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Central-Verein-Zeitung · 1930-01-10 · 2 (10.1.1930) · p. Seite 18

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
2 (10.1.1930)
Date
1930-01-10
Page
Seite 18 (sequence 6)
Language
German
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1* ■n Patriotismus. ' Von Dr. H. .Stern. 44 Nicht mir Bücher, auch Ideen und- Ideale haben ihre Schicksale. Sie machen nicht nur Geschichte, sie werden auch von der Geschichte in ihrem Wert und in ihrer Bedeutung bestimmt. Deutlich zeigt sich dieser Einfluß der Zeitstimmung aus die Geltung des Vaterlandsgesühls gerade in der Gegenwart. Auf eine Zeit patriotischer Hochspannung scheint ein Tief folgen zu wollen. Das Vaterländische steht heutzutage in weiten Schichten aller Völker nicht hoch im Kürse. Als Patriotismus erscheint es erst recht „suspekt"; es hat den Beigeschmack von Militarismus, Monarchismus, Nationalismus. Demgegenüber ist der M e u s ch h e i t s g e d a n k e im Vordringen begriffen; die Volkerversöhnung und Völkerverständigung beschäftigt alle vorwärts gerichteten Köpfe, und da scheint das Nationnlgefühl im Wege zu stehen. Wenn nun die Gegenwart in gewissem Grade eine Verwirrung der Begriffe und Gefühle „Vaterland" und „Welt", „Volk" und „Menschheit" zeigt, so sind dabei auch akute Ursachen im Spiele. Die nationale Idee ist durch ihre Marktschreier materialisiert und entseelt worden. Dazu kommt der Umstand, daß die Begeisterung für das Menschheitsideal plötzlich und unvermittelt auf die fast übermenschliche Anspannung des Vater^landsgefühls im Weltkrieg gefolgt ist. Wir befinden uns also im Zustand einer tiefgehenden seelischen Reaktion. Für weite Kreise der Verächter des vaterländischen Gedankens kommt noch das Ressentiment der unter dem verflossenen Regime von der Teilnahme am nationalen Leben Ausgeschlossenen hinzu. Diese Stimmungen geben aber nicht den. geeigneten Boden für eine freie Stellungnahme, für eine vorurteilslose Wertung in der Auseinandersetzung zwischen Volks- und Menschheitsidee ab. Darum muß es der um Klarheit ringende Zeitgenosse dankbar begrüßen, daß ihm fast zu gleicher Zeit zwei wissenschaftliche Hilfsmittel gereicht werden, die den Versuch machen, das verwickelte Problem nach allen Seiten hin, der sozialpsychologischen, soziologischen und historischen, zu durchleuchten. — Das eine dieser beiden Werke, „N a t i o n a l i s m tt s", von dem amerikanischen Historiker C. I. H ayes (deutsch von. I. F. Friedländer), herausgegeben von unserem jüngst verstorbenen Freunde Julius Goldstern, ist schon zweimal Gegenstand der Besprechung in der „C. V.-Zeitung" gewesen. Das andere Werk, „Patriotismus", dem wir heute unsere Aufmerksamkeit widmen wollen, rührt von dem bekannten Soziologen Robert M i ch e l s, Professor der Nationalökononrie an der Universität Perugia, her. (Erschienen bei Duncker & Humblot, München und Leipzig, 1929.) Das sehr gründliche und mit einer erdrückenden Fülle von Material belegte und beladene Buch holt aus allen Ecken der nationalen Kulturen die Belege für die den Ideen- und Gefühls- ' komplex „Patriotismus" bildenden Elemente hervor, zeigt, wie sich zu den^ Realitäten volklicher Eigenart die Einbildungen volklichen lieberlegenheitsdüntels gesellen, und wie sich so schonfrühzeitig aus dem gesunden Nationalbewußtsein der ungesunde Nationalismus und Chauvinismus entwickelt. Aus allen Brunnen, aus Lied und Dichtung, aus Sitte und Brauch, aus Geschichte und Wirtschaft, aus Kamps und Sieg, rieseln die Wässerlein, die den mächtigen, oft reißenden Strom des Patriotismus bilden, der dann seinerseits wieder, im ewigen Wechsel von Ursache und Wirkung, alle Lebenssphären befruchtet und durchtränkt. Wesentlich für die Erkenntnis des Nationalgesühls sind zwei