Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 7 (14.2.1930)
- Date
- 1930-02-14
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Unruhen in Palästina UN» chr° Wirkungen auf -as Ausland. Die wochenlangen Sitzungen der englischen Untersnchungskommission in Jerusalem, die Vernehrnungen führender Juden und Araber sind beendet. Die Untersuchungskommission ist nach London zurückgekehrt, hält dort weitere Besprechungen ab und ist dabei, den Bericht über die Unruhen fertigzustellen. Erst, nachdem dieser vorliegt, kann über die Arbeiten und Ergebnisse des näheren berichtet werden. Im Lande selbst ist immer noch keine endgültige Nutze eingekehrt, obwohl nunmehr fast sechs Monate seit den schrecklichen Augusttagen verflossen sind. Noch immer lesen wir von Ueberfällen, nächtlichen Schießereien und ähnlichen Begebnissen, die die Erregung versinnbildlichen, welche mehr oder weniger offensichtlich im Lande herrscht. Bon den Wirkungen des Boykotts hört man in den letzten Wochen weniger. Es scheint auf diesem Gebiete nicht mehr so angrifsslustig zuzugehen. Jedoch ist auch hier von einer wirklichen Ruhe, die dringend für die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas erforderlich wäre, nichts Endgültiges zu berichten. Man kann menschlich verstehen, daß viele jüdische Kaufleute aus den arabischen Bezirken fortziehen und in rein jüdische Viertel übersiedeln. Daß dieser Zustand, von einer höheren Warte gesehen, aber erfreulich ist, wird man keinesfalls behaupten können, denn die Entfremdung, die an und für sich schon im Heiligen Lande zwischen den verschiedenen Bewohnerschichten vorhanden ist, wird dadurch weiter vergrößert. Besonders bedenklich muß man aber die Nachrichten aufnehmen, die aus verschiedenen Teilen der arabischen Welt über das Entstehen und Anwachsen judenfeindlicher Strömungen nach Europa dringen. Es ist schon einmal hier ausgesprochen worden, daß durch die Unruhen in Palästina beachtliche Teile der arabischen Welt in eine Kampfstimmung gegen den Zionismus gebracht worden sind. Die Kampfstimmung erhält nun, besonders in Aegypten, immer stärker einen allgemeinen judengegnerischen Charakter. Ganz besonders sind die Vorgänge der letzten Wochen in Aegypten bemerkenswert, wo bis zu dem Ausbruch der Unruhen in Palästina stets ein gutes Verhältnis zwischen arabischer und jüdischer Bevölkerung bestand. Die Jüdische Telegraphen-Agentur (ITA) meldet unter dem 4. Februar, daß große Mengen antisemitischer und antizionistischer Flugschriften in Aegypten in Umlauf gekommen sind. Der Oberrabbiner von Kairo, der bekannte Rabbi N a h u m Effendi — er war früher Botschafter der Türkei in den Vereinigten Staaten und hat auch als Gelehrter einen großen Ruf —, habe den ägyptischen Unterstaatssekretür des Innern ausgesucht, um seine Aufmerksamkeit auf diese gefährliche Agitation zu lenken. Aus der gleichen Meldung der ITA ergibt sich, daß sogar die „Protokolle der Weisen von Zion" in einer arabischen Zeitung Aegyptens nachgedruckt werden, und ebenso der „Internationale Jude" von Ford. Dazu sei bemerkt, daß vor längerer Zeit in Beirut eine arabische Uebersetzung der „Protokolle der Weisen von Zion" ans der -Feder eines syrisch-christlichen Arabers erschien, die wahrscheinlich von der ägyptischen Zeitung übernommen worden ist. Uns liegen nun einige^ dieser arabischen, in Aegypten verbreiteten Schriften gegen die Zionisten vor. In der Tat muß festgestellt werden, daß sie in einer aufreizenden Sprache geschrieben find, und nicht