Mannheim
Compact Memory

Von deutsch-jüdischer Jugend · 1930-02-14 · 1 (14.2.1930) · p. Seite 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
6 (1930)
Issue
1 (14.2.1930)
Date
1930-02-14
Page
Seite 1 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9221535-9549133-9549610--02-2286584
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bellofft 0<r CV.-^Sgttttng dcrliit, 14. Jcbcuac 1930 5al)rgang 6 Jungen Von der Arbeit der Aussprache — A. ff. Die Lebhaftigkeit, mif Jer J/e Aussprache Uber das Problem der Abwehr oder besser gesagt: des Eintritts der deutschjüdischen Jugend in die aktive politische Arbeit des Central-Vereins, geführt wird, entspricht den Erwartungen, die an dieser Stelle zugleich mit der Veröffentlichung des einleitenden Aufsatzes von Werner Rosenstock geäussert worden sind. Auch dieses Mal wieder können wir neben kontemplativ-kritischen Zuschriften solche sehr realen Inhalts veröffentlichen. Der Reichsjugendausschuss des Central-Vereins ist sich der Verantwortung gegenüber der von verschiedenen Seiten geausserten Aufforderung, richtunggebende Unterlagen zur Verfügung zu steilem bewusst. Die bestehenden Lmdesjugendausschüsse und Arbeitsgemeinschaften werden binnen kurzem Zusammenstellungen verschiedener Art erhalten. Bis zur Versendung dieser Schriften steht allen in der praktischen Arbeit an führender Stelle stehenden Fremden das Referat zur Verfügmg, das ich der Crünauer Führeriagung vorgelegt habe. Es lässt sich sowohl für den Aufbau der Organisation zur Erfassung jüngerer Mitarbeiter wie für die Erörterung praktisch politisch besonders von Jüngeren durchführbaren Arbeit verwenden. Der Reichsjugendausschuss wird an dieser Stelle sehr bald in die Aussprache eingreifen, um die vielfachen und vielfältigen Vorschläge zu einer einheitlichem möglichst zahlreiche Freunde verpflichtenden Form zu verbinden. Bewusste Kleinarbeit ist nötig Man liest in den letzten Jugend-Beilagen der „C. V. - Zeitung4* sogar Beiträge von solchen Leuten zur Frage der Abwehrarbeit, von denen man Stellungnahme zu diesem früher als für Jugendarbeit unwürdig abgelehnten Thema nicht erwartet hatte. Sehr bemerkenswert scheinen mir die Ausführungen von Werner Rosenstock in Nr. 8 dieser Blätter. Er schreibt u. a. sehr richtig: „Es geht um die Sicherung der äusseren Existenz des Judentums.** Wenn wir aber ehrlich sein wollen, müssen wir zugeben, dass zunächst nicht in erster Linie das „Bewusstsein der moralischen Berechtigung**, sondern der rein vitale Selbsterhaltungstrieb uns den Kampf gegen den Antisemitismus aufzwingt. Und gerade im letzten halben Jahre hat bekanntlich bei den in verschiedenen deutschen Ländern durchgeführten Wahlen der besonders von den Nationalsozialisten geförderte Radau-Antisemitismus in derart erschreckendem Umfang zugenommen, dass die schnellste Sammlung aller zur Abwehr bereiten Kräfte, und das sollte zumindest die gesamte organisierte deutsch - jüdische Jugend sein, geboten erscheint. Zu allem Ueberfluss ist der von Ebstein (Nr. 9 der Beilage) an die Wand gemalte Teufel auch schon da.« Die Nationalsozialisten verfügen in Thüringen über einen verfassungsmässigen Minister, der bereits, wie Zeitungen melden, drei seiner Gesinnungsgenossen zu Fachreferenten im Kultusministerium bestellt hat. Es ist kaum anzunehmen, dass sich diese Herren um die Förderung des Judentums besonders verdient machen werden. Dass der Kampf gegen den Antisemitismus nicht leicht ist, zeigt die jahrelange, mit aller zu Gebote stehenden Energie durchgeführte Arbeit des C. V. Zu dieser ist er nach wie vor berufen, da von anderen Institutionen hierin nichts Wesentliches geleistet wird. Wie kann nun die Jugend den C. V. in seiner mühevollen Tätigkeit unterstützen? Ich sehe als besten Weg den von Ebstein gezeigten, wenn er von dem einzelnen Aufklärung durch Kleinarbeit verlangt. Dabei scheint es mir notwendig, immer wieder darauf hinzuweisen und als Ausgangspunkt jeder Erörterung zu benutzen, dass wir deutsche Juden sind. Denn was nützt uns, die wir den Willen zu deutschem Volkstum haben, diese Erkenntnis, wenn sie uns dauernd