Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 4 (24.1.1930)
- Date
- 1930-01-24
- Page
- Seite 39 (sequence 3)
- Language
- German
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M! So schassen die Äaüonalsozialiften „Ordnung"!... MüonalsvziaWscheSiudenfen boykottieren die akademische Reichsgründungsseier. — Schill und Schlageier in Men. — Mar stad „«eine Gegenstände"? Es blieb den Nationalsozialisten Vorbehalten, die schöne und würdige Tradition der akademischen Reichsgründungsfeiern durch eine gerade an diesem Tage besonders beschämende Hetze zu durchbrechen. Diese Partei, deren Studenten den Knüppelkomment der Kutscherkneipe und den Nadauton der Gosse in den ehrwürdigen Hallen unserer „Hohen Schulen" heimisch zu machen versuchen, fangen jetzt sogar an, akademische Feiern zu stören und die Studenten offen zu deren Boykott aufzufordern. Die Ehrengäste, Behördenvertreter und Studenten, die zahlreich am 18. Januar zur Reichsgründungsseier der Technischen Hochschule in Charlottenburg erschienen waren, wurden vor der Hochschule von nationalsozialistischen Studenten durch ein Flugblatt erfreut, das die schwersten Beschimpfungen gegen den vom Senat der Hochschule bestimmten F e st - r e d n e r enthielt mit der ungeheuerlichen Aufforderung: „Kommilitonen, macht nicht mit!" Einige, den Geist dieses Pamphlets und seiner Verbreiter bezeichnende Stellen seien hier wiedergegeben: Kommilitonen, macht nicht mit. Die Hvchschnlbehörden, die Untergebenen der Grzesinski, Becker und Genossen, planen am 18. Januar eine Art Feier. Sie müssen diese machen, um nicht den offenen Aufruhr der Studentenschaft zu entfachen. Sie denken aber im Grunde nicht daran, an diesem Tage auf die Bedeutung der NeiäBgründung und auf den heutigen Zustand der Wallstreet - Kolonie Deutschland zu sprechen Zu kommen. Das alles sind für die meisten dieser Herren mit 30 000 Reichsmark Einkommen und höher keine Lebensfragen. Aus dem ossiZiellen Programm ist das Wort Reichsgründung überhaupt, nicht erwähnt. Und wer tritt bei dieser Mache als Redner aus? Etwa der Vorsitzende der Studentenschaft der T. H.? Nein! Das wurde vom Rektor verboten. Oder einer der Professoren, die den Kampf um Deutschlands Freiheit zu dem ihren gemacht haben? Weit gefehlt! Es tritt auf: Der große Schauspieler der Jude Niebenfahm, der Sohn des Getreidesuden Chaim Niebenfahm aus Königsberg: Die studentischen Verbreiter dieses Flugblattes waren selbstverständlich nicht mutig genug, für ihre Tat einzustehen und ließen daher Herrn Dr. Goebbels unter dem Schutze seiner Immunität verantwortlich Zeichnen. Noch charakteristischer für die Denkart dieser Kreise sind Zwei Schreiben, die, wie die sozialistische „Akademische Rundschau" berichten kann, von den Wiener völkischen Verbindungen „Schill und Schlageter" kurz vor den Wiener Hochschulkrawallen an ihre Mitglieder gerichtet wurden. Diese „Gestellungsbefehle" lauteten wörtlich: Kamerad, Sie haben sich Donnerstag vor 9 Uhr in der Aula der Universität zur Verfügung zu stellen. Kleine Gegenstände mitbringen. Schlageter. Kamerad, Sie haben sich Donnerstag um 9 Uhr im Anatomischen Institut, Währinger Straße, zur Verfügung zu stellen. Erscheinen unerläßlich. Kleine Gegenstände gut versorgt halten. Schill. Diese „kleinen Gegenstände" haben bekanntlich große Wirkungen ausgelöst, endlose Krawalle, Lagelange Schließung der Universität usw. Wir wissen nicht, ob die Nationalsozialisten, die sich tagtäglich mit und ohne Uniform in der Technischen Hochschule und ihrer Umgebung in großer Zahl sehen lassen, ebenfalls die zum „geistigen" Arsenal eines nationalsozialistischen Studenten gehörenden „kleinen Gegenstände" gut versorgt halten. Nach dem Geist, den das Berliner Flugblatt atmet, ist ihnen dieses unbedenklich zuzutrauen. Hoffentlich führt die Untersuchung, die der Rektor eingeleitet haben soll, zu einem energischen Vorgehen gegen diese dauernden Störer des akademischen Friedens. Andere Hochschulen sind bereits mit gutem Beispiel vorangegangen. Nur äußerste Energie der Hochschulbehörden kann hier helfen! Werner Rosenberg. Verlustlisten! Kriegszeit. Bedruckte Bogen mit endlosen Reihen von Namen in Schaufenstern. Gruppen von Menschen davor, die angstvoll suchen, ob sie einen Namen finden, den ein Mensch trug, der ihnen teuer war. Stille oder laute Schmerz- und Verzweiflungsansbrüche fanden Verstehen und Trost bei den Umstehenden, die diesmal noch verschont geblieben waren. Eine Welle der Sammlung um dre gemeinsame Opfertat herum ging von diesen Verlustlisten aus. Die allgemeine Not des Vaterlandes ries vielleicht manchen zum inneren Widerstand gegen diejenigen aus, die dem Unheil kein Ende bereiten wollten, aber gegenüber dein Volksgenossen, der unter gleichen Lasten, gleichen Opfern litt, schwieg der Kampf und der Widerspruch. Die Verlustlisten waren das Symbol der Einheit des Opfers um der großen Sache willen. Namenslisten mancherlei