansichten sind, wenn sie auch manches Wahre enthalten mögen, leicht geeignet, in der heutigen Generation das Gefühl hervorzurufen, ihr eigenes Verhalten wäre weit besser. Das trägt zur Schaffung einer in Wirklichkeit nicht berechtigten Selbstzufriedenheit bei, entspricht aber nicht den von Werner Rosenstock im weiteren Verlauf seiner Ausführungen geäusserten beachtlichen Gedanken zur „Selbstbehauptung“. Es mag hier doch einmal anerkannt werden — und diese Feststellung ist auch in unserem Zusammenhang als wichtige Arbeitsvoraussetzung von Bedeutung —, dass die Arbeit der älteren C. V. - Generationen weit mehr war als nur eine finanzielle Zugehörigkeit zum C. V. (Welche Gründe zu dem heute tatsächlich vorhandenen, gewissen Nachlassen des Interesses in manchen Kreisen führten, soll hier nicht untersucht werden.) Gesagt sei aber, dass der C. V. nie das hätte werden können, was er wirklich ist, wenn seine Arbeit nicht lebenserfüllt und auch geistig von Massen getragen gewesen wäre. Mir scheint vielmehr, dass die heutige Generation —- auch die sogenannte hündische Jugend — nicht das an Aufklärungsarbeit leistet, was frühere Generationen darin getan haben. Gerade die heutige Generation überlässt die Arbeit zumeist einigen „wenigen“. Ich denke dabei ganzbesondersan die persönliche — vielleicht wichtigste Aufklärungsarbeit. Diese Ausführungen gehören vielleicht nicht unmittelbar zu unserem Thema. Doch ist es an dieser Stelle gewiss nicht damit getan, allein nur positive Wege zu weisen, auch die Ursachen negativer Momente müssen festgestellt werden. Sehen wir von innerjüdisch-gegnerischer Haltung ab, dann ist die bedauerliche Zurückhaltung der jüdischen Jugend gegenüber der C. V. - Arbeit im allgemeinen gar nicht mit einem so problematischen Gewände, mit dem man für sehr viele nur willkommene Ausreden schafft, zu umkleiden. Man hält es eben oft nicht für würdevoll und angenehm, sich mit dem Gegner auseinanderzusetzen, und zieht sich grollend in sein Kämmerchen zurück. Mit dieser Tatsache müssen wir rechnen. Und damit kommen wir zu einem anderen Punkte. Nicht nur, dass vor jeder Abwehrarbeit „die Arbeit an uns und in uns zu setzen ist“, wie Paul Ebstein schrieb, noch ein anderes ist nötig. Wir müssen endlich einmal die Trennung ziehen zwischen dem, was unser Eigenstes, was Persönlichkeitsangelegenheit ist, und dem, das wert und geeignet erscheint, auch dem Denken des anderen mitgeteilt zu werden. Persönlichstes jüdisches Erleben gehört nun einmal nicht in den Abwehrkampf, besser: in die Aufklärungsarbeit. Wir können nicht im politischen Kampf mit jüdischen Gefühls- und Persönlichkeitswerten arbeiten, mit Dingen, die sich nur an die Persönlichkeit selbst, nicht aber an die anderen richten. Im politischen Kampf, gerade auch in der persönlichen Auseinandersetzung, müssen wir dasjenige aufzeigen, was auf die Vernunft, nicht auf das Gefühl des anderen wirkt. Gefühlswirkungen sind nicht von Dauer, sie hervorzurufen ist in der Politik nur Sache des Demagogen. Und noch eins. Man spricht immer so viel von dem Nichtverstandenwerden auf der anderen Seite. Was tun wir denn von uns aus, um den „anderen“ zu verstehen? Da verdient eine Aeusserung, die vor einiger Zeit an anderer Stelle Herr Rabbiner Dr. Norden getan hat, unsere Beachtung: „Diese Uninteressiertheit und Engherzigkeit auf beiden Seiten, dieses Einander-nicht-kennenlernen-Wollen ist schuld an so vielen unerfreulichen Erfahrungen; zu ihnen gehört die Unkenntnis zwischen jüdischer und christlicher Ethik.“ Was hier von der Ethik gesagt wird, es erfordert in noch viel höherem Masse Beachtung bei dem Verhalten im politischen Leben oder den Beziehungen zu unseren Mitmenschen überhaupt. Ich möchte unter diesem Gesichtspunkt des Kennenlernen-Wollens von unserer Seite aus nur an wenigen Beispielen zeigen, wie wir junge jüdische Menschen praktisch zu einem besseren Verstehen und damit im wahrsten Sinne zur „Selbstbehauptung“ beitragen können. In der Schule sieht sich der jüdische Junge oft Anfeindungen seitens seiner Mitschüler ausgesetzt. Gewiss ist in zahlreichen Fällen sein Argwohn berechtigt. Das darf aber nicht dazu führen, dass er nun in jedem Falle, immer und überall, gleich die antisemitische Absicht seines Mitschülers zu entdecken glaubt. Auch der jüdische Schüler muss sich sagen, dass vieles — und Leistungen Gründung des Norddeutschen Landesjugendausschusses Zur Intensivierung der deutsch-jüdischen Arbeit in Norddeutschland fand die Gründung des langersehnten Jugendausschussesi des C. V. für Norddeutschland statt. Kiel, Harburg, Lübeck, Elmshorn hatten Vertreter entsandt. Die Leitung liegt hei Dr. Max Plaut (Hamburg), dem Vorsitzenden der Hamburger D. J. J., sowie Vertretern der übrigen deutsch-jüdischen Jugendorganisationen in Hamburg. Einmütig war der Wille vorhanden, für Deutschtum und Judentum in der Jugend nach aussen werbend, nach innen festigend einzuwirken', jedoch ausschlieslieh im Rahmen schon feststehender Organisationen, insbesondere des C. V. sowie des Neutralen jüdischen Jugendbundes. Austausch von Rednern, Treffahrten sowie Versendung von Propagandamaterial sollen Grundlagen der Arbeit sein. Die Heranziehung der Jüngeren, nicht nur zu Kursen, sondern auch zu praktischer C. V.