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Central-Verein-Zeitung · 1930-01-10 · 2 (10.1.1930) · p. Seite 15

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
2 (10.1.1930)
Date
1930-01-10
Page
Seite 15 (sequence 3)
Language
German
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Und wollt Ihr wissen, was sich ziemt... Die nationalsozialistischen „Briefe an die deutsche Frau“. I. Roheit der politischen Kampfesweise bedeutet nicht immer Sicherheit, Sie weist darauf hin, wie schwach die Grundlage einer Politischen Bewegung sein muß. Nur vorübergehend bedeutet sie eine Gefahr, doch kann diese Gefahr aufs schwerste dem Staat und dem Volke schaden. Das in die Gemüter geträufelte Gift erzeugt Haß und Bürgerkriegsstimmung. Für den Ausbau des Gesamtvolkes geschieht nichts- Die Hetzer im Innern hindern den Wiederaufbau. Hitler verkündet: „Zum Freiwerden gehört Stolz, Wille, Trotz, Haß, Haß und nochmals Haß." Und wie dieser Haß immer wieder gesät wird. Zeigen uns die „Briefe an die deutsche Frau", die sich als erste antisemitische Frauenkampfzeitschrift bezeichnen. Sie würde hier nicht Wiederaus ihrem.wohlverdienten Schlummer erweckt werden, wenn nicht der Leitaufsatz des Dezemberheftes 1929, als Sonderdruck erschienen, in größeren Massen im Volke verbreitet würde. In diesen Leitaufsatz, der einen in Magdeburg gehaltenen Vortrag des Reichsredners der NSDAP. Ludwig Franz G e n g - l e r wiedergibt, mit der Ueberschrift „Judeng i e r und deutsche F r a u e n e h r e", muß einmal hineingeleuchtet werden. Man ist an Verleumdungen und Verdrehungen bereits das Schändlichste gewöhnt. Aber was in diesem Aufsatz gelogen und verleumdet wird, übertrifft alles, was wir bisher gewohnt gewesen sind. Welche Niedrigkeit der Gesinnung, welche Gemeinheit muß in Menschenhirnen wohnen, die heute noch dem Volke vormachen, daß das „Alljudentum" sein Programm in den Protokollen der „Weisen von Zion" niedergelegt habe, daß dort als „Forderung der Juden" die „planmäßige Verdirnung" der deutschen Frau verlangt werde, daß es wörtlich im Talmud heiße, Gott habe den Nichtjuden in Menschengestalt Zu keinem anderen Zweck geschaffen, als um Tag und Nacht dem Juden zu dienen und nicht abzulassen von ihrem Dienst. Es sei nicht geziemend für den Juden, daß ihn bediene ein Tier in Tiergestalt, sondern ein Tier in Menschengestalt. Eine Slyülervereinigung — aus dom Zusammenhänge geht hervor, daß eine jüdische gemeint ist — des staatlichen Werner-Siemens-Gymnasiums in Berlin habe u. a. freie Liebe und ungefährlichen Verkehr Zwischen den Geschlechtern verlangt. Weiter wird behauptet, man sehe auf Grund der nationalsozialistischen Volksaufklärung immer mehr ein: die Juden wollten unter unserer weiblichen Jugend vor allem eine sittliche und körperliche Verheerung anrichten, die allein schon hinreicht, unser Volk zugrunde zu richten. Was die nationalsozialistischen Herrschaften erstreben, ist der Bürgerkrieg. Darum enthüllen sie, wenn auch etwas verschleiert, ihre Ziele wie folgt: „Machtergreifung führt bald zu einem Wandel unserer Geschicke, der uns im nationalsozialistischen Freiheitsstaate ein Vaterland schafft, das den Deutschen und sonst niemand auf der Welt gehört. Und darum singen heute Hunderttapsende deutscher Freiheitskämpfer aus allen Ständen und Schichten unseres Volkes, wenn sie in braunen