Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 3 (17.1.1930)
- Date
- 1930-01-17
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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2S fius öen Vortragssälen. die man vor Weihnachten die Eingabe gerichtet hatte. Auch ins Hersbruck treiben die Nationalsozialisten praktische Sozialpolitik, indem sie entgegen ihren Wahlversprechungen Anträge aus Weihnachtsbeihilse im Stadtrat niederstimmen. Anderwärts wiederum, wie in Stralsun d, gebärdet man .sich als „Helfer für die Erwerbslosen in der Jnflationsrepublik". In P i r m a s e n s und Kaiserslautern stellt man ähnliche Dringlichkeitsanträge, die die „Pfälzische Freie Presse" als „schlechte Lehrlingsarbeit" und „demagogisches Machwerk" bezeichnet. Was kümmert es die Partei, wenn über ihren unerfüllbaren Forderungen eine Stadt zusammenbricht. Die Koburger Mißwirtschaft hat die Regierung von Obersranken nunmehr veranlaßt, die Zwangsetatisierung der Stadt Koburg durchzuführen. Steuern und Abgaben werden rückwirkend erhöht, darüber hinaus aber wird eine Verwaltungskostenabgabe, die sogenannte Kopfsteuer, eingeführt. Alle seit dem 1. November 1929 in Koburg wohnenden selbständigen Personen über 21 Jahre müssen diese Verwaltungskostenabgabe in Höhe von 6 Reichsmark entrichten. Die nationalsozialistische Stadtratssraktion aber sucht die Wähler abzulenken: ste demonstriert im Stadtrat, nicht etwa, indem sie Wege zur Vermeidung der Kopfsteuer zeigt; sie verläßt vielmehr die Stadtratssitzung nach langen Debatten, weil. . . Polizei in: Rathaus ist. Diese Verantwortungsfreudigkeit mögen die Koburger Nationalsozialisten von ihrem früheren Führer, dem jetzt in Ludwigshafen tätigen Rechtsanwalt Z i p p e r l i n, gelernt haben. Der hatte einmal ein nationalsozialistisches Blatt in Stafselstein „St. Georg" redigiert und war deshalb gewiß befähigt, den Kampf gegen den Drachen Korruption zu führen. Wie er das tat, erzählt die „Münchener Post" vom 7. Januar 1930. Da werden Gerichtsurteile zitiert, die Honorarvereinbarungen dieses Anwalts für anfechtbar erklärten, weil sie widerrechtlich mit Strafanzeige erzwungen waren; da wird von Disziplinarverfahren aus der Zeit gesprochen, als Herr Zipperlin noch als Richter amtierte. Da wird vor allem von der Privatklage berichtet, die Herr Rechtsanwalt Zipperlin wegen ehrenrühriger Vorwürfe gegen den Schriftleiter der „Münchener Post" anstrengte, aber leider nicht durchführte, weil er den Antritt des Wahrheitsbeweises fürchtete. Man wirft der Hitler-Bewegung mit Recht vor, daß sie gar zu viele kriminelle Elemente in ihren Reihen habe. Aber wir haben nie verkannt, daß auch junge Menschen aus irregeleitetem Idealismus den Fahnen der Sturmabteilungen folgen. In diesen Tagen ist Werner T echo w, ein Mittäter am Rathenau-Mord, aus dem Halleschen Gefängnis entlassen worden. Ob er in den iy2 Jahren seiner Strafhaft sich besonnen hat? Wir wissen es nicht. Aber als lebendiges Symbol des Judenhasses, der die Köpfe der politischen Attentäter verwirrte, standen im Wartesaal des Hauptbahnhofs Halle vor dem eben der Freiheit Wiedergegebenen zwei nationalsozialistische Führer und begrüßten ihn. Ein Trupp Nationalsozialisten, der mit Musik zum Bahnhof gezogen war, erreichte den nicht mehr, den man mit dem Aufzug feiern wollte. Die „Weisen von Zion", die Bibel der Rathenau-Mörder, das geistige Rüstzeug zur unseligen Tat; nationalsozialistische