-.Arbeit, soll eine weitere Aufgabe des Landesausschusses darstellen. Anlässlich der Gründung veranstaltete die Hamburger D. J. J. eine machtvolle Kundgebung unter dem Motto „Glaube und Heimat“ sowie einen politischen Tee. Zu einem machtvollen Gelöbnis für Glaube und Heimat gestaltete sich die Kundgebung. Nach weihevollem Orgelspiel begrüsste Dr. Plaut alle Erschienenen sowie die Vertreter der verschiedenen Organisationen und gedachte in kurzen Worten unserer Verbundenheit nicht aus Judenfeindschaft geschieht, sondern aus schülerhafter und jugendlicher Streitsucht, die sich eben auch einmal gegen ihn, wie so oft gegen andere richtet. Hier gibt es noch eine dankbare Aufgabe für die jüdischen Eltern, nicht immer gleich ihr Kind in seiner Ansicht zu bestärken, sondern auch von sich aus beruhigend und erklärend auf dieses einzuwirken. Ist diese unberechtigte, heute noch so oft anzutreffende Nervosität in erster Linie durch Selbstbeherrschung des Schülers, dann aber auch durch die Einwirkung der Eltern erst einmal beseitigt, so sind wir schon ein gutes Stück auf unserem Wege vorwärts gekommen. Leider ist die Hochschul -„Polit i k“ noch nicht eine solche Selbstverständlichkeit geworden, wie dies den Worten Werner Rosenstocks leicht entnommen werden könnte. Ohne die heutige Bedeutung der Hochschulen innerhalb der Entwicklung des deutschen Volkes zu überschätzen, bietet sich doch gerade auch hier ein wichtiges Arbeitsfeld. Dass der jüdische Student heute bereits die Möglichkeit der Fühlungnahme mit anderen Menschen und Gruppen an der Universität hat, und wo diese Möglichkeiten liegen, hat Dr. Werner Rosenberg in Nr. 3 der „C. V. - Zeitung“ durch die Schlussworte seines die Deutsche Studentenverbandstagung behandelnden Artikels zum Ausdruck gebracht. Hier, im Deutschen Studentenverband, kommen bereits katholische, sozialistische und demokratische Studenten, alle mit gutem Willen zusammen, und hier hat auch die aufklärende Wirksamkeit des jüdischen Studenten einzusetzen, um dadurch immer weitere Kreise im Sinne unserer Arbeit zu erfassen. Ich konnte an dieser Stelle nur xAusschnitte aus dem grossen, für die jüdische Jugend geeignetem Betätigungsfeld und die bei aller Arbeit unerlässliche Grundhaltung geben. Wesentlich dienen wird unserem weiteren Arbeitsweg das Kennenlernen- und Verstehen- Wollen auch von unserer Seite aus, das nichts mit Anbiederung zu tun hat, sondern in Selbstbeherrschung und ernster Auseinandersetzung zu suchen ist. Erich Vulkan (Breslau). mit deutscher Erde, unserer Liebe zur Heimat, besiegelt mit dem Blut von 12 000 gefallenen Helden. Nachdem Dr. Helmuth Nathan (Hamburg), stellvertretender Vorsitzender des Reichsjugendausschusses des C. V., dessen Grüsse überbracht hatte, Umrissen drei junge Mitkämpfer der D. J. J„ Senta Meyer, Heimut Heinemann und Referendar Buttenwieser, Ziel und Arbeit deutsch-jüdischer Jugend. Inhaltlich und formal hervorragend, versuchte der Hauptredner des Abends, Dr. Franz Eugen Fuchs (Berlin), unseren Ideenkreis von einer neuen Seite zu beleuchten. Unsere Tragik liegt darin, dass wir wohl bürgerliche, religiöse, politische Freiheit haben; aber es ist nur eine Summe von Freiheiten, es fehlt die Freiheit des Menschen. Freiheit, kein politischer Begriff, nicht Liberalismus gleichzusetzen, Freiheit als Grundbegriff unseres Rechts, ist uns die Möglichkeit, uns nur durch eigenen Willen und eigenen Entschluss bestimmen und eingliedern zu lassen. Die Not unserer Zeit drängt die Menschen zu Bindungen, deshalb das Anwachsen der Völkischen, die Verbreitung national-jüdischer Ideen. Wo wir frei sind, sind jene gebunden. Unser Glaube ist -kein überkommener Dogmenschatz, sondern erfordert den freien Willen; jüdische Stammesart ist uns' nichts Objektives, sondern Verkörperung von Eigenschaften, durch die wir uns prägen und formen lassen wollen. Auch unser Deutschtum fusst auf unserem Willen. Dieses hohe Ziel erfordert Einsetzung äusserster Kräfte. Wir wollen in steter Arbeit unser Wissen um unser Recht auf Glaube und Heimat, um für Glaube und Wissen weiter zu kämpfen.