Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 3 (17.1.1930)
- Date
- 1930-01-17
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
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Spieglei«,Spieglein an derWand Hindenburg verklagt Goebbels. — Reventlow gegen die „Hindenburg- SentimentaiitSS — Der Handel um den Thüringer Ministerposten. — Am die Erwerbslosenbeihilfe in Hersbruck. — Nationalsozialisten begrützen den entlassenen Rathenau-Mörder. Die Nationalsozialisten Pflegen in heißer Versammlungsschlacht mit pathetischem Schwung ein Wort des Reichspräsidenten Zu zitieren: „Die Treue ist das Mark der Ehre!" Eine Zeitlang stand auch die NSDAP, zum Reichspräsidenten, den ihre Anhänger hatten wählen Helsen. Plötzlich beschimpft man ihn, nur weil er eine selbständige politische Haltung hat und nicht gewillt ist, dem nationalsozialistischen Unfug Vorschub zu leisten. „Die Treue ist das Mark der Ehre!" Vielleicht fragen sich Dr. Goebbels und Graf Reventlow jetzt, wie es um ihre Ehre steht. Herr Goebbels leistete sich in seinem „Angriff" die Geschmacklosigkeit, den von allen Kreisen des deutschen Volkes hochverehrten Reichspräsidenten als Karnevalsfigur mit Wotanshörnern zu zeichnen, und er erlaubte sich 31t -fragen: „Lebt Hindenburg noch?" Der Strafantrag des Reichspräsidenten folgte und gleichzeitig wurde Herr Goebbels „auf vier Wochen krank", lieberall las man, daß ein Strafverfahren angestrengt war, nur im „Eingriff" schwieg man beharrlich. Immer wieder kündete man an, daß man sich d e m n ä ch st zu dem Strafverfahren äußern würde. Herr Goebbels aber war wohl allzu krank, um diesem Versprechen nachzukommen. Jetzt endlich läßt er sich zu einer Erklärung herbei. Er schreibt einen großen Leitartikel über „Autorität" und bekennt sich in ihm zu dem Grundsatz, daß man einer überragenden Autorität auf irgendeinen! Gebiete immer mit dem gebührenden Respekt gegenübertreten müßte. Ob das eine Abbitte an Hindenburg oder ein Kotau vor dem Parteipapst Hitler ist, sagt uns Herr Goebbels nicht. Herr Hitler soll nämlich dem „Knaben Goebbels, der anfängt, ihm fürchterlich zu werden", kräftig auf die Finger geklopft haben. Wie Herr Goebbels sich die Autoritäts- Wahrung vorstellt, darüber möge man ihn selbst hören: „Auf den Strafantrag des Reichspräsidenten raste der Stammtischpöbel und spie Galle und Gift vor nationaler Empörung. Wir wurden von allen Seiten telephonisch und mündlich mit Fragen bestürmt. Wir hatten auf alle Anfragen nur die stereotype Gegenfrage: ,Sind Sie nicht unter Brüdern auch unserer Meinung?' Und darauf immer dieselbe Antwort: ,Ja gewiß, selbstverständlich. Aber so etwas sagt man doch micht! Der Zeitpunkt war taktisch schlecht gewählt. Hindenburg darf nicht angegriffen werden.' Warum darf Hindenburg nicht angegriffen werden? Ist er ein Gott?" Reventlow sekundiert seinem Reichstagskollegen Goebbels und unterstellt dem Reichspräsidenten, „die Partei der vaterlandslosen Sozialdemokratie und der jüdischen Demokratie mit seiner Neujahrsrede genommen" zu haben. „Mit der Hindenburg-Sentimentalität muß vollständig gebrochen werden", fordert Graf Reventlow. „Gefühle, die politisch auf eine so verhängnisvolle Bahn führen müssen, können nicht geschont werden, weil irgendein männlicher oder weiblicher Michel ein verkörpertes Idealbild nötig hat." Und warum gerät Herr Reventlow in solche Aufregung, daß er, der frühere aktive Offizrer, sich zu solchen bisher ungekannten Angriffen gegen den höchsten Offizier des alten und des neuen Heeres versteigt? Nun, der Herr Reichspräsident hatte in seiner Neujahrsansprache gewünscht, „daß P a r t e i g e i st und Interessen Politik hinter die großen vaterländischen Gesichtspunkte zurückgestellt werden und die Lebensfragen unseres Volkes alle Deutschen zu einer breiten einheitlichen Front z u s a m m e n s ch l i e tz e n". Das klingt schlecht in den Ohren eines Nationalsozialisten. „Wohl des Vaterlandes über Parteiinteresse", „einheitliche Front des ganzen Volkes" — solche Ziele kennen die Leute nicht, die das Wort „national" immer dann im Munde führen, wenn sie ihr Partei¬ oder ihr persönliches Interesse meinen. Oder ist es etwa nicht Parteiinteresse, wenn man als Gruppe, die den Parlamentarismus aufs schärfste bekämpft, in die Parlamente geht und dort den Kampf um Posten und Pöstchen mit allen Mitteln der Taktik und der Intrige führt? In Thüringen haben die sechs nationalsozialistischen