Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 7 (14.2.1930)
- Date
- 1930-02-14
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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7$ Vertritt, diese Vorstellung der Erbsünde sei den Germanen völlig fremd gewesen; ihr reineres und strengeres Rechtsbewutztsein habe nur die persönliche Schuld gekannt. Aber bleiben wir bei dem Kernpunkt. Wenn Bangert das Hakenkreuz aufsordert, dem Fluch des Goldes entgegenzutreten, und sich dabei aus altgermanischen Glauben beruft, so ist diese Berufung nicht ohne groteske Komik. Denn ihnen war das Gold göttliches Zeichen, und als einmal ein Goldfluch ausgesprochen wird, kommt er von den Widersachern der Götter. * Der Germane war goldfreudig. Goldfreude spricht aus seinem Lied, seinen Göttermythen und seinem Heldensang. Man könnte ein Buch, nicht kleiner als das Jrrtumsbuch von Bangert, mit Ouellenstücken zur germanischen Goldfreude füllen. Er liebte es keineswegs „mit Kinderherzen, als funkelnden Tand, um seines zauberischen Scheins willen". Otto Bangert! Die Germanen waren nicht Kinder, sondern ganze Kerle vom Format der unablässig schaffenden Machtmenschen. Und darum, Otto Bangert, sahen sie das Gold überhaupt nicht mit Ihren sentimental-besorgten Augen an, sondern als das, was es war und ist: als Machtbringer. Denn Gold brachte Schwerter, Rüstungen, Pferde; Gold hieß: Heerhausen werben, und es hieß: Burgen bauen. Wer sich nur auf sein Schwert verlassen konnte, war machtloser als der, der über Schwert und Gold gebot. Das wußten die Germanen und danach handelten sie. Und aus diesem Wissen haben sie heute noch das, was die Herrschaft der Erde in ihre Hand gibt: den Sinn dafür, die Erde zu bewirtschaften, ihre Schätze zu verwalten und in produzierende Energie umzusetzen. Eddageist ist nicht in den trüben Pessimismen Bangerts, sondern in Galsworthys „Forsytesaga“, im alten Jolyon und seinem Wissen um Wille, Macht und Wirklichkeit. Und ist etwa Hugenberg, dem Bangert und die Seinen als dem „Reiniger" zujubeln, Gold nur Tand für sein kindliches Herz? . . . Es gibt eine schöne alte Urkunde der Stadt Speyer, in der zu lesen ist, wie der Bischof Rüdiger, als er das Dorf Speyer zur Stadt zog, auch Juden dorthin gezogen „in der Ueberzeugung, daß er dadurch den Glanz des Ortes vertausendfache". Der Bischof, der das Schwert ebenso herzhaft zu führen wußte wie das Kreuz, sagt ganz unverhüllt, realistisch, unsentimental, w i e die Juden den Glanz von Speyer erhöhen sollen: er erteilt ihnen das Recht, „Gold und Silber zu tauschen und jeden Handel zu betreiben". Das befremdet uns nicht nach den oben gegebenen Eddaproben. Urkundlich steht damit fest, daß das Gold nicht das Trennende zwischen Germanen und Juden war, sondern das Verbindende. Man hatte damals noch nicht so gründlich das Fürchten gelernt — weder vor den Juden, noch vor dem Gold. Und diese echten, Macht schaffenden Germanen der Wirklichkeit sind mir denn doch lieber als die unechten Seidenbildchen völkischer Webart nach der Probe Bangerts. * Gvldsreude ist denn auch ein vorherrschender Charakterzug der Lichtgestalt Siegfrieds. Auch er kein „Kind", sondern ein heldischer Mann, kampffroh und goldfröh, weil er machtsroh ist. Im Fafnirlied erzählt die Edda vom Kampf Siegfrieds mit