Fanfaren als Empfang am ersten Freiheitstag nach der Sühne! Arme Jugend, die diesen Tönen folgt! Dr, Hans Reichmann. Katholizismus und Judentum. u eberfüllte C-B. Aufklärrmgsverfammlimg in Köln. Kein Zweifel, wir fxnb in Köln ein gut Stück vorwärts gekommen. Die Arbeit des C. V. interessiert heute weite Kreise der Bevölkerung, und seine Veranstaltungen üben eine starke Zugkraft aus. Die Ortsgruppe hatte die Kölner Bürgerschaft zu einer öffentlichen Versammlung für den 9. Januar in den großen Festsaal der Harmonie" aufgerufen. Als Redner hatte sich der bekannte katholische Wissenschaftler Professor Dr. Carl Maria Kaufmann (Frankfurt a. M.) zur Verfügung gestellt. Am Abend strömte eine endlose Menschenwelle in den Saal, so daß die Polizei lange vor der angesetzten Eröffnungszeit den Saal wegen Ueberfüllung schließen mußte und große Scharen keinen Einlaß mehr fanden. Rechtsanwalt Dr. Heinrich Frank leitete die Versammlung und wies in seiner Begrüßung auf das seit Jahren bestehende gute Verhältnis zwischen Juden und Christen am Rhein hin; der völkische Antisemitismus sei eine Gefahr für die sittlichen Gedanken, der Nationalsozialismus ein Abfall von der alten rheinischen Tradition. Dr. Kaufmann ging in feiner Rede von der Grundauffassung des Katholizismus aus, der im Judentum keine nationalen oder „rassischen" Bindungen, sondern nur eine Neligionsgenreinschaft erblicken könne. Katholizismus und Judentum seien durch ihre im Alten Testament gegebene gemeinsame Grundlage, das auch die Voraussetzung für das Neue Testament sei, eng verbunden. Auch der gemeinsame äußere Feind, die völkische Bewegung, verbinde Katholiken und Juden. Die dritte Parallele Zwischen Juden und Katholiken erblickte der Redner in den Leiden und Verfolgungen um des Glaubens willen, die Juden wie Katholiken im Laufe der Geschichte immer wieder durchleben mußten. Der Katholizismus habe politische, bürgerliche und persönliche Toleranz geübt, deshalb habe der Judenhaß in katholischen Ländern und Gegenden den geringsten Erfolg. Der deutsche, und insbesondere der rheinische Jude habe sich als Staatsbürger bewährt, und tausendjährige Verbundenheit mit deutschem Land, Geistesleben und Schicksal könne nicht einfach durch ein völkisches Schlagwort weggewifcht werden. Die katholische Kirche kenne keinen Judenhaß, sondern fordere Liebe. Der Judenhaß müsse daher als unchristlich abgelehnt werden. Verschiedene Versuche eines Trupps anwesender Nationalsozialisten, durch ungezogene Zwischenrufe die Versammlung zu stören, scheiterten an dem Willen der Zuhörer. Ein Schreier konnte in Ruhe herausgebracht werden, im übrigen brauchte die Polizei nicht einzugreisen. Die Veranstaltung kann in unserem Streben, dem inneren Frieden zu dienen, als Erfolg gebucht werden. j—i. Die Juden in der Wirtschaft. Vortrag Dr. Holländers in Hannover. Die Last einer wirtschaftlichen Krise von fast unabsehbarem Ausmaß wuchtet schwer über Deutschland. Kein Wunder darum, daß auch die deutschen Juden, die ihrer überwiegenden Zahl nach einem besonders schwer getroffenen Wirtschaftskreis, dem Mittelstand, angehören, mit wachsendem Interesse die Entwicklung der wirtschaftlichen Lage, ihrer Nöte, und die Möglichkeiten der Gefahrenüberwindung verfolgen. Der starke Besuch eines Vortragsabends, der am 9. Januar in Hannover stattsand und den Festsaal des alten Rathauses bis auf den letzten Platz füllte, bewies die