Grundtatsachen: erstens das Bewußtsein der Sonderart ist allen Völkern eigen, vom grauen Altertum an bis in die hellste Neuzeit; Zweitens die Ueberzeugung von der Einzigartigkeit des Volkstums, die begründet ist im Glauben an die mythische Abstammung oder an die Auserwähltheit im Dienste irgendeiner Mission. Das bedeutet: Mit dem Mythus des Woher verbindet sich — und zwar früh und spät — der Mythus des Wohin, mit dem Grundelement des Nationalbewußtseins — der Eigenart — das Grundelement des Chauvinismus — der Einzigartigkeit, Auserwähltheit, „die Mission. als internationaler Pslichtgedanke". Als die g rohe n M i s s i o n s t r ä g e r der vorchristlichen Zeit müssen Michels naturgemäß die I u d e n und die G x i e eh e rt gelten, jene als die alleinigen Bewahrer der göttlichen Offenbarung,'diese als die Träger der Kultur.' Der Missionsgedanke ist nun in der Neuzeit nicht etwa erstorben. Im Frankreich der großen Revolution erlebte er seine-Wiederauferstehung, und im englischen Volke ist er heute noch lebendig. — Den einzigartigen biologischen Wert einer solchen Idee erweist der Verfasser am I ub enta m : Indem das Pharisäertum in sich die Idee vom auserwählten Volk verkörperte, „hat es das Judentum zwar erstarren gemacht, aber es hat cs zugleich erhalten und aus der ungeheuren ethnischen Brandung jener Tage tn die moderne Zeit hinübergerettet. Das Pharisäertum ist es gewesen, das dem Judentum durch den Gedanken der steten Nähe Gottes den Rettungsanker der Selbstachtung zugeworsen hat" (S. 14). Selbstachtung! Das ist Sinn und Zweck der nationalen und nationalistischen Ideologie, an der ein Volk sich über die gefährliche Zeit der nationalen Konsolidierung hinweghilft. Bemerkenswert in Hinsicht auf antisemitische Gedankengänge ist dann noch das Kapitel über „die Soziologie des Frenrden". Die vielfachen Erscheinungsformen des Fremdseins rufen in der Mentalität des. Einheimischen im großen und ganzen doch eine einheitliche Haltung hervor: „Das Fremde ist der Repräsentant des Unbekannten",' und das Unbekannte — von der Sprache bis zur Barttracht — flößt' Scheu bis zur Antipathie ein. Xenophobie (Fremdenfeindschaft) bedeutet Beztehungsloflgleit zwischen zwei Umwelten. Wenn die Fremdenseindseligkeit abgenommen hat, so darum, weil seit der Mitte des 19. Jahrhunderts der freiwillige Wechsel der Nationalität, b; h. die Auswanderung in fremde Länder, inuner seltener geworden ist — nur nicht bei den Juden. „Durch Gleichheit der Konfession, wehr aber noch Achulichkeit der rafsenmäßigen Voraussetzungen- und der Sinnesart, teils auch durch Heiratsbezi'ehnngen und Han'delsbezieluingen, hat ihre gewaltige Mobilität ihre objektiven internationalen. Grundlagen betbehalten... Die ethnische Wurzellosigkeit in der jedesmaligen Umwelt einerseits und die Anpassungsfähigkeit andererseits bewirken dabei, daß die Ortsverändernng der Juden überaus häufig einen äußerst schnellen Wechsel der nationalen Gesinnung zur Folge hat." (S. 120.) Hier sind Behauptungen ausgestellt, für die keinerlei Beweismatcrial beigebracht ist, und das ist um so auffnttender, als her Verfasser an anderen Stellen gerade durch die Fülle desselben zu wirken sucht und auch wirkt. Wie groß ist die Zahl der „mobilen" Juden im Verhältnis zu derjenigen anderer Gruppen? Woher kommen die mobilen Juden? Gleichmäßig aus allen Ländern oder vorwiegend aus dem Osten, infolge ganz besonderer soziologischer, wirtschaftlicher und politischer Verhältnisse? Wie weit hinab in die jüdischen Massen reichen die internationalen Heirats- und Handelsbeziehungen? Aus diese Fragen findet der Leser keine Antwort. Kehren wir jedoch zum Hauptproblem zurück. Wir suchten und suchen in dem Buche eine Klärung der heutzutage durcheinandergeratenen Begriffs- und Gefühlskomplexe