Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1930-02-07 · 6 (7.2.1930) · p. Seite 65

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
6 (7.2.1930)
Date
1930-02-07
Page
Seite 65 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2277379-2277676-2277682--05797-2286566
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ijl? / Von Gtudienrat Or. Hermann Funke. In ieöcnt Volkstum, das wie unser deutsches in einer alten und reichen Kultur gleichsam ein getreues Spiegelbild seiner selbst besitzt, wird notwendig das Gefühl für irgendein Gemeinsames vorhanden sein, daß alle seine Schöpfungen, aus ferner Vergangenheit wie aus frischer Gegenwart, untereinander zu verbinden und zugleich von denen anderer Völker zu trennen scheint. Und im gleichen Maße wird man in einem solchen Volkstum Bemühungen finden, diesen gemeinsamen Wesenskern, der Zunächst mehr triebhaft und dunkel empfunden wird, an das helle Licht des Bewußtseins zu ziehen, ihn in Worte und Begriffe zu fassen. Das heißt: Es wird versucht werden, klar und fest umrissen zu definieren: Was ist deutsch? Oder: Was ist französisch? Was ist englisch? Denn immer wird für die Einzelperson ebenso wie für die große Gemeinschaft, ein starker Reiz darin liegen, den ganzen Reichtum ihrer Existenz, die verwirrende Vielgestaltigkeit ihres Seins, Tuns und Schicksals in einer knappen und eindeutigen Wesensbestimmung zusammenzudrängen und gleichsam zu kristallisieren. Aber gerade darum droht immer die Gefahr, daß die gefundene Formel in der Freude über ihre eindeutige Klarheit überschätzt wird, daß diese verallgemeinernde Abstraktion von der Wirklichkeit den Blick für die Wirklichkeit selbst in ihrer vieldeutigen Fülle trübt. Wie berechtigt und notwendig es ist, eine solche Warnung auszusprechen, davon legt mit besonderer Eindringlichkeit ein Schriftchen des bekannten Wiener Soziologen Othmar Spann Zeugnis ab, das im Laufe des Jahres 1929 im Widerstandsverlag (Berlin) in dritter Auflage erschien und den Titel trägt: „Vom Wesen des Volkstums. Was ist deutsch?" Uns interessiert weniger der konkrete Inhalt von Spanns Ausführungen, weniger die genaue Antwort, die er auf die aufgeworfene Frage gibt, als vielmehr die G r u n d g e s i n n u n g seiner Schrift, die Ansprüche, mit denen sie auftritt. Spann will nicht zu einer kleinen Zahl von Fachgelehrten sprechen, er wendet sich an die weitesten Kreise, er will mit seiner Lehre bis in die Tiefen des Volkstums dringen; in jedem Deutschen, auch in dem Mann von primitivster Bildung, wenn er nur nicht gar zu gleichgültig gegen brennende Gegenwartsfragen ist, soll eine ganz klare, eindringliche und handfeste Vorstellung vom Wesen seines Deutschtums erzeugt werden. Darum versucht Spann zunächst knapp und leichtverstündlich zu erklären, welche geistige Wesensart es ist, die nach seiner Meinung den Namen „deutsch" verdient. Aber -- und das ist sehr wesentlich — er bleibt nicht bei der begrifflichen Auseinandersetzung stehen. Er geht weiter. Er mustert in strenger Prüfung die Fülle des deutschen Kulturgutes; die Werke der deutschen Dichter, die großen philosophischen Systeme, die Schöpfungen der bildenden Kunst — alle müssen sie gleichsam die Zensur passieren, und das Ergebnis ist für Spann, daß nicht etwa alle Hervorbringungen deutschen Geistes, sondern nur ganz Bestimmtes davon -- nicht allzu viel übrigens — wirklich dem von ihm genau sestgelegten Begriff des Deutschtums restlos entspricht. N u r e i n s o r g s a m a u s g e w ä h l - ker Kanon aus dem deutschen Kulturreichtum ist bis in den letzten Wesen's kern deu tsch. Ein Diktator tritt auf und bestimmt aus eigener Machtvollkommenheit: Deutsch sein bedeutet erstens dies und zweitens das, aber nichts, gar nichts darüber. „Deutsch" wird als engurngrenzter, für ewige Zeiten unwandelbarer Begriff hingestellt, der schon vor mehr als einem Jahrtausend, als das Hildebrands-Lied und der Heliand gedichtet wurden, feststand, und an dem sich niemals irgend etwas ändern kann. Alles, was seinen Nahmen sprengen würde, ist eben mehr oder weniger undeutsch, mag es sich auch noch so entschieden als deutsch ausgeben. In dem naiven Leser wird auf diese Weise irgendeine dunkle Vorstellung erweckt, als ob es auf der einen Seite ein echtes, wahres, ursprüngliches Deutschtum und daneben ein unechtes Scheindeutschtnm gäbe, das man sorgfältig vom echten unterscheiden müsse; als ob an der Hand eines objektiven Maßstabes sestzustellen wäre: Diese Schöpfung