Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 7 (14.2.1930)
- Date
- 1930-02-14
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2277379-2277676-2277683--05807-2286577- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
74 Die Trauerfeier für Oscar Heimann. Am Dienstag, 11. Februar, wurde Oscar Heimann, der Stellvertreter des Vorsitzenden des C. V., in Weißensee'zu Grabe getragen^ Außer den Hinterbliebenen hatten sich viele Hunderte von Freunden zusammengefunden, um dem verdienten Toten die letzte Ehre zu erweisen. Oberkantor L e w a n d o w s k i erössnete die Trauerfeier mit dem Gesang: „Tod, wie bitter bist du!" Hieraus sprachen an der mit kostbaren Blumen geschmückten Bahre Stadtrat C z e m i n s k i für den Magistrat und Aussichtsrat und Vorstand der Gemeinnützigen Berliner Messe-, Ausstellungs- und Fremdenverkehrs-Gesellschaft m. b. H., für den Verein Berliner Kaufleute und Industrieller, für den City- Ausschuß und für mehrere Wirtschaftsverbände Dr. Koppel, für die Handelshochschule Berlin Rektor Prof. Dr. Eulenb u r g und für den Reichsbund des Textil- Einzelhandels Dr. Werner Maas. Alle Redner rühmten die großen Taten und Verdienste des Dahingeschiedenen und dankten ihm für seine Treue und Liebe. Für den Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens E. V. führte der Vorsitzende, Justizrat Dr. Julius Brodnitz, ungefähr das Folgende aus: „Oscar Heimann war ein Mensch von liebenswerter Verbindlichkeit, ein Mann mit klarem Urteil, absolut sicher im Auftreten und Denken, eine geschlossene Persönlichkeit und eine Führernatur von seltenem Format, uns aber ein unentbehrlicher Gefährte. Er war ein deutscher Jude, dem Deutschtum und Judentum nicht ein ausgeklügelt Ding, sondern eine Lebensnotwendigkeit waren und dem der Eintritt in unseren Verein eine sittliche Lebensnotwendigkeit bedeutete. In jeder Stunde und in jedem Gedanken lebt in ihm das unlösbare Verbundensein mit dem Deutschtum und Judentum. Sein Optimismus und seine Fähigkeiten sind es gewesen, die den Verein in schwerster Zeit finanziell über Wasser gehalten haben, und wenn er als unser Vorsitzender auch nicht nach außen hervorgetreten ist, was auch gar nicht in seiner Art lag, so hat er dem Verein mit seinem klugen und immer bereiten Rat unschätzbare Dienste geleistet. Wir nehmen bewegten Herzens von unserem Freunde Oscar Heimann Abschied, wir, feine nächsten Mitkämpfer im C. V. Wir nehmen dankbaren Abschied von einem Manne, der für uns der schöne Typus eines deutschen Juden war. Oscar Heimann hat die ihm von Gott gegebene Ausgabe im Leben erfüllt, in denr er über die Tagesarbeit und die Lasten des Lebens hinaus für Ewigkeitswerte gerungen und dadurch sein Leben und Streben geadelt hat." Nach Gebet und Gesang setzte sich ein unübersehbarer Trauerzug in Bewegung zu der Stätte, an der Oscar Heimann von seinem arbeitsreichen Leben und von seinem segensreichen Wirken ausruhen wird bis in alle Ewigkeit. Vom Hauptvorstand des Centralvereins waren außer dem Vorsitzenden erschienen: der stellvertretende Vorsitzende Dr. Bruno Weil, Direktor Baruch, Dr. London, Rechtsanwalt Samoje, Arnold Stein und Syndikus Dr. Alfred Wiener. Viele Behörden hatten Abordnungen entsandt, so sah man u. a. den Stadtverordnetenvorsteher Haß und Ministerialdirektor Merten. ~ Ro. Prafrifd)* ftzbzti \ / Neue Aufgaben für den «kentralverem. Vorschläge von Sanitätsrat Dr. Iritz Davon München), vorsitzenöem -es Lan-esverbanöes Hapern. Seit langem hören wir in allen größeren Sitzungen unseres Vereins, aber auch in den Ortsgruppen, die unbedingte Voraussetzung für die erfolgreiche Fortführung unserer Arbeit sei, daß nicht nur die Führer, sondern auch unsere Mitglieder mehr aktiviert werden und sich persönlich stärker an unseren Arbeiten beteiligen. Wer die Schwierigkeiten unserer Aufgabe in eigener langjährigen Arbeit kennengelernt hat und alle Mittel, die uns in der Aufklärungsarbeit zur Verfügung stehen, in Erwägung zieht, wird seststellen müssen, daß die p e r s ö n - liche Aufklärung von Mund zu Mund uns immer noch die b e st e n Erfolge gebracht hat. Wohl haben auch die aufklärenden Druckschriften des C. V. ihren bedeutenden Wert. Aber, abgesehen von den großen Kosten, haben wir doch nur dm beschränkte Kontrolle darüber, ob diese Schriften auch in die Hände derer kommen, die dieser Aufklärung Zugänglich sind und ob sie von diesen auch mit dem nötigen Interesse gelesen werden. Wer aber des öfteren Gelegenheit nimmt, sich mit unseren christlichen Mitbürgern über die einschlägigen Fragen zu unterhalten, wird bald beobachten, daß sich auf diesem Wege am leichtesten Jrrtümer beseitigen lassen. Ich habe jedenfalls damit seit Jahren nur sehr gute Erfahrungen gemacht. Jedes unserer Mitglieder hätte sicherlich täglich Gelegenheit, mit Nichtjuden — sei es im Berufe oder im Privatgespräche — die eine oder andere Frage von Bedeutung anzuschneiden und unserer Arbeit dadurch zu nützen. In dieser Beziehung ist sicherlich vieles unterlassen worden, was hätte geschehen können und geschehen müssen. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß, wenn jeder Jude in Deutschland, der irgendwie dazu befähigt ist, in diesem Sinne gewirkt hätte, wir schon ein erheblich größeres Stück vorwärts gekommen wären. Soll nun das Ziel, das mir vorschwebt, erreicht werden, so ist noch klarzustellen, welche Hindernisse dieser Art von Arbeit entgegenstehen. Da ist zuerst zu bemängeln, daß mancher von unseren jüdischen Freunden im Verkehr mit Andersgläubigen solche — immerhin vielleicht etwas delikaten — Dinge nicht gern zur Sprache bringt und vielleicht sogar froh ist, wenn das Gespräch sich nicht in diesen Bahnen bewegt. Das wiederum liegt daran, daß vielen Juden das S e l b st b e w u ß t f e i n fehlt, welches ihnen die Kraft und den Mut gibt, einem solchen Gespräche nicht nur nicht auszuweichen, sondern es sogar herbeizuführen. Um dieses Selb st bewußtsein, das die Grundlage alles von mir Erstrebten bildet, wieder 31t heben oder zu wecken, ist es erstens notwendig, sich mit den H a u P t t a t - fachen der jüdischen Geschichte bekannt zu machen, auf die die Juden stolz sein können. Die Kenntnis dieser Dinge, die vielleicht in Vergessenheit geraten sind, wird ihnen das Bewußtsein geben, daß sie sich ihres Judentums nicht zu schämen brauchen. Verstärkt und gehoben wird dieses Bewußtsein ferner durch die Kenntnis der jüdischen Ethik, die uns die selbstbewußte Sicherheit im Verkehr mit Andersgläubigen durch die Ueberzeugung gibt, daß unsere Religion allen anderen Religionen durchaus ebenbürtig ist. Leider sind diese elementaren Kenntnisse, die man eigentlich bei jedem Juden voraussetzen müßte, im Lause der Jahre gering geworden und fehlen