Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 2 (10.1.1930)
- Date
- 1930-01-10
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
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14 Die Front scheint immerhin klarer zu werden. Paetel veröffentlichte kürzlich im „Jungen Volk" das Programm der „Sozialrevolutionären Linken der NSDAP.", dessen Urheber man teils in nationalbolschewistischen Kreisen vermutet, teils auch in jenem linken nationalsozialistischen Flügel um Gregor und Otto Straffer. Zwischen der Strasser-Gruppe und den Jünger- und P a e L e l - Kreisen bestehen wiederum nahe Beziehungen, so daß sich allseits der Kreis schließt. Das erwähnte Programm übertrumpft an Radikalismus die Kommunisten beträchtlich! Es war lehrreich festzustellen, wie verschieden wieder einmal der Faschist Goebbels und der „Sozialist" Straffer auf den Jüirgerschen „Tagebuch"-Aufsatz reagierten. Wir zitieren Goebbels' „Angriff": „Ernst Jünger, der einmal gute Kriegsbücher schrieb, ließ sich durch seinen Literatenehrgeiz verleiten, in dem jüdisch-kapitalistischen „Tagebuch" des landesverräterischen Schmierfinken Stephan Großmann einen Artikel über „Nationalismus" zu schreiben und dabei die nationalsozialistische Bewegung anzupöbeln, wohl um sich in seiner neuen koscheren Umgebung beliebt zu machen. Das ist nicht anders, als wenn ein Deutscher etwa in einer französischen Zeitung über rein deutsche Belange schreibt und seine deutschen Volksgenossen dabei beschimpft." In den von Straffer herausgegebenen „National-Sozialistischen Briefen" heißt es: „Einer der führenden Köpfe des Nationalsozialismus, Ernst Jünger, hat den Versuch gemacht, vor einem feindlichen Auditorium um Verständnis für die nationalistische Idee zu werben. Dieser Versuch, den Jünger mit seinem Aufsah „Nationalismus und Nationalismus" im Tagebuch (Heft 38) unternahm, muß als gescheitert betrachtet werden. Mit ddr Gegenseite läßt sich nicht reden (es wäre auch ein Unglück, wenn das ginge). Die Erwiderung des Tagebuch-Schriftleiters Leopold Schwarzschild (Heft 39) beweist dies. Es ist bezeichnend, daß Schwarzschild sofort in der Einleitung das Fell der Kausalitäts- Pauke bearbeitet." usw. Man dürste in diesem Zusammenhänge nochmals besonders auf die „Nationalsozialistischen Briefe" Hinweisen, die im Gegensatz zu der parteiofsiziellen Presse immerhin stark zu den parteifreien radikalen Gruppen hinneigen. Im „Reichsbanner" (Nr. 43) erschien Ende Oktober ein Aussatz „Nationalbolschewismus in Deutschland", in dem der Verfasser u. a. sagt: „Soweit der Nationalbolschewismus eine in sich zusammenhängende Bewegung war und nicht ein gelegentliches Zusammenwirken einzelner Persönlichkeiten oder Gruppen von rechts und links, ist er nach der durch die Beendigung der Inflation vollzogenen Konsolidierung der Republik liquidiert worden. Was also heute noch gelegentlich als ,nationalbolschewistisch' bezeichnet wird, hat rnit den hier geschilderten Vorgängen . . . wenig zu tun." Nach dem uns heute wieder vorliegenden Material und aus einer gründlichen Kenntnis der nationalen Front müssen wir feststellen, daß diese Liquidierung doch keine endgültige gewesen ist. Was man heute wieder propagiert, ist genau dieselbe unklare Ideologie, mit der man seinerzeit nicht ohne Erfolg in den Freikorps usw. Reklame machte (L e t t o w -V o r b e ck in Hamburg, Kapp-Putsch, Küstrin!). Die jungnationa- Lrstischen Kreise, die mit dem Nationalbolschewismus sympathisieren, kommen allerdings