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Central-Verein-Zeitung · 1930-01-10 · 2 (10.1.1930) · p. Seite 19

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
2 (10.1.1930)
Date
1930-01-10
Page
Seite 19 (sequence 7)
Language
German
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„Jud Süss“ Im Akademie-V erlag, Berlin (Abteilung des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie .für die Wissenschaft des Judentums), ist kürzlich eine umfangreiche historische Untersuchung über den aus Geschichte und Literatur bekannten und vielumstrittenen württembergisehen Finanz- Wie der irdische Leib des Jud Süß noch heute in den Gemächern und Gängen seines alten Hauses in der Seestraße zu Stuttgart gespenstisch umgehen soll, geistert die Legende Von seinen Taten unvergessen durch die Jahrhunderte. Jede Generation hat sie von neuem erlebt und sie an Kinder und Enkel weitergegeben. Die Dichtung nahm in Besitz, was die Wissenschaft verstieß. Sie verwandelte lebendige Wirklichkeit in geheimnisvolle Legende. Ihr wurde zu Gleichnis und Symbol, was einmal Geschichte war und Gestalt. Aber die Legende, sonst geneigt, die Erscheinung ihres Helden umzudeuten und zu formen, blieb der einmal geschaffenen Vorstellung treu. Mochte Süß als dämonischer Abenteurer oder als habsüchtiger Spekulant, als nnwiderstehlicher Verführer oder als teuflischer Despot, als grausamer Herr oder als bestechlicher Knecht, als verschwenderischer Kavalier oder als verhaßter Intrigant, als trunkener Zauberer oder als listiger Fälscher die Phantasie der Menschen erregen und betören, immer blieb er der Geist der Verneinung, der leibhaftige Antichrist, das unheilvolle Prinzip. Wenn es uns lockt, zu untersuchen, warum gerade die Person des Jud Süß zum Symbol alles Bösen geworden ist, wenn wir es unternehmen, die Legende zu entzaubern und die verzauberte Gestalt in ihr geschichtliches Urbild zurückzuverwandeln, so reizt uns nicht allein die Fülle und Buntheit eines seltsamen Lebens oder die geistig-höfische Atmosphäre einer uns wieder vertraut gewordenen barocken Kultur. Es .ist auch nicht der Wunsch, den vielgelüsterten Mann als Märtyrer erscheinen zu lasten oder ein Unrecht der Geschichte zu sühnen. Die Probleme liegen tiefer und sind anderer Art. Süß ist der erste und bis auf Lastalle fast der einzige Jude, der bewußt, wenn auch in engem Bereich, in den Gang der deutschen Geschichte eingreist. Ein Jude, der in der Gunst eines Fürsten vom Händler zum Wirtschafts- Politiker und von der Staatswirtschast zum 'Umgestalter der Politischen Struktur des Staates aufsteigt; der frühe Vertreter eines neuen, die ständische Gebundenheit, befehdenden absolutistischen Geistes. Ter außerhalb der Stände, Zünfte, Vereine und Organisationen stehende landfremde Jude, der es wagt, den württembergischen Herzog Karl Alexander in seinem Kampfe gegen Stände, Zünfte, Vereine und Organisationen zu unterstützen, will in seinem Lande zum Zerstörer des mittelalterlich ständischen Patrimonialstaates und zum Schöpfer des modernen absolutistischen und merkantilistischen Fürstenstaates werden. Damit wird das Problem Jud Lüß in weitestem einne zu einem Problem der deutschen Geschichte. Seine Tätigkeit in württembergischen Diensten ist, obwohl er über seinem Werke scheiterte, eng verknüpft mit der Wandlung des württembergischen Staates vorn politisch unentwickelten patrimonialen Staatskörper zu einem modernen staatlichen Rechts- und Wirtschastskörper. Daß dieser Staatsmann