Patriotismus und Chauvinismus, eine Antwort auf die Frage: Ist der Patriotismus im Grunde nicht doch nur eine Verirrung der Volksseele? Ein vor der Vernunft nicht zu rechtfertigendes Ueberbleibsel aus vergangenen Entwicklungsperioden der Menschheit, das zugunsten der Völkerverbrüderung überwunden werden muß und auch überwunden werden kann? Darin decken sich die Ergebnisse der Untersuchungen von Hayes und. Michels, daß die Grundzüge des Patriotismus und des Chauvinismus dieselben sind. Darum ist es so schwer, beide Erscheinungen gegeneinander abzngrenzen, andererseits so leicht, vom einen zunr anderen abzugleiten. Trotzdem wäre es durchaus falsch, Nationalbewußtsein und Nationalismus in einen Topf zu werfen und, nach dem Rezept der Radikalen, das Uebel mit der Wurzel ausrotten zu wollen. Das Nationalgefühl ist viel zu tief in der Volksseele verankert und in allen ihren Aeußerungen viel zu stark ausgeprägt, als daß ein solches Verfahren überhaupt möglich wäre. Es ist auch nicht zu verkennen, daß gerade die Eigenart des Volksgeistes die schönsten Blüten der Kulturen hervortreibt. Darin erweist sich nicht nur die Lebens f ä h i g k e i t, sondern auch die Lebens b e r e ch t i g u n g des gesunden Patriotismus, der ja nichts anderes will, als die Grundlage und Wurzel der nationalen Kultur pflegen und erhalten. Vor einem Angriff aus diese heilig gehaltenen Empfindungen und Ueberzeugungen sollte aber auch die Erfahrung warnen, daß nichts so sehr den leidenschaftlichsten Chauvin ismus zu erzeugen imstande ist wie die Verletzung des natürlichen Nationalgesühls und Patriotismus. Die Wirkungen des Napoleonismus vor hundert Jahren wie der Friedensschlüsse nach dem Weltkriege reden für jeden Unbefangenen eine deutliche Sprache. Darum kann es nicht die Aufgabe des guten Bürgers des 20. Jahrhunderts sein, das Nationalgesühl zugunsten des Menschheitsgedankens zu ersticken. Wie die Menschheit im Laufe ihrer Entwicklung das ursprüngliche Familiengefühl zum Volksgesühl erweitern konnte, ohne daß das erstere Schaden gelitten hätte, so können wir einen sublimierten Patriotismus neben dem Menschheitsgedanlen pflegen. Folgen wir darum dem klugen Rate des Amerikaners Hayes, der gewiß nicht mit den „historischen Krankheiten" des alten Europa behaftet ist: „Wir werden vernünftig und praktisch sein/wenn wir' den Freunden der Nationalität folgen und künftig unseren Internationalismus aus den Bausteinen der'Nationalitäten aufrichten." Der baöische C. V.-Ralen-er. Tie Vereinigung badischer Israeliten (Landesverband des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens) hat ihre Mitglieder auch dieses Jahr wieder mit einem C. V. - Kalender erfreut. Bei der Herstellung des neuen Kalenders wurde nach Möglichkeit den zahlreichen Anregungen entsprochen, die die Mitglieder nach Ausgabe des vorjährigen Kalenders dein Landesverbände gegeben hatten. Der Kalender trägt dieses Mal vornehmen ba-dischen Charakter. Außer dem wichtigen und interessanten Nachschlagematerial enthält er Aussätze ä'us der Feder des Vorsitzenden des Landesverbandes, Tr. Jakob Marx, des Stadtrabbiners Tr. Hugo Schiss in Karlsruhe und des bekannten Darstellers der jüdischen Heimatgeschichte, Hauptlehrers Berthold Rosenthal in Mannheim. Ter Kalender sollte das ganze Jahr überaus dem Schreibtisch unserer badischen - Freunde seinen Platz finden oder ihnen als ständi- . ger Begleiter dienen. Weitere Exemplare können noch von dem Sekretariat des C. V„ Karlsruhe, ..Kriegsstraße 97, oder von der Buchhandlung . Rabinowitz, Karlsruhe, Kriegsstraße 132, zum PMse von 30 Ps. bezogen werden. | nlftürÜ&ie Das Gesuadlieitswasser! FacüingerVersaüdstelle, Berlin, SW 11, Scisöneterger Strasse 16a. Telefon: Liitzow 8280/6L

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