Fafnir, der das Gold besitzt, das Andwari verfluchte. Fafnir kennt den Erbfluch, und noch im Sterben warnt er Siegfried: Das gellende Gold, der blutrote Schatz, Diese Ringe verderben dich. Aber Siegfried antwortet ganz unverhüllt: Goldes walten will ein jeder. Stets bis an den einen Tag des Sterbens. Noch einmal warnt der Sterbende. Und Siegfried, aufrecht, kühl, bewußt den Machtbesitz über die Gefahr stellend: Rat ist mir geraten; ich reite dennoch Zu dem Hort auf der Herde. Die Vögel selbst aber, die Sprecher der elementaren Naturweisheit, singen Siegfried zu: Mit den roten Ringen bereife dich! Um Künftiges sich kümmern ziemt Königen nicht. Ein Weib weiß ich, ein wunderschönes. Goldbegabt: wär' sie dir gegönnt. Der Kreis ist geschlossen: der Kreis der Wahrheit. Und er umschließt das Gegenteil von dem, was völkische Philosophie als germanischen Glauben — ausgeben möchte. Wenn ich diese Eddazitate einem vertrauensvollen Bangert-Leser gebe, und zwar, ohne ihre Herkunft zu verraten, und wenn ich dann frage: Welcher Geist spricht aus ihnen? — die Antwort kann nur lauten: Der böse Dämon des goldgierigen Juden, wie ihn Bangert dem reinen Germanen gegenüberstellt. . . Aber die Edda sieht tiefer und wahrhaftiger als alle Bangerts und alle die Tausende, die sie predigen, aber nicht soviel Ehrlichkeit und Begeisterung ausbringen, dies große Dokument auch zu lesen: Schwert und Gold sind beide männliche, schöpferische Zeichen — in Männerhand. Goldfurcht ist nicht der Wesenszug der Eddazeit, sondern der Bangert-Zeit. Die völkischen Menschen sollten nach vielen Worten nun anfangen, die Edda zu lesen. Aber vielleicht steht sie auf dem Parteiindex. Weil sie ersichtlich zu sehr antivölkisch ist. Dr. Müller-Claudius. Trotzkis religiöses Sekermtnis. Daß der Bolschewismus von Juden vorbereitet und durchgesührt, nichts als eine jüdische Machenschaft zur Begründung ihres „Weltimperialismus" und ein sorgfältig vorbereitetes Unternehmen der jüdischen Finanzwelt sei, ja sogar, daß die bolschewistische Lehre eine jüdische Geistesschöpsung darstelle, gilt in judenseindlichen Kreisen als ausgemacht. Mit dieser und ähnlichen Behauptungen gehen die Völkischen in ihren Zeitungen und in ihren Versammlungen hausieren und machen aus Sowjetrußland ohne viel Federlesens ein „Sowjet-Judäa", wird auch jedes Vorgehen der Bolschewisten gegen die Kirche von den Judengegnern als Beweis für ihre Feststellung benutzt, daß die Räteregierung in Wirklichkeit nichts anderes als eine Judenregierung sei, die auf diese schändliche Art und Weise ihren Haß gegen die christliche Religion zum Ausdruck kommen lasse. Behauptungen, die, wenn man einmal den Ursachen der Dinge nachspürt, jeglicher Grundlage entbehren, vielmehr die Gestalt einer gefährlichen Legende annehmen, zur Lüge erstarren, als systematische Fälschungen betrachtet werden müssen. Schon vor Jahren hat Dimitri Bulaschow in seiner mit authentischen Quellen belegten Schrift „Bolschewismus und Judentum" (Philo-Verlag, Berlin 1923) die Entstehungsgeschichte des Bolschewismus einer gründlichen Analyse unterzogen. Er hat darin nachgewiesen, daß der Bolschewismus gerade in dem von Juden verhältnismäßig schwach besiedelten Großrußland zur Herrschaft gelangte; er hat ferner gezeigt, daß die Juden in der bolschewistischen