vorwiegend aus dem bürgerlichen Lager, und ihre Führer sind meist enttäuschte Intellektuelle; immerhin bemüht man sich eifrig, den Anschlüß en Linkskreise zu finden. Paetel hat zu diesem Zwecke den „A r b e i t sr i n g Jung 6 Fron t" aufgezogen und ruft im -Lungen Volk" (im Gegensatz zu Hans Zehrers Artikel in der „Tat": Achtung, Junge Front draußen bleiben!): Stellung beziehen. Junge Front!, wobei er sich nationalbolschewistischer Thesen bedient. Er hegt wohl die Hoffnung, daß man damit heute bei der Arbeiterschaft eher eine Anschluß- Möglichkeit findet — um dann, wenn genügend Leute von links gekommen sind, wieder den natürlichen Anschluß nach rechts zu suchen! Man tut gut, diese Vorgänge aufmerksam zu verfolgen. Der Nationalsozialismus schasst hier eine Vorhut, die ihn cm Schärfe der Sprache übertrifft und durch die bereitwillige Nebernahme der nationalbolschewrstischen Phraseologie in der Tat starke Arbeitsmöglichkeiten hat. Wie diese Kreise zur NSDAP, stehen, sagt Ernst Jünger im „Widerstand" vom Oktober 1929 u. a. wie folgt: „Me Entschlüsse, die man innerhalb der Nationalsozialistischen Partei saßt, sind keineswegs für die Partei allein von Wichtigkeit. Da sie in dieser Zeit die stärkste und gesürchtetste Waffe des nationalen Willens verkörpert, muß durch ihr Tun und Lassen auch jede Kraft getroffen werden, die diesem Willen in Deutschland zum Durchbruch verhelfen will." Und zum Schluß schreibt er: „Wir haben von Anfang an einen Unterschied zwischen Nationalismus und Nationalsozialismus gemacht, die Ereignisse beweisen, daß diese Unterscheidung notwendig ist. Wir wünschen dem Nationalsozialismus von Herzen den Sieg; wir kennen seine besten Kräfte, deren Begeisterung ihn trägt, und deren Wille zum Opfer über jeden Zweifel erhaben ist. Aber wir wissen auch, daß er einen Sieg nur dann erfechten kann, wenn eine Waffen aus diesem reinsten Metall gechmiedet sind und wenn auf jeden Zusatz aus den brüchigen Resten einer vergangenen Zeit verzichtet wird." Man wird zugeben müssen, daß es in vielen Fällen tatsächlich Idealismus ist, der stch diesem neuen Nationalismus hingibt; um so größer und dringender ist unsere Aufgabe, mit allen Mitteln ausklärend und aktiv vorzugehen. Wenn Jünger vom Nationalisten sagt: „Der Antisemitismus ist für ihn keine Fragestellung wesentlicher Art", so ist das als ein bedeutsamer Fortschritt gegenüber den Radaumethoden der Hitlerianer sicher zu begrüßen; schlimm aber ist es, daß man seinen Antisemitismus scheinbar nur dann zurücksteüt, wenn man aus einen Mann wie Herrn Wolsfheim trifft, der ins gleiche Horn stößt für — ja, wofür mm eigentlich? Wir erinnern daran, daß Laufenberg und Wolfs heim in Hamburg vom November 1918 bis zum Einmarsch L e t t o w - Vorbecks die Macht in Händen hatten, daß es ihnen damals gelungen war, die proletarischen Massen für ihre Ideen zu gewinnen, daß sie ihre Verbindungen über das ganze Reich ausgedehnt hatten. Was war nun diese Idee? Vor dem Proletariat propagierte man die Einrichtung von Räten nach bolschewistischem Muster, vor dem Bürgertum stellte man die Forderung nach Selbstverwaltung auf allen Ausust Förster FLÜGEL und PIANOS Fabrik: Löbaui.Sa. / Filiale: Berlin KurfUrstendamm 22. Fernruf: Bismarck 7826. Führende etiäilät; erste* internationafer jedoch preiswert! KfavierfaßriRation! , Prihoda. Gebieten des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens aus, was natürlich trat Grunde dasselbe war und vor beiden befürwortete man den bewaffneten Schutz