Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 3 (17.1.1930)
- Date
- 1930-01-17
- Page
- Seite 29 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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„Unseren gefallenen Kameraden.” Gedenkbudi für die im Weltkrieg gefallenen Münchener Juden. In der nationalsozialistischen Presse werden die Beschimpfungen unserer jüdischen Gefallenen immerfort wiederholt. Es gibt kein besseres Mittel zur Entkräftung der niedrigen Verleumdungen unserer Helden, als die Veröffentlichung ihrer Briefe, deren einfache Sprache wirksamer, als grosse Lobreden es vermögen, den Geist wiedergeben, in dem die jüdischen Soldaten für ihr Vaterland in den Krieg gezogen und gefallen sind. Die Ortsgruppe München des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten hat kürzlich ein derartiges Erinnerungsbuch erscheinen lassen. Nachstehend würdigt Reichswehrminister a. D. Dr. Otto Gessler in schlichten Worten dieses kleine Werk. Die Schriftleitung. Das ungeheure Geschehen des Weltkrieges hat das Einzelschicksal in seinen: Leben und Sterben, seiner Pflicht und seiner Ehre, seiner Not und seinem Tod scheinbar ganz verschüttet. Das Symbol dieser Tatsache ist das Denkmal des unbekannten Soldaten. Allein dem Bedürfnis der Anhänglichkeit und der Treue gegen unsere Toten vermag dieses Abstraktum nicht zu genügen. Wir sehen deshalb überall, je mehr wir uns von dem unmittelbaren Erleben des Krieges entfernen, das Streben, dem einzelnen in dem Verband, in dem er lebte oder starb, sein Recht zu wahren. Nicht nur in Denkmälern von Stein und Erz, sondern noch lebendiger in dem Bemühen, die Erinnerung an die persönliche Leistung den Nachfahren zu erhalten. Diesem Bedürfnis verdanken wir zahlreiche Geschichten einzelner Truppenteile, die schöne Sammlung der Kriegsbriese gefallener Studenten, demnächst eine Sammlung aus den Werken gefallener Dichter und Künstler. Schon im Jahre 1920 hat der Nürnberger Rabbiner Dr. Freudenthal, dessen Sohn im Weltkrieg sich die goldene Tapferkeitsmedaille errungen hat, ein Gedenkbuch der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg herausgegeben: neben schlichten Lebensbeschreibungen der Toten sehr eindrucksvolle Auszüge aus Briefen und Tagebüchern. Dem Nürnberger Beispiel ist jetzt auch die Münchener Ortsgruppe des Neichsbundes jüdischer Frontsoldaten gefolgt. Ihr Erinnerungsbuch: „Unseren gefallenen Kameraden" soll sein ein Buch der Erinnerung, des Dankes, der Mahnung und des Trostes. Das Buch ist ein wertvoller Beitrag zu dem tapferen Kampfe, den der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten seit Jahren für die Ehre der im Weltkriege gefallenen deutschen Juden führt, und ich habe es gern übernommen, dieses Buch hier anzuzeigen. Jedem, dem es um des Vaterlandes willen ernst ist mit der Befriedung unseres politischen Lebens, wird sich über diese würdige Art der Abwehr freuen müssen. Ich habe das Buch mit größter Teilnahme durchgelesen. Neben manchen bekannten Namen habe ich auch einzelne vermißt von gefallenen Münchenern, so daß die Zahl der Blutopfer der Münchener Juden kaum erschöpft sein dürfte. Immer wieder drängt sich beim Lesen gerade solcher Bücher die Frage auf nach dem letzten Sinn des Weltgeschehens und des Sterbens dieser Jugend, das wir erschüttert erlebt haben. Resigniert möchte man mit dem Dichter sagen: „Ja, der Krieg verschlingt die Besten, dem: Patroklus mußte sterben und Thersites kehrt zurück." Aber lehnt nicht gerade auch dieses Buch in seiner schlichten Einfachheit, in dem festen Glauben, der aus den Kriegsbriefen spricht, diesen Gedanken müder Resignation ab, und die schöne und starke Einleitung spricht als Mahnung deutlich aus, daß es Sache der U e b e r l e b e n d e n i st, d a f ü r S o r g e 5 u tragen, den Tod der Gefallenen nicht als vergeblich erscheine!: zu l a s s e n : „Wir können heute und in Zukunft nichts Besseres tun, als diesen Blättern zu entnehmen, wie schlichte Lebensführung, treue Pflichterfüllung die Menschen zu einer heiligen Gemeinschaft einen kann." Eine derartige Gemeinschaft wäre in der Tat unzerbrechlich, und ein Volk, das auf diesem Grunde die Grenzen der Gemeinschaft ziehen kann, hätte die beste Garantie seiner Zukunft. Ich weiß nicht, wie weit das Beispiel von Nürnberg und München Vorläufer oder Nachfolger gefunden hat. Mir schiene dies wichtiger zu sein als viele eitle