Bataillonen die Straßen Deutschlands vorn marxistischen Pöbelvolk des Juden säubern und die ersten Quadern des kommenden Deutschlands zusammenfügen, siegessicher und Zielbewußt als Boten nahender Freiheit in ihrem Kampflied: Brauset einst der Sturm herbei, Wird von unsern Hieben Deutsches Land auf ewig frei Von den fremden Dieben. Deutsches Mädel, blond und braun. Deine goldenen Locken Soll kein Jude mehr erschau'«, Klingen die Friedensglockent" Sieht die deutsche Oesfentlichkeit noch immer nicht, wie hier zu Bürgerkrieg und Gewalttätigkeiten aufgefordert wird? Traurig genug, daß in Magdeburg eine solche Rede gehalten werden konnte. Die politischen Parteien schweigen zu diesen Dingen und die Masse der jüdischen Bevölkerung steckt den Kopf in den Sand. Ueberall fanatisiert und belügt die nationalsozialistische Agitation insbesondere die Jugend. Eine nie geahnte politische Schamlosigkeit greift um sich. Wo bleiben die Männer und Frauen, die diesen in Deutschland i m m c x m eh r u m sich greifenden Zersetzungsbestre° bungen mit kraftvoller Hand Einhaltgebieten? Wo bleibt die Negierung? Oder besteht die Freiheit und die Demokratie darin, daß man mitden unverschämtesten Verleumdungen unter ständiger Androhung von Gewalt die niedrigsten Triebe der Menschen auf - stachelt, um zu einem Chaos zu gelangen? ri. Dieselbe Ausgabe der „Briefe an die deutsche Frau" — sie ist vor dem Volksentscheid erschienen — bringt einen groß aufgemachten Aufruf mit der Aufforderung, für den Volksentscheid zu stimmen. In dieser Aufforderung wird wörtlich unter Ziffer 10 gesagt: „Das .Berliner Tageblatt' Nr. 117 vom 9.3. 29 schreibt: . . . kann Deutschland die Tributlasten nicht aufbringen (was selbst die heutigen Machthaber zugeben müssen. D. Schr.), dann verlangt die Reparationsbank, daß jährlich Musterungen in Deutschland veranstaltet werden. Zu diesen Musterungen werden .deutsche' (also nicht jüdische. D. Schr.) Jünglinge nnd Mädchen geladen, um auf ihre Exportfähigkeit untersucht zu werden... Durch die Reparationsbank wird nun bestimmt, wieviel deutsche Jünglinge und Mädchen auszuwandern haben ... Die Unternehmungen werden in ausländischer Währung geführt. Aus ihnen wird das herausgeholt, was Deutschland nicht zahlen kann.' Das heißt, aus dem .Jiddischen' ins Deutsche übersetzt: Zwangsexport deutscher Menschen. Daran ist nicht zu zweifeln." Die Regierung hat ja bereits früher scharf gegen das Märchen von den sogenannten Musterungen Stellung genommen. Was aber hier besonders ins Ange fällt, ist die freche Stirn, mit der Fälschungen vorgenommen werden. Die in diesen Dmgen unerfahrene Bürgerin muß glauben, daß das „Berliner Tageblatt" derartiges Zeug wirklich geschrieben habe. An eine schamlose'F ä l sch u n g denkt niemand. Ist das die- Freiheit der Press e: zu lügen, zu schwindeln und das Volk zu vergiften? III. Die Lügenpropaganda der judenfeindlichen Blätter hat — und das ist vielleicht ihre schlimmste Wirkung — große Teile unseres Volkes in einen Zustand der Gleichgültigkeit versetzt. Das letzte. Ziel dieser Leute geht ja dahin, eine moralische Knochenerweichung des deutschen Volkes herbeizuführen. Die Menschen sollen unempfindlich werden. Hitler- Leute trommeln und trommeln. Immer wieder wird das Trommeln gepredigt. Wozu soll es dienen? Zum Putsch, zum Bürgerkrieg und zum Judenpogrom. Trommeln