der Volksrepublik gegen die imperialistischen Mestmächte. Mit diesen Forderungen knüpfte man, wie man glaubte, an die Reformen der Stein- Hardenberg an. Es geht also nicht an, die ganze natLonalbolschewistische Bewegung als ungenügend fundiert oder als vergangen abzutun; man wird sich vielmehr sehr ernstlich mit ihr auseinandersetzen müssen. Ueberall in den jungnationalistischen Kreisen sind plötzlich wieder jene alten Zeitschriften, Broschüren n n d Flugblätter der Harnburg er K o m - munisten aufgetaucht; und wenn ihre Tendenz auch sicher manchem der Führer jernr Kreise unbequem ist, so tun sie doch ihre Wirkung. Es besteht die Gefahr, daß diese nationale Räteidee heute wieder auf fruchtbaren Boden fällt, heute, wo in den äußersten Lagern eine Jugend auf Einsatz wartet, die erfahrungsgemäß meist der radikalsten Formulierung folgt. Unsere außen- und innerpolitische Zwangslage gibt leider all solchen Bewegungen einen reichen Nährboden, zumal sich eine Aenderung der wirtschaftlichen Verhältnisse in absehbarer Zeit durchaus nicht erwarten läßt. Mit Recht haben deshalb sozialdemokratische und demokratische Zeitungen unter Hinweis auf das erneute Anwachsen des Nationalbolschewismus schon seit einiger Zeit eine Verstärkung der Aktivität der republikan i f chen Gruppen gefordert. Diese erhöhte Aktivität wird um so notwendiger sein, als nach dem verlorenen Volksbegehren die einmal in Marsch gesetzten Kolonnen der Rechten in ihrem Wunsch, weiterzumarschieren, sehr leicht Opfer des Jungen NationaLismus oder gar des Nationalbolschewismus werden können, zumal das Hineingehen der NSDAP, in den Hugenberg-Block viele Nationalsozialisten enttäuscht und radikalifiert hat. Alles scheint so sü r ein noch weiteres Anschwellen der radikalen Welle günstig zu liegen. Angesichts dieser Verhältnisse kann man nicht ernstlich genug darauf Hinweisen, daß die Sicherung des Staatsgefüges mehr erfordert als nur schriftliche Proteste, Kundgebungen und Republikschutzgesetze. Günther Orsoleck. Meinungsfreiheit,mchtSchimpffreiheit! Redakteur Paul Franke, der verantwortliche Leiter des nationalsozialistischen „Hirschberger Beobachters", veröffentlichte m seiner Zeitung vom 1. September einen Artikel, Ln dem er die indischen Brüder Ernst und Fritz G. in Hirschberq in verächtlichster Weise verdächtigte. Aus Strafantraa der beiden Beleidigten wurde Franke vom Amtsgericht Hirschberg zu einer Geldstrafe von 566 Mark bzw. zu sechs Monaten Gefängnis und zum Ersatz sämtlicher Kosten verurteilt. In dem Urteil heißt es: „Doch wirkte erschwerend die Gerneingefährlichkeit seiner Handlungsweise. Es bleibt dem Angeklagten wie iedem deutschen Bürger unbenommen. in unpersönlicher und sachlicher Weise seinen Raffenstandpunkt zu vertreten. Aber die durch die Verfassung gewährleistete Meinungsfreiheit darf nicht dazu mißbraucht werden, um den allgemeinen Frieden unter der Bevölkerung zu stören. Der genannte Artikel enthält nickt nur eine Ansbetzung gegen die Gebrüder G., sondern gegen das gesamte Judentum überhaupt. Derartige Treibereien sind auf das schärfste zu verurteilen, besonders angesichts einer politischen Lage, die die engste Zusammenarbeit zwischen allen Gliedern des deutschen Standeskörpers erfordert. Bezeichnend für den Angeklagten ist, daß er nach feinem ganzen Verhalten in der Harivtverhandlurig offenbar unbelehrbar fein will. Ihm muß daher durch eine exemplarische Strafe die Verwerflichkeit seines Vorgehens vor Augen gefüllt werden." . .* . . v.-,. .