Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 2 (10.1.1930)
- Date
- 1930-01-10
- Page
- Seite 17 (sequence 5)
- Language
- German
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17 Zum Anaer Delegiertentag -er Zionistischen Vereinigung. L. H. Sn der Zionistischen Vereinigung für Deutschland haben in den letzten Monaten, wohl nicht nur aus Anlaß der Ereignisse in Palästina, außerordentlich scharfe, innere Auseinandersetzungen stnttgesunden. Diese waren der Hauptanlaß Zur Einberufung der Delegiertentagung. Das Endergebnis war die Wahl eines neuen geschäftsführenden Ausschusses, in dem die jetzt herrschenden Hauptrichtungen des deutschen Zionismus vertreten sind. Kurt Vlurn e n f e L d wurde — allerdings mit erheblicher Gegnerschaft — wiederum zum Vorsitzenden gewühlt. Eine Resolution zur Zionistischen Außenpolitik wurde angenommen, in der gesagt wird, die Grundlage jeder Zionistischen Politik sei der unzerstörbare Lebenswille des jüdischen Volkes, ihr notwendiges Ziel die Errichtung der nationalen, im Palästina-Mandat anerkannten, öffentlich gesicherten Heimstätte. Der Erfolg der ziorüstischen Politik beruhe entscheidend auf der eigenen Leistung des jüdischen Volkes. Daher biete der Zusammenschluß des Gesamtjudentums in der Jewisli Agency eine bedeutende Chance. Die zionistische "-Bewegung wünsche, mit dem arabischen Volke in Eintracht und in gegenseitiger Achtung zu leben und Zusammen mit ihm die gemeinsame Heimat in ein blühendes Gemeinwesen umZuwandeln, dessen Aufbau allen seinen Bevölkerungsteilen ungestörte nationale Entwicklung sichert. An dieser politischen Resolution ist der Wunsch, mit dem arabischem Volke in Eintracht und in gegenseitger Achtung zu leben, durchaus anzuerkennen. Allerdings muß mau bei der Verfolgung der Verhandlungen sehr oft an das Wort des Reichskanzlers Michaelis denken müssen: „So wie ich sie verstehe". Bedauerlich bleibt, daß w i e d e r u nt seitens des Delegiertentages von einem Zusammenschluß des Gesamtjudentums in der Jewish Agency gesprochen worden ist. Gerade die Ereignisse der letzten Zeit haben es dem erheblichsten Teil der deutschen Judenheit unmöglich gemacht, an einen Anschluß an die Jewish Agency 31t denken, und die fortgesetzte Unterstreichung des sogenannten nationalen Gedankens, ein Begriff, bei dem sich allerdings wohl jeder denkt, was er mag, wird nicht daztr dienen, die Zuneigung für die Agency 31t erhöhen. Das hier bereits besprochene Buch des Grafen Coudenhove-Kalerghi „Das Wesen des Antisemitismus" enthält in seiner netten Einleitung einen Aufsatz des jungen Grafen Coudenhove-Kalerghi, in der der Ittnoe Coüdenhove mit Recht auf die Bedeutsamkeit der übernationalen Verständigung hinweist und erklärt, die Jewish Agency könne nur dann eine Bedetttttng gewinnen, wenn sie der nationalistischen und territorialen Unterstützung widerstehe. Er schreibt über die übernationale Zusammenfassung des Judentums folgende bemerkenswerte Worte: „Diese übernationale Zusammenfassung des Judentums könztte mehr für die Menschheit und mehr für die Inden bedeuten als der territoriale . und nationale Zionismus. Sic kann dem Frieden unb der Verständigung der Völler dielten, sie kamt Mitarbeiten nu der Schaffung eines großen europäischen Vaterlandes, in dem der religiöse Fanatismus abgelöst lvird durch eine tiefe unb innige Religiosität, die zugleich die religiösen Ueberzeugungen aller Mitmenschen achtet; in dem der nationale Chauvinismus abgelöst wird dttrch eine tiefe unb innige Liebe zur eigenen Nation, die ergänzt ward durch Achtung und Ehrfurcht vor jedem fremden Nationalgefühl." Coüdenhove lvendet sich übrigens auch gegen „die Schaffung einer jüdischen Nation mit territorialen Ansprüchen", die nach seiner Ansicht „die Stellung des europäischen Judeuttmts erschwert"^). Manche Reden, die auf dem Delegiertentag gehaltert wurden, deuten aus eine Zustimmung zu btcfen Gedankengängen hin. Aber die Sprecher halten doch vielfach ihre Bedenken int Hintergründe. Leider hat auch W e i z nt a n n in einer in vieler Beziehung durchaus verständigen unb bedeutenden Rede immer wieder die Forderung nach denr nationalen Hei m erhoben, obwohl sehr viel Anlaß dazu gewesen wäre, dieses Wort „national" irgendwie 31t erklären. Auf vieles, was die Bedeutung des Delegiertentages ausmacht, werden wir rtoch zurückkontmen. 