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Central-Verein-Zeitung · 1930-01-24 · 4 (24.1.1930) · p. Seite 43

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
4 (24.1.1930)
Date
1930-01-24
Page
Seite 43 (sequence 7)
Language
German
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43 Erinnerungen aus Sem Theaterleben. Von I. Landau. Wohl das stärkste der Elemente, die. in ihrer Gesamtheit, unser heutiges Kulturleben bilden, unser Geistesleben beherrschen, ist das Theater. Einen breiten Raun; nimmt es da ein; einen allzu breiten, wie viele sagen. Sind doch Stimmen laut geworden, die das Theater einen Wasserkopf nennen, der den anderen Gliedern am Körper unserer Kunst Kraft und Saft entzieht! Wahr ist es jedenfalls, das; der Bühne mehr Aufmerksamkeit zugewendet wird als allen anderen Künsten und Wissenschaften. Das drückt sich rein äußerlich und zahlenmäßig in den Sunnnen aus, die im Theaterbetrieb jährlich umgesetzt werden und die m die Hunderte von Millionen reichen. Man darf° getrost sagen und unter Beweis stellen, daß im Deutschen Reiche für Theater mehr Mittel ausgewendet werden als für alle anderen Literaturgattungen zusammen. Die Länder und Städte, die für ihre Bühnen Millionen aufwenden, sind dafür gegen alle anderen Gebiete künstlerischen Wirkens um so zurückhaltender. Begreiflich also, daß an einem solchen Betrieb, der viele Zehntausende beschäftigt, der, die unzähligen Prachtbauten inbegriffen, ein Milliardenkapital in Bewegung hält, der so viel literarische, künstlerische Mitarbeiter in Anspruch nimmt, auch jüdische Kräfte Mitwirken. Sie sind aus allen Gebieten des vielgestaltigen Theaterweseus tätig als Unternehmer und Bühnenleiter, als Bühnendichter und Komponisten, als Dramaturgen, Regisseure, Darsteller, als Verwaltungsbeamte, als Kritiker, ganz besonders aber als Objekte der szenischen Darstellung, als handelnde Personen <m den Dramen und als P u b l i k u m. Gerade in diesen letzteren Eigenschaften ist das jüdische Element neuerdings mehrfach Gegenstand der Erörterungen geworden. Wir wollen, wenn wir die Betätigung der Juden im Bühuenwesen betrachten, nicht in den leidigen und geradezu verhängnisvollen Fehler verfallen, Glaubens- und Wirt s ch a s t s st a t i ft i f zusammen zu spannen, die doch nichts miteinander gemein haben. Es wird kein Mensch Arzt, kein Mensch Techniker, Rechtsanwalt, Lehrer, weil er I u d e oder auch obwohl er Jude ist, sondern weil die Neigung oder Begabung ihn dazu führt. Glaube und Abstammung haben damit nichts zu schaffen. Ganz so ist es um die Betätigung der Juden in; Reich der Bühne bestellt. Da aber Mangel an Einsicht und ein Zuviel an Uebelwollen immer wieder dein Anteil der Juden am Wirtschafts- und Kulturleben nachspürt und die Berufszählung von der Konfession aus betreibt, sei diese Methode einmal beleuchtet. Den Anteil der Juden am Theater wird man als einigermaßen beträchtlich bezeichnen dürfen. Immer unter Betonung der Tatsache, daß dabei für Berufswahl und Erfolg nur die Eignung bestimmend. Konfession und Abstammung aber ohne Einsluß ist.. Wobei das Vorhandensein einer Stammeseigenart gar nicht übersehen werden soll. Schwaben und Mecklenburger unterscheide!; sich doch auch beträchtlich genug voneinander nnd bleiben doch gleichermaßen D e u t s ch e. Einzelnen Familiengruppen innerhalb aller Stämme sind besondere Gaben. Talente, Merkmale, eigen, die sie von anderen Volksgenossen unterscheiden, aber nicht scheiden. Ziehen wir das Wirken der neueren jüdischen Bühnenleiter, Schriftsteller, Darsteller ab, und unser heutiges Theater scheint fast verarmt, zurückgeworfen in die Enge, die noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in unserem