Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 3 (17.1.1930)
- Date
- 1930-01-17
- Page
- Seite 25 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2277379-2277676-2277679--05754-2286520- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
<? «rein «nrroi SerUn, 17. Januar 1-3- IX. Jahrgang * Ar. 3 Einzelnummer 20 Pfennig öryanöes tentralVereinsöeutfekex^. ötaotsdüryerlüöifeken ölavvens e.V. Allgemeine Zeifun$ des Dudenfums Blätter für öeutfektum unv Judentum Vierteljahrsabonnewent 2,50 NM. (zuzügl. Bestellgeld). Verlag und Schriftleitung: Berlin SW 68, Lrndenstr. 13. Amt Dönhoff 3594, 3599. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechsel« stube G, Berlin SW 68, Lindenftraße 7, und von Goldschmidt - Rothschild & Co., Berlin W 8. _ . rc „ „ Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Cxpedition Rudolf Mosse, Berlin 8W 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 Mi für die 7gespaltene3erle nach Rudolf Mooses Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 &&., die 62 mm breite Reklamezelle 3,50 ülJ** An die jüdischen Akademiker! ßttt Aufruf von Rechtsanwalt Dr. Rudolf Callmann, Köln, Vorsitzendem des Landesverbandes Rheinland (linksrheinisch) des C. V. Untätigkeit geistiger Menschen ist Schmach und Enttäuschung für eine Gemeinschaft, der ethische und geistige Leistung wesentliche Grundlage ihres Wertbewußtseins ist. Sie ist ein Unglück für jede..Gemeinschaft, da sie Füh- $ .. rerlosigkeit und damit Ziellosigkeit und Auf- Ä lösung bedeutet. Der Kampf der Massen ist im Grunde stets ein Kampf der Geister. In < 7 jeder Bewegung offenbart sich eine Idee. Ueber | Wert oder Unwert von Bewegung und Idee I . wird damit nichts ausgesagt. Die Idee ist; 5 zeugende und treibende Kraft; daß sie das ist, genügt nicht, sie wirkt nur h nur die Energie der Propaganda löst die Tat aus, der die Bewegung schon in ihrem kleinsten Anfang zustrebt. Die Masse, die Gesamtheit der „einfach und natürlich denkenden" Menschen fühlt nicht den Drang, eine Idee zu propagieren, wenn sie nicht selbst durch Ideologien sanatisiert wird. Völker- und Judenhaß wären nicht niii!i!!ii!!iiii!iininiii!i!!!!iniinMiiHi!iiiinniinnH!ii!i!!iiin!ii nun ins innnii nnn! in in | In dieser Nummer finden Sie: | Dr. Otto Gessler: Unseren gefallenen Kameraden. S. 29.—„Apollo Brunnenstrasse.“ S. 29. — Dr. Alfred Hirschberg: Der Weg des deutschen Zionismus. S. 30. niiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiüuiimüiiniüiiiimuiiiiiiiiiiiiimiiiHiiiiHnmiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHi vorhanden, wenn es nur Proletarier gäbe; ihr . -Grundsatz ist: leben und leben lassen. Wo sie l '} ' hassen, wird der Haß gespeist von der unmittelbaren materiellen Not (Klassenhaß). Nur der „Gebildete" haßt aus Ideologie und wirkt . .. auf die einfache Masse in der gleichen Richtung - durch Popularisierung des Geistigen (Dema- - gogie). Die Popularisierung der Idee kann so weit gehen, daß die stimmungschassenden, demagogischen Gründe die wahre Natur der Idee, i den Grund der Bewegung nicht mehr erkennen lassen. So wie die Begründung einer Bewegung. die Schöpfung einer Idee die Wirkung geistiger Kräfte sind, so ist es anderseits eine Aufgabe geistiger Art, den verdunkelten Gehalt einer Bewegung wieder aufzudecken, will man sie in ihrem Wesen und nicht nur in ihren Symptomen bekämpfen. Im Brennpunkt des Einzelproblems müssen die Strahlen aus der Universitas literarum gesammelt werden. Wie die Ergebnisse der Gesamtheit menschp lichen Wissens zur Aufklärung des Einzel- Problems fruchtbar gemacht werden können, zeigt das Schrifttum über das Wesen des