Klopffechtereien des Tages. Dr. 0. Gessler. „Apollo Srunnenstraße." Stefan Großmanns unü Zranz Hessels volksstück in öer berliner Volksbühne. Die Aufführung. Aufgeschreckt durch Alfred K e r r s, Alarmruf im „Berliner Tageblatt" haben auch wir uns das Volksstück der Herren Stefan Großmann und Franz Hessel angesehen. Schön war es nicht. Weder das Stück als solches noch die Sonderrolle, die darin der Herr Generaldirektor Landsberger spielt. Aber wir haben auf Berlins Bühnen schon andere Dinge über uns ergehen lassen müssen, ohne daß die große Presse uns in unserem Kampf gegen solche Auswüchse unterstützt hätte. Wir haben stets gegen die Ueberempfindlichen in unseren Kreisen gekämpft, die zwar sehr erfreut sind, wenn jemand sagt: „Das Familienleben ist bei allen Juden vorbildlich", oder „An dem Wohltätigkeitssinn d e r Juden kann sich jeder ein Beispiel nehmen", die aber verletzt sind, wenn es ein andermal vielleicht heißt: „Alle Juden haben einen ausgeprägten Erwerbssinn". Entweder weisen wir jede Verallgemeinerung zurück — und das scheint mir das Richtige zu sein — oder aber wir müssen uns auch einmal mit einer Verallgemeinerung abfinden können, die nicht Zu unseren Gunsten spricht. Gewiß, die Volksbühne sollte gerade bei der Zusammensetzung ihres Publikums auf derart billige Späße verzichten. Aber die Autoren des Volksstückes finden auch recht boshafte Bemerkungen gegen den Antisemitismus. So schlecht ist der Herr Landsberger gar nicht. Er ist nicht schlechter als das ganze Stück, das bald vom Spielplan verschwinden wird. Das Traurige an dieser Angelegenheit scheint uns zu sein, daß die Volksbühne derart ^ur Volksverdummung beitrügt. Ein paar nette Einfülle werden über vier Stunden in einer regiemäßig und schauspielerisch sehr beachtlichen Aufführung ausgewalzt. Die Arbeit wäre einer besseren Sache würdig gewesen. Danken wir der Volksbühne für die „Affäre Dreyfus" und sehen wir über die Entgleisung hinweg. Or. Das Textbuch. Unser Sehr.-Mitarbeiter, der die Vorstellung besucht und das als Manuskript gedruckte Textbuch „Sturm auf Apollo", im Vorraum der Volksbühne ausgestellt, gelesen hat, schreibt uns: Es soll Herrn Großmann unbestritten bleiben, daß er das Recht hat, in einem Volksstück jüdische Typen zur „Belebung" des Milieus lebenswahr aus die Bühne zu bringen: Man muß sogar gegenüber abfälligen Bemerkungen eines bekannten Berliner Kritikers an dem Juden Großmann feststellen, daß er das Ehepaar Levy in der baufälligen Mietskaserne in der Brunnenstraße wohnen läßt und dadurch offensichtlich zeigen will, daß der ausbeuterische Landsberger bei seinem edlen Wirken aus die jüdische Religion selbstverständlich keinerlei Rücksicht nimmt. Aber ist es nötig, die Levys in widerlichstem Jargon mauscheln zu lassen? Ist das nötig, um die Lebenswahrheit des Milieus zu bekräftigen? Rings um mich herum haben nichtjüdische Herrschaften gesessen: sie haben über jeden schnoddrigen Berliner Witz gelacht, den mauschelnden Levys standen sie verständnislos gegenüber. In der Brunnenstraße, in einem baufälligen Hinterhaus, das wissen diese Leute aus eigener Erfahrung, wohnen solche Levys nicht. Die jüdischen Mittelstands¬ und Arbeitsleute, die dort ihr Leben fristen rnüssen, haben sich vollständig akklimatisiert und „icken" und „detten" genau so wie ihre christliche Umwelt. Freude an diesen Gestalten hat nur der Judengegner, der jüdische Menschen auf der Bühne so sehen möchte, wie sie Stefan Großmann darstellt, wie sie aber in Wirklichkeit nur in abgeschlossenen Judenvierteln zu finden sind. Den Stein des Anstoßes, Bild 6: „S t u r m a u f A p 0 l l 0", h a t G r 0 ß m a n n aus der Berliner A u f f ü h r u n g e n tfernt. Man kann wohl sagen, daß der kluge Herr Großmann gewußt hat, weshalb. Im 6. Bild ist, dem Textbuch nach, das Verhalten des jüdischen Filmdirektors ein so abscheuliches und niederträchtiges den armen Filmmädchen gegenüber, die auf eine Statistenrolle warten, daß jedem anständigen Menschen ein Ekel ob der sittlichen Verkommenheit dieses lumpigen Menschen angeht. Da man das Manuskript nicht nur verkauft, sondern auch den Theaterdirektionen zur Aufführung anbietet, ist es durchaus möglich, daß in der Provinz das 6. Bild nicht herausgeschnitten wird. Daher darf man wohl mit aller Entschiedenheit fordern, daß aus dem Manuskript das 6. Bild gestrichen wird, bevor man es den Theaterdirektoren anbietet.