Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 4 (24.1.1930)
- Date
- 1930-01-24
- Page
- Seite 42 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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42 ballung von Juden in der polnischen Provinz einigermaßen ausgleichen. Die Juden unterhielten handelspolitische Wechselbeziehungen mit den großen Märkten im fernen Osten. Auch dadurch konnte ihre wirtschaftliche Lage in einem gewissen Gleichgewicht bleiben. Lodzer Baumwollwaren gingen bis in die Mandschurei und das weite China und ebenso drangen Bialystoker Decken bis nach Westasien vor. In der früheren österreichisch-ungarischen Monarchie mit ihren 5>3 Millionen Einwohnern lebten ungefähr Zwei Millionen Juden, in Galizien allein 700 000, die ihre Erwerbsquellen auch größtenteils in beit anderen Ländern des Donaureiches fanden: der galizische Trödler tätigte seine Wareneinkäufe oft in Den entfernten österreichischen Alpenländern, der Geschäftsmann konnte Verbindungen mit allen Teilen der Monarchie pflegen, während die etwa 800 000 Juden in Galizien wirtschaftlich stark entwurzelt find. Die Kriegs- und Nachkriegszeit hat das ft'rdische Problem in Polen in ein akutes Stadium gerückt: das große Völkerringen, das sich zum großen Teile in den judenreichsten Gebieten des heutigen Volens austobte, hat viele Tausende von Familien vom heimatlichen Boden vertrieben und ihre Existenzgrundlagen vernichtet. Bürgerkrieg und Epidemien haben viele Zehntausende der Unglücklichen hinweggerafft und, als schon der übrigen Welt die Morgenröte des Friedens entgegenleuchtete, hielt hier der Krieg mit Rußland 1919 und 1920 noch eilte blutige Nachlese, der ebenfalls viele jüdische Familien Zum Opfer fielen. Als dann nach der jahrelangen Jnflations - Scheinkonjunktur der ersten Jahre nach dem Kriege die Einführung der Zlotywährung unter dem Finanzdiktator G r a b s k i einsetzte, wurde der jüdische Handel von der Flut drakonischerSanier n n g s m a ß n a h m e n am härtesten erfaßt und größtenteils vernichtet. Die noch heute bestehenden, von Grabski aufgeführten Zoll- und Verkehrsmauern als vermeintliches Allheilmittel zur Aktivierung der ewig passiven Handelsbilanz, von seinen Nachfolgern in der Pilsudski-Aera noch höher ausgetürmt, raubten und rauben in erster Linie dem jüdischen Kaufmannsstand den Atem. Als eine Geißel schlimmster Art erweist sich die verhängnisvolle Steuerpolitik der polnischen Regierung. Als im Jahre 1925 der Zloty ins Wanken kam, setzte man als Rettungsanker die Steuerschraube rücksichtslos gerade au der städtischen Bevölkerung an, während der Großgrundbesitz, cm dem die Juden so gut wie überhaupt nicht beteiligt sind, fast gänzlich verschont blieb. Mit einem Schlage hat die unnormal hohe Steuerlast den Handel, diese stärkste Domäne der polnischen Judenschaft, abgewürgt, insbesondere, als die hohe Warermmsatzsteuer von 2 Prozent eingeführt wurde. Dieses System lastet noch heute unter dem Regime Pilsudskis unvermindert auf Handel und Kleinindustrie. Die unzähligen kleinen Krämerladen in den Großstädten, die dicht einer neben dem anderen stehen und deren .ganze Warenlager oft. nur einen Wert von kaum 100 Mark darstellen, wurden und werden von dem Steuerexekutor, der dem kleinen Händler oft sein letztes Gewand nimmt, hinweggefegt: in den Großstädten Warschau, Lodz, Bialystok, Wilna, Lemberg und Krakau haben in der Letzten Zeit Zehntausende von Händlern und Kleingewerbetreibenden ihre