Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 7 (14.2.1930)
- Date
- 1930-02-14
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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I p M UM 79 verständlich. Einmal fragte mich ein zugereister Gast, dem die Eltern wie gewöhnlich den Sohn vorführten, wobei sie mich zwangen, meine Zeichnungen zu zeigen und Verse aufzusagen: ,Nun, und was ist Gott?' — ,Gott', antwortete ich, ohne zu schwanken, .ist so ein Mensch.' Der Gast schüttelte den Kopf: ,Nein, Gott ist kein Mensch.'" (S. 83.) Kein Wunder, daß Trotzki es mit der religiösen Erziehung seiner eigenen Kinder ebenso hält; doch nein, er geht noch einen Schritt weiter, als die Frage an ihn (in Wien im Jahre 1913) praktisch herantritt. „Als Ljowa (Trotzkis ältester Sohn. Anmerkung der Schriftleitung.) in die Schule kam, entstand die Frage nach dem Religionsunterricht. Gemäß dem damaligen österreichischen Gesetz mußten Kinder bis zu vierzehn Jahren in der Religion ihrer Väter erzogen werden. Da in unseren Dokumenten keine Religion vermerkt war, so wählten wir für die Kinder den protestantischen Religionsunterricht, da diese Religion uns für die kindlichen Schultern und Seelen als am leichtesten tragbar schien. Die Lehre Luthers unterrichtete eine Lehrerin außerhalb der Schulstunden, aber im Schulgebäude. Ljowa gefiel dieser Unterricht, das sah man seinem Frätzchen an, aber zu Haufe sich darüber auszulassen, hielt er für überflüssig. Einmal hörte ich, wie er schon im Bett liegend, etwas flüsterte. Auf meine Frage antwortete er: ,Das ist ein Gebet; weißt du, es gibt sehr schöne Gebete, wie Gedichte?" (S. 221—222.) Außerordentlich interessant ist das Gespräch, das zwischen Lenin und Trotzki gleich nach der Eroberung der Macht stattfand, als es sich darum handelte, die höchsten Aemter zu verteilen: „Der 7. November brachte die Lösung. Ich hatte den gleichen Wunsch wie ein Chirurg nach Beendigung einer schweren und gefährlichen Operation: Hände waschen, Kittel abnehmen und ausruhen. Lenin dagegen forderte, daß ich an die Spitze der inneren Angelegenheiten träte: Der Kampf gegen die Konterrevolution sei jetzt die Hauptaufgabe. Ich widersprach und brachte neben anderen Argumenten auch das nationale Moment hervor: ,Lohnt es sich, den Feinden noch eine solche Waffe wie mein Judentum in die Hand zu geben?' Lenin war fast entrüstet: ,Wir haben eine große internationale Revolution. Welche Bedeutung können da solche Lappalien haben?' Bei diesem Thema entstand zwischen uns ein halb scherzhafter Wortwechsel: ,Die Revolution ist gewiß groß, aber es sind noch Dummköpfe genug übriggeblieben', erwiderte ich. ,Ja, wollen wir uns den Dummköpfen anpassen?' ,Nicht anpassen, aber eine kleme Konzession an die Dummheit muß man mitunter schon machen: Wozu müssen wir gleich am Anfang eine überflüssige Komplikation schaffen?'" (S. 326.) In den Diskussionen über die Nolle im Bolschewismus spielt Trotzkis Name eine große Rolle, die Rolle eines Beweises. Die hier angeführten Stellen dürften den authentischen und hinlänglichen Beweis dafür beibringen, wie wenig Trotzki mit dem Judentum gemeinsam hatte. Man kann nicht einmal sagen, daß bei ihm — wie bei vielen anderen — irgendwie das unbewußte Refsentiment für das seinen russischen Volksgenossen jüdischen Glaubens vom Zarismus angetane große Unrecht mitwirkte. Denn solche Volksgenossen kennt er ja gar nicht. Die Antisemiten lieben es, als Argument Trotzkis wahren Namen Vronstein anzuführen. Aber in diesem Falle ist der angenommene Name psychologisch zutreffender als der Abstammungsname. Lenins größter Kampfgenosse ist wirklich mehr Trotzki als Bronstein. Dr. Elias Hurwicz. Stich aas der Zeit von Jettchen Gebert. W „ä MH von Hortrrgal." Ion Georg Hermann. Nicht nur Bücher haben ihre Schicksale. Auch Häuser. Heute zwar wohl nicht mehr. Ein Wolkenkratzer soll zum Beispiel drüben nicht älter als dreißig Jahre werden. Und wieviel Schicksal kann solch ein Wolkenkratzer schon in dreißig Jahren erleben? Ein Paar Bankerotte, eine kleine Revolution, ein bißchen Krieg, ein harmloses Erdbeben, ein halbes Dutzend Präsidenten. Und dann kommt die Spitzhacke. Nicht der Rede wert. Da ist ihm selbst solch armseliger Mensch, der kaum ein Drittel Stockwerk hoch ist, und nicht fünfzig, über. Als man zu Pauline Metternich sagte: „Neunzig Jahre, ein schönes Alter!" meinte sie abwehrend: „Für 'ne Kathedrale ist es nichts Besonderes." Für die Kathedralen des Handels von heute, wär's aber etwas Besonderes. Man denke: Zweihundertdreißig Jahre steht jetzt der „König von Portugal" m der Burgstraße — ein Name, der noch wie Mittelalter riecht! —, sieht in die Spree hinein, auf Zillen und Apfelkähne und zum Schloß hinüber. Er ist ein Stück Berliner Geschichte, und nicht die schlechteste . . ., denn vor allem ist er ein Stück Berliner Literaturgeschichte. 