Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 4 (24.1.1930)
- Date
- 1930-01-24
- Page
- Seite 41 (sequence 5)
- Language
- German
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41 Das Elen- -er ^u-en in Polen. Erfchreckenüe Zunahme Ser Selbstmorde. — Der ivirtfchaftskampf -es polnischen Volkes. — Das Mische ClenL steigt -urch -ie Monopolisterung. - Much -as jü-ische Han-werk vernichtet. (Sonderbericht für die „C. V.-3eitung".) suchenden Juden den Boden unter den Füßen entrissen. Die Wirtschafts s a n i e r u it ,g unter PL1 sudski vollends hat das Todesurteil über Zehntausende jüdischer Existenzen gefüllt: der große wirtschaftliche Säuberungsprozeß, zusammen mit anhaltende Kapitalnot, führte zwangläufig zu einer fortschreitenden Einengung der Gesamtwirtschaft und zum Ausscheiden aller nicht unbedingt notwendigen Gelübde. Dabei wurden Ln erster Linie jüdische Existenzen betroffen. Viele Maßnahmen der gegenwärtigen Wirtschaftspolitik Polens wirken sich ungewollt gegen die Juden aus: so entziehen die Zunehmende Monopolisierung und die Verwandlung privatwirtschaftlicher Unternehmungen in Staatsbetriebe gerade der jüdischen Erwerbstütigkeit immer mehr Boden. Der Siegeszug des Kartellgedaukens, die fortschreitende Syndizierung verdrängen immer breitere Schichten aus ihren Stellungen. Diese Entwicklung ist noch im Fluß und nimmt ihren unaufhaltsamen Fortgang. Die „tieferen Ursachen" für diese wirtschaftlichen Ungeheuerlichkeiten gehen auf alte Sünden der Geschichte zurück: sie liegen zum Teil indem Fluch des Erbes aus dem Ghetto, zum Teil in der Verschiebung der politischen Grenzen nach dem Kriege und schließlich in der besonderen politischen und wirtschaftlichen Beschaffenheit des neuen Polen, welches sich gerade aus den judenreichsten Gebieten der drei Tellungsmächte zusammensetzt. Während die von den polnischen Königen berufenen deutschen Kolonisten eine landwirtschaftliche Aufbaumission zu erfüllen hatten und deshalb bald mit der neuen Scholle, die sie noch heute bebauen, verwachsen konnten, war den Juden von jeher die Nolle des Händlers und Mittlers, vor allem aber die traurüge Aufgabe der -Geldbeschaffung für den polnischen Adel zu gedacht. Dadurch wurde ihnen die Möglichkeit genommen., sich festen Boden unter den Füßen zu schaffen. Nun aber konnten die bis weit ins neunzehnte Jahrhundert hineinreichenden mittelalterlichen Wirtschaftsformen, vorwiegend die Geldbeschaffung, der Kleinhandel, ldas Marktfahrer- und Krämer tum usw. als einzige Plattform für die wirtschaftliche Betätigung noch eine leidliche, den eirrfachen Lebensverhältnissen ents prechende Existeuzmöglichkeit bieten, bis die großen Umwälzungen im Wirtschaftsleben der Neuzeit, in der zwar die politische Emanzipation der Juden in Polen eiasetzte, die aber gleichzeitig im Zeichen der neuesten technischen Errungenschaften die ökonomischen Lebensbedingungen einer mehr auf primitive Wirtschaftsformen eingestellten Volksklaffe verschärften, die Juden vor neue, schier unlösbare Aufgaben stellten. Mau denke nur an die Nolle, die dem jüdischen Kleinhändler, Krämer und Marktfahrer Zu einer Zeit zukam, da der Mangel von Eisenbahnen und anderen modernen Verkehrsmitteln ihrer Vermittlunigstätigkeit zw i s chen K on sumen ten und Produzen tcn, zwischen Stadt nnd Land sehr zustatten kam, tvährend heute die Ware ihren Weg vom städtischen Erzeuger Zum ländlichen Verbraucher direkt -nimmt. Immerhin hatten sich die Inden auf dem heute