Gewerbepatente abgemeldet: das Jahr 1928 hat die so zusammengeschmolzen'm Händlermassen fast auf ein Viertel vermindert. Der jähe Niedergang der Lodzer und Bialystoker Textilindustrie hat gerade die jüdischen Kreise betroffen. Auch das j ü d i s ch e Handwerk mußte daran glauben. Tie vollkommene Verarmung dieses Gewerbes aus Mangel an technischen Behelfen und Krediten rückt die Gefahr des Aussterbens dieses Berusszweigcs in immer greifbarere Nähe, ja es besteht die Befürchtung, daß dieser produktive Stand von einem haltlosen Lumpenproletariat gänzlich verdrängt wird. Das jüngst erlassene Jndustriegesetz engt die Erwerbsmöglichkeit des jüdischen Kleinhandwerkers nnmer mehr ein. indem es den Befähigungsnachweiszwang einführt, der von den Unterbehörden gerade den Juden gegenüber rigoros gehandhabt wird. Aber nicht nur der Handarbeiter, sondern auch der jüdische Geistesarbeiter befindet sich in heller Verzweiflung. In den großen Städten Galiziens, wie z. B. in Lemberg, ist ein Großteil der sogenannten höheren Berufe, die gerade von den Juden aus Mangel an jedweder anderer produktiver Betätigungsmöglichkeit unverhältnismäßig stark ergriffen wurden, wie Rechtsanwälte, Aerzte und die zahlreich abgebauten Privatboamten, aus Unterstützung ihrer Berufsorganisationen angewiesen. Das Gesamtbild ist erschreckend: von drei Millionen Inden steht wehr als eine Million ohne irgendeinen Lebensunterhalt da; die Verdienstmöglichkeit der anderen Million rercht keineswegs zur Fristung ihres Daseins; die dritte Million ist gerade noch in der Lage, sich zu ernähren. Unter .dem Drucke dieser wirtschaftlichen Abnormalitäten, die in keinem europäischen Staate ein ähnliches Bild aufweisen, vollzieht sich in letzter Zeit ein gewaltiger seelischer und sozialer Umschichtungsprozeß. Die Maxime: „Not lehrt beten" weicht einer anderen „Not lehrt arbeiten". Die ererbten Traditionen in Erziehung und Bildung wenden allmählich über den Hausen geworfen. Talmud und Bibel, scholastische, juridische und philosophische Disputationen werden vom Schrei nach Brot übertönt. Früher das Erziehungsideal und Lebenselement der Juden in Polen, wird diese Beschäftigung immer mehr zürn Lebensinhalt lediglich der Berussgelehrten, der Rabbiner und deren Jünger. In den großen Massen der Jugend ist der Drang nach physischer, produktiver Arbeit erwacht. Tie jüngere Generation versucht praktische Berufe zu ergreifen. So sieht man in den großen Ghettos Polens jüdische Glasschleifer, Schuhmacher, Schneider, Kutscher, Wasser- und Gepäckträger, Hausdiener u. a. m. Aber auch dieser von der Not der Zeit diktierte neue Betätigungstrieb zerschellt an der Macht der Verhältnisse, die nicht einmal dieser bescheidenen Betätigungsfor-m Raum geben. Wirkt vorbeugend! Faehingcr Vcrsandstclle, Berlin SW 11T Schöneberger Strasse 16a. Telefon: Lützow 8230/61. Akademische jreiheit. Der Nationalsozialistische Deutsche Stubentenbund, Hochschulgruppe Köln, ersucht uns unter Bezugnahme aus § 1.1 des Pressegesetzes um Ausnahme folgender Berichtigung: Der in der „C. V.