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Central-Verein-Zeitung · 1930-01-17 · 3 (17.1.1930) · p. Seite 30

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
3 (17.1.1930)
Date
1930-01-17
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
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Der Weg des deutsdien Zionismus• Nach dem Delegiertentag des Zionistischen Vereinigung für Deutschland in Jena. Die Vorgeschichte. Der Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland in Jena endete, wie bereits rnitgeteilt, nach zweitägiger Dauer und nach harten Kämpfen, deren Ergebnis allerdings niemals zweifelhaft war, mit der Wiederwahl Kurt B l u m e n s e l d s zum Vorsitzenden der Z. V. f. D. und der Bildung eines Geschäftsführenden Ausschusses, in dem eine Reihe von Parteigruppen innerhalb der Z. B.. f. D. unvertreten blieben. Welches waren die Streitpunkte, die eine Einheitsfront verhinderten? Der nur schwach verborgene, alte Gegensatz gewisser Gruppen innerhalb der Z. V. s. D. zur Leitung kam im Anschluß an die Palästina-Ereignisse im August vorigen Jahres zum offenen Ausbruch. An den: Verhalten der „Jüdischen Rundschau" und ihres Redakteurs, Dr. Robert W e l t s ch, an den Proklamationen der deutschen zionistischen Leitung zu den Bluttaten der Araber, glaubten diese Gruppen den Geist der Schwäche, des Defaitismus, der Abkehr vom Politischen in besonderer Reinheit erkennen zu können, den sie für die sinkende Bedeutung des deutschen Zionismus und für seine Eigenbrötlerrolle innerhalb des Weltzionismus, wenn nicht sogar für die Möglichkeit derartiger Vorgänge in Palästina verantwortlich machten. Sie fühlten den ihnen verhaßten Geist des „Brith Schalom", jener zu Verhandlungen und zur Verständigung mit den Arabern besonders bereiten Gruppe in der Meineckestraße, und vermuteten, nicht unzutreffend, in W e l t s ch deren Mitglied. Am 16. September schieden Richard Licht- Heim, der Führer der Zionisten-Revisionisten, und Rechtsanwalt Dr. Max Kollenscher, einer der Führer der „Jüdischen Volkspartei", aus dem Geschüstsführenden Ausschuß des Z. V. f. D. Wenige Tage später eröffnete Kurt Blumenfeld in der „Jüdischen Rundschau" den Kampf gegen die Opposition und gleichzeitig für seine Politik und begann damit den Wahlkampf zum Jenaer Delegiertentag. Seine, späterhin von Weltsch ergänzte Polemik gegen die gegnerischen Gruppen ergibt seine eigene Stellungnahme: Verständigungspolitik gegen Machtpolitik in Palästina; Unterstellung der zionistischen Gemeindepolitik unter die Z. V. f. D. und nicht Selbständigkeit der Jüdischen Volkspartei; Vertiefung und nicht Veräußerlichung der zionistischen Ideologie; Einheitsfront gegen Spaltungsbestrebungen. Den Revisionisten wirft Blumenfeld vor, daß sie eine aussichtslose Machtprobe gerade in dem Augenblick versuchten, in dem stärkste Zusammenfassung für die Erhaltung des Werkes in Palästina notwendig sei. Sie und ebenso die Kollenscher-GruPpe, die die nächsten Monate innerzionistischem Kampfe Vorbehalten wollen, würden eine Schädigung der zionistischen Organisation herbeiführen. . Dann stellt Blumenseld die Lage in Palästina dar. Balfour-Deklaration plus historische Verbundenheit plus Leistung ergäben: „von Rechts wegen und nicht aus Duldung in Palästina leben zu dürfen". Leise klingt dann eine Unterscheidung an, die später in Jena sehr umstritten werden wird: die zwischen dem Endziel der politischen Hoffnungen, das man vor allem für die Propaganda des zionistischen Gedankens braucht, und dem Ziel der nächsten 30 Jahre. Der