polnischer! Gebiete vor dem Kriege Ln den Wirtschaftsorganis-mus der von ihnen bewohnten Staaten doch bis zu einem gelvissen Grade cüngesügt und man tonnte von einem -einigermaßen geordneten „normalen" Elend sprechen. In der Vorkriegszeit bot den Juden das wirtschaftliche Betätigungsfeld schon rein territorial eine große Ausdehnungsmöglichkeit, zumal da sie nur einen geringen Bruchteil der anderer! Bevölkerung bildeten. Im Vorkriegsrußland entfielen auf 160 Millionen der Gesamtbevötkeruug etwa fünf Millionen, also drei Prozent Ostjuden; von ihnen haben allein rund 2% Millionen in Kwngreßpolen gelebt. Infolge dieser ganz ungewöhnlich großen Dichte war ihre Lage dort schon damals ungünstiger als im übrigen Rußland. Die riesenhafte Ausdehnung des Zarenreiches konnte jedoch diese Zusammen¬ M«WM m Me oho m i mmm. Bielitz, Ende 1929. Dem außenstehenden Beobachter jüdischer Verhältnisse in Polen -erscheint das Juden- Problem in erster Lime als eine politische Frage, da gerade die politischen Vorgänge und Parteikümpfe sich hier überaus lärmend und temperamentvoll abspielen. Blicken wir jedoch in die Judenviertel der großen und kleinen Städte, in denen sich der größte Teil der jüdischen Bevölkerung zusammenballt, so entrollt sich vor uns die furchtbare Tragödie eines lautlosen, großen Massensterbens. Einige Bilder dieses Elends seien hier gezeigt: In den langen düsteren Mafsenquartieren der Judengassen, in den endlosen Höfen der vortommenden Zinskasernen hausen oft 5 bis 8 Personen zusammengepfercht in einem engen Kellerloch. Sieche und Tuberkulose, die kein Brot zu essen haben, geschweige denn sich einen Arzt und Arzneien leisten können, verbringen hier in größtem Elend die noch gezählten Tage ihres Zammerdaseins. In den großen Judengassen wimmelt es von mageren, fahlen, herumlungernden Greisen und Kindern in Zersetzten, heruntersalLenden Lumpen; selbst im Winter sind die verschrümpften Glieder dieser Gestalten nicht einmal notdürftig bedeckt. Die. wenigen unhygienischen Greisenasyle und Kinderheime, von denen viele längst baufällig sind, können auch nicht einen' Bruchteil der siechen Greise, der skrofulösen, verwahrlosten und lungenkranken Kinder aufnehmen. Es handelt sich nicht um Die „Hefe des Volkes", die es in den Judenvierteln aller westeuropäischen Großstädte gibt, den Armenvierteln, sondern um wertvolle Teile, vielfach um die überwiegende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung. Diese Jammermenschen haben jede Hoffnung auf ein besseres Dasein aufgegeben: nur der rein animalische Selbsterhaltungstrieb -und vor allem das religiöse Verbot, Hand an sich zu legen, ketten sie an das Leben. Daß aber die Wucht des Elends sich stärker erweist als diese Triebfedern der Selbsterhaltung. beweist die geradezu ers ch reck e n d z u nehmende Selbstm o r d st alt st i k. In Warschau allein haben im Vorjahre 891 Juden (300 Männer und 591 Frauen) Selbstmord verübt, wogegen die christliche Bevölkerung, deren Zahl dreimal so groß ist, nur 790 Selbstmorde zu verzeichnen hat. Diese für mitteleuropäische Begriffe unfaßbaren Vorgänge bestätigen eine bisher nicht genügend beachtete Tatsache: auf das überwundene politische Wohnghetto folgt ein n e u e s W i r ts ch a f ts gh e t t o; der Kampf um die politische Emanzipation wird von dem Ringen um die wirtschaftliche Rettung des polnischen Judentums abgelöst. Der bekannte Ausspruch Pilsudskis, daß das arme Polen, das judenreichste Land Europas, seine