etwa nur gegen die Zionisten, sondern auch in scharfen Angriffen gegen das Judentum als solches sich ergehen. Es wird uns weiter berichtet, daß erst kürzlich in Kairo eine große Versammlung, die von syrischen Arabern einberufen wurde, stattfand, in der sich der Redner an die Mohammedaner, aber auch an die .Kopten wandte mit der Aufforderung, Schritte gegen die Juden zu unternehmen. Der Redner behauptete weiter, die Juden wollten den Tempel in Jerusalem wieder errichten, die Mohammedaner dadurch ihres weltbekannten Heiligtums berauben, Mohammedaner und Christen aus dem Lande vertreiben, um ein jüdisches Reich zu errichten. Wie uns weiter mitgeteilt wird, werden kostenlos Broschüren auf den ägyptischen Eisenbahnen und Bahnhöfen verteilt. Die Agitation geht hauptsächlich in Unter-Aegypten vor sich, aber selbst im Sudan werden solche Broschüren umsonst abgegeben. Wir wünschen, daß es gelingt, dieser judenfeindlichen Agitation zu begegnen. Daß die Zionisten nicht im geringsten daran denken, den Mohammedanern den Besitz der Omar-Moschee streitig zu machen, hat die zionistische Organisation in aller Deutlichkeit erklärt. Die zionistischen Heißsporne aber in Palästina und anderswo, die — ohne auf Nach zwei Richtungen hin ist das Erscheinen des Dr. Wienerschen Buches*) aus das freudigste zu begrüßen. Es ist zunächst prinzipiell ein Novum, wenn heute auf dem jüdischen Büchermarkt ein Werk erscheint, welches in seltener Einmütigkeit die Billigung der einzelnen Richtungen findet. Schon die bloße Tatsache, daß ein Buch eines der führenden Persönlichkeiten des C. V. im Frankfurter „Israelit" ebenso wie in der Berliner „Jüdischen Rundschau" aufs wärmste anerkannt wird, bedeutet angesichts der Zerrissenheit und Zerfahrenheit der jüdischen Parteien in Deutschland ein nicht zu unterschätzendes Symptom für den überparteiischen Wert dieses Werkes. Die Einstellung der einzelnen Gruppen mag verschieden sein. In einem sind sie jedenfalls einig, daß jüdischem Blutvergießen und wirtschaftlicher Verelendung Einhalt geboten werden muß. Voll Spannung erwartet die ganze jüdische Welt den Bericht der englischen Untersuchungskommission zur Prüfung der Klagemauer-Frage. Jeder Jude, der sich überhaupt mit diesen Dingen beschäftigt, wird, wenn er sich nicht bloß von Gefühlsmomenten beeinflussen lassen will, das Bedürfnis haben, sich vor allem über den ganzen Fragenkomplex, der hier in Betracht kommt, zu orientieren. Es ist — und dieses ist der weitere bedeutsame Vorzug seines Buches — Wiener nun gelungen, in seinem Werk in solch objektiver Weise das Tatsachenmaterial Zusammenzutragen, daß auch seine politischen Gegner nicht anders tonnen, als ihre uneingeschränkte Anerkennung hierzu auszusprechen. Tie Wiedergabe des a r a b i s ch e n Standp u n k t e s in bezug auf die Balfour-Tcklaration, wie auch in bezug auf die Klagemaner. bedeutet jedem Kenner ein klassisches Beispiel von Unvoreingenommenheit, welche die Grundlage jeder Urteilsbildung sein muß. Jedem Kenner der Verhältnisse ist es klar, daß in Wirklichkeit die religiöse Klagemauer-Frage nur der äußere Anlaß war, um die viel tiefer liegenden latenten Gegensätze, die sich um die B a l f 0 u r - D e k l a r a t i 0 n und das Palästinensische S e l b st v e r w altungsprob l e m gruppieren, zum Ausbruch zu bringen. *) Dr. Alfred Wiener: „Juden und Araber in Palästina." Philo-Verlag, Berlin SW 68,- Lindenstr. 