Zionismus stehe immer noch aus dem Boden der Karlsbader Beschlüsse vom September 1921 und sei entschlossen, „mit dem arabischen Volk in Einigkeit und gegenseitiger Achtung zu leben und zusammen mit ihm die gemeinsame Heimat zu einem blühenden Gemeinwesen zu entwickeln, dessen Aufbau jedem seiner Völker? eine ungehinderte nationale Entwicklung sichert". Einen Bruch mit der — englischen — Mandatsregierung erstrebe niemand. Ohne Schutz der Negierung sei k e i rt, e Garantie für die Entwicklung des Landes. Eine sehr offen und ebenso rücksichtslos geführte Diskussion schließt sich Blumenfelds Veröffentlichung an. Kollenscher begründet seinen Austritt aus dem Geschäftsführenden Ausschuß. Der politische Zionismus müsse neu erweckt werden. Die Haltung gegenüber den Arabern sei viel zu schlapp. Später aber wird klar, daß letzten Endes die Gegensätze in der Auffassung über die von zionistischer Seite zu verfolgende Gemeindepolitik in Deutschland zur Spaltung führten. Die misrachistische Gruppe läßt sich durch Dr. Aron Barth vernehmen, der die Frage bejaht, daß die Auslösung des Z. V. f. D. in eine territorische Arbeitsgemeinschaft erstrebenswert sei. Dr. L. L e i b o w i tz, Führer der misrachistischen Jugendorganisation, wünscht eine stärkere Betonung des geistig-ethischen Zionismus im Gegensatz zum nationalistisch-macht- Politischen. So standen die Gruppen, als sie nach Jena gingen. Weizmanns Bericht* Zwei Referate standen auf der Tagesordnung: „Die Politische Situation im Zionismus und in Palästina", also der außenpolitische Bericht, und der innerpolitische „Die zionistische Arbeit in D e u t s ch l a n d". lieber jenes sprach der Präsident der zionistischen Weltorganisation, Professor Chajm Weizmann, dieses behandelte Kurt Blumenfeld. Weizmanns Anwesenheit gab der Tagung eine über den deutschen Zionismus hinausreichende Bedeutung. Schon der Beginn der Tagung zeigte die starke Spannung. Die Opposition beantragt, Weizmann und Blumenfeld unmittelbar nacheinander zu hören, um über beide Referate gemeinsam zu diskutieren. Blumenfeld widerspricht. Die erste Abstimmung: 85 :48 Stimmen. Es bleibt bei der Tagesordnung der Leitung. Die Kräfteverteilung ist geklärt, der Delegiertentag eigentlich bereits entschieden. Weizmann hält keine große Rede, er gibt einen Bericht. Mit der Balfour- Deklaration ist dem Zionismus eine Chance gegeben worden. Er hat sie genutzt. Drei Probleme stehen zur Erörterung: Wie verhält sich der Zionismus zu England, wie zur öffentlichen Meinung der Welt, wie zu den Arabern. Die öffentliche Meinung, sagt Weizmann, ist für den Palästina-Aufbau. Sie hält es mit der Zivilisation für unvereinbar, daß es nur zwei Gruppen von Ländern geben soll: solche, die Juden schlecht behandeln, und solche, die Juden nicht hineinlassen. Die M a n d a t s m a ch t, England, steht zum Mandat. Erst vor wenigen Tagen haben drei Mitglieder des englischen Kabinetts von 1917, Balfour, Lloyd George und Smuts, in den „Times" einen Brief veröffentlicht, in den sie Englands Verpflichtung, die Deklaration dem Buchstaben und dem Geiste nach zu erfüllen, unterstreichen und Vorschläge machen, wie diese Verpflichtung erfüllt werden könne. Schließlich die A r a b e r f r a g e. Die Versammlung wird erregter. Bis hierher gab es kaum Streitpunkte, allenfalls über die Frage, ob die Engländer heftiger oder sanfter an ihre Mandatspflicht erinnert werden müßten. Um der Araberpolitik willen aber sitzen die Delegierten hauptsächlich hier. Weizmann tadelt sehr deutlich den Brith Schalom, besonders