Partei keine nennenswerte Rolle spielen, daß im Jahre 1922 unter den 18 Volkskommissaren zwei Juden (Trotzki und Dowgolewski) waren und daß 1918 nach amtlichen Statistiken sich unter den Petersburger Parteimitgliedern nur 2,6 v. H. Juden befanden. Tatsache ist, daß sowohl die jüdische Bourgeoisie als auch das jüdische Proletariat unter dem Regime des Bolschewismus ebenso schwer, wenn nicht noch härter als die christliche Bevölkerung gelitten haben und noch leiden. Noch in allerjüngster Zeit hat Hans Jürgen Seraphim in seinem grundlegenden Artikel über den „Bolschewismus" im „Handwörterbuch der Staatswissenschaften" (4. Auflage, Jena 1929, Ergänzungsband, S. 200) einleitend hervorgehoben: „Der Bolschewismus wurzelt tief im russischen Wesen und in der politisch-wirtschaftlichenStrukturdes ehemaligen Zarenreiches." Wir wissen sehr wohl, daß die Revolution von echt russischen Menschen wie Bakunin, Krapotkin und Dostojewski geistig der Weg geebnet worden ist, die russischen Revolutionäre bei deutschen Denkern wie Hegel, D. Fr. Struu ß, F euerba ch und B ü ch n e r in die Schule gegangen sind und die Führer der revolutionären Massen sich vielfach aus den Kreisen der früheren russischen Oberschicht rekrutieren. Es dürfte deshalb an der Zeit sein, die immer wiederkehrende und so oft nachgebetete Redensart von dem „jüdischen Bolschewismus", der Identität von Judentum und Bolschewismus endgültig zu Grabe zu tragen. Gewiß, Trotzki ist jüdischer Abstammung. Wie wenig tief aber das Judentum in diesem fast einzigen führenden jüdischen Bolschewisten verwurzelt war, geht aus nachstehenden Mitteilungen eindeutig hervor. Die Schriftleitung. Leo Trotzki: »Mein Leben/ Bei einer aus dem Judentum herstammenden, zur weltgeschichtlichen Rolle emporgewachfenen Persönlichkeit wie Trotzki, die in den Streit der Meinungen Vielfach hineingezogen wird, verlohnt es sich wohl, ihre Beziehungen zum Judentum nachzuprüfen, zumal wir dazu jetzt eine authentische Grundlage in Gestalt der Autobiographie Trotzkis, die kürzlich unter dem Titel „Mein Leben" (bei S. Fischer, Berlin) erschienen ist, besitzen. Trotzkis Kindheit und erste Jugend, bte er ausführlich und mit erstaunlicher Gedüchtniskraft schildert, enthält auch nicht eine Spur irgendeiner religiösen Erziehung. Der Vater war ein Gutspüchter, der völlig in den Sorge:: um die Landwirtschaft aufging, nichts für Geistigkeit übrig hatte, und den nur wohl einen „Am-haarez" nennen würden; die Mutter ohne jeglichen Einfluß in religiöser oder nationaler Beziehung. Doch lassen wir Trotzki selbst das Wort: „Religiosität existierte in der elterlichen Familie nicht. Anfangs wahrte man noch den Schein: an großen Feiertagen fuhren tue Eltern in die Synagoge der Kolonie, an Sonnabenden nähte die Mutter nicht, mindestens nicht offen. Aber auch diese rituelle Religiosität nahm mit den Jahren ab, mit dem Heranwachsen der Kinder und des Wohlstandes der Familie. Der Vater glaubte schon seit seinen jungen Jahren nicht an Gott, und int späteren Alter sprach er darüber offen vor der Mutter und den Kindern. Die Mutter zog vor, diese Frage zu umgehen, und schlug bei Passenden Gelegenheiten die Augen zum Himmel empor. Als ich sieben bis acht Jahre alt war, galt allerdings der Glaube an Gott offiziell noch als selbst.