13. die gefährlichen Folgen zu achten — immer noch in Worten, Schriften und Zeitungen davvu sprechen, den jüdischen Staat in Palästina gegen die Araber zu errichten, und die in ungeschminkten Worten darauf hinarbeiten, rücksichtslose Machtpolitik in diesem Sinne durchzusetzen/ mögen bedenken, wohin solche unbesonnene Agitation führt. Sie kommen in ihrer Politik gegen England und gegen die arabische Welt nicht um einen Schritt weiter, sie gefährden die notwendige und von allen vernünftigen Menschen erwünschte Rühe und Befriedung in Palästina, sie gefährden aber auch — und die bedenklichen Borgänge in Aegypten sind ein warnendes Schulbeispiel — die Sicherheit und das freundnachbarliche Zusammenleben jüdischer und nichtjüdischer Gemeinschaften in anderen Ländern. Die ägyptischen Inden werden gewiß am besten wissen, wie sie sich der gegen sie gerichteten Anfeindungen erwehren können. Das ist eine Angelegenheit, die das deutsche Judentum nichts angeht. Wenn aber von zionistischer Seite immer wieder aus die „Gesamtverantwortlichkeit des Judentums" hingewiesen wird, so können gewisse Kreise der zionistischen Organisation jetzt damit ernst machen, damit sie nicht durch hemmungslose und im Ergebnis nutzlose Agitation Schaden für sich — das ist ihre eigene Angelegenheit — anrichten, aber vor allem keinen recht betrüblichen Schaden für die Judenheit anderer Länder heraufbeschwören. A. W. Wiener hat daher mit Recht die Entwicklung der Balfour-Deklaration, die Stellung der einzelnen jüdischen Gruppen — allgemeine Zionisten, Revisionisten, Brith Schalom ebenso ausführlich wiedergegeben, wie auch die Einstellung der arabischen Welt — auch der nichtpalästinensischen — zur Palästinafrage. Trotz der Objektivität in Wieners Ausführungen war er weit davon entfernt, in kaltherziger Weise sich aus das statistische Material zu beschränken. Feinsinnige Ausführungen über das Wesen des jüdischen Nationalismus, sein Verhältnis zur jüdischen Religion, finden sich — wenn auch nicht genügend^ ausführlich — im ganzen Werke verstreut. Wem immer an einer Kenntnis der jüngsten Vorgänge in Palästina liegt und wer des Glaubens ist, daß eine Urteilsbildung genaue. Kenntnis der Tatsachen zur Voraussetzung hat, dem sei das Werk Wieners angelegentlichst empfohlen. Dr. 8. Ehrmann (Frankfurt a. M.) €♦ V.-ßcauenversammlung in Düffelöorf. Der Vorsitzende der Ortsgruppe Düsseldorf, Herr F e l s e n t h a l, hatte aus Anregung von Frau Agathe Grünebaum, Mitglied des Hauptvorstandes des C. V., die Düsseldorfer jüdischen Frauen zu einem Teeabend in die behaglichen Räume des Logenhauses eingeladen. Es waren etwa 100 Damen erschienen, und pünktlich um %9 Uhr erössnete Herr Felsenthal im Namen des Vorstandes, der vollzählig vertreten war, die Veranstaltung. Er sprach zunächst Frau Grünebaum den herzlichsten Dank für die Vorbereitung dieses Abends aus, die große Besucherzahl sei in Düsseldorf noch bei keiner Frauenveranstaltung jüdischer Vereinigungen erreicht worden. Frau E r ü n e - 0 a u m begrüßte in herzlichen Willkommensworten die Referentin des Abends, Frau Margarete Fried (Berlin), die in etwa eineinhalbstündigem Vorkrage „Die positiven C. V.-Frauenaufgaben" darlegte. Nach dem Vortrage zeichneten sich einundf ü n f z i g F raue n in die Werbeliste ein und bekundeten so ihr Zugehörigkeitsgefühl zum Centralverein. Die Arbeitsgemeinschaft der C.-V.-Frauen, die bisher nur sechs Mitglieder zählte, ist nun als wertvoller Stützpunkt in die Ortsgruppenarbeit eingereiht worden. J. C. (Eine objektive Betrachtung der jüngsten Ereignisse. „Inden und Araber in Palästina."