Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 6 (7.2.1930)
- Date
- 1930-02-07
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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.H2 Die Politik des Tages im Spiegel der Presse. Eine beachtenswerte katholische Stimme über die Nationalsozialisten. Die „Zeitschrift des Bolksvereins für das k a L h o l i s ch e D e u t s ch - land" veröffentlicht in ihrem Heft 6, Jahrgang 1929, einen ausführlichen Artikel über die Hitler-Bewegung und gibt in nachstehenden Ausführungen ihr „Urteil" darüber ab: „Liest man die 25 Punkte flüchtig durch, so geht es einem Zunächst wie Gretchen in Goethes „Faust": „Wenn man's so hört, möcht's einem leidlich scheinen." Sieht man sich den Text etwas genauer an. so wird man bald stutzig und mißtrauisch. Das Mißtrauen verstärkt sich, wenn man die ossi- Zielle, von Hitler ausdrücklich genehmigte Programmerklärung des Nationalsozialisten Feder Zum besseren Verständnis hinzuzieht. So schreibt Feder zu Punkt 4 des Programms: „Nur der Deutsche, der sich Zur deutschen Kultur und Schicksalsgemeinschast bekennt, kann staatsbürgerliche Rechte ausüben." und fügt erläuternd hinzu: „Hier wird eine unbedingt notwendige Einschränkung gemacht. Leute, auch wenn sie in Deutschland geboren werden, die sich bewußt zerstörend gegen das deutsche Volk, gegen den deutschen Staat wenden, ihre politischen Befehle vom Ausland empfangen und befolgen, gehören nicht zur deutschen Schicksalsgemeinschast; sie können also auch nicht staatsbürgerliche Rechte ausüben, so wenig wie ein Jude, und manche werden wir noch auszuschließen haben von der Ehre des Deutschen Staatsbürgerrechts." Wir erinnern uns bei solchen Redensarten an jene unglückseligen Kulturkampfzeiten, da die Katholiken als „Ultramontane", als Staatsfeinde galten. Eines schönen Tages könnten die Nationalisten, zur Macht gekommen, erklären: Der Papst ist Herrscher eines fremden Staates (Vatikanstaat), die Katholiken empfangen von ihm Befehle, sie können also keine deutschen Staatsbürger fein. Wir wären dann nur als Gäste in Deutschland geduldet, könnten bei Ernährungsschwierigkeiten der Gesamtbevölkernng jederzeit ausgewiesen werden. Daß solche Befürchtungen wahrlich nicht grundlos sind, ergibt sich vor allem aus der Tatsache, daß die Vorläuferin der nationalsozialistischen Bewegung die österreichische Los-von-Rom-Vewegung ist. Wie dort der unchristliche, blindwütende Haß gegen die Juden regelmäßig auch zum kulturkämpferischen Haß gegen die katholische Kirche wurde, so ist es in der gesamten nationalsozialistischen Bewegung. Das hat sich am deutlichsten beim Hitler-Putsch in München offenbart. Damals tobte sich auf den Straßen und in den Gassen der Hauptstadt des katholischen Bayerns der Haß der Hitler-Leute gegen die Kirche in maßlosester Weise aus. Der Münchener Kardinal und die Führer des katholischen Volkes wurden in unerhörter Weise beschimpft nud angepvbelt. Au6) heute läßt es das Organ der Hitler-Bewegung, der „Völkische Beobachter", an Anrempelungen der Katholiken nicht fehlen. Derselbe katholikenfeindliche Geist beherrscht auch persönlich viele Anhänger der Bewegung. So sprach 3. B. der nationalsozialistische Gauleiter Wagner in einer Versammlung am 25. Juli 1920 das Wort: „Das Zentrum verfolgt die Schwarze Internationale. Tie schwarz-rot-goldene Internationale ist die Urheberin der Inflation." Die gemeine Verleumdung, mit der in diesen Worten die katholische Kirche beworfen wird, ist von der gleichen Art, die sich in den Worten eines anderen Hitler-Redners in einer Versammlung vom 28. Juni 1629 aussprach: „Unsere Gegner sind vertreten durch die Junker, die Inden, die Jesuiten." Es ist stets dieselbe Gemeinheit. Einmal wird die Kirche mit der roten Internationale des Sozialismus, dann mit der goldenen des Junkertums auf die gleiche Stufe