Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 6 (7.2.1930)
- Date
- 1930-02-07
- Page
- Seite 61 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Srrlin, 7. Zebruar IdZS. IX. Fahrgang * Ar. ö Einzelnummer 20 Pfennig «reift «nrral WMsdüraerMöifelren ölaudeus e.V. Allgemeine Zeitung des Judentums Blätter für öeutfektum und Judentum Bierteliahrsabonnement 2,50 RM. (zuzügl. Bestellgeld). Verlag und Schriftleitung: Berlin 8W 63, Lindenstr. 13. Amt Dönhoff 8594, 3595. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube G, Berlin SW 68, Lindenstratze 7, und von Goldschmidt - Rothschild & Co., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin SW 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 MJL für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Mosse» Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 31<M, die 62 mm breite Reklamezeile 3,50 JIJL Was ist deutsch? Noch niemals ist in weiten Volkskreisen der Begriff „deutsch", „deutsche Gesinnung" von solcher Unklarheit getragen gewesen wie heute. Politische Leidenschaft hat sich seiner bemächtigt. Wiederholt habe ich erleben müssen, welche Unzufriedenheit selbst bei gebildeten Hörern die Erörterung der Tatsache hervorgerufen hat, daß im Mittelalter, bis weit nach Mitteldeutschland hinein, in größerem Umfange Slawen siedelten und slawisches Recht herrschte. Man gelangt nur zu einer befriedigenden Klärung der gegenwärtigen politischen Lage, werür man seinen Erkenntnissen die Ergebnisse der Geschichte wahrheitsgemäß zugrunde legt. In hervorragendem Maße dient dieser Erkenntnis ein soeben erschienenes Werk von Ebers „Katholische Staatslehre und Volksdeutsche Politik". Auch der Aufsatz von Dr. Funke auf Seite 63 dieser Nummer dient der Klärung dieses Grundproblems: Was ist deutsch? U. Fi. Numerus-claususöcbatte im Sächsischen Landtag. Die sächsischen Nationalsozialisten witterten Morgenluft, und von Dresden sollte das Heil kommen! Als erstes Länderparlament war das sächsische dazu ausersehen, einen Antrag auf Einführung des numerus clausus anzunehmen und so die Gleichberechtigung der deutschen Juden wenigstens in einem Punkte zu durchlöchern. Gleich zu Anfang des Feldzugs ergab sich aber eine große Schwierigkeit! Sachsen hat vier Hochschulen: die Universität Leipzig, die Technische Hochschule Dresden, die Forstakademie Tharandt und die Bergakademie F r e i b e r g. Die Zahl der Juden — andere „Fremdrassige" kommen nicht in Betracht—, die an ihnen studieren, ist äußerst gering —, nur Leipzig dürste mehr als hundert jüdische Studierende haben, während Dresden kaum drei Dutzend aufweist und Tharandt wie Freiberg ganz „judenrein" sind —, und so fragte man sich verwundert, was denn zu dem Antrag Anlaß gegeben habe. Die Nationalsozialisten scheinen sich auch lange den Kopf zerbrochen zu haben, und als Produkt ihres Nachdenkens wurde der folgende Antrag dem Landtage vorgelegt: „Die Vorgänge an den Universitäten und Hochschulen von Berlin, Wien und Prag beweisen, daß sich die Studentenschaft — und nicht nur die deutsche! — der Gefahren bewußt wird, die ihr durch die Uebersremdung der Universitäten und Hochschulen drohen. Da der berechtigte Kampf der deutschen Studentenschaft gegen die Gefährdung ihrer Zukunft sehr leicht zur Folge haben kann, daß sich die Ausländer und f r e m d r a s s i g e n Elemente, die gegenwärtig n o ch d i e Hochschulen von Berlin, Wien und Pragchevölkern, nach Sachsen wenden (von n n s gesperrt), beantragen wir: 1. Dem Landtage e h e b a l d i g st einen Gesetzentwurf über die Einführung des numerus clausus an der Universität Leipzig und den Hochschulen Tharandt und Dresden, der Bergakademie.Freiberg und den sonstigen staatlichen Akademien vorzulegen. 