Bergman und Magnes. Weltschs Gegner klatschen. Weizmann fährt fort: „Wir sind f ü r Verhandlungen." Nun ist der Beifall auf der Linken. Aber der Nachsatz, mit erhobener Stimme: „Aber zur rechtem Z e i t u n d im richtigen Gei st" verschiebt wieder die Beifallsgruppierung. Die Grundlage der ganzen Existenz, führt Weizmann aus, ist das Recht, in Erez Israel das nationale Heim aufzubauen. Wir sind von Frieden getragen, in Frieden erzogen. Wir dürfen unseren ersten Schritt nicht mit einer Ungerechtigkeit gegen die Landesbevölkerung verknüpfen. Den Arabern sagt Weizmann: „Wir kommen in unserem Rechte und nichts wird uns davon abbringen hinzugehen. Wir wollen mit ihnen ein gemeinsames Vaterland aufbauen. Wir werden alles tun, um Annäherungsflüchen und Berührungspunkte herzustellen. Aber dazu gehören zwei. Nicht wir allein können es machen, es liegt auch an ihnen, das zu verstehen. Wir brauchen sie, und sie brauchen uns. Weizmann verliest die Instruktion, die er Sacher und Nuppin für ihre Vernehmung in Jerusalem vor der englischen Untersuchungskommission erteilt hatte: Sie besagt, daß der Zionismus die Durchführung des Mandates und die Freiheit der Einwanderung in Einklang mit der ökonomischen Entwicklung des Landes wolle. Diese Entwicklung solle von der Mandatarmacht gefördert und die Gesetzgebung dazu im Sinne des Mandats ausgebaut werden. Ob dies zu einer Majorität führen werde, sei schwer vorauszusagen. Aber die Zionisten wollten niemanden beherrschen und von niemandem beherrscht werden." Den Gedanken des „kulturellen Heims" lehnt Weizmann mit st a r k e r I r o n i e ab. Eine „nationale Heimstätte" ist versprochen worden, keine kulturelle. Wir wollen keinen Ersatz. Zum Schluß: Aufforderung zur Einigkeit. Letzten Endes bestehen nur taktische Differenzen. Die großen Schwierigkeiten, die bevorstehen, schrecken nicht. Großes im Verlaufe der jüdischen Geschichte wurde überwunden. Gott wird weiterführen. Weizmann, dem starker Beifall dankte, bleibt neben der Rednertribüne am Tische des Präsidnrms. Wenn man ihn über die Grundbegriffe seiner zionistischen Ideologie befragte, er würde antworten: Es gibt ein Land, Erez Israel. Auf das gab man den Juden ein Recht und ein Versprechen. Recht und Versprechen müssen durch Arbeit zur Wirklichkeit werden. Wird die Arbeit gestört, arbeitet weiter, wird sie zerstört, fangt von vorn an. Was soll da eine großartige Ideologie? Diese Jllusions l o s i g - k e i t des Führers winkte in der Verwirrung als erlösende Idee. Und nur langsam fand man in der Diskussion den Weg von der Realität zur Ideologie. Und dann waren alle Begriffe wieder wankend. Jeder konnte jeden Opportunisten, Realpolitiker, Illusionisten, Defaitisten, Optimisten nennen, und jeder hatte recht. Weizmann hört zu, und manchmal unterbricht er mit einer sokratischen Frage einen Redner. Daß wir Palästina als nationales Heim eines jüdischen Volkes nicht ansehen, auch in Zukunft nicht ansehen werden, wie wir es in der Vergangenheit nie als solches betrachtet haben, bedarf keiner erneuten Unterstreichung. Vom Standpunkte des gesunden Menschenverstandes aber, von der Grundeinstellung freiheitlicher Weltanschauung und einem von jedem nationalen Einschlag völlig freiem jüdischen Empfinden für die, -denen Palästina aus Gründen, die für uns deutsche Juden nicht gelten, Heimat ist oder werden soll, muß ausgesprochen werden, daß bei aller absoluten Ablehnung des nationalen Heimes Weizmanns Araberpolitik als zweckmäßig bezeichnet werden muß.

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