gestellt, und immer ist es der gleiche Haß, der sich gegen die katholische Kirche wie gegen das Judentum auswirkt. Hitler sucht von der gemeinen Anpöbelung der Frau Ludendorff gegen die katholische Beicht- und Sittenlehre abzurücken. Aber letzthin ist es derselbe Geist, der sich auch dort offenbart und der seine tiefste Quelle hat in dem Hitlerschen Wort: „Gewiß wird dereinst auch das deutsche Volk eine Form finden für seine Gotterkenntnis, sein Gotterleben, wie es sein norddeutsches Bluttest verlangt. Gewiß wird erst dann die Dreieinigkeit des Blutes, des Glaubens und des Staates vollkommen fein. Von größter Bedeutung wird sich auch ans diesem Gebiete das Vewußtwerden des nordischen Gedankens erweisen." Solche Gedankengänge sind nicht nur durchaus unkatholisch, sondern enthalten die letzten Beweggründe des Hasses gegen eine Kirche, die alle Volker in Liebe zur Einheit des Leibes Christi Zusammenschließt. Abzulehnen ist die Stellung der Hitler-Bewegung Zu Religion und Kirche. Abzulehnen ist auch ihre Stellung zum Staat. Nation und Staat werden hier Zum Gott. Sie entscheiden, welche Formen der Religion, des sittlichen Lebens, der religiösen äußeren Hebungen recht sind oder nicht. Nun sind Gott und die Religion ihrem innersten Wesen nach überstaatlich und übernational. Nach katholischer Lehre hat über die Uebungen der Religion, die Form des Gottesdienstes, die Erklärung des Sittengesetzes die Kirche zu entscheiden, bindend für die Katholiken aller Völker. Der Hitlersche Staat greift über sein Zuständigkeitsgebiet weit hinaus und kommt trotz aller programmatischen Zusicherungen von Gewissensfreiheit Praktisch zur Knechtung der Gewissen. Auch in der Judenn n d R a s s e n f r a g e ist die Lehre der Nationalsozialisten abzulehnen. Es ist Torheit und Einseitigkeit zu glauben, nur die arische Nasse sei der Ansbund aller Tugenden und Vorzüge, die jüdische dagegen der Inbegriff aller Schlechtigkeit und Verworfenheit. Es ist grundsätzlich nicht zu rechtfertigen, einen Menschen nur deshalb zu bekämpfen, weil er Angehöriger einer bestimmten Rasse ist. . Die Volkspartei über die NSDAP. Auch in der volksparteilichen Halbmonatsschrift „Deutsche Stimmen" findet sich in Nr. 2 vom 20. Januar d. I. ein Aussatz über die nationalsozialistische Bewegung. Hier schreibt Gustav Witkig u. a.: „Methodisch, fleißig und opferwillig ist die A g i t a t i o n der Nationalsozialisten. Sie ist in Bayern emporgewachsen, wo nach der Eisner- Herrschaft und der Rätewirtschast die Reaktion naturgemäß einsetzte und Boden fand. Das November-Verbrechen vorr 1923 war ein Höhepunkt, dann flaute die Bewegung ab, um seit 1928 mit erneuter Kraft zu wachsen. Wo wirtschaftliche Not herrscht, dort erscheint der Nationalsozialist, um Beute zu machen. Schleswig-Holstein war z. B. eine Zeitlang ein besonderes Feld. Während den Bauern dort von den Agitatoren Hitlers alle Rettung und Hilfe versprochen wurde, jammerte ein nationalsozialistisches Organ („Völkischer Beobachter", 9. August 1929) über „anziehende Getreide- Preise". Ferner bieten die kleinbäuerlichen Gaue, die vielfach mit Arbeiterbevölkernng (Bauernsöhnen) durchsetzt sind, bevorzugte Arbeitsbezirke der Nationalsozialisten. Der Zerfall oder die Schwächung der alten Autoritäten aus dem Torfe kommt ihnen zugute. Am schwersten wird es den Agitatoren noch dort, wo die katholische Kirche eine Macht aus dem flachen Lande darstellt. Im Jahre 1628 sollen nach nationalsozialistischen Angaben von 300 ständigen Agitatoren 20 000 Versammlungen veranstaltet worden sein. Allein im Caii Brandenburg wurden vorn 4. März bis 15. April 1929 über 200 Versammlungen abgehälten . . . Diese Agitation iß gewiß wahllos, zügellos, oft gemein. Reichstagsabgeordnete schämen sich nicht, sich in Plakaten als „Inhaber der Immunität" (Goebbels in Hamburg) oder als „Schrecken