Anteilnahme an diesen lebenswichtigen Fragen von neuem. Dr. Ludwig Holländer sprach über den jüdischen Deutschen in der Wirtschaft und behandelte insbesondere folgende Punkte: Wirtschaftliche Stellung. Lage des Mittelstandes. Gründe des Absinkens. Boykott und Vohkottabwehr. Geistig-seelische Einstellung als Bedingung zum wirtschaftlichen Erfolg. Umstellung in Berufswahl und Verufsausübung. Auswanderung. Die guten Ratschläge. Die Zukunft. Die Darlegungen fanden namentlich auch auf Grund ihres praktische bedeutsamen Inhaltes besonderes Interesse. Judenhaß und deutsche Not! Von der Tagung des Bezirksverbarrdes Saar des C. 2*. Am 8. Januar d. I. sprach Rabbiner Dr. S. L e v i (Mainz) in Saarbrücken über „Judenhaß und deutsche Not". Er hatte ein sehr zahlreiches und interessiertes Publikum, das dem vortrefflich aufgebauten und außerordentlich scharf und klar gegliederten und durchgeführten Vortrag bis zum letzten Wort mit Spannung lauschte. Dr. Levi Zeigte besonders die geistige und kulturelle Not aus, die der Judenhaß durch die Verengung der Hirne und der Herzen und durch die Hinlenkung aus pseudowissenschaftliche, also innerlich unwahre Begründungen der Instinkte in weiten Kreisen des deutschen Volkes anrichte, indem er Zur Gewaltbejahung, zur Ertötung der Wahrheitsliebe und zum geistigen Rückschritt führe. Unter starkem Beifall rief der Redner am Schlüsse Zur Mitarbeit des einzelnen im Kamps gegen diese Erscheinungen aus. Der Prozeß des Hauptmanns Dreyfus. Ein Vortrag von Dr. Bruno Weil. Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil, der stellvertretende Vorsitzende des Centralvereins, sprach am 13. Januar im Rahmen der Montagsvorlesungen der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums zum Besten ihres Stipendienfouds über den Prozeß des Hauptmanns Dreyfus. Zahlreiche Zuhörer, darunter auch Vertreter des Kuratoriums, lauschten gespannt den fesselnden, in rhetorischer Vollendung vorgetragenen Ausführungen. Der Prozeß um Dreyfus, der die Tonleiter aller dramatischen Spannungen und Verwicklungen herunterspielt und der letzten Endes einen Kampf um die Vorherrschaft von militärischer oder bürgerlicher Gewalt darstellte, bildet einen Markstein in der Geschichte der Juden Frankreichs. Der Antisemitismus, der in Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts begann, trieb zur Zeit des Dreyfus-Prozesfes schlimmste Blüten, verschwand aber, nachdem die Unschuld des Hauptmanns völlig bewiesen und die ganzen Intrigen entschleiert worden waren, fast völlig, um nicht wieder aufzuleben. Trotz der feindlichen Stimmung, die sich in dem katholischen Frankreich gegen den jüdischen Elsässer, den ersten Juden, der eine verantwortungsvolle Stellung im Generalstab bekleidete, breitmachte, erstanden dem Unglücklichen, der fünf furchtbare Jahre auf der Teufelsinsel verbringen mußte, Freunde, die, von einem wahren Gerechtigkeitsfanatismus getragen, ihre ganze geistige Kraft und all ihren Einfluß für die Rehabilitierung des unschuldig Verurteilten einsetzten. Namen wie Zola, Clemonceau, Jaures, Scheurer-Kestner und viele andere werden unvergessen bleiben. Dr. Weil schloß seine Ausführungen mit dem Wunsche: es möge jeder, der in ähnlich tragische Verwicklungen gerät, ebenso selbstlose Verteidiger finden wie Dreyfus. H. K. * Dr. Weil bereitet ein Buch über den Prozeß Dreyfus vor, bei dem erstmalig Akten des deutschen Auswärtigen Amtes verwertet werden.