Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 3 (17.1.1930)
- Date
- 1930-01-17
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2277379-2277676-2277679--05755-2286521- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2ö steht rrnter der Pflicht, dem kämpfenden Judentum -eizustehen. Noch ist das Opfer, das begehrt wird, nicht allzu groß. Jeder muß es leisten nach der Art seiner Kräfte. Ihr jüdischen Akademiker aber, die Ihr in der ständigen Uebung des Verstandes das Erbe nutzt, das Ihr dem Talmudeifer der Väter dankt, Ihr, die Ihr berufen seid, geistige Werte zu schaffen, wollt Ihr abseits stehen, wenn Ideen kämpfen, wollt Ihr fehlen, wo geistige Kräfte miteinander ringen? Ihr in erster Linie könnt uns helfen mit dem, was nicht käuflich ist, Ihr vor allem habt zu geben, was uns not tnt: Euch selbst, Eure Leistung, Eure Persönlichkeit! muß sich jeder von ihnen sagen, und die Parole, die das deutsche Judentum seinen studierenden Söhnen mit auf die Hochschule zu geben hat, muß lauten: Hinein in den Deutschen Studentenverband! * Rektor und Senat der Universität Frankfurt a. M. sind im laufenden Semester wiederholt mit erfreulicher Entschiedenheit der nationalsozialistischen Hetze auf ihrer Hochschule entgegengetreten. Vor einigen Wochen haben sie die dortige nationalsozialistische Studentengruppe verboten, jetzt wird bekannt, daß der Rektor an sämtliche eingetragenen Korporationen und Vereine folgendes Rundschreiben richtete: „Ich weise wie mein Herr Amtsvorgänger, durch einige Ereignisse der letzten Zeit veranlaßt, mit allem Ernst darauf hin, daß jeder Mensch, welches immer seine Nation und Nasse, scirre religiöse und politische Ueber- Zeugung oder sein Stand und seine Weltanschauung sein mag, voller Achtung wert ist, so lange er sich diese nicht selbst durch seine Handlungen verscherzt. Allen Angehörigen unserer Universität mache ich diese Achtung jedes ehrenwerten Mitmenschen und seiner Ueberzengung zur Pflicht. Der Rektor: Knntzel. wichtige Entscheidungen zum Kampf gegen denwirtjchastzboykott In Nr. 50 und 51 der „C. V. - Zeitung" vom 13. und 20. Dezember 1929 gaben wir eine Anzahl von Gerichtsentscheidungen bekannt, die sich gegen den Boykott jüdischer Geschäfte wenden. Nachstehend veröffentlichen wir weitere Entscheidungen, um unseren Mitgliedern den Kamps gegen derartigen Boykott zu erleichtern. Das Landgericht Bochum hat am 20. Dezember 1929 (3 Q 93/29) durch eine einstweilige Verfügung untersagt, zu einem Boykott Wittener Geschäfte, deren Inhaber Juden sind, aufzusordern. Es hat weiter untersagt, Flugblätter oder sonstige zur öffentlichen Verteilung bestimmte Schriften zu drucken, in denen zum Boykott der Wittener Geschäfte, deren Inhaber Juden sind, aufgefordert wird. Das Landgericht Augsburg hat am U. Dezember 1929 (II C 1379/29) die Beseitigung von Plakaten angeordnet, die nachstehenden oder ähnlichen Inhalt haben: „Kaust ihr beim Jud', das ist flicht recht, der Jud' ist Deutschlands Henkersknecht. Unterstützt den deutschen Gewerbestand, dann bleibt euer Geld in deutscher Hand." Ebenso wurde verboten, Veröffentlichungen der Plakate mit dem vorstehenden Zitat anzubringen oder anbringen zu lassen. Das gleiche Verbot erstreckt sich aus nachstehende Kundgebung folgenden oder ähnlichen Inhalts: „Wer beim Juden kalift, wer einen Juden irgendwie unterstützt, ist ein Feind seines Volkes, der ist ein Volks- und