des Reichstages" (Straffer in Greiz) bezeichnen zu lassen. Aus noch erbarmungswürdigerem Niveau stehen manche Reden, wenn sie sich in Hetze und Haß gegen alles ergehen, was ihnen nicht gefallen Null. Hier in der Praxis ist kein Unterschied von den Kommunisten zu entdecken. Den M o s k a u e r n und den F a s ch i st e n haben die Nationalsozialisten vieles nachgemacht. Wie bei jenen, so ist bei ihnen von Zeit zu Zeit eine „S ä u b e r u n g" der Parteireihen nötig. So schreiben die „Nationalsozialistischen Briese" (1. Januar 1930): „Und in der Tat, die Motive des Eintritts in unsere Partei find manchmal seltsam! Dort ein wildgewordener Spießer, dem die Deutschnationalen ,nicht mehr rechts genug sind' (diese Art inacht gewöhnlich eine ,Deutschvölkische Freihestspartei' auf), dort hat sich jemand über einen Juden geärgert. Dort werden banale Alltagsmenschen durch einen energischen Bekannten be¬ Ursprung 1835 Lebens-, Aussteuernnd Stadienßeld-VersicbernBljen Mitarbeiter gesudit. WMssWMWWWM arbeitet, bis sie schließlich, um den guten Freund nicht zu ärgern und ihn zugleich im Augenblick loszuwerden, den Schein unterschreiben. Dort hat ein junger ,P o u s s i e r st e n g e T Gefallen an der schmucken SA.-Uniform gefunden, und er vollzieht seinen Eintritt in die Bewegung zugleich mit einem Neugierigen, der schon überall mal dabei war. Gewiß, all diese Leute t ö n n e n unter Umständen durch den revolutionären, einzigartigen und frischen Geist ihrer Umgebung erzogen werden, und viele wurden von ihnen sicherlich auch noch nach ihrem Parteieintritt zu guten Nationalsozialisten. Aber die Unerziehbaren sacken nach kurzer Zeit, gewöhnlich K bis y2 Jahr, ad: es ist nichts an ihnen verloren." Von den Faschisten haben sie den Gruß und die Uniform übernommen, zwar nicht das Schwarzhemd, aber ein „Braunhemd", das die Sturmabteilungen (S. Ql.) tragen. Einer gewissen Freude am Aeußerlichen, dem Hange zur Romantik in der Jugend, trägt dieser Auszug sicherlich Nechnnng. Rempeleien mit politischen Gegnern besiegeln die Kameradschaft, geflossenes Blut ist ein besonderer Saft, der der „Bewegung" wiederum nützlich wird . . Ein edler Führer. Tie „M ü n cf) n e r P o st" vom 21. Januar d. I. zitiert den deutschnationalen „H o s e r Anzeige r", der den Herausgeber der nationalsozialistischen „Nationale Volkszeitung", Herrn Schemm, folgendermaßen charakterisiert: „Ein gelehriger Schüler des Herrn Streicher ist der Landtagsabgeordnete nnd Volksschullehrer Schemm, der in Hof das nationalsozialistische Blättchen „Nationale Volkszeitung" redigiert-. Der dentschnationale „Hofer Anzeiger" schreibt Herrn Schemm ins Stammbuch, daß zu seiner journalistischen Tätigkeit die widerwärtigste Gesinnung, die größte moralische Verwerflichkeit und der nur irgendwie zu erreichende Tiefstand der politischen Meinung gehören. Leute, die nur beim Geruch der Kanalabwässer journalistische Arbeit leisten können, müssen der allgemeinen Aechtung anhcimsallen. E^ne solche Akrobatik der Unbildung wird nur als <schil'd vorgehalten, damit Hinter ihm die persönliche Verworfenheit ihre Selbstbeflecknng treiben kann." Hitlers Gruss an Frick. In beut „Wochenendblatt der Werktätigen", „Die neue Front", Essen, vom 31. Januar lesen wir unter der Ueberschrift „Wir grüßen den Minister Dr. Frick" die Kundgebung, die Hitler aus Anlaß der Ernennung Fricks zum thüringischen Minister am 23. Januar erlassen hat. 'Darin heißt es: . . Mehr denn je sehen wir in der Vernichtung unseres heutigen Parteiregiments die erste Voraussetzung für jede innere Genesung des deutschen Menschen! Mehr denn je steigt vor unserem Auge die Rassenfrage in ihrer ganzen gigantischen Bedeutung empor und läßt uns Zukunft oder Vernichtung unseres Volkes erkennen! . . . Wenn wir Nationalsozialisten deshalb heute, sei es in einer Kommune oder in einem Lande, an