1699 erwirbt der, nicht der, „die", und „erwerben" ist auch übertrieben! . . . Witwe Hammerstein eines weiland kurfürstlichen Dieners das Grundstück, um dort „eine Herberge mit Ausschank von Getränken", das „Logie an der Spree", zu errichten. Sie scheint ein moderner Geist gewesen zu sein, denn sie erwirbt es mit einem Baudarlehen von 2000 Talern. Und außerdem fehlte ihr die Restsumme von 5000 Talern. Aber nun zeigte sich die kurfürstliche Huld und Güte .... die schon mehr als königlich zu bezeichnen ist (und er ließ sich ja auch alsbald in Königsberg zum Kömg krönen): . . . Frau Hammerstein erhielt wegen der treuen Dienste ihres verblichenen Gatten das Grundstück zum Geschenk. Also . . . das waren noch Zeiten!! UlÄ> als nun Berlin aus einer Residenz eines einfachen Kurfürsten eine K ö n i g st a d t wurde, da fing es an, sich diplomatisch und international zu gebärden, und empfing Gesandte, ließ sie bei sich ständig wohnen, schickte solche selbst an andere Höfe usw. usw. Und der erste Gesandte, der dort im inzwischen vornehmer umgebauten „Logie an der Spree" Logis nahm, war ein solcher des Königs von Portugal. Und nun fühlten der Schwiegersohn und die Tochter Dorothea der Witwe Hammerstein sich dermaßen geehrt, daß sie von Stund an ihr Logis und ihren Ausschank in den „König von Portugal" umtauften. Das aber ist er bis heute geblieben. Also, es haben viel Diplomaten da gewohnt. Vornehm war's. Es ging hoch her. Bald hundert Jahre war es das Hotel des alten Berlins. Aber es haben auch echte Könige da gewohnt. Könige im Geiste. Lessing hat hier seine „Minna von Barnhelm" vollendet und des Königs von Portugal im Stück sogar gedacht. Hauff schrieb hier seine „Sängerin". Und E. Th. A. Hoffmamr teilte (was wenige wissen) seine Weinlaune zwischen „Lutter u. Wegner" und dem „König von Portugal". Und eine echte Königin der Schönheit hat hier residiert; und noch steht die Marmorwanne, in der ihr schöner nackter Leib ruhte, in einem Alkoven. Nämlich Friedrichs des Großen Barberina, die noch heute leibhaftig mit Leopardenfell und Kohlenaugen und klirrendem Tamburin, so wie sie Antoine Pesne einst auf die Leinwand bannte, unser Herz in die Knie zwingt. Ein wundervolles Menschenwesen! Das heißt, „residiert" ist a u ch wieder nicht richtig! Die Barberina ist hier quasi „gefangen" gewesen, bis sie so allerhand Sachen geordnet hatte, an deren Ordnung wohl irgendwelchen Instanzen irgendwie gelegen war. Aber eines schönen Tages . . ., das ist noch gar nicht so lange her . . ., wurde der letzte König von Portugal erschossen, und Portugal wurde Republik. Und da war nur rroch das H o t e l da. Es ging dem Monarchen damals wie dem „Einhorn" bei Morgenstern: „Das Einhorn lebt von Ort zu Ort, Nur noch als Wirtshaus fort." „Wie lange wird's dauern, dann geht's uns ebenso", meint Morgenstern, „und wir sind völlig zu Geist geworden, und nur noch Hotels, in denen man speist." „Im ,Goldenen Menschen' sitzt man dann Und sagt sein Solo an." „Der .König von Portugal' ist nun tot", klagten damals die „Lustigen Blätter", „wo werden n u n die jüdischen Hochzeiten abgehalten werden?!" Denn das ist das, an dem wir hier nicht Vorbeigehen dürfen: Durch lange, lange Jahrzehnte sind hier traditionsmäßig die jüdischen Hochzeiten gefeiert worden. Biel Glück, und hoffentlich nicht allzu viel Unglück hat von hieraus seinen Anfang genommen. Es war immer so nett. Alle paar Jahre sah man da all seine Verwandten wieder. Welche waren alt geworden indes. Kinder waren zu hübschen Mädchen oder Traineinjährigen oder bayerischen Chevauxlegers geworden. Manche Alten vermißte man, die das lehtemal noch da waren. Langsam wuchs man in die Würde hinein, die Stange des Trauhimmels halten zu dürfen. Nie habe "ich meine Mutter so lachen gesehen wie damals, als die kleine, verschrumpelte Tante Jakobine, weil der Kellner ihr wohl an den Stuhl stieß, plötzlich ins Nutschen kam, sich festhalten wollte, und sich einen Teller voll grüner Erbsen in den Ausschnitt schüttete, wo sie nach physikalischen Gesetzen ruhig liegen blieben, wie auf Hochebenen von Mexiko. Später war dann alles verheiratet. Und zur nächsten Generation hat man mich nicht mehr zugezogen. Aber ich bin oft in ein Haus nebenan gekommen. Und jedesmal, wenn ich mich dort zu Tisch setzte, ging es im „König von Portugal" drüben — man hörte es -durch die Mauer — tos: . . . „Treulich geführt" . . . Oder: Dididedide dii . . . der Hochzeitsmarsch aus dem „Sommernachtstraum" von Mendelsohn. Das waren du frommeren Hochzeiten. Die mit Richard Wagner waren schon modernistisch.