bedeutet immer wieder Lärm, immer wieder Agitation. Neugierige vor! ist der Kampfruf. Sie werden angelockt, sehen aber in den meisten Fällen bald ein, daß sie hinter das Licht geführt worden sind; stumpfen dann ab oder bleiben passiv. Sie ziehen sich von jeder öffentlichen Betätigung Zurück und überlassen damit den Trommlern das Feld. Und unsere jüdischen Freunde? Statt in jedem Falle, in dem der einzelne grundlos angefeindet wird, rücksichtslos Recht zu suchen, schweigen sie mit der an sich richtigen Behauptung, daß diese Leute niemanden beleidigen können; dabei übersehen sie aber, daß die öffentlich ausgesprochene Verleumdung sich wie eine Pest verbreitet und auch von Menschen weitergetragen wird, die an sich ehrlicher undanständiger Gesinnung sind. Denn man kennt den Grad der Verlogenheit dieser Schreiber und dieser Redner nicht. Lerne man doch endlich, daß derjenige in sch nödest er Weise die Sache des Rechtes und des Anstandes verrät, der in solchen Dingen schweigt. Bringen w i r d o ch endlich einmal in unseren eigenen Reihen ein st ä r k e r e s Gefühl für politische Notwendigkeiten auf. HucHvig Holländer. Eltern, Lehrer, Schulbehörden, kämpft gegen die Hakenkreuzpropaganüa. In der letzten Ausgabe der „C. B.-Zeitung" ist mit Recht die Frage der Nationalsozialistischen Schülerbünde angeschnitten worden. Augenblicklich schlägt zugleich mit dem Erstarken der Nationalsozialistischen Partei eine hakenkreuzlerische Welle in u n - sere höheren Schulen hinein, die wir namentlich in Berlin sehr stark zu spüren bekommen. Das Provinzial schrrlkottegium für Berlin nnd die Provinz Brandenburg hat infolgedessen ein Rundschreiben an die ihm unterstellten Anstalten versandt, in dem es Bericht über die Erfahrungen, die mit nationalsozialistischen Schülerbünden, zugleich aber auch mit dem S. S. B. (Sozialistischer Schülerbund), der aber seiner ganzen Richtung nach völlig ins kommunistische Fahrwasser geraten ist, einfordert. Diese Berichte sind 'am 15. Januar fällig, und je nach ihrem Ausfall wird die Behörde sich zu entscheiden haben, ob sie nach dem Ministerialerlaß von 1922 beide Bünde verbietet oder sie tveiierbestehen läßt, aber sorgfältig beobachtet. Unseres Wissens ist übrigens in der letzten Zeit der Nationalsozialistische Schülerbund in K ö l n verboten worden. Die Neigung der Jugend zu Extremen steht ja nach der jugendpsychologischen Forschung durchaus fest. Aber die nationalsozialistische Bewegung wirkt auf diese jungen Leute fanatisierend — säst noch stärker als die kommunistische — durch den Ausruf zur sogenannten „Tatfreudigkeit" oder zum .„Aktivismus". Diese jungen Leute geben sich gar keine Mühe, ja sie find nicht einmal imstande, ein Problem zu erörtern; sie sind dogmatisch an ihre Partei gebunden und treten in den Versammlungen, die sie besuchen, mit einer unerhörten Brutalität aus. Diese Parteibornierthert zeigt, daß die nationalsozialistische Jugend mit irgendeiner „Jugendbewegung" nicht das geringste zu tun hat. Sie hat von vornherein darauf verzichtet, eine eigene Meinung aus sich heraus zu entwickeln, vielmehr wird sie, wie ein Aussatz in der „Jungen Fronk" recht anschaulich berichtet, in die politischen Begriffe „eingeweiht und organisch geschult und vertieft", d. h. sie wird in das Programm der National-

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