Bühnenreiche herrschte. Das erste größere, aus die Entwicklung unserer Bühne von wesent-- lichem Einsluß gewordene Privattheater Berlins, das „Königstüdtische Theater", rief Friedrich Cers ins Leben. Sein Bruder, Rudolf Cers, schuf das „Victoria-Theater", das zur Heimat des großen Ausstattungsstückes wurde, in dem aber auch Richard Wagners „Nibelungen"-- Tetralogie, 1881 und 1883, zum erstenmal erschien und in dein die Meininger uns oft begegneten. Wie ein erfrischender Luftzug ging es durch die Bühnenwelt, als Bernhard P o l l i n i (Pohl), aus der künstlerischen Betätigung als Opernsänger hervorgegangen, im Herbst 1874 die Leitung des „Hamburger Stadttheaters" übernahm. Dieser schicksalsreichen Bühne, die, seit Eröffnung des neuen, nach Schinkels Pläne;; erbauten Hauses im Jahre 1827, mancherlei Mißgeschick zu überstehen hatte. In jener Zeit der Jahrhundertfeier jener ersten „Faust"-Aufsührung in Braunschweig mag übrigens auch daran erinnert sein, daß es ein jüdischer Bühnenleiter war, Dr. Moll heim, der am „Hamburger Stadttheater" zum ersten Male den zweiten Teil der „Faust"-Dichtu;;g mit der Musik von Pierson auf die Bühne gebracht hat. Von besonderem Glück war aber auch die Direktion Wollheim nicht begünstigt. Erst dergroße Stil, in dem Pollini das Haus führte, erst die Heranziehung der berühmteste!; Kräfte in Oper und Schauspiel, erst sein reicher Ausstattungsauftvand traf die rechte Art, die Hamburger Gesellschaft an das Theater zu fesseln. Für ein wohlabgestinnntes Zusammenspiel, vollends für die Pflege eines literarisch wertvollen Spielplanes, für die Förderung frischer dramatischer Talente hatte Pollini weniger Sinn. Hier öffnete nun Adolph L' Arronge, unterstützt von seinen „lLvcietüren", zu denen wieder zwei jüdische Kräfte gehörten, Ludwig B a r n a y und Sigwart F r i e d m a n n , im September 1883, mit der Begründung des „Deutschen Theaters", der jungen Dichtung^ dem neuen Jnszenierungs- und Darstellungsstil ein weites Tor. L-oll man unserer heutige!; Generation erst in Erinnerung bringen, was das „Deutsche Theater" unter Adolph O'Arronge, was es dann, nach einer kurzen und ereignisreichen Paul - L i n d a u - Aera, unter der Leitung von Otto B r a h m geschaffen. welche Verdienste es sich um die Hebung unserer wissenschaftlichen und philologischen Einzelf)citen hier nicht ausgeführt werden kann, sucht Jacob nun die wahre Stellung des Thoragesetzes zur wörtlichen Talion und die wirkliche Bedeutung des angefochtenen Satzes zu erkennen. Und er w-eist nach, daß die alte jüdische Anschauung, welche bereits in den ältesten Kommentaren erklärt hat, daß der Satz „Auge um Auge, Z ahn um Zahn" Lediglich „Geld" bedeute, mehr ist, als ein apologetischer Versuch. Die alten Rabbinen haben die Thora nicht verteidigen wollen, sondern sie Haben nur den wahrey Sinn noch lebendig in ihrem Bewußtsein empfunden und die richtige Ueberlieserung gehabt. Und so stellt sich heraus, daß voneiner wörtlichen Talion keine Rede sein kann, und daß das jüdische Recht niemals auch nur die Absicht gehabt hat, die Strafe der Verstünunlung als Vergeltung auszusprechen nnd zu vollziehen. ' Wenn es heißt, daß mar; „Ajin tachat Ajin“, „Auge um Auge" geben solle, so bedeutet das, wie Jacob klar;u;d einleuchtend nachweist, daß man etwas geben muß, was dem des Auges Beraubten eine Ersatzleistung vollbringt. Ein den; Täter ausgeschlagenes Auge kann dies jedenfalls nicht Lun. Jacob zeigt aber ferner in äußerst fesselnder und überzeugender Art, wie man überhaupt auf jene falsche Auffassung kommen konnte. Das 1u8 talionis ist von Kant als das wahre Prinzip einer rernen und strengen Gerechtigkeit proklamiert worden, und der große Philosoph ist, was