1) Coüdenhove schreibt an anderer Stelle: „Diese Einstellung des Zionismus gibt den Anti, semiten eine neue Masse. Sie gibt ihnen die Möglichkeit, die Juden als fremde Nation zu betrachten, nicht als Mitbürger. Sie erleichtert es ihnen, den Juden als Ausländer das einheimische Bürgerrecht zu bestreiten und Ausnahmegesetze gegen sie vorzuschlagen" Emst Wallach über Mea- W und LrntmlvMin. Ernst Wallach, der Stellvertreter des Vorsitzenden des Centralvereins, gab, wie die Jüdische Telegraphenagentur (ITA) aus New Bork meldet, bei seinem letzten Aufenthalt in Amerika dem Vertreter der New Yorker Jüdischen Telegraphenagentur ein Interview, bei dem er u. a. folgendes über ben Antisemitismus in Deutschland und seine Bekämpfung ausführte: „Ich halte es für meine Pflicht, eittmal der amerikanischen Judenheit über die Methoden der, Agitation und über das Anwachsen der antisemitischen Bewegung in Deutschland einen Ueberblick zu geben, zumal d i e F ü h r e r d e s Antisemitis m u s in Deutschland immer das Internationale in det> jüdischen Bewegung betonen und aus verschiedenen internationalen Kongressen Richtlinien für ihre Tätigkeit in der ganzen Welt sestgelegt haben. Der Antisemitismus und der überhitzte Nationalismus sind Auswüchse der Unzufriedettheit: eine Folge der Wirtschaftsdepression der Nachkriegszeit. Solange diese Depression andauert, muß mit diesen Erscheinungen als mit einem wachsenden Faktor im politischen und sozialen Leben Deutschlands gerechnet werden. Wir dürfen die Erfolge der Natioualsozialistischen Arbeiterpartei nicht länger übersehen. 1920 verfügte die Partei Hitlers nur über eine Ortsgruppe von 64 Mitgliedern, 1928 schon bestanden 1200 Ortsgruppen mit mehr als 100 000 Mitgliedern. Bei der Reichstagswahl erhielt die Hitler-Partei fast 800 000 Stimmen, bei den jüngsten Stadtratswahlen in Preußen konnte sie mehr als 500 000 Stimmen auf ihren Listen vereinigen. 1928 hielt die Nationalsozialistische Arbeiterpartei 20 000 Versammlungen ab, in denen 300 Redner auftraten. Allein im Oktober 1929 wurden mehr als 2000 Versammlungen abgehalten. Das Organ dieser Partei, der „Völkische Beobachter", ist über ganz Deutschland verbreitet; die Nationalsozialisten verfügen über fünf weitere Tageszeitungen, sieben Wochenschriften, mehrere andere periodische ^-chrrften und ein illustriertes Blatt. Ihre Bücher und Broschüren wurden in mehr als 400 000 Exemplaren verbreitet. Auch auf die auswärtige Politik versuchen sie Einfluß zu gewinnen; in der Opposition gegen den Uoung-Plan Haben sie unter den Rechtsparteien die Führung inne . . . Daß die Ideen der Völkischen und Nationalsozialisten einen so aufnahmefähigen Boden im deutschen Volke gefunden haben, ist, wie schon angedeutet, auf die schlechte Wirtschaftslage infolge der Nachkriegsdepression und auf die fast untragbare Steuerlast zurückzuführen, die gewisse Teile der Mittelklasse ungewöhnlich hark getroffen hat. Haß und Neid, die aus diesem Boden der Unzufriedenheit gedeihen, suchen nach irgendeiner Entladung. Bei vielen nimmt diese Entladung die Form des Radikalismus und Antisemitismus an." Nachdem Ernst Wallach auf die ausgedehnte Tätigkeit des Centralvereins eingegangen war, schloß er seine Ausführungen ° mit folgendett Worten: „Die Erfolge der Arbeit des Centralvereins zeigen, daß unsere Möglichkeiten in der Zurückdämmung der Flut des Judenhasses noch lange nicht erschöpft sind. Es ist unser sehnlichster Wunsch, unter den Massen der Deutschen jene Ideen von Volk und Staat, von Vaterland und Religion verbreitet zu sehen, die von den größten liberalen Männern und Menschenfreunden aller Nationen zu allen Zeiten gelehrt wurden.'Um so mehr ist es zu bedauern, daß unsere finanziellen Hilfsquellen begrenzt sind. Da bekanntlich der Antisemitismus überall in der Welt sich sein geistiges Rüstzeug aus Deutschland holt, und da die Antisemiten international zusanunengeschlofsen sind, so ist es Pflicht auch der amerikanischen Judenheit, die genau so wie . die deutsche und jede andere durch die Angriffe auf die jüdische Religion, auf die jüdische Moral in ihrer Gesamtheit beleidigt wird, unseren Kampf gegen die Verleumder des Judentums moralisch und tätig zu unterstützen; denn im letzten Grttnde kämpfen wir für die Ehre des gesamten Judentums." Zum 70. Geburtstag Dr. Hermann 5amfons (Hamburg). Mit dem ihn: eigenen gütigen Lächeln und dem lustigen Augenzwinkern lvird unser verehrter Freund Tr. Hermann S a m s 0 n iu Hamburg diese Zeilen lesen. Vielleicht wird er auch ein wenig böse sein, daß wir seiner am 70. Geburtstage gedenken, einer Persönlichkeit, die bescheiden jede Ehrung von sich weist. Wer aber Hermann-Samson kennt, wird gar nicht glauben wollen, dag er am 9. Januar sieben Lebensjahrzehnte beendet hall Seine Frische, seine Elastizität, seine Arbeitskraft find wahrlich weit, weit jünger, und wenn der böse Kalender nicht wäre, könnte man versucht sein, statt der Siebzig höchstens eine Sechzig zu setzen. Wenn wir für mtser verehrtes Hauptvorstandsmitglied einen Herzenswunsch an seinem Ehrentage aussprechen dürfen, so ist es der: Möge unseren Hermamr Samson lange, lange Jahre die gleiche Liebe zu unseren Ideen, der gleiche Erfolg in seiner Berufsarbeit, die gleiche Hochachtung bei Juden und NuÄjuden, die gleiche Gesundheit und dik-wundervollgütige Art, Menschetl und Dinge zu sehen, sowie der feine, stets sprungbereite Humor anszeichnen, wie bisher. A. W.