Vaterlandsverräter. Willst du das sein?" Das Landgericht Aachen hat am 23. Dezember 1929 (2 Q 171/29) unter anderem durch einstweilige Verfügung folgendes Verbot erlassen: „Zum Boykott der Firma X aufzufordern, insbesondere auch mit Aeußerungen wie folgende: Ind wieder sucht der Jude, der über unfern Christusglauben lacht und spottet, ein Riesengeschäft daraus zu machen*, und weiter ,Laßt euch nicht täuschen, hinter diesem Warenhausflimmer steht die typischste Ausgeburt jenes Volkes, das vor bald 2000 Jahren Christus ans Kreuz schlug: das brutale internationale jüdische Kapital? Meidet den Juden, bei jedem Handel mit ihm seid ihr die Hereingefallenen und nicht der Jude, der seit einigen 1000 Jahren Hebung genug im Betrug erworben hat. Wer beim Juden kauft, handelt widersinnig, dumm und gewissenlos?" OerWille des Volkes: oberstes Gesetz. Ein Nachwort zur Tagung des Deutschen Gtudentenverbandes. Von Dr. Werner Vosenöerg. In der letzten Zeit haben wir öfter von den Triumphen des Nationalsozialismus ans den Hochschulen und den fast gleichzeitig mit seinem Aufblühen an vielen Orten einsetzenden unwürdigen Ausschreitungen berichten müssen. Es ist erfreulich, einmal andere Töne anklingen zu lassen und festzustellen, daß diese Entwicklung auch ihr Gutes gehabt hat. Immer mehr stellt sich heraus, daß die Erfolge der nationalsozialistischen S tu deute ng ruppe n ha u p tsachl ich aus Kosten der völkischen Deutschen Studentenschaft errungen sind. Resigniert klagt die „Deutsche Wrdemikerzeitung" vom 1. Januar d. I.: „Das starke Machtinstrument, das Die Studentenschaft, so lange sie staatlich anerkannt war, darstellte, ist so gut wie zerschlagen. Uneinigkeit in den Reihen der Studentenschaft selbst tritt immer mehr und mehr hervor, die Zersplitterung in Gruppen und Grnppchen, in Parteien und Parteichen wird immer stärker. Ein rücksichtsloser Kampf der nationalsozialistischen Studentengrupen hat begonnen. Diese versuchen, immer mehr die deutsche Studentenschaft und jede Einzelstudentenschast in ihre Machtsphäre zu bringen." Die Furcht vor der nationalsozialistischen Konkurrenz treibt die Deutsche Studentenschaft von Tag zu Tag stärker in ein radikales Fahrwasser, dessen viele Klippen und Untiefen das ohnehin schon lecke Fahrzeug verderben mästen. Bereits verlassen viele das sinkende Schiss, ganze Gruppen und Verbände sagen sich von ihr los: die Korps zu Kiel e r k l ü r e n ihren Abtritt aus der örtlichen Studentenschaft, die volksparteilichen Hochschulgruppen lehnen jede weitere Mitarbeit ab. Aus der anderen Seite bringen uns, nicht zuletzt auch als Reaktion auf die nationalsozialistischen Exzesse, diese Tage das Erlebnis einer Aktivität und energischen Konzentration der nichtvölkischen, den heutigen Staat freudig bejahenden Studentenschaft, wie wir sie seit den unvergessenen Tagen der Frontstudenten von 1919 nicht mehr gesehen haben. 28 000 im Deutschen Studentenverband vereinigte Studierende aller Hochschulen des deutschen Sprachgebiets ließen ihre Delegierten vom 9. bis 12. Januar d. I. zum ersten größeren Studententag in Berlin Zusammentreten. Es zeigte sich, daß eine starke und entschlossene Bewegung von den akademischen Gruppen des Zentrums bis zu den Studenten der S. P. D. mit Einschluß verschiedener Korporationsverbände gewillt ist, dem weiteren Vordringen des Hakenkreuzes auf den Hochschulen ein entschiedenes Paroli zu bieten. Als