-Zeitung" vom 13. Dezember 1929 veröffentlichte Artikel unter der Hebet* schrist „Akademische .Freiheit', cm Flugblatt der Kölner nationalsozialistischen Studenten", entspricht nicht den Tatsachen. Seit Bestehen der hiesigen Hochschulgruppe des NSDStB. wurde von dieser das abgedruckte angebliche Flugblatt weder herausgegeben noch verteilt. Es handelt sich bei diesem Flugblatt um eine grobe Fälschung, was jeder objektive deutsche und jüdische Student an der hiesigen Universität bestätigen wird. Diese Berichtigung macht es sich sehr leicht. Sie hält sich an die F o r m und berührt nicht den Kern. Sie bestreitet lediglich, daß die nationalsozialistische Hochschulgruppc ein Flugblatt des angegebenen Inhalts herausgegeben hat. Nicht bestritten wird, daß in der geschilderten Weise unter der Studentenschaft dafür Propaganda gemacht wurde, daß die nationalsozialistischen Studenten sich in größerer Zahl an der Wiener Hochschule immatrikulieren lassen sollten, um dort „Ordnung und Sauberkeit" zu schassen, d. h. um die wüsten, das Ansehen der Wiener Hochschule schwer schädigenden Exzesse zu wiederholen. Der wahre Sinn des Wortes „Auge um Auge, Zahn um Sahn" von vr. Felix Golömann (Leipzig) Apologetik ist notwendig! Aber Apologetik ist auch gefährlich, und das ganz besonders, wenn sie der Rechtfertigung von Meinungen gilt, die aus klassischen Werken der Weltliteratur, aus Schöpfungen von ewigem Werte uns entgegenklingen. Denn nur allzuleicht wird man verleitet, das Ewige am Maßstabe der Zeit zu messen, und diese Art einer falschen Apologetik sucht oft vergängliche Zeitanschauungen in Ideen hineinzulesen, die für die Ewigkeit bestimmt sind. Insbesondere leidet unter solchen gewiß gutgemeinter, aber doch falscher Methode der Rechtfertigung unsere Heilige Schrift, das Alte Testament. Nur allzuoft hat man im Lause der Geschichte und auch in unseren Tagen ihren Sinn nach dem Schlagwort des Tages und nach dem Zeitideal zu korrigieren versucht. Daß es nun zunächst einmal nur darauf ankommt, die Bibel zu v e r st e h e n, ihren eigentlichen Sinn und ihre Absichten zu erkennen, und daß es der etwas oberflächlichen Derteidigungskünste nicht nur nicht bedarf, sondern daß sie meist gefährlich und schädlich sein können, sollte an sich selbstverständlich sein. Und doch gibt es sehr wenige Bibelforscher, die von diesem Gesichtspunkt, ausgehen, so das; — insbesondere in jüdischen Kreisen — jene überflüssige Apologetik, die mehr beweisen will, als man beweisen soll und kann, eine gewaltige Rolle spielt. Es muß als . ein wesentlicher Vorzug aller wissenschaftlichen .Arbeiten von Jacob gerühmt werden, daß sie in erster Reihe das Verständnis für den wahren -L>inn der Bibel zu erwecken versuchen. Jacob beherrscht die Materie vollkommen. Erkennt die Bibel bis in den letzten Buchstaben, er übersieht die unendliche Fülle der alten Kommentare und der modernen Bibelliteratur. Und diese Vorzüge seines wissenschaftlichen Ziels und seiner Methode werden auch die Frage der Talion an: alten jüdischen Rechte untersucht*). Es gilt in der Bibelwissenschaft und in der ganzen christlichen Welt als ausgemacht, daß die bekannten Worte „A u g e u m A u g e, Zahn u m Z a h n" die wörtliche Wiederve rgcltung lehren, so daß also, wenn jemand einem anderen ein Auge ausgeschlagen haben sollte, ihm nun dafür das seinige genommen werden muß. Von jeher haben sich an diesen Satz des Pentateuch sehr gehässige Kommentare geknüpft, die die Moral und die Strafjustiz der alten Juden als barbarisch und unsittlich zu charakterisieren versuchten. Schon in früher Zeit haben diese Anschuldigungen in der bekannten Antithese der' Bergpredigt ihren Niederschlag, gefunden. Aus Grund einer bewundernswert scharfsinnigen Untersuchung, die in ihren bibeli) B. Jacob, Dortmund: „Auge um Auge. Eine Untersuchung zum Alten und Neuen Testament." Philo« Verlag, Berlin. Preis 4 M.