vielfach ganz. Ich halte es für eine Hauptaufgabe des C. V., die unbedingt in sein Arbeitsgebiet fällt, diese Kenntnisse wieder zu vertiefen bzw. neu zu vermitteln. Deshalb ist der Vorschlag gemacht worden, anläßlich einer der nächsten Hauptvorstandssitzungen einen Tag ausschließlich dieser Ausgabe zu widmen. Der zweite Grund, der so manchen Juden veranlaßt, Gesprächen über judenfeindliche Anwürfe und Verleumdungen auszuweichen, ist wohl die Tatsache, daß nur sehr wenige das dazu notwendige besondere Wissen besitzen. Zum Teil haben unsere Feinde aus dein Antisemitismus heute eine Wissenschaft gemacht und wenn es auch sicher nur eine Scheinwissenschaft Aus dem Inhalt: A. W.: Die Unruhen in Palästina und ihre Wirkungen auf das Ausland. S. 76. — Dr.Müller-Claudius: „Völkische Moral“ fälscht die Edda. S. 77. — Arthur Silbergleit: Psalm. S.77. — Dr. Elias Hurwicz: Trotzkis religiöses Bekenntnis. S. 78. — Georg Hermann: „Der König von Portugal.“ S. 79. — Dr. Eugen Pinner: Freunde des jüdischen Buches. S. 80. — Buchbesprechungen. S. 80. Beilage: „Von deutsch-jüdischer Jugend.“ Nr. 1. ist, so ist es doch außerordentlich schwierig, wenn man mit der Materie nicht sehr vertraut ist, sie glaubhaft zu widerlegen. Auch hier einen Wandel zu schaffen, scheint mir als die gegebene Aufgabe für den C. V. Es ist daher beabsichtigt, unsere Hauptvorstandsmitglieder gerade in diese Materie einzuführen und die dort ja sicherlich vorhandenen Kenntnisse zu erweitern. Unsere Hauptvorstandsmitglieder bzw. Ortsgruppenvorsitzenden werden dann die Aufgabe haben, ihre neuen oder ausgesrischten Kenntnisse in den Städten ihrer Wirksamkeit weiterzugeben und durch Abhaltung von Kursen die Mitglieder der Ortsgruppen heranzubilden. Auf diesem Wege wird es möglich sein, auch unsere Ortsgruppen intensiver zu unserer Arbeit heranzuziehen und — was mir besonders wichtig zu sein scheint — ihr Persönliches Interesse für unsere Arbeit zu gewinnen. Es wird sich empfehlen, diese Kurse in einzelnen Verufsgruppen abzuhalten, da der Referent bei einer Hörerschaft aus gleichgebildeten Leuten leichter die Grundlage für seine Ausführungen findet. Ich denke mir, daß man diese Gruppen, z. B. Anwälte, Aerzte, Bankiers, Großkaufleute usw., um so leichter für die Arbeiten gewinnen wird, wenn man in den Einladungen betont, daß die Erörterung finanzieller oder jüdisch-politischer Fragen ausgeschlossen i st. So dürfte es unschwer gelingen, unsere gesamte Mitgliedschaft für unsere Arbeitsfächer zu interesfieren, und sie auch zu befähigen, unsere Arbeit aktiv zu unterstützen. Es wird sich nicht umgehen lassen, daß man nach einiger Zeit dieselben Berufs gruppen unter der gleichen Devise wieder Zusammenruft und sich über die Erfolge ihrer Tätigkeit im praktischen Leben Bericht erstatten läßt. Auf diese Weise wird der oft fehlende Kontakt Zwischen den Führern und der Mitgliedschaft wieder hergestellt und gefestigt. Das ganze hier aufgerollte Problem erscheint beim ersten Augenschein als eine schwere Arbeitsbelastung für unsere Hauptvorstandsmitglieder bzw. Ortsgruppenvorsitzenden. Aber ick) habe die Ueberzeugung, daß sie sowohl wie die Mitglieder in Kürze an dieser Arbeit selbst große Freude haben werden, und daß dann auch der erwartete Erfolg nicht ausbleiben wird. „Noch ist es Tag, da rühre sich der Mann! Die Nacht tritt ein, wo niemand wirken kann."