Landtagsabgeordneten verhindert, daß entsprechend parlamentarischem Brauch die stärkste Partei, die S. P. D., den Landtags- Präsidenten stellte, dafür haben sie selbst den Posten des Zweiten Vizepräsidenten erhalten. Aber ihr Ehrgeiz zielt nach Höherem. Man verabscheut zwar das parlamentarische System und die „Futterkrippenwirtschaft", aber man drängt sich zur Futterkrippe besonders dann, wenn in ihr ein Machtsaktor in Gestalt eines Ministerpostens liegt. Schon dieser Kamps um die Parlamentarische Macht in Thüringen wird hoffentlich manchen Wähler stutzig gemacht haben. Man ging doch nur ins Parlament, um für das Volk zu retten, wa8 sonst die Mißwirtschaft der Linken vertan hätte. So las man es vor Tische. Man forderte z. B. v 0 r den Wahlen eine Weihnachtsbeihilfe für Bedürftige und verlangte in einem Schreiben an das Thüringer Landtagsbureau ihre sofortige Auszahlung. Am 7. Januar aber stimmten die Nationalsozialisten im Thüringer Landtag gegen einen sozialdemokratischen Antrag, 250 000 Mark für Bedürftige zu bewilligen. Begründung: es sei kein Geld da. Und man hätte auch zur gegenwärtigen Regierung kein Vertrauen. Merkwürdig! Denn die „gegenwärtige" Negierung war die gleiche, an Der Nationalsozialist Kick tatsächlich thüringischer Innenminister geworden. Nach vierwöchigen Verhandlungen wurde am 14. Januar endlich eine Einigung über die Bildung einer Negierung für Thüringen erzielt. In einem Kabinett aus drei Ministern und fünf Staatsräten erhalten die Nationalsozialisten einen Minister- und einen Staatsratsposten, damit ist die Hitler-Partei zum erstenmal im Reiche verantwortlich an einer Regierung beteiligt. Das Amt eines thüringischen Polizei- und Volksbildungsministers wurde dem Hitler- Putschisten und nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten Dr. Frick aus München übertragen, der wegen führender Anteilnahme am Novemberpntsch von 1923 und damit wegen Hochverrats gegen die deutsche Republik zu einem Jahre drei Monate Festungshaft rechtskräftig verurteilt wurde. Fr ick ist durch sein judenfeindliches Verhalten, durch fein Auftreten in der Oeffentlich-- keit als ein rücksichtsloser und fanatischer Nationalsozialist bekannt. In Thüringen soll Frick das nationalsozialistische Experiment versuchen. Da neben den beiden d e u t schon t i 0 n a l e n Vertretern im Thüringer Landtag auch noch der L a n.d b u n d als judengegnerisch bekannt ist, muß der kommenden Entwicklung unsere größte Aufmerksamkeit gewidmet sein. Unverständlich, daß die Deutsche Volkspartei einen Mann wie Frick, der einer Partei angehört, die noch heute ihren toten Führer Stresemann öffentlich in schamloser Weise beschimpft, als Minister bestätigen konnte. Da die Nationalsozialisten aber in Thüringen vor allem eine völkische Kulturpolitik durchführen wollen, wird sich bald zeigen, ob die eingegangene Freundschaft mit den Verkündern des dritten Reiches für die Volkspartei tragbar ist. Die Nationalsozialisten stellen außer einem Minister auch noch einen Staatsrat. Ursprünglich wollten sie den ganz radikalen Lehrer Wächtler als besoldeten Staatsrat für das Volksbildungsministerium haben. Dies bereitete aber wegen der Finanzlage Thüringens Schwierigkeiten, und so haben sie sich mit einem unbesoldeten Staatsrat abgesunden: Der Jlmenauer Handlungsgehilfe M a r s ch l e r , ein junger Mann ohne besondere Qualitäten, wird hierfür vorgeschickt. Obgleich der Reichssparkommissar in seinem jetzt veröffentlichten Gutachten erklärt hat, daß für Thüringen e i n Minister ausreiche, werden drei Ministerposten geschaffen (bisher zwei), da die Nationalsozialisten unbedingt einen Ministerposten haben wollten. Sie werden nun in Thüringen zu beweisen haben, was sie von ihrem großsprecherischen Programm in die Wirklichkeit umfetzen können. Die Regierungskoalition verfügt über 28 von 53 Stimmen. Von den 28 entfallen auf den Landbund 9, auf die Wirtschastspartei und die Nationalsozialisten je 6, die Volkspartei 5 und die Deutschnationalen 2 Stimmen. . Die Opposition setzt sich aus 1 Demokraten, 18 Sozialdemokraten und 6 Kommunisten zusammen. Obgleich die Sozialdemokratie als stärkste Partei den parlamentarischen Anspruch auf den Landtagsprüsidenten hatte, wühlte die neue Mehrheit ein Landbund-Mitglied zum Präsidenten und einen Nationalsozialisten zum Vizepräsidenten. Mit dieser Vergewaltigung parlamentarischer Gepflogenheiten wurde die Arbeit des neuen thüringischen Landtags eingeleitet.