Jude ist, macht ihn, nicht nur in äußerlichem Sinne, gleichzeitig 311 einer typischen Erscheinung der gesamtjüdischen Entwicklung. Denn dieser Nachkomme frommer* Frankfurter Ghettojuden, der durch Persönlichen Zauber und außergewöhnliche Intelligenz, durch Reichtum und Macht, durch Zufall und Glück weit über seine Glaubensgenossen hinauswuchs, hat die Angleichung an die Umwelt so vollkommen vollzogen, daß man ihn selbst als eine repräsentative Erscheinung seiner Epoche ansprechen kann. Am Beispiel des Jud Süß, der in seinem Lebensgefühl und seiner Lebenshaltung ganz ein Mensch der Barockzeit ist, läßt sich aus deutschem Von Selma Stern (Heidelberg). minister „Jud Süss“ erschienen. Mit Genehmigung der Verfasserin und des Verlages drucken wir nachstehend die Einleitung zu diesem neuen Werke ab, das wir im übrigen noch eingehend würdigen werden. DieSchriftleitun g. Boden am frühesten das Schicksal des europäischen Juden erkennen: die Synthese zwischen zwei Welten zu vollziehen, ohne daß er sich ausgäbe, hineinzuwachsen in Geist unb Gesellschaft des Volkes, zu dessen Bestandteil ihn der dunkle Weg des Weltgeschehens gemacht hat. Wie diese Gesellschaft ihrerseits ans den Eintritt des Juden in ihre Reihen reagiert, wie sich die Stände. Klassen und Parteien in religiöser, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht verhalten, ist die andere Seite dieser großen geschichtlichen Erscheinung einer Assimilation. Politisch und gesellschaftlich spricht man von einer „Judensrage". Tie geschichtliche Erscheinung ist breiter und tiefer, als es dieses Wort zum Ausdruck bringt; kulturelle und menschliche Motive und Wandlungen stehen am Anfang und bezeichnen das Ende. Die Emanzipation der Juden, dieses europäische Ereignis, das die allgemeine Gesellschaft nicht weniger unberührt ließ als die Juden, kann man von verschiedenen Seiten her zu verstehen suchen. Man kann sie sozialpolitisch und soziologisch vom Standpunkt der Gesellschaft ans betrachten, oder man kann die Eingliederung der Juden in den Staatskörper vom Standpunkt des Staates, aus dem Gesetz der Wandlung der verschiedenen Staatstypen Hexans verfolgen. In beiden Fällen sind die Juden Objekt der Geschichte, Passive Werkzeuge des Staatswillens. Die Biographie des Jud Süß möchte dagegen die Stellung eines Juden, einer schassenden und schöpferischen Persönlichkeit, zu Staat und Umwelt sin den Zusammenhängen und Wandlungen des Staates und der Umwelt darlegen. Sie ist sich dabei bewußt, daß das „Aeußere" nicht nur Rahmen ist, der hier und da störend oder fördernd nach innen wirkt, sondern daß das Problem der Assimilation, d. h. der Allseinandersetzung mit und der Angleichung an Staat und Volk, an Geist und Kultur der Umwelt, zugleich ein innerjüdsiches Problem ist, mag es als solches fortgewirkt haben oder, aus einen einzelnen Fall eingeengt, nur von symptomatischer Bedeutung sein. - Ties ist der Fall dW Joseph Oppenheimer aus Heidelberg. ' (Fortsetzung des Textes S. 20 ) Ernst Freudenheim JÜDISCHE ALTKUNST ANKAUF VERKAUF Berlin W 62 / kurfürstenstr. 99 Telephon: B4 Bavaria 3926 Empfehle in meinen bekannt guten Qualitäten: Hit ä Pf d. M. Sansewnrst.2.20 Bänsetarasi.3,60 ßänsekenJe...2,50 Salami .2.— Kochwurst (grob und fein) 1,60 Snnshfleisdl (knochenfrei) 2,— a Pf(l. 3 Raudihrnst (knochenfrei) r. Zunösn-Schwartemaßen 1,1 Kalbsleöerwurst.1,3 KrakauerWnrstchen, dick U KrakanerWfirstdien,dömii,( Bratwürstchen. 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