Antisemitismus. Die wissenschaftliche Behandlung dieses unseres Lebensproblems im letzten Jahrzehnt ist im wesentlichen dadurch gefördert worden, daß man das Problem nicht nur von dem * vielfach schon beachteten Standpunkt der Religion und der Wirtschaft aus zu sehen versuchte, sondern die Erkenntnisse junger Gebiete wissenschaftlichen Forschens seiner Lösung dienstbar zu machen wußte. (Psychoanalyse, Soziologie — Coudenhove - Kalerghi, Oppenheimer, Bernstein, Zweig, Müller-Claudius u. a. m.) Da der Judenhaß seine Ausdrucksformen in Angriff und Verteidigung wandelt nach dem geistigen Angesicht der Zeit, in der er an uns herantritt, richtet sich _ dieser uralte Fragenkomplex vor jeder Generation unerbittlich auf mit dem Anspruch auf geistige Auseinandersetzung. Bekämpfung des Antisemitismus ist somit in allen Zeiten Kampf gegen seinen geistigen Gehalt. Die Klinge für diesen Kampf zu schmieden, das ist die Ausgabe des geistigen Menschen, sie zu führen erst in Zweiter Linie das mühelosere Ergebnis in der Unproblematik der tatsächlichen Ereignisse. Geistige Betätigung aus Berufung ist in allen wirkenden Schichten einer Gemeinschaft möglich geistige Betätigung zudem aus Beruf ist die Lebensaufgabe des akademisch vorgebildeten Menschen. Diesem ist es vermöge der Gewöhnung seines Verstandes wie auch der Anforderungen seines Berufes mehr als dem vorwiegend praktisch Denkenden gegeben, auch den außerhalb der beruflichen Sphäre liegenden Erscheinungen mit dem Ziele wissenschaftlicher Klärung zu begegnen. Darum überwiegt in den Führerstellen jeder Gemeinschaft das akademische Element. Befähigung erzeugt Neigung; Neigung ist in der Regel der Fälle der Anlaß eines außerbevuslichen, „ehrenamtlichen" Wirkens. In Zeiten der Not jedoch wenn der Anspruch an die Arbeit der Führer das gewöhnliche Ausmaß übersteigt, genügt der Gemeinschaft die Zahl der Kräfte nicht, die Neigung in den Dienst der Allgemeinheit führt. Dann wird die Tatbereitschaft des einzelnen zur sittlichen Verpflichtung und mitbestimmend für die Achtung, die ihm als Mensch, als Charakter von seiner Gruppe entgegengebracht wird. Mitlei d e n ist ohne Bedeutung, wenn es nicht zum Mit wirken wird, Untätig sein verächtlich fast wie völlige seelische Abkehr. Daß auf unsere Gegenwart eine Not lastet, wie sie schon oft in unserer Jahrtausende alten Geschichte unser Schicksal aus ruhiger Entwicklung in die Tiefen von Haß und Verfolgung gestürzt hat, zeigt klar uns Juden der Alltag. Die Not der Gemeinschaft begehrt vom einzelnen Hingabe im Handeln. Jeder KaWaim Kahn WM erschossen Ein Opfer der jubenseindüchen Verhetzung. Aus Alzey kommt die erschütternde Nachricht, daß der Kaufmann Richard Kahn im Alter von 25 Jahren seiner Verletzung, die ihm der Nationalsozialist Rebhahn nach vorausgegangenem Streit beigebracht hat, nach neuntägigem Krankenlager erlegen ist. Wie uns dazu mitgeteilt wird, hat die Auseinandersetzung in einer Wirtschaft ihren Anfang genommen, in der der Nationalsozialist mit judenfeindlichen Angriffen den Verstorbenen provozierte. Nachdem beide das Lokal verlassen hatten, stellte Kahn den Provokateur wegen der judenfeindlichen Angriffe zur Rede, worauf Rebhahn zwei Schreckschüsse abgab. Als Kahn sich daraufhin zur Wehr setzte, siel der tödliche Schuß. Der Nationalsozialist gibt an, von einem Schlage Kahns betäubt gewesen zu sein! der dritte Schuß sei ohne sein Wollen von selbst losgegangen. Die sich mehrenden Nachrichten von tätlichen Zusammenstößen reden eine beredte Sprache für die bedenklichen Folgeerscheinungen der systematischen Volks- Verhetzung. Den Angehörigen gilt unsere wärmste Anteilnahme.