Art stehen auch heute in allen politischen Zeitungen. Die einen zeigen an, welche Opfer auf dem wirtschaftlichen Kampfplatz geblieben sind, wessen Existenz der großen Krisis zum Opfer fiel. Aber auch andere Namenslisten enthalten die Blätter; die Namen von Menschen, die dem blindwütigen Hast politischer Gegner zum Opfer gefallen sind. Die Zeitungen der Mitte berichten um des Berichtes willen, die radikalen Zeitungen, deren Anhänger aktiv und passiv an den Verlustlisten beteiligt sind, veröffentlichen sie mit dem Höchstaufwand des Aufschreies über die Gehässigkeit des Gegners und des Verlangens nach Rache für die Toten oder die Verletzten. Es ist nicht mehr ein Kampf für die g e m ein* f a m e deutsche Sache, für die Menschen bluten, es ist ein Kampf extremer Anschauungen gegeneinander, um ihrer selbst willen. Es geht darum nicht der Geist des Zusammenschlusses und der Opserfreudigkeit für die Gesamtheit von diesen Verlustlisten aus, sondern der Ruf nach VerschärfungderGegens ä tz e, nach Rache, nach Wiederholung der Gewalttaten. Man trauert nicht um die Toten, sondern man zählt sie auf, um die Bedeutung der Bewegung, um die Schlechtigkeit des Gegners, um die Notwendigkeit einer Verschärfung des Kampfes zu beweisen. Jrregesührte, verhetzte Menschen, deren Leiber bluten, werden gleichsam als Neklamefiguren in den Spalten der Zeitungen ausgehängt. Verlustlisten soll man auch diese Verzeichnisse nennen, aber nicht weil diese oder jene Parteigruppe aus eigenem Verschulden Menschen verlor, sondern weLl deutsche Kräfte, deutsches Ansehen, deutsche Aufbaumöglichkeiten verloren gehen, zugunsten von ParLeileidenschaft, Parteiegoismus, Parteihatz. Macht ein Ende mit diesen Verlustlisten! A. H. Prügelei nach einer Schükerversaaimlung.- Die Berichterstattung des „Angriff" - «ndwie es sich wirklich zuirng. Der „Angriff" vom 19. Januar berichtet unter der Sammelüberschrift „Die Flugpost" u. a. über eine Schülerversammlung des Sozialistischen Schülerbundes. Er schreibt: „In einer Schule in der Sonnenburger Straße hielt am Donnerstag der Sozialistische Schülerbund eine Versammlung ab, zu der der Nationalsozialistische Schülerbund eingeladen war. Reichsbanner war dort in großer Zahl vertreten und wurde von dem Referenten, dem Inden Friedländer, aufgehetzt, die Nationalsozialisten „mit Stumpf und Stiel auszurotten", was die Reichsbannerleute mit Zurufen an die Nationalsozialisten beantworteten wie: „Heute abend werdet ihr fertig gemacht!" Nach Schluß der Versammlung versuchte das Reichsbanner dann über die nationalsozialistischen Jungen herzusallen. Rechtzeitig zur Hilfe erscheinende S. A. vermochte hier jedoch bald Ordnung zu schassen." Rach dem „Angriff" war also der Nationalsozialistische Schülerbund e i n g e l a d e n, ist das R e i ch s b a n n e r über die nationalsozialistischen Jungen hergesallen und hatte die S. A. nur die Aufgabe, „Ordnung zu schaffen." Wie trug es sich in Wahrheit zu? Von einem absolut zuverlässigen Teilnehmer der Veranstaltung wird uns berichtet: „Die Freien Sozialistischen Schüler (FSS) hatten zu Donnerstag, dem 16. Januar, in die Volksschule, Berlin, Sonnenburger Straße, zu einer Versammlung eingeladen, in der der bisherige Vorsitzende der Sozialistischen Studentenschaft, Dr. Otto Friedländer, in durchaus sachlicher Weise über das Thema ,Schule, Schüler und Sozialismus' berichtete. Der Redner legte das kulturpolitische Programm der Sozialdemokratie dar und gab ein kurzes Bild der modernen schulreformerischen Bestrebungen. Zum Schluß seiner Ausführungen suchte er die weltanschauliche Stellung der verschiedenen politischen Parteien zu umreisten und gab, durch verschiedene Zwischenrufe der nationalsozialistischen Schüler, die uneingeladen in üverans groster Zahl erschienen waren, veranlaßt, seiner Auffassung über die Rolle der Nationalsozialisten kund, die unter dem Anschein einer sozialen Einstellung in Wirklichkeit dazu dienten, wirtschaftlich reaktionäre Machenschaften gegenüber dem sozialpolitischen Gestaltungswillen des neuen Staates und der Arbeiterorganisationen zu schützen. Insbesondere wurde die aus der Psychologie eines in der Nachkriegszeit schwer bedrohten Mittelstandes verständliche Ratlosigkeit weiter Schichten als die Ursache zu politischen Verhetzungs- Möglichkeiten dargelegt. Gerade die Schule wurde als der ungeeignetste Ort für die Verbreitung unsachlicher politischer Angriffe bezeichnet. Der Redner kam daher zu dem Schluß, daß in Ausführung der Ministerialverordnung vom 4. August 1922 der Nationalsozialistische Schülerbund als eine in Propaganda und Tätigkeit staatsfeindliche Organisation an den Schulen verboten werden müsse. Bon einer Aufhetzung der etwa fünf oder sechs anwesenden Reichsbannerleute gegen die etwa 40 erschienenen Nationalsozialisten konnte also keine Rede sein. Die Herren fühlten sich dagegen bemützigt, ihrerseits Hilfskräfte ihrer Sturmabteilung hinznznholen und