von unserer Umwelt abgesprochen wird. Obwohl gerade in diesen Blättern der Begriff Deutsch-Judentum oft genug als nicht mehr erwähnenswert hingestellt wurde, weil er für uns junge Menschen Tatsache geworden ist, stehe ich auf dem Standpunkt: wir müssen so lange von unserem Deutschtum sprechen, bis man uns als gleichwertige Deutsche anerkennt. Ich halte diese Art der Abwehrarbeit im Augenblick für die geeignetste, in der wir den C. V. unterstützen können. Denn abgesehen davon, dass die wenigsten von uns jetzt schon in der Lage sind, sei es aus mangelnder Persönlichkeit greife, sei es aus wirtschaftlichen Gründen, den Antisemitismus im grossen bekämpfen zu helfen — man denke z. B. an die vielen Menschen innewohnende Scheu, ja Unmöglichkeit, in Versammlungen zu sprechen —, ist es für uns auch psychologisch leichter, von Mensch zu Mensch auf klärend zu wirken. Wir können dabei durch unsere Kleinarbeit, und da wir es ja vermutlich in den meisten Fällen mit jungen Menschen zu tun haben werden, bereits recht frühzeitig einer antisemitischen Infektion Vorbeugen, zu der sie leicht geneigt sind. Dabei werden wir feststellen müssen, dass jene von uns, wie auch wir von ihnen eine ganz falsche Vorstellung haben.!!iiliilllllillI!liillllll!I!!i!!li!ll!l!lilf!!ii!l!!H AUS DEM INHALT: Arbeitsberichte aus Hamburg, Duisburg, Sclmeidemühl, Stettin, Königsberg. — Werner Rosenstock: Gemeinschaftsarbeit jüdischer Jugend. — Schule der jüdischen Jugend. Wir sind uns aber auch darüber klar, dass die dazu notwendigen Kenntnisse (sowohl rein-sachliche als auch menschlichpsychologische) sehr gross sein müssen. Uns dies Wissen zu vermitteln, ist Aufgabe der Bünde wrie des C. V. Die Bünde werden ihre Arbeit nolens volens auf diese praktischen Dinge einstellen müssen. Es genügt aber nicht, dass man sich einmal im Jahr an einem Abend einen Vortrag über Abwehr halten lässt, sondern man wird in kurzen Zwischenräumen regelmässig Zyklen zu veranstalten haben, in denen diese Themen behandelt werden. Aus diesen Kursen können dann eventuell vom C. V. systematisch die Teilnehmer ausgesiebt werden, die sich als zur Abwehrarbeit besonders befähigt erweisen, und die man dann zu grösseren Aufgaben heranzieht. Also: Bewusste Kleinarbeit hat jeder zu leisten. Fortlaufende Schulung durch geeignete Instanzen sollte die Hauptarbeit der Bünde bilden. Aufgabe des C. V. ist es, die Bildung von deutsch jüdischen Jugendgruppen zu fördern und diese mit Material dauernd auf dem laufenden zu halten. Werner Graf! (Berlin). Welche Möglichkeiten haben wir? Zu den grundsätzlichen Ausführungen von Werner Rosenstock über „Selbstbehauptung“ ist nicht viel zu sagen. Es dürfte auch unter den „Unpolitischen** kaum einen geben, der nicht bereit wäre, sich einzusetzen, wenn man ihm einen ihm gern ässen Weg zeigte, auf dem er wirksam werden könnte. Ueber die tatsächlich zu leistende Arbeit herrscht aber erhebliche Unklarheit. Ich möchte zwischen primärer und sekundärer Abwehrarbeit unterscheiden. Unter jener verstehe ich die bewusst als solche geleistete Abwehr. Hiervon ist gänzlich verschieden die Arbeit, bei der der Zweck der Abwehr unbeabsichtigt, gewissermassen als Nebenprodukt, erreicht wird. Hierher gehört die gesamte hündische Erziehungsarbeit, darüber hinaus jedes „richtige“ Verhalten gegenüber der Umwelt. Ich kann mir nicht denken, das über die Tat hinaus auch noch das Motiv der Abwehrarbeit gefordert wird. Das wäre eine sinnlose Umfinalisierung, da diese Arbeit jetzt aus weit stärkeren Impulsen entspringt. Ueber die uns mögliche „primäre“ Abwehrarbeit ist noch nicht viel gesagt worden. Die eigentliche politische Tätigkeit wird —- besonders nach Aufgabe des Massenversammlungs-Prinzips — kaum in Frage kommen. Sie wird in ihrem eigenen Interesse besser zielbewusst zentral von einer kleinen Gruppe geleitet werden können. Kampf gegen den wirtschaftlichen Boykott scheidet für uns infolge unseres doppelten „Unvermögens“ meist aus. Die in der Diskussion bisher genannten Möglichkeiten erscheiaen recht mager, sofern auf sie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.