Jacob auführr, so weit gegangen, seine buchstäbliche Anwendung zu verlangen. Dieser selben Anschauung war man auch in hellenistischer Zeit. Man glaubte in der Strenge des jüdischen Strafgesetzes einen besonderen Vorzug und Ruhm der Thoralehre überhaupt erblicken zu müssen und legte in den Satz der Thora den Sinn, gegen den die Bergpredigt anstrebt, ohne daß er ihm wirklich innewohnt. Was aber einst als ein Vorzug galt, wurde im Rechtsbewußtsein der Welt zu einer anfechtbaren Meinung, die man für grausam und unmoralisch erklärte, so daß sich das apologetische Bedürfnis regte und sie zu rechtfertigen versuchte. Jacobs Schrift ist freilich weit mehr als eine bloße Behandlung dieses Satzes. Er hat den ganzen Gegenstand geschichtlich genau untersucht und hat das Prinzip der Vergeltung nach jüdischer Anschauung eingehend dargestellt. Er ist vor allem auch dem ius talionis in der Geschichte der Kirche und den von ihr beeinflußten Rechtsordnungen der christliche!; Staaten nachgegangen, und seine lehrreiche Untersuchung gipfelt in der Feststellung, daß in der Anschuldigung gegen das jüdische Gesetz eine gewaltige Ironie der Weltgeschichte liegt. Das Judentum, dessen bezeichnender Grundsatz die Talion sein soll, hat sie weder in der Theorie noch in der Praxis jemals anerkannt und nach ihr gehandelt. Wohingegen die christliche Welt, deren religiöse Lehre sie weit von sich wies, sich in der Wirklichkeit in ausgedehntem Maße nach ihr richtete. Jacobs Werk ist ein st r e n g wissenschaftliches. Es ist nicht möglich, die ganze Fülle der von ihm berührten The m e i; in einer kurzen Besprechung zu erwähnen. Um so mehr Gewicht sei aber aus seine Methode gelegt. Zwar behandelt er nur einen kleinen, eng t umrissenen Bezirk, aber für das große Gebiet der Apologetik, insbesondere in Erwiderung auf die Angriffe gegen Taln;ud und Schulchan Aruch, gilt genau dasselbe. Es ist verkehrt, wenn die Moral den Wert von Religionsurkunden, deren starkem Einsluß sich ganze Völker gebeugt haben, an den Modeanschauungen des Tages mißt. Daß eine in ihrei; großen Ideen als vortrefflich und sittlich anerkannte Moral auch in ihren einzelnen Lehrsätzen jeder kritischen Untersuchm;g standhalten wird, ist im höchsten Grade wahrscheinlich, und nur daraus kommt es au, die Dinge richtig zu verstehen, und vor allem die Zusanunenhänge mit dem zeitgenössischen Denken aufzuweisen. Wollte man weit stärker, als es jetzt geschieht, allen Darstellungen der Sittlichkeit des Talmuds, die von antisemitischer Seite erfolgen, gewisse Sätze der Kirchenväter entgegensetzen, so würde man den richtigen Standpunkt gewinnen, und ich meine, daß die Ethik, die Fremdengesetzgebung, das Eherecht des Talmuds und des Schulchan Aruch sich sehr wohl neben den Anschauungen der Kirchenväter auch in den Punkten sehen lassen kann, die am meisten kritisiert werden. Das Interesse für die Bibel ist leider weit kleiner als das für Geschichte und Talmud, und so ist das Alte Testament, das ureigene Buch der Juden, ganz und gar der christliche!; Biowissenschaft überlassen!vorden, die man in ihren oft bedenklichen und grotesken Auslvüchsen auf jüdischer Seite wohl kritisieren konnte, der n;an aber nichts Ebenbürtiges gegenüberzustellen hatte. .Jacob sei es gedankt, daß er wieder eine rnoderne jüdische Bibelwissenschast angeregt und sie durch äußerst wertvolle Abhandlungen bereichert hat. Und so mag sein neuestes Werk nicht nur im Streit der Meinungen des Tages eine Wirkung ausüben, nicht nur' Mißverständnissen und Verunglimpfungen des Bibelwortes entgegentreten, sondern auch in jüdischen Kreisen zu eingehenderer Beschäftigung mit der Bibel anregen.

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