deutschen Geistes ist mehr, die andere weniger deutsch. Aber dabei liegt doch alles viel eindeutiger, klarer, natürlicher: deutsch, das kann noch niemals etwas anderes bedeuten als einfach das Kennzeichen aller derer, die dem deutschen Volke angehören, die „Deutsche" sind. Und Deutsche wiederum sind allediejenigen,die sich alsDeutsche fühlen und die gewillt sind, im deutschen Staate als verantwortungsbewußte Bürger ihre. Pflicht zu tun,sich mitder deutschen S a ch e f ü r s o l i d a r i s ch z u h a l t e n. Nicht mehr und nicht weniger ist erforderlich, um als Deutscher zu gelten, es bedarf dazu nicht ganz bestimmter körperlicher oder geistiger Kennzeichen. Immer noch spukt in allerlei Variationen, oft halb unbewußt, viel zu sehr die Vorstellung in den Köpfen, das Volkstum sei, ähnlich etwa wie die Rasse, eine von der Natur gesetzte Einheit, der man unentrinnbar durch angeborene Merkmale angehöre: Ein Arier könnte ja in der Tat niemals Semit werden, ein Jacob Marx (Karlsruhe) 50 Jahre alt. Rechtsanwalt Dr. Jacob Marx (Karlsruhe) begeht am 13. Februar die Feier feines 50. Geburtstages. Seit vielen Jahren steht er an der Neger nie Eskimo. Aber mit dem Volkstum steht es ganz anders, „V o l k s t u m" b e d e u « t e t ganz einfach eine S ch i ck s a l s g e m e i n - schaft, die sich im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende zvsarmnengefunden hat, die erst in einem langen historischen Prozeß, oft ans den verschiedenartigsten Gliedern, deren Verschiedenartigkeit irgendwie immer bestehenbleiben wird, allmählich zu einer gewissen Einheit zusammengewachsen ist. Es kann also nichts geben, das sich als das eigentlich Deutsche, als das Deutscheste von allem ansgeben dürste; jede s M i t g li ed d er d eu ts ch e n Sch i ck - s a l s g e m e i n s ch a f t ist in gleichen! Maße „d e u t s ch" und kann mit gleichem Recht für sein Denken und Tun in Anspruch nehmen, daß es als eine Verkörperung wahrhaft deutschen Wesens Zu gelten hat. Und darum ist das Deutschtum nichts starr für alle Zeiten Festgelegtes, es faßt eine reiche Fülle in sich, von der eine begriffliche Darlegung höchstens hervorstechende Merkmale erfassen, sie aber nie restlos erschöpfen kann. Wenn jemand heute hundert Kennzeichen entdeckt für das, was als deutsch zu gelten hat, so sind vielleicht morgen schon hundertundeins daraus geworden: Im Laufe seiner Geschichte kann das Deutschtum immer wieder neue Wesenszüge hervortreten lassen; es ist wie alles Lebenskräftige, in ewigem Werden. Und wenn in den letzten Jahrhunderten auch Juden schöpferischen Anteil an dem deutschen Geistesleben nahmen, so können wir anderen Deutschen es geradezu von ihnen fordern, daß sie aus ihrer Eigenart heraus neue Einzelzüge, neue Schattierungen in das große Gemälde deutschen Wesens einfügen. Denn was sollen uns neue Genossen in unserer deutschen Schicksalsgemein- Spitze unseres Landesverbandes Baden. Weit über die Grenzen der badischen Judenheit hinaus ist sein Wesen und Wirken im Laufe der vielen Jahre, die er unserer Sache gewidmet hat, rühmlich bekanntgeworden. Aeußerlich und innerlich ist Jakob Marx im besten Sinne ein Kind seiner Heimat. Er verbindet Fähigkeit und Urwüchsigkeit mit entschiedenem Wollen, Klarheit im Ueberblicken der Zusammenhänge mit besonderer Tatkraft. Ebenso wie in seinem Berufe als Rechtsanwalt mn badischen Oberlandesgericht, ist er als Politiker, als Führer der im Centralverein gesammelten badischen Juden ein Mann wohlverdienter Erfolge geworden. In der Welt des einzelnen vertrant man ihm die Führung entscheidender Prozesse mit besonderer Vorliebe an,- weil man weiß, wie gut Man bei ihm aufgehoben ist; in der Welt der Politik wissen die weitesten Kreise der badischen Juden, daß der Kampf um das Recht der G e s a in t h e i t in Marx in ebenso hohem Maße seinen erfolgreichen Anwalt findet, wie er in seinem Berufe als treuer und gütiger Helfer seinen Rechtsfreunden jederzeit zur Seite steht. Der Hauptvorstand des Centralvereins möchte Jacob Marx nicht missen. Er gibt in seiner temperamentvollen Eigenwüchsigkeit den Beratungen stets eine besonders charakteristische Note. Wir alle erblicken in ihm den erdgebundenen, Glaube und Heimat besonders ergebenen Führer unserer badischen Freirnde und der gesamten deutschen Judenheit. Wer in unserem Lande deutsch und jüdisch suhlt, wird sich unseren Glückwünschen für Jacob Marx ans das herzlichste anschließen. L. H.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.