drei Millionen Juden nicht gut verdauen könne, erhält seinen eigentlichen traurig-wahren Sinn erst für die Wirt s ch a f t l i ch e Seite der Judenfrage, die den Staat und die Juden -aller Welt vor fast unlösbare Aufgaben stellt. Der polnische Staat, der selbst verzweifelt gegen die Flecken wirtschaftlicher Wirrnisse ankämpfen muß, steht dem Judenelend hilf- und machtlos gegenüber. Bei der allmählichen Festigung der Finanz- und Wirtschaftslage Polens unter der Aera Pilsudski verschlechtern sich sogar die Lebensbedingungen der Juden. Die seit der Finanzsanierung einsetzende Festigung hat die wirtschaftliche Judenfrage in ihrem ganzen erschreckenden Umfange erst recht aufgerollt und Hunderttausenden von brot- Soeben erscheint in -den Tageszeitungen nachstehender» Aufruf der sechzehn Superintendenten der evangelischen Kirche Alt-Preußischer Union: „Die Christenheit Rußlands steht unter schwerer Verfolgung. Die christliche . Erziehung der Jugend wird gewaltsam verhindert, der Sonntag abgeschafft, die Feier der christlichen Feste zerstört, alle kirchliche Lebensordnung zerschlagen. Unzählige Christen, unter ihnen mehr als 1000 Geistliche, haben die Treue zu ihrem Glauben bewahrt unter namenlosen Leiden bis hinein in den Tod. Erschüttert von dem, was sich dort vor unseren Augen abspielt, rufen wir die Glieder unserer Gemeinden auf, der verfolgten Glaubensbrüder in ernster Fürbitte zu gedenken, daheim und in den Gottesdiensten. Aeußere Hilfe zu bringen, steht nicht in unserer Macht, aber mit dem Gebet unserer Liebe wollen wir sie umgeben, die Unsägliches erdulden. Der Herr der Kirche, dessen sind wir gewiß, wird dieses Gebet nicht unerhört lassen. Bei ihm ist der Sieg. Das Blut der Märtyrer wird der Same der Kirche bleiben. gez. D. Zöllner, D. Dr. Dibelius, Eger, D. Gennrich, D. Haendler, D. Hegner, D. Kahler, D. Kalmus, D. Kalweit, D. Carow, D. Schian, D. Schüttler, D. Stolte, D. Stoltenhofs, D. Vits und D. Zaenker." Wer in der Religion ein heiliges. Lebensgut sieht und sich, wo immer auch religiöse Verfolgungen stattfinden mögen, gegen diese wendet, wird den Ausruf der sechzehn Superintendenten mit großer Erschütterung lesen. Die bolschewistische Lehre, die entgegen oft wiederholter Behauptung, mit jüdischen Tendenzen nicht das geringste gemein hat, fordert die Abkehr von jeder Kirche und Religion und deren Verfolgung. Auch die religiösen Juden Rußlands müssen dies seit geraumer Zeit erleben; ihre Gotteshäuser werden zu Arbeiterklubs umgewandelt. So berichtet die Jüdische Telegraphen-Agentur (JTA), daß nach einer offiziellen Feststellung in den ersten acht Monaten des Jahres 1929 in dem Gebiet der Sowjetunion 99 Synagogen beschlagnahmt wurden, im Verlauf des Dezember 1929 wurden nach einer Nachricht des „Emeß" 21 Synagogen in Arbeiterklubs usw. verwandelt, im Jahre 1928 wurden 59 Synagogen beschlagnahmt, so daß viele größere Städte schon ohne eine einzige Synagoge sein sollen. Jüdische religiöse Führer werden verfolgt und ins Gefängnis geworfen, kurz, es wird den gläubigen Inden ebenso wie den Anhängern der christlichen Religion viel Leid zugesügt. Mit denen, die von diesem fanatischen, religionsfeindlichen Programm und seinen Auswirkungen betroffen werden, empfinden wir das herzlichste Mitgefühl. Diese religionsseindliche Haltung ist aber eine innerpolitische Angelegenheit der Sowjetregierung; das deutsche Judentum steht ihr deshalb leider ebenso machtlos gegenüber wie die evangelische Kirche.