2. Durch ihren 23erflilliiiliiilillilllllllliilU Lesen Sie: S. 62: Die Politik des Tages im Spiegel der Presse. — S. 64: Aus den Gerichtssälen. — S. 67: Der Hamburger Dichterkreis. — 3. 68: Adolphe Cremieux. treter im Reichsrat eine reichsgesetzliche Lösung dieser Frage zu fordern. 3. Die Negierungen der anderen Länder zu bitten, sich dem Vorgehen der sächsischen Regierung anzuschließen." Dieser netten, weit hergeholten Begründung entsprach auch der Verlauf der Debatte, die am 28. Januar stattfand. Der Nationalsozialist Dr. Fritsch gab dem Anträge eine Begründung, die ängstlich das Wort „I u d e" vermied. Er sprach nur ab und zu von „Fremdrasfigen", ließ aber im unklaren, ob er nur Ausländer meine, oder ob er auch die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens einbegriffen wissen wolle. Der Demokrat B r e t t sch n e i d e r und der Sozialist Vogel lüfteten den Vorhang, wiesen auf die antisemitische Tendenz hin und rückten das politische Agitationsbedürfnis der Nationalsozialisten ins rechte Licht. Beide lehnten natürlich den Antrag energisch ab. Aus denselben Standpunkt stellte sich erfreulicherweise mit aller Entschiedenheit der Volksparteiler Hardt, aus dessen Ausführungen insbesondere das verständige Argument hervorzuheben ist, daß seine Partei in dem Drange z u r Hochschule v o r . a l I e m b c n Drang n a ch Bildung sehe, der gefördert werden m ü ff e! Der numerus clausus würde zu einer Stagnation der Bildung führen und manchen von dem Hochschulstudium ausschließen, der an sich zum Führer berufen sei! Die W i r t s ch a f t s p a r t e i schloß sich nach anfänglichem Schwanken dieser Meinung an. Sehr interessant war die Stellung der sächsischen Negierung! Ministerialrat Dr. Woelker siel die undankbare Ausgabe zu. den Antrag wegen seiner Knltnrfeindlichkeit abzulehnen, dabei aber die nationalsozialistischen Koalitionsgenossen nicht vor' den Kopf zu stoßen. Er operierte mit „einerseits" und „anderseits" und meinte, daß bei der bedrohlich angewachsenen Zahl der Akademiker der höh c r e n Schule die Aufgabe gewissenhafter Auslese zusalle. Er Plädierte im Grunde für den numerus clausus in der Schnle, wobei er natürlich betonte, daß standespolitische und weltanschauliche Unterschiede ausgeschaltet sein müßten. Gegen die Stimmen der fünf Nationalsozialisten und der Deutschnationalen, zu denen sich die Abgeordneten des Landvolks gesellten, wurde der Antrag abgelehnt. Der erste Vorstoß war damit abgeschlagen! Zu Jnbelhhmnen ist aber trotzdem kein Anlaß. Die Tatsache, daß ein solcher Antrag überhaupt gestellt, begründet und ernsthaft diskutiert werden konnte, ist beschämend genug. Daß im zwanzigsten Jahrhundert im Kulturlande Deutschland die Frage der A bschasf n n g d e r G l e i ch b e r e ch t i g u n g d e r Juden — auch wenn man es zu verschleiern versucht — in einem Parlament behandelt werden kann, ist bezeichnend und bedenklich! Kein anderes Ereignis unserer an Ausbrüchen widerlichen Judenhasses so reichen Zeit ist eher geeignet, die Größe der Gefahr zu beleuchten und die Notwendigkeit energischer Abwehr zu unterstreichen! Hoffentlich wird, dieser erste, noch einmal abgeschlagene Vorstoß wenigstens in diesem Sinne mahnend und aufrüttelnd wirken. Dr. Felix Goldmann (Leipzig).