der junge Verband gerade vor zwei Jahren ins Leben gerufen wurde, da glaubten seine Gegner, ihn durch den höhnischen Namen „Becker-Verband" diffamieren zu können. Mit Recht hob der gewandte Tagungsleiter Heinz O l l e n d o r f hervor, daß der Verband diesen Namen als einen „Ehrentitel" betrachte, und der preußische Kultusminister, dessen heißestes Bemühen der Schaffung einer von wahrem akademischen Gemeinschaftsgefühl und dem Willen zu sachlicher Arbeit getragenen studentischen Selbstverwaltung gilt, braucht sich des Kindes nicht zu schämen, das seinen Namen Zwangsläufig mit auf die Welt bekam. Denn der S t u d e n t e n v e r - band w i l l, das hat seine Tagung bewiesen, die Studentenschaft endlich einmal aus der Parteipolitischer! Arena hinaus 3 n ihrem eigentlichen Aufgabenkreis ans der Hoch s ch u l e zu r ü ck - führen; sein aus der Tagung beschlossenes neues Arbeitsprogramm steht neben einer von politischen Belastungen freien Selbstverwaltung vor allem die Erneuerung der Hochschulen und die allseits so dringend geforderte Studienreform, vor. Nur diese Beschäftigung mit den wirklich brennenden akademischen Problemen kann zu einer Entpolitisierung der Studentenschaft führen, ihre besten Kräfte für erstrebenswerte Ziele einspannen und sie immun machen gegen die Verhetzung und das öde Phrasengedresch völkischer Radaupolitik. Endlich haben auch die Negierende n im Reich und Preußen ihre Pflicht gegenüber der staatsbejahenden Studentenschaft erkannt. Lange genug war sie das Stiefkind der offiziellen Politik. Nicht zuletzt auch die jüngsten Ereignisse haben die maßgebenden Kreise aufgerüttelt, sie wollen nicht länger dulden, daß sich „eine Hochschulopposition bildet und entwickelt, die jede politische Schulung und Einsicht, jeden Willen zu ernster und verantwortlicher Mitarbeit vermissen läßt", wie der Neichsinnenminister S e v e r imr g zur Begrüßung der Tagung ausführte. Severing gab weiter das Versprechen ab: „Die Regierung^ wird Vorsorge treffen, daß diejenigen, die als Akademiker in gehobenen und besonders verarttworLnngsvollcn Stellungen wirken wollen, nicht nur das Zeugnis fachlicher Befähigung erbringen, sondern auch den Nachweis poli- Lifcher Reife und Bereitschaft, im Dienst des republikanischen Staates den Willen des Volkes als oberstes Gesetz zu achten und auszuftthren." Die starke Beteiligung hoher und höchster Beamter, Parlamentarier und erfreulicherweise auch Professoren hat gezeigt, daß der Studentenverband nunmehr im republikanischen Staate „hoffähig" geworden ist; die Einzelheiten der Tagung, die Empfänge beim Kultusminister, beim Reichskanzler usw. sind ja bereits durch die Tagespresse bekannt geworden. Wir haben allen Anlaß, diese Entwicklung zu begrüßen und nach besten Kräften weiter zu fördern. Wenn auch nicht verkannt werden soll, daß, wie jede junge Bewegung, auch diese noch gewisse Schwächen und Mängel ausweist, so hat sie sich doch als so stark und lebensvoll erwiesen, daß die Hoffnung besteht, daß auch diese Schönheitsfehler, vor allem der Machthunger einer besonders starken und aktiven Politischen Gruppe und ihr nicht immer unterdrückter Hang, den anderen Gruppen ihren Willen aufzuzwingen, im Laufe der Zeit beseitigt werden. Die deutsche-jüdischen Studenten aber haben ganz besonders die Pflicht, der jungen Bewegung all ihre Kräfte